mini|Henrietta Lacks (um 1945) Henrietta Lacks (* 1. August 1920 in Roanoke (Virginia); † 4. Oktober 1951 in Baltimore, Maryland), fälschlich auch Henrietta Lakes, Helen Lane oder Helen Larson genannt, war eine US-amerikanische Frau, der eine Gewebeprobe aus einem Zervixkarzinom entnommen wurde, aus der ohne ihr Wissen die erste immortalisierte menschliche Zelllinie kultiviert wurde. Die Zellen, die nach Henrietta Lacks Initialen als HeLa-Zellen benannt wurden, werden bis heute in der medizinischen Forschung eingesetzt.
Leben Kindheit und Familie Henrietta Lacks wurde am 1. August 1920 als neuntes Kind von Eliza (geb. Lacks) (* 12. Juli 1888; † 28. Oktober 1924) und John Randall Pleasant (1881–1969) als Loretta Pleasant in Roanoke (Virginia) geboren.Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks. Goldmann Verlag, München 2013, ISBN 978-3-442-15750-1, S. 35. Es ist unsicher, wann und warum ihr Vorname von Loretta in Henrietta geändert wurde. Der Vater war Eisenbahnbremser, die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Ihre Mutter verstarb bei der Geburt des zehnten Kindes im Oktober 1924, als Henrietta vier Jahre alt war. Henriettas Vater, der mit der Versorgung der Kinder überfordert war, zog mit ihnen nach Clover (Virginia), wo seine Familie eine Tabakplantage bewirtschaftete, und brachte die Kinder bei verschiedenen Verwandten unter. Henrietta wurde zu ihren Großeltern Chloe und Tommy Lacks gegeben, die in einer einfachen Holzhütte lebten, die früher als Sklavenunterkunft gedient hatte.
Die Vorfahren der Familie von Henriettas Vater hatten als Sklaven auf der Tabakplantage der weißen Familie Lacks gearbeitet. Der weiße Urgroßvater von Henrietta, Albert Lacks, hatte mit einer seiner Sklavinnen mehrere Kinder gezeugt. Als Albert Lacks 1889 starb, war die Sklaverei bereits abgeschafft und er vermachte fünf schwarzen Erben, darunter Henriettas Großvater Tommy Lacks, jeweils ein Stück Land.Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks. Goldmann Verlag, München 2013, ISBN 978-3-442-15750-1, S. 176. Obwohl Albert Lacks die Erben nicht offiziell als seine Kinder anerkannt hatte, war im Ort allgemein bekannt, dass es sich dabei um seine Nachkommen handelte, weshalb auch die Erben den Nachnamen Lacks annahmen. Die Ländereien der schwarzen Familie Lacks wurden in der Gegend Lackstown genannt.
Als Henrietta zu ihren Großeltern kam, betreuten diese bereits Henriettas fünf Jahre älteren Cousin David „Day“ Lacks (* 1915; † 2002), den unehelichen Sohn einer ihrer Töchter. Henrietta und David, die ein Zimmer teilten, mussten hart auf der Farm und im Haushalt mitarbeiten. Da er der Familie bei der Feldarbeit helfen musste, verließ David die Schule schon nach dem vierten Schuljahr; Henrietta besuchte die Schule sechs Jahre lang.
1935 brachte die 14-jährige Henrietta Pleasant ihren ersten Sohn Lawrence zur Welt, dessen Vater ihr Cousin David war. 1939 kam als zweites Kind die Tochter Lucille Elsie († 1955) zur Welt. David Lacks und Henrietta Pleasant heirateten zwei Jahre später am 10. April 1941 in Halifax County, Virginia. Kurz nach der Heirat zog David Lacks zunächst allein nach Maryland, um auf der Sparrow Point Schiffswerft zu arbeiten. Sein Cousin Fred Garrett, der die Plantage bereits ein Jahr zuvor verlassen hatte, hatte ihn dazu überredet, weil er meinte, dass es in der Stadt bessere Lebensbedingungen und Verdienstmöglichkeiten gab.
Nachdem David Lacks genug Geld verdient hatte, kaufte er ein Haus in Turner Station, einer Siedlung, in der fast ausschließlich schwarze Arbeiter lebten und die heute ein Stadtteil von Dundalk (Maryland) ist. Henrietta verließ daraufhin ebenfalls die Tabakplantage und zog mit den Kindern zu ihrem Ehemann. In den folgenden Jahren bekam das Ehepaar noch drei weitere Kinder: David Jr. (* 1947), Deborah (* 1949; † 2009) und Joseph (* 1950), der seinen Namen später in Zakariyya Bari Abdul Rahman änderte.
1951 wurde die Tochter Elsie in das Hospital for the Negro Insane of Maryland, eine psychiatrische Klinik gebracht, da den Eltern aufgefallen war, dass sie geistig zurückgeblieben war. Später wurde bei ihr Epilepsie diagnostiziert. Elsie starb dort im Jahr 1955 im Alter von 15 Jahren.
Krebserkrankung und Tod Am 29. Januar 1951 ging Henrietta Lacks in das Johns Hopkins Hospital, weil sie nach der Geburt ihres fünften Kindes Joseph im November 1950 an starken unregelmäßigen Unterleibsblutungen litt. Ihr Hausarzt vermutete zunächst eine Syphilisinfektion. Der von ihm eingeleitete diagnostische Test verlief aber negativ, weshalb er sie zur weiteren Untersuchung an das Johns Hopkins Hospital in Baltimore überwies. Das Johns Hopkins Hospital war in den 1950er-Jahren das einzige Krankenhaus in der weiteren Umgebung, das Afroamerikaner behandelte.Dale Keiger: Immortal Cells, Enduring Issues. In: magazine.jhu.edu, Johns Hopkins Magazine. 2. Juni 2010, abgerufen am 25. Dezember 2014. (englisch) Zusätzlich zu den Blutungen klagte sie über Schmerzen im Unterleib.
Im Johns Hopkins Hospital wurde sie von dem Gynäkologen Howard W. Jones untersucht, der eine 2 bis 3 cm große Geschwulst an ihrem Gebärmutterhals (Zervix) feststellte.B. P. Lucey: Henrietta Lacks, HeLa Cells, and Cell Culture Contamination. In: Arch Pathol Lab Med. Vol. 133, September 2009, S. 1463–1467. Dabei wurde eine auffällige, große Masse am Gebärmutterhals beschrieben. Dies war insofern ungewöhnlich, als Henrietta Lacks nur 4½ Monate zuvor ihren jüngsten Sohn geboren hatte und weder bei den gynäkologischen Untersuchungen im Rahmen der Geburt noch bei der Untersuchung 6 Wochen nach der Geburt Veränderungen an der Zervix bemerkt worden waren.
Jones entnahm Gewebeproben des Tumors, die er pathohistologisch untersuchen ließ. Dabei wurde ein Plattenepithelkarzinom der Zervix diagnostiziert, wobei der Tumor später nachträglich als ein Adenokarzinom identifiziert wurde.Eintrag zu HeLa-Zellen auf der Homepage des DSMZ – Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH. Bereits vor Beginn der Behandlung wurde eine Tumorprobe zu Forschungszwecken an ein Labor weitergeleitet, ohne dass Henrietta Lacks darüber informiert wurde oder eingewilligt hatte.
Die Ärzte behandelten Henrietta Lacks durch eine interne Bestrahlungstherapie, indem sie ihr ein ummanteltes Radium-Implantat applizierten, das einige Tage im Körper verblieb. Nach der Entfernung des Implantats wurde Henrietta Lacks zunächst mit der Anweisung aus dem Krankenhaus entlassen, sich nach ein paar Tagen einer ergänzenden externen Bestrahlungstherapie mit Röntgenstrahlen zu unterziehen, die ambulant im Johns Hopkins Hospital durchgeführt werden sollte. Während einer dieser Bestrahlungssitzungen wurden ihr zwei weitere Gewebeproben aus dem Gebärmutterhals entnommen: eine aus dem gesunden Zervixgewebe und eine aus dem tumorös entarteten Bereich. Diese Proben wurden an George Otto Gey ausgehändigt, der zu der Zeit am Johns Hopkins Hospital daran arbeitete eine potentiell unsterbliche Zelllinie zu erschaffen. Aus diesen Zellen entstand schließlich die potentiell unsterbliche HeLa-Zelllinie.
Am 8. August 1951 stellte sich Henrietta Lacks für eine weitere Bestrahlungssitzung im Johns Hopkins Hospital vor. Sie litt unter starken Schmerzen und ihr gesundheitlicher Zustand hatte sich verschlechtert, so dass die Ärzte entschieden, sie stationär zu behandeln. Sie entwickelte ein akutes Nierenversagen mit Urämie, woran sie trotz Behandlung und einer Bluttransfusion am 4. Oktober 1951 im Alter von 31 Jahren, nur acht Monate nach der Diagnose der Krebserkrankung, verstarb. Sie wurde in einem unmarkierten Grab beigesetzt.
Henrietta Lacks’ Körper wurde obduziert, wobei die Ärzte feststellten, dass der Krebs bereits im gesamten Körper Metastasen gebildet hatte.
Henrietta Lacks wurde in einem Familienbegräbnis auf der Plantage ihrer Familie in Clover begraben. Die genaue Lage des Grabes ist heute unbekannt, da kein Grabstein errichtet wurde.
Etablierung der HeLa-Zellen
mini|HeLa-Zellen mini|HeLa-II Howard W. Jones übergab eine aus Henrietta Lacks’ Tumor entnommene Gewebeprobe seinem Kollegen, dem Krebsforscher George Otto Gey. Dieser versuchte mit seiner Frau Margaret am Johns Hopkins Hospital seit fast 30 Jahren, eine potentiell unsterbliche menschliche Zelllinie zu etablieren.R. Skoolt: In: pittmag.pitt.edu, Pitt Magazin. März 2001, abgerufen am 27. Dezember 2014. (englisch) Bislang hatten Zellbiologen permanente Zelllinien aus tierischem Gewebe etabliert, doch starben alle kultivierten humanen Zelllinien nach 30 bis zu 50 Teilungen ab.
Gey isolierte erstmals aus Tumorgewebe von Henrietta Lacks eine Zelllinie, die sich besonders schnell teilte und selbst nach vielen Teilungen nicht abstarb. Da diese Zelllinie potentiell unsterblich war, vermehrte er sie. Die Zelllinie nannte er zur Anonymisierung nach den Namensinitialen Henrietta Lacks HeLa. Die besondere Bedeutung der HeLa-Zellen lag darin, dass sie sich im Labor weiter vervielfältigten und nicht „alterten“, während die meisten Zellkulturen rasch abstarben. Dadurch konnten Forschungsteams weltweit Experimente mit identischem Zellmaterial wiederholen und vergleichen.
Gey und seine Kollegen am Johns Hopkins Hospital erkannten, dass sich HeLa-Zellen sehr gut zum Testen des 1952 vom Immunologen Jonas Salk entwickelten Impfstoffs gegen Kinderlähmung (Poliomyelitis) eignen. Da man nun HeLa-Zellen in großem Umfang benötigte, gründete die National Foundation for Infantile Paralysis 1952 eine am Tuskegee Institute angesiedelte Abteilung zur Massenproduktion von HeLa-Zellen.R. W. Brown, J. H. Henderson: The mass production and distribution of HeLa cells at Tuskegee Institute, 1953–1955. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences. Band 38, Nr. 4, 1983, S. 415–431. Dieses Institut wie auch George Otto Gey übergaben Laboren und Wissenschaftlern HeLa-Zellen, ohne kommerzielle Interessen zu verfolgen. HeLa-Zellen ermöglichten neben der Polio-Impfstoffentwicklung auch Fortschritte in der HIV-, Krebs- und Unfruchtbarkeitsforschung.
Später war die Firma Microbiological Associates das erste Unternehmen, das HeLa-Zellen kommerziell produzierte und vermarktete.Emma Brown: Monroe M. 'Monty' Vincent, early leader in cell-production industry, dies at 98. In: washingtonpost.com, The Washington Post vom 7. März 2011, abgerufen am 28. Dezember 2014. (englisch)
HeLa-Zellen sind im Labor recht einfach kultivierbar. Mit ihnen erforscht man bis heute vielfältige biologische Fragestellungen. Hierbei wurden wichtige Beiträge zur Erforschung von Krebs, AIDS, den Schäden durch Strahlung und Vergiftungen sowie bei der Genkartierung geleistet. Mit HeLa-Zellen testete man die Empfindlichkeit von Menschen gegen Pflaster, Klebstoff, Kosmetik und viele andere Produkte. Bis zum Jahre 2015 wurden ca. 50 Millionen Tonnen HeLa-Zellen gezüchtet.Lisa Margonelli: Eternal Life. In: The New York Times. 5. Februar 2010, abgerufen am 27. Juni 2015. (englisch) Weltweit sind fast 11.000 Patente registriert, die HeLa-Zellen einbeziehen.