Europa als Provinz: Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung (Originaltitel: Provincialising Europe: postcolonial thought and historical difference) ist eine im Jahr 2000 (Neuausgabe als E-Book 2009, in dt. Übersetzung 2010) erschienene Aufsatzsammlung des indischen Historikers und Mitbegründers der subaltern studies Dipesh Chakrabarty, die als zentrale theoretische Grundlage der postkolonialen Geschichtsschreibung angesehen wird. Darin formuliert Chakrabarty seine Kritik der eurozentristischen Geschichtsschreibung.
Inhalt Am Beispiel der indischen Geschichtsschreibung zeigt Chakrabarty, dass sich die an der Geschichte Europas prototypisch entwickelten Konzepte nicht ohne weiteres auf außereuropäische Kontexte übertragen lassen, sondern an den besagten europäischen Kontext gebunden sind. Die unkritische Übertragung und Verallgemeinerung von zentralen historischen Konzepten wie Moderne, Aufklärung, bürgerliche Gesellschaft und Nationalstaat führen laut Chakrabarty zu einer außereuropäischen Geschichtsschreibung, die sich im Bezug zu besagten Konzepten nur als eine „Geschichtsschreibung des Mangels“ begreifen kann. In diesem Zusammenhang spricht sich der Autor für eine unablässige Dekonstruktion des historischen Vokabulars aus, um eine radikal heterogene Geschichtsschreibung zu ermöglichen. Provinzialisierung ist also für ihn nicht negativ besetzt. Neben der History 1, der globalen, als Fortschritt gedachten Geschichte des Kapitalismus, stellen die Histories 2 regionale Geschichten und diverse Gedächtnisse der fragmentierten Lebenswelten dar. In diesem Kontext interpretiert er die antikolonialen Kämpfe in Bengalen.
Rezeption Dabei bewegt Chakrabarty sich in einem von ihm selbst erkanntenIn der englischen Ausgabe 2000 auf S. 16. „gedanklichen Dilemma, dass man sich einerseits von der Vorstellung Europas als Maßstab geschichtlicher Entwicklung lösen sollte, andererseits dabei auf ‚europäisches Denken‘ nicht verzichtet werden kann“.Thomas Speckmann in einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung, 24. März 2011. Erst das europäische Denken mit seinen emanzipatorischen Ideen stellte das Vokabular zur Kritik europäischer Kolonialherrschaft zur Verfügung. Andreas Eckert kritisiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass Chakrabarty nicht näher auf die etwa von Frederick Cooper formulierten Einwände eingegangen ist, die seinen Gegenentwürfen zum eurozentrischen Blick in der Historiografie entgegengehalten wurden.Andreas Eckert in einer Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 24. Februar 2011. Jürgen Osterhammel findet die These Chakrabartys überzeugend, dass die Spätfolgen des Kolonialismus angesichts der kommenden Klimakatastrophe weniger wichtig werden.Jürgen Osterhammel in einer Rezension in Die Zeit, 22. Dezember 2010. Alle Rezensionen zit. nach perlentaucher.de Alice Bullard merkt an, dass Chakrabarty mit seiner Eurozentrismus-These die umfangreiche historische Forschung in den USA vernachlässige.Alice Bullard: Review, in: Theory and Society. Band 31, Nr. 6, Dezember 2002, S. 777–784, hier: 777.
Textausgabe Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Aus dem Englischen von Robin Cackett, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39262-2.
Einzelnachweise
Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Geschichtswissenschaftliches Werk Kategorie:Europäische Geschichte