Die Folgen der globalen Erwärmung für die Gesundheit gehören zu den Auswirkungen der Erderwärmung auf den Menschen. Dazu zählen sowohl direkte Gesundheitsfolgen (Erkrankungen und Todesfälle) im Zusammenhang mit Hitze, Überflutungen und Stürmen (durch Hitzestress, Verletzungen, Traumatisierungen etc.) als auch indirekte Gesundheitsfolgen der klimatischen Veränderungen (z. B. durch Ausbreitung von Infektionserkrankungen, Unterernährung). Dabei sind bestimmte Bevölkerungsgruppen (chronisch Kranke, ältere Menschen etc.) besonders gefährdet. Gemäß Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist der Klimawandel die „größte Bedrohung der Gesundheit, vor der die Menschheit steht“.The Health Argument for Climate Action. Internetseite der Weltgesundheitsorganisation. Abgerufen am 11. Oktober 2021.
Die negativen gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels können unter anderem durch Anpassungsmaßnahmen wie eine verbesserte Gesundheitsversorgung, ein besseres Katastrophenmanagement und Armutsbekämpfung reduziert werden, wobei Kosten und Aufwand hierfür beträchtlich sein könnten. Die Folgen einer starken Klimaerwärmung nach dem Jahr 2050 werden entsprechend den Vorhersagen des Weltklimarates IPCC voraussichtlich schwer zu bewältigen sein.
Die Weltgesundheitsorganisation, der Weltärztebund und zahlreiche weitere Fachgesellschaften und Organisationen im Gesundheitsbereich setzen sich daher für die Einhaltung des Übereinkommens von Paris zum Klimaschutz als Gesundheitsprävention ein.
Verschiedene Klimaschutzmaßnahmen (z. B. aktive Mobilität statt Autofahren) haben gleichzeitig positive Auswirkungen auf die Gesundheit (sogenannte „Co-Benefits“).
Forschung und politische Akteure Mit den Folgen der globalen Erwärmung für die Gesundheit beschäftigen sich unter anderem die medizinischen Fachbereiche Tropenmedizin, Epidemiologie und Public Health. In den letzten Jahren haben sich zudem das multidisziplinäre Fachgebiet Global Health, sowie im Kontext der Globalen Erwärmung das Konzept Planetary Health etabliert.
Der Weltklimarat IPCC geht bereits seit dem ersten Sachstandsbericht 1990 auf die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels ein, seit dem zweiten Sachstandsbericht widmete er dem Thema jeweils ein eigenes Kapitel.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht seit 1990 Berichte zum Thema Klimawandel und Gesundheit.
Eine gemeinsame Arbeitsgruppe der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet und des University College London veröffentlichte im Jahr 2009 einen umfassenden Bericht zum Thema Klimawandel und Gesundheit. Ein weiterer Bericht wurde im Jahr 2015 veröffentlicht. In diesen Berichten wurde der Klimawandel als die größte Gefahr für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert bezeichnet. Schreite die anthropogene globale Erwärmung ungebremst voran, würde voraussichtlich die in den letzten 50 Jahren erreichte Verbesserung der öffentlichen Gesundheit wieder untergraben werden. Insofern seien umfassende Klimaschutzmaßnahmen die „größte Chance für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert“.
Aus dieser Arbeitsgruppe ging der weltweite Verbund Lancet Countdown: Tracking progress on health and climate change hervor, der seit 2016 jährlich den wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Thema, sowie die Fortschritte in Klimaschutz und -anpassung (im Sinne des Gesundheitsschutzes) zusammenfasst.
International setzen sich zudem verschiedene Nichtregierungsorganisationen wie die Global Climate and Health Alliance und die Planetary Health Alliance, sowie in Deutschland die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit, für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen als Gesundheitsschutz ein.
Im Jahr 2019 wurde in Deutschland die erste Professur Klimawandel und Gesundheit (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Charité) geschaffen.
Einflusswege des Klimawandels auf die Gesundheit Der Weltklimarat beschreibt in seinem fünften Sachstandsbericht drei Wege, auf denen der Klimawandel sich auf die Gesundheit auswirken kann:
Direkte Auswirkungen, vorwiegend beeinflusst durch die Veränderungen in der Häufigkeit extremer Wetterereignisse wie Hitze, Dürre und Extremniederschläge. Auswirkungen, die durch natürliche Systeme mediiert bzw. vermittelt sind, wie z. B. Insekten als Krankheitsüberträger, wasserbürtige Krankheiten, Allergene, Wasser- oder Luftverschmutzung. Auswirkungen, die stark durch menschliche Systeme vermittelt sind, z. B. gesundheitliche Folgen im Zusammenhang mit Erwerbstätigkeit, Unterernährung (Nahrungsmittelproduktion/-verteilung), psychischer Stress.
Besonders gefährdete Gruppen Generell kann davon ausgegangen werden, dass der Klimawandel bereits bestehende Muster von Erkrankungen verstärkt, in dem er sich auf die zugrunde liegenden Vulnerabilitäten auswirkt, welche bereits ohne den Einfluss des Klimawandels zu Erkrankungen führen.
Zu den Ursachen einer vermehrten Vulnerabilität für Erkrankungen oder Verletzungen gehören geographische Gründe bisheriger Gesundheitsstatus Alter Geschlecht sozioökonomischer Status die öffentliche Gesundheitsversorgung oder Infrastruktur.
Direkte Auswirkungen von Klima und Wetter auf die Gesundheit Obwohl eine breite Evidenz zu den Auswirkungen von Wetter und Klima auf die Gesundheit vorliegt, gibt es nur wenige Studien zu den Auswirkungen der globalen Erwärmung auf die Gesundheit. Dies liegt daran, dass das der Klimawandel als Veränderung über Jahrzehnte definiert ist. Gute Studien benötigen daher sehr lange Beobachtungszeiträume, Informationen über weitere mögliche Einflussfaktoren, sowie geeignete statistische Methoden. Zudem sind Gesundheitsbehörden angehalten, bei Bekanntwerden von Risiken sofort Maßnahmen zu ergreifen, welche wiederum die Ergebnisse von Langzeitstudien beeinflussen können. Trotz dieser Schwierigkeiten können in verschiedenen Fällen Schlussfolgerungen bezüglich Ursache und Wirkung gezogen werden.
Hitze Es gibt einen sehr stabilen Zusammenhang zwischen heißen Tagen und dem Anstieg der Sterblichkeit. Gleichzeitig ist es nach Ergebnissen des IPCC sehr wahrscheinlich, dass infolge des Klimawandels global die Anzahl heißer Tage und Nächte stieg und die Anzahl kalter Tage und Nächte sank. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Anzahl hitzebedingter Todesfälle infolge des anthropogenen Klimawandels angestiegen ist.
Bei einem Anstieg der Körpertemperatur über 38 °C („Hitzeerschöpfung“) kommt es zu einer Einschränkung körperlicher und psychischer Funktionen, bei über 40,6 °C („Hitzeschlag“) zum Risiko eines Organschadens, Bewusstseinsverlust und Tod.
Ohnehin vulnerable Personengruppen, etwa Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen, Diabetes, chronischen Lungenerkrankungen, und ältere Menschen über 65 Jahre sind durch hohe Temperaturen besonders gefährdet.
Die sommerliche Hitzebelastung in dichtbesiedelten urbanen Gegenden stieg (2017 im Vergleich zur Referenzperiode 1986–2007) mehr als doppelt so stark wie die globale Durchschnittstemperatur. Somit sind die Bevölkerungen in Europa und dem östlichen Mittelmeerraum aufgrund der hohen Anzahl älterer Menschen (42 % bzw. 43 % älter als 65 Jahre alt), die in Städten wohnen, besonders gefährdet.
Die Sterblichkeit während einer Hitzewelle ist bei Menschen mit vorbestehenden psychischen Erkrankungen einer Metaanalyse zufolge um das Dreifache erhöht.
Besonders betroffen sind Menschen, die im globalen Süden trotz zunehmender Hitze im Freien arbeiten.
Überschreiten der Kühlgrenztemperatur mini|Digital-elektronisches Messgerät der U.S. Air Force zur Ermittlung des WBGT-Indexes In der Human-Biometeorologie wird die Kühlgrenztemperatur angewandt, um Hitzestress anzuzeigen: Sie wird entweder direkt benutzt oder fließt in die Berechnung von Indizes ein, welche die gefühlte Temperatur und thermischen Stress quantifizieren, z. B. in den „WBGT-Index“ (wet bulb globe temperature–, „Feuchtkugel-Global-Temperatur–Index“) unter Berücksichtigung der herrschenden Werte von Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Windgeschwindigkeit, was z. B. eine Rolle spielt bei der Ausrufung einer 2014 vom Weltfußballverband FIFA eingeführten Abkühlpause bei Fußballspielen zum Schutz vor einem Hitzeschaden.
Die menschengemachte globale Erwärmung führt auch zu steigenden Feuchtkugeltemperaturen, sodass in einigen Teilen der Erde die Überlebensfähigkeit von Menschen nicht mehr gegeben ist. Nach einer Prognose von Im et al. aus dem Jahr 2016 könnten solche Bedingungen in Teilen Südasiens gegen Ende des 21. Jahrhunderts erreicht werden, in der indischen Metropolregion um Kalkutta wird die Kühlgrenztemperatur bereits heute „nahezu jährlich übertroffen“ (Stand: 2022).
Die höchsten Werte der Kühlgrenztemperatur werden in der Golfregion gemessen; dort hat sich die Kühlgrenztemperatur 2015 dem Wert von 35 Grad Celsius genähert.Otto Wöhrbach: Die Klimaanlage des Menschen stößt an ihr Limit. Schwitzen kühlt – doch nicht immer und überall. Im Klimawandel droht immer mehr Regionen der Erde der Hitzetod. (Onlinefassung unter anderem Titel) In: Der Tagesspiegel, 27. August 2019, S. 19. Eine Kühlgrenztemperatur von 35 °C wird beispielsweise bei einer relativen Luftfeuchte von 50 % und gleichzeitiger Lufttemperatur von 46 °C erreicht.
Überflutungen und Stürme Fünfzehn Prozent aller Todesfälle bei Naturkatastrophen sind auf Überflutungen zurückzuführen. Neben den unmittelbaren Folgen von Überflutungen wie Tod und Verletzungen, gehören zu den längerfristigen Folgen z. B. die Ausbreitung von Infektionserkrankungen oder das Auftreten psychischer Erkrankungen (z. B. Posttraumatischen Belastungsstörung), verstärkt durch die Zerstörung von Infrastruktur, Wohnraum und Lebensgrundlagen.
Ultraviolette Strahlung Die umgebende UV-Strahlung und die sommerlichen Höchsttemperaturen sind assoziiert mit der Prävalenz von Hautkrebs und Grauem Star. Gleichzeitig hat Sonnenlicht positiven Einfluss auf die Vitamin-D-Synthese.
Einfluss der globalen Erwärmung auf die UV-Strahlungsbelastung
Bewölkung Weniger Bewölkung bedeutet längere Sonnenscheindauer. Von 1951 bis 2018 hat sich die jährliche Sonnenscheindauer um 96 Stunden erhöht.
Treibhausgase Aufgrund des weltweiten Verbots von FCKW ist eine Erholung der Ozonschicht in der Atmosphäre festzustellen. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte deshalb die UV-Strahlungsintensität zurückgehen. Die Regeneration wird durch Treibhausgase jedoch verlangsamt.
Aerosole Durch die Bemühungen zur Reinhaltung der Luft sinkt deren Gehalt an Aerosolen (Feinstaub). Die Verringerung des Aerosolgehalts der Luft führt zu einem Anstieg der UV-Strahlungsbelastung.
Albedo Schnee und Eis besitzen ein hohes Rückstrahlvermögen (Albedo). In ihrer Umgebung ist die UV-Strahlungsbelastung erhöht. Gehen Schnee- und Eisflächen durch die Klimaerwärmung zurück, sinkt dort die Belastung durch UV-Strahlung.
Zum Schutz der Menschen vor unfreiwilliger UV-Strahlungsbelastung im öffentlichen Raum sollte die Albedo der Oberflächen von Bauteilen gering gehalten, bei städtebaulichen Projekten die Verschattung mit geplant werden. Die ideale Verschattung erfolgt durch Bepflanzung. Die Verdunstungsleistung der Pflanzen mindert gleichzeitig auch die Umgebungstemperatur.
Indirekte Auswirkungen, vermittelt über natürliche Systeme Über Vektoren verbreitete Erkrankungen Die Temperatur beeinflusst das Ausmaß der Übertragung von durch Vektoren verbreiteten Infektionserkrankungen; relevante Vektoren sind vor allem Insekten (z. B. Mücken) und Spinnentieren (Zecken). Dabei wirken sich Temperaturen einerseits auf das Populationswachstum der Krankheitsüberträger aus, andererseits auf die Entwicklung der Krankheitserreger innerhalb der Krankheitsüberträger.
Malaria