Olivier Jean Marie Fernand Gendebien (* 12. Januar 1924 in Brüssel; † 2. Oktober 1998 in Tarascon, Frankreich) war ein belgischer Automobilrennfahrer, der Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre das 24-Stunden-Rennen von Le Mans viermal gewinnen konnte und als einer der besten Sportwagenrennfahrer jener Ära gilt.

Karriere Fallschirmspringer und Söldner Sowohl seine Herkunft als auch sein Weg zum Motorsport waren ungewöhnlich. In der Fachpresse wurde oft darüber spekuliert, dass er adeliger Herkunft sei, ohne jedoch direkte Belege dafür zu finden. Fest steht allerdings, dass der aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Gendebien während des Zweiten Weltkrieges für die Résistance als Fallschirmspringer tätig war.

Selbst nach Kriegsende nicht zur Ruhe gekommen, verpflichtete er sich als Zeitsoldat für vier Jahre in Belgisch-Kongo, und wurde auf nicht überlieferte Art in der Umgebung von Stanleyville eingesetzt. Dort traf er den Rallye-Fahrer Charles Fraikin, der ihm den Weg zum Rennsport aufzeigte. Fraikin war angeblich von den Orientierungsfähigkeiten Gendebiens und dessen Fahrzeugbeherrschung beeindruckt. Nebenbei beklagte er, dass er zuhause in Europa keinen geeigneten Copiloten zur Verfügung habe.

Der Rallye-Copilot Nachdem beide nach Belgien zurückgereist waren, startete Gendebien auf einem Veritas beim Grand Prix des Frontières bei Chimay, wo er als Sechstplatzierter ins Ziel kam. Daraufhin schloss er sich Fraikin an, um gelegentlich mit einem Jaguar an Rallye-Veranstaltungen teilzunehmen.

Ihre Zusammenarbeit dauerte bis 1955 an. Aber bis dahin hatte sich Gendebien schon als eigenständiger und konkurrenzfähiger Fahrer etabliert. Als sie sich trennten, hatten sie bereits den Spitznamen „Die ewigen Brautjungfern“, da sie bei vielen Rennen stets den zweiten Platz, aber eben nicht den Sieg errangen. Zweimal hatten sie auf diese Weise die Lüttich-Rom-Lüttich Rallye abgeschlossen, doch 1955 waren sie mit einem Mercedes-Benz 300 SL endlich erfolgreich.

Start der eigenen Karriere Ohne Fraikin hatte Gendebien deutlich mehr Erfolg, so gewann er bereits 1954 innerhalb seiner Klasse mit einem Plymouth die Italien-Rallye, die niederländische Tulpen-Rallye und die Northern Roads Rally auf einem Porsche.

Sportwagen- und Formel-1-Rennen für Ferrari Dennoch beruhigte sich seine Karriere etwas. Die weiteren Bemühungen erweckten den Eindruck, dass ihm Enzo Ferrari einen Werksvertrag für Sportwagenrennen und einige Einsätze in der Formel 1 offeriert habe. Doch sein erster Start für Ferrari endete beim Training zur RAC Tourist Trophy in Dundrod zur allseitigen Enttäuschung mit einem schweren Unfall, bei dem er eine Gehirnerschütterung erlitt.

Zum Beginn der Formel-1-Saison 1956 war seine Gesundheit wieder zufriedenstellend. Ohne jegliche Erfahrung auf einem Monoposto wurde er zum Großen Preis von Argentinien gemeldet, den er mit einem bemerkenswerten fünften Platz und seinen ersten Weltmeisterschaftspunkten abschloss. Ein sechster Rang beim Grand Prix von Mendoza bestätigte seine gute Form.

Im Verlauf des Jahres konnte er einige hervorragende Einsätze bei Sportwagenrennen vorzeigen: zweite Plätze in Buenos Aires, beim Supercortemaggiore in Monza und beim 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring an der Seite Alfonso de Portagos, dem dritten Platz in Le Mans mit seinem Kollegen Maurice Trintignant und bei der Targa Florio.

Danach startete er für die spätere Equipe Nationale Belge mit Jacques Swaters auf einem Ferrari 250 GT, mit dem er zwei große Rundfahrten ebenfalls auf dem dritten Platz beendete. 1956 war Gendebiens Durchbruch in der Rennsportszene, dem sechs weitere erfolgreiche Jahre folgten.

1957 feierte er mit seinem Cousin Jacques Washer als Beifahrer einen herausragenden Sieg bei der Tour di Sicilia auf einem Ferrari 250 GT, mit dem er bei der letzten Mille Miglia einen erstaunlichen dritten Platz herausfuhr.

Im weiteren Verlauf des Jahres gewann er mit demselben Wagen das 12-Stunden-Rennen von Reims mit seinem Kollegen Paul Frère und beendete die Saison mit dem Gewinn der Tour de France an der Seite von Lucien Bianchi. Gendebien, der in Belgien außerordentlich populär war, galt nun als Star der Sportwagenszene, der eine regelrechte Serie von Rennsiegen in den folgenden Jahren feiern konnte.

Die großen Siege 1958 gewann er erneut das Rennen in Reims. Es folgten eine Reihe von Siegen bei der Targa Florio, im selben Jahr zusammen mit Luigi Musso, drei Jahre später mit Wolfgang Graf Berghe von Trips und abschließend die Targa von 1962 mit Willy Mairesse und Ricardo Rodríguez.

Weitere herausragende Siege waren die beim 12-Stunden-Rennen von Sebring 1960, auf einem Porsche mit Hans Herrmann und 1961 mit Phil Hill für Ferrari. Außerdem konnte er das 1000-km-Rennen auf dem Nürburgring ein Jahr später für sich entscheiden.

Seine größten Erfolge blieben die für eine lange Zeit beispiellosen vier Siege in Le Mans, wo er 1958, 1960, 1961 und 1962 triumphierte, um im Anschluss daran seinen Rückzug vom Rennsport zu erklären. Dreimal teilte er sich den Sieg mit Phil Hill; 1960 feierte Paul Frère mit ihm.

Seine Dominanz in der Sportwagenszene ist allein daran zu erkennen, dass er zusammen mit Phil Hill und Peter Collins maßgeblichen Anteil daran hatte, dass Ferrari Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre zahlreiche Sportwagen-Weltmeistertitel erringen konnte.

Abschluss seiner Grand-Prix-Karriere Hinter diesen beeindruckenden Erfolgen steht seine Formel-1-Karriere etwas zurück. Bei 14 Starts zwischen 1956 und 1961 konnte er jedoch in der Hälfte der Rennen Punkte für sich verbuchen. Meist als Gastfahrer für Ferrari startend, erzielte er seine größten Grand-Prix-Erfolge 1960 mit einem Cooper T51: den dritten Platz in Spa-Francorchamps sowie den zweiten Rang in Reims. Obwohl er während der Formel-1-Saison 1960 vier Rennen versäumt hatte, erzielte er den sechsten Platz in der Weltmeisterschaft.

Im Folgejahr startete er bei seinem Heim-Grand-Prix in Spa auf einem in der gelben Nationalfarbe lackierten Ferrari 156, der allerdings im Gegensatz zu den Wagen seiner Teamkollegen nicht mit der neuesten Motorspezifikation ausgerüstet worden war. In den ersten Runden führte er von der Pole-Position aus zur Begeisterung des Publikums das Rennen souverän an, doch im weiteren Verlauf verwiesen ihn seine Kollegen auf den vierten Rang.

Rückzug ins Privatleben Mit 38 Jahren nahm Gendebien seinen Abschied vom Motorsport, da er zu viele seiner Teamkollegen im Laufe der Jahre hatte sterben sehen und das Risiko seiner Frau zuliebe nicht mehr auf sich nehmen wollte. Tragischerweise starb seine Ehefrau wenig später an einem Krebsleiden. Daraufhin emigrierte er in die USA, wo er bei der Rinderzucht sehr erfolgreich war. Später ließ er sich im Süden Frankreichs nieder, wo er 1998 starb.

Statistik Statistik in der Automobil-Weltmeisterschaft Gesamtübersicht Saison Team Chassis Motor Rennen Siege Zweiter Dritter Poles schn.Rennrunden Punkte WM-Pos. 1956 Scuderia Ferrari Ferrari 555 Supersqualo Ferrari 2.5 L4 1 − − − − − 2 23. Ferrari D50 Lancia 2.5 V8 1 − − − − − 1958 Scuderia Ferrari Ferrari Dino 246F1 Ferrari 2.4 V6 3 − − − − − − NC 1959 Scuderia Ferrari Ferrari Dino 246F1 Ferrari 2.4 V6 2 − − − − − 3 15. 1960 Yeoman Credit Racing Team Cooper T51 Climax 2.5 L4 5 − 1 1 − − 10 6. 1961 Scuderia Ferrari Ferrari 156 Ferrari 1.5 V6 1 − − − − − 3 14. UDT Laystall Racing Team Lotus 18/21 Climax 1.5 L4 1 − − − − − Gesamt 14 − 1 1 − − 18

Einzelergebnisse Saison 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 111955 DNA 1956 5 DNF DNA1958 6 DNF DNF1959 4 61960 DNA 3 2 9 7 121961 DNQ 4 11

Le-Mans-Ergebnisse Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Platzierung Ausfallgrund 1955 Equipe Nationale Belge Porsche 550/4RS 1500 Spyder Wolfgang Seidel Rang 5 1956 Scuderia Ferrari Ferrari 625LM Spider Touring Maurice Trintignant Rang 3 1957 Scuderia Ferrari Ferrari 250TR58 Maurice Trintignant Ausfall Motorschaden 1958 Scuderia Ferrari Ferrari 250TR58 Phil Hill Gesamtsieg 1959 Scuderia Ferrari Ferrari 250TR59 Phil Hill Ausfall Motor überhitzt 1960 Scuderia Ferrari SpA Ferrari 250TR59/60 Paul Frère Gesamtsieg 1961 Scuderia Ferrari Ferrari 250TRI/61 Phil Hill Gesamtsieg 1962 SpA Ferrari SEFAC Ferrari 330TRI LM Spyder Phil Hill Gesamtsieg

Sebring-Ergebnisse Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Teamkollege Teamkollege Platzierung Ausfallgrund 1957 Harry Kullen Ferrari 250 GT Europa William Greenspun Ausfall Motorschaden 1958 Scuderia Ferrari Ferrari 250TR/58 Luigi Musso Rang 2 1959 Scuderia Ferrari Ferrari 250TR59 Phil Hill Dan Gurney Chuck Daigh Gesamtsieg 1960 Joakim Bonnier Porsche 718 RS Hans Herrmann Gesamtsieg 1961 Sefac Automobile Ferrari Ferrari 250TRI Phil Hill Gesamtsieg 1962 North American Racing Team Ferrari 250TRI/61 Phil Hill Rang 2

24-Stunden-von-Spa-Ergebnisse

Jahr Team Fahrzeug Teamkollege Platzierung Ausfallgrund 1953 Panhard Dyna Roland du Roy de Blicky Ausfall unbekannt

Einzelergebnisse in der Sportwagen-Weltmeisterschaft Saison Team Rennwagen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 1953 Ecurie Francorchamps Jaguar XK 120Panhard DynaJaguar C-Type DNF DNF DNF 1954 Olivier Gendebien Jaguar XK 120 21 1955 Equipe Nationale Belge Mercedes-Benz 300 SLPorsche 550 7 5 1956 Scuderia Ferrari Ferrari 857SFerrari 250 GTFerrari 290MM 2 5 3 DNF 1957 Harry KullenScuderia Ferrari Ferrari 250 GTFerrari 335SFerrari 250TR DNF 3 2 DNF DNF 4 1958 Scuderia Ferrari Ferrari 250TR 2 2 1 3 1 1959 Scuderia Ferrari Ferrari 250TR 1 DNF 2 DNF 3 1960 PorscheScuderia Ferrari Porsche 718 RSKFerrari 250TR DNF 1 3 2 1 1961 Scuderia Ferrari Ferrari 250TRIFerrari Dino 246SP 1 1 3 1 1962 Scuderia SerenissimaEcurie FrancorchampsNorth American Racing TeamScuderia Ferrari Ferrari 250 GTFiat-Abarth 1000 BialberoFerrari 250 GTOFerrari Dino 246SPFerrari 330TRI 16 11 2 1 1 1

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