mini|Köln, St. Gereon, Ostseite mini|Flugbild der Kirche von Norden
St. Gereon ist eine von zwölf großen romanischen Kirchen in Köln. Sie liegt im Stadtteil Altstadt-Nord. Im Kern von St. Gereon haben sich erhebliche Reste eines ovalen Zentralbaus mit neun Konchen aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts erhalten. Dieser, der untere Teil des heutigen Dekagons, ist eines der bedeutendsten Zeugnisse antiker Repräsentationsarchitektur nördlich der Alpen und neben dem noch etwas älteren Trierer Dom (Kernbau um 340) und der seit 1856 als Kirche genutzten Trierer Konstantinbasilika (um 311) einer der ältesten noch bestehenden Sakralbauten in Deutschland. Er wird erstmals in einem Gedicht des Venantius Fortunatus (carmina 3,14, zwischen 565 und 573) erwähnt, das Baumaßnahmen des Bischofs Carentinus beschreibt,Gegen ältere Deutungsversuche, die den Einbau einer Empore annahmen, Gereon Becht-Jördens (s. Literatur), der Hinweise auf ein Deckenmosaik erkennt. und ein weiteres Mal um 590 bei Gregor von Tours im Librum miraculorum, 1,61. Um 1220 wurde der frühchristliche Ovalbau zu einem Zehneck (Dekagon) umgestaltet, erhöht und mit einer Kuppel überwölbt. Dieser stauferzeitliche Bau ist der größte erhaltene frei überwölbte Zentralbau des Mittelalters nördlich der Alpen.
Geschichte Spätantike mini|Überformter spätantiker Zentralbau, teilweise noch bis auf 16,50 m Höhe erhalten.
Nordwestlich vor der Stadtmauer der römischen Colonia Agrippina entstand im 4. Jahrhundert auf dem ältesten Gräberfeld der Stadt über einem rechteckigen Grabbau ein gewaltiger spätantiker Zentralbau, dessen ursprüngliche Funktion bis heute nicht eindeutig eingeordnet werden konnte (Mausoleum, Memorialbau, römischer Tempel, Kirche). Das Gebäude lag leicht erhöht an einer Wegkreuzung. Die ungenaue Datierung beruht unter anderem auf dem Fund eines fragmentierten Isis-Weihesteins und einer Münze aus der Zeit um 347/48. Für die Stiftung wird jemand vom des kaiserlichen Hofes oder ihm nahestehend angenommen (Trier war bis Ende des 4. Jahrhunderts mehrmals Kaiserresidenz), Julian zog durchs Rheinland und zur Erneuerung der Kölner St.-Ursula-Kirche kam der vornehme Clematius angeblich aus dem Osten angereist, auch ein Comes namens Arbogast setzte einen Kölner Bau instand. Wenig wahrscheinlich ist, dass sich am unsicheren Rand des Reichs jemand (mit solchen Mitteln) hätte begraben lassen.Schäfke, Kölns romanische Kirchen, 1984, S. 100 f.
Die Besonderheit des Baus beruht auf der Konstruktion des Ovals, das sich aus einzelnen Kreisabschnitten zusammensetzt, die von vier, kreuzförmig um die Mitte des Raumes verteilten Mittelpunkten aus konstruiert worden sind. Damit ist dem Baumeister eine Variante gelungen, die zwischen dem Longitudinalbau und dem Zentralbau vermittelt, was als genialer Vorgriff auf die Perfektionierung in der barocken Architektur gewertet werden kann.Werner Schäfke: St. Gereon in Köln (= Rheinische Kunststätten. Heft 300). Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 1984, S. 6. Der überkuppelte Ovalbau war nördlich und südlich von je vier durchfensterten Konchen umgeben und hatte im Osten eine halbrunde Apsis. Zwischen den hufeisenförmigen Konchen und möglicherweise auch in der darüber liegenden, doppelschaligen und durchfensterten Zone des Tambours befand sich eine reiche Säulengliederung. Der Durchmesser der spätantiken ovalen Kuppel betrug 23,70 m zu 19,80 m.Jürgen J. Rasch: Die Kuppel in der römischen Architektur. Entwicklung, Formgebung, Konstruktion. In: Architectura. Bd. 15 (1985), S. 117–139 (126).
mini|links|Der Tempel der Minerva Medica in Rom in einer Zeichnung Jacques Franckaerts (um 1585–1601), Rijksmuseum Amsterdam. Westlich war eine querrechteckige zweigeschossige Vorhalle (Narthex) vorgelagert, nördlich und südlich von kleinen Apsiden flankiert. Über eine Treppe hinab schloss sich ein großes längsrechteckiges Atrium mit umlaufendem Portikus an. Forschungen von Gertie Gretz und Otto Koch hatten bereits 1939 den spätantiken Ursprung des Bauwerks nachgewiesen, was nach den Kriegszerstörungen durch Studien von Armin von Gerkan und Otmar Schwab (1965–2002) sowie Johannes G. Deckers und Ute VerstegenUte Verstegen: St. Gereon in Köln in römischer und frühmittelalterlicher Zeit. Köln 2003, S. 90ff. 415f. vertieft wurde. Im Grundriss und im Erdgeschoss ist der Bau mit dem sogenannten Tempel der Minerva Medica vergleichbar, einem um 320 entstandenen zehneckigen überkuppelten Zentralbau in Rom, der als Nymphäum diente.Michael Stettler: St. Gereon in Köln und der sogenannte Tempel der Minerva Medica in Rom. In: Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums. Bd. 4. Mainz 1957, S. 123ff. Das System eines Nischenkranzes in den Außenmauern antiker Bauten ist in Rom außer beim Pantheon (um 125) bei weiteren etwa zeitgleich mit dem Kölner Bau zu Beginn bis Mitte des vierten Jahrhunderts entstandenen Zentralbauten zu beobachten: dem Mausoleum Tor de’ Schiavi an der Via Praenestina (um 315), dem Helenamausoleum (um 326) und dem Mausoleum Santa Costanza (um 350) sowie in Split bei dem Mausoleum im Diokletianspalast (Anfang 4. Jh.). Nischenkonstruktionen gab es aber auch bei römischen Saalbauten, wie z. B. Santi Quirico e Giulitta (4. Jh.) und Santa Balbina all’Aventino (nach 350).Hans Georg Wehrens: Rom – Die christlichen Sakralbauten vom 4. bis zum 9. Jahrhundert – Ein Vademecum. Herder, Freiburg 2016, S. 313, 77, 74, 90, 30, 305, 265.
Das Gewölbe über dem Ovalbau lastete auf dem Mauerwerk zwischen den Konchen und der Apsis. Um das Gewicht des Gewölbes zu reduzieren und um den Abbindungsprozess in der Betonmasse (opus caementicium) zu beschleunigen, hatte man leere Amphoren aus Ton eingebaut, eine bei römischen Kuppelbauten des 4. Jahrhunderts angewandte Technik (vergleiche: Kuppelkonstruktion beim Helenamausoleum in Rom).Hugo Brandenburg: Die frühchristlichen Kirchen in Rom vom 4. bis zum 7. Jahrhundert. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, S. 56. Es ist anzunehmen, dass hier, in Ermangelung von Puzzolan, rheinischer Trass verwendet wurde.
mini|links|Spätantike Konchenkalotte und vermauerte Fenster auf der Südseite des Dekagon, einst mit Mosaik belegt mini|links|Letzter sichtbarer, in situ erhaltener Rest des zum spätantiken Zentralbau gehörenden Fußbodenmosaiks
Der spätantike Bau war reich ausgestattet. Die Wandverkleidung mit Marmorplatten und Mosaiken mit Goldgrund, das goldene Kuppelmosaik und der mit Mosaiken ausgelegte Fußboden müssen einen prächtigen Anblick geboten haben, neben den kaiserlichen Bauten in Trier wahrscheinlich einmalig nördlich der Alpen. Ein freigelegtes ornamentales Fragment des Bodenmosaiks blieb in der ersten Konche der Südseite erhalten. In den südlichen Konchen sind auch heute noch die – jeweils drei – vermauerten Rundbogenfenster und die (ursprünglich mit Mosaiken verkleidete) Ziegelplattenwölbung der Konchen des Gründungsbaus aus dem 4. Jahrhundert zu sehen. Das Fragment einer Granitsäule links des Eingangs könnte zu den tragenden Säulen des Gründungsbaus gehört haben, die an der Pfeilerstirn der Konchen aufgestellt waren. Die Inschrift darüber verweist auf die mit dieser „Blutsäule“ verbundene Legende um den heiligen Gereon und die Thebaische Legion. Über den Verbleib der zahlreichen übrigen Säulen des 4. Jahrhunderts ist nichts bekannt, wobei angenommen wird, dass in karolingischer Zeit Säulen nach Aachen für den Bau der Pfalzkapelle geschafft wurden.
Der Zentralbau muss, nach den Bodenfunden zu urteilen, in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts, wahrscheinlich zwischen 350 und 365, entstanden sein. Wer den Bau errichten ließ und welchem Zweck er diente, ist nicht bekannt. Da er in einem Gräberfeld entstand, handelte es sich vermutlich um ein Mausoleum, das als Begräbnisstätte für Angehörige der fränkischen Königsfamilie oder dem kaiserlichen Hof nahestehende Persönlichkeiten dienen sollte. Die Sarkophage der Verstorbenen waren wahrscheinlich in den Konchen aufgestellt.Saskia Steil: Köln St. Gereon. Passau 2018, S. 2ff.
Christliche Gemeinden gab es in Köln ab Beginn des 4. Jahrhunderts. Der erste Bischof von Köln (Civitas Agrippinensium) war der um 328 verstorbene Maternus (davor dritter Bischof von Trier). Es wird angenommen, dass der Ovalbau des Mausoleums im 5. oder 6. Jahrhundert in eine Kirche umgewidmet wurde, denn um 590 erwähnt Bischof Gregor von Tours die Kirche ad Sanctos Aureos („zu den Goldenen Heiligen“) und die mutmaßlich dort bestatteten thebäischen Märtyrer. In der Merowingerzeit (5. Jahrhundert bis 751) war St. Gereon die bedeutendste fränkische Königskirche des östlichen Reichsteils. Im Jahr 612 nahm der Merowingerkönig Theuderich II. in der Kirche die Huldigung der Franken entgegen.
Neuere Forschungen haben ergeben, dass sowohl das spätantike Gebäude als auch bedeutende Teile der qualitätvollen Innenausstattung bis ins 13. Jahrhundert erhalten geblieben sind. Bei dem Umbau im 13. Jahrhundert wurde der spätantike Ovalbau von stützendem Mauerwerk in Form eines Zehnecks ummantelt, so dass heute noch bis zu 16,50 Meter Mauerhöhe des ovalen Gründungsbaus erhalten geblieben sind. Dies ist vor allem auf der Nordseite des Dekagons gut zu sehen.
mini|hochkant=1.5|Köln, St. Gereon, Grundriss
Mittelalter Das Patrozinium Sankt GereonLexikon für Theologie und Kirche (LThK). Herder, Freiburg 2006, Bd. 4, Sp. 507f. ist seit der Zeit um 800 nachweisbar, wann es geschaffen wurde, bleibt aber unbekannt. Seit 839 ist St. Gereon als Stiftskirche bezeugt. Gründer des Chorherrenstiftes war Kölns erster Erzbischof Hildebold (ca. 787–818). Zu der Bruderschaft gehörten nur Hochadlige. Seit 866 galt die Stiftskirche St. Gereon als ranghöchste Kirche der Kölner Diözese nach dem (alten) Kölner Dom. Das Stift hatte nach dem Dom den größten Grundbesitz, der auch Weingärten umfasste. Wohlstand und Bedeutung des Stiftes zeigt sich heute noch in zwei erhaltenen Evangeliaren und dem Sakramentar von St. Gereon, das um das Jahr 1000 entstand und sich heute in der Pariser Nationalbibliothek befindet (Signatur latinus 817).
Erzbischof Hildebold, der 818 in St. Gereon bestattet wurde, hatte an Stelle der halbrunden Ostapsis des Ovalbaus einen rechteckigen Chor und eine Außenkrypta errichten lassen. Die Arkaden um das westliche Atrium wurden geschlossen und als Stiftsgebäude genutzt. In den Jahren 1060 bis 1062 wurde unter Erzbischof Anno II. für die adligen Kanoniker des Stifts, ein neuer langgestreckter Chorraum angebaut und darunter eine Krypta eingerichtet. Der Chor erhielt Wandmalereien und einen Mosaikfußboden. Seit 1121 werden in der sogenannten Confessio unter dem Altar im Choraufgang die Reliquien des hl. Gereon bewahrt. 1190 wurden die Gebeine aus den Nischen des Ovalbaus als vermeintliche Reliquien der thebäischen Märtyrer ebenso in die Confessio überführt.
1151 bis 1156 ließ Erzbischof Arnold von Wied die Chorpartie nach Osten durch ein von zwei Türmen flankiertes Chorquadrat mit halbrunder Apsis unter gleichzeitiger Verlängerung der Krypta darunter erweitern. Der Tambour und die Nischen der Vorhalle wurden ausgemalt.
Der Bau eines Kreuzgangs im Osten der Kirche und anschließender Konventsgebäude erfolgte ebenfalls in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts.Günther Binding: Der Kreuzgang mit den Stiftsgebäuden von St. Gereon in Köln. In: Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanischer Kirchen Köln e. V. 4 (1989), S. 54–57, hier S. 56. Erst in dieser Zeit wurden Kirche und Stift in den Stadtraum innerhalb der Mauern eingegliedert.