Reszel (, ) ist eine Kleinstadt im Powiat Kętrzyński der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. Sie ist Sitz der gleichnamigen Stadt-und-Land-Gemeinde mit Einwohnern (Stand ).
Geographische Lage Die Stadt liegt im historischen Ermland, am Nordhang des Baltischen Höhenrückens, rechts der Zaine, nicht weit von den sich östlich erstreckenden Großen Masurischen Seen, etwa 55 Kilometer nordöstlich von Olsztyn (Allenstein).
Das Stadtgebiet befindet sich über den Steilhängen des Ufers der Sajna (Zaine), einem kleinen Fluss, der in nordwestlicher Richtung an der Stadt vorbeifließt.
Geschichte Stadtgeschichte mini|Stadtansicht um 1820 mini|Rathaus mini|Historisches Zentrum mit Rathaus mini|Brücke über die Sajna 1241 wurde an der Stelle der heutigen Stadt, deren Name pruzzischer Herkunft ist, eine hölzerne Wehranlage der Ritter des Deutschen Ordens errichtet, die den wichtigen Handelsweg vom Frischen Haff über Heilsberg nach Polen schützen sollte. Während der Pruzzenaufstände wurde die Anlage in den Jahren 1242 und 1262 zerstört. Nach der Niederschlagung der Aufstände wurde 1273 eine feste Burg errichtet, die danach dem ermländischen Fürstbischof als Stützpunkt diente. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts begann unter der Leitung des Lokators Elerus von Braunsberg die Besiedlung des Burgvorlandes, hauptsächlich durch Braunsberger Einwohner. 1337 hatte sich die Ansiedlung so gefestigt, dass ihr unter dem Namen Rößel das Stadtrecht verliehen werden konnte. Die Burg wurde 1347 von den litauischen Großfürsten eingenommen und erneut zerstört. Unter den Bischöfen Johann von Meißen und Johann Stryprock wurde in den Jahren von 1350 bis etwa 1371 eine neue, heute noch vorhandene Burganlage errichtet.
1347 hatten sich Augustinermönche niedergelassen, die in der Nähe der Burg ein kleines Kloster und die Johanniskirche errichteten. 1353 ging die Stadt in das Eigentum der Bischöfe von Ermland über. Von 1373 bis 1401 wurde eine Stadtmauer mit Wehrtürmen errichtet. Am südlichen Rand der Stadt entstand in den Jahren von 1360 bis 1381 eine dreischiffige Hallenkirche, die heutige Pfarrkirche St. Peter und Paul. 1440 wurde die Stadt an den Deutschen Orden verpfändet. 66 Jahre später befand sich Rößel wieder unter ermländischer Obrigkeit und kam damit zu Polen, zum so genannten „Königlichen Preußen“. 1520 übergab Sigismund I. die Burg an tschechische Söldner, die von dort aus die Umgebung plünderten. Während des „Reiterkrieges“, der letzten militärischen Auseinandersetzung zwischen dem Deutschen Orden und Polen, war Rößel von 1520 bis 1521 ein polnischer Militärstützpunkt, von welchem aus Angriffe gestartet wurden.
Während des 16. Jahrhunderts entwickelte sich in Rößel das Handwerk. Vor allem Rüstungen und Waffen wurden hergestellt. Später kamen Kunsttischler und Goldschmiede hinzu, deren Fertigkeiten über die Stadt hinaus geschätzt wurden. 1632 übernahmen Jesuiten das seit über hundert Jahren verlassene Augustinerkloster und richteten dort ein Kolleg ein, das in den ersten Jahren 15 Schüler kostenlos unterrichtete. Aus ihm entwickelte sich später ein staatliches Gymnasium. 1656 und 1704 wurde Rößel von den Schweden besetzt und war 1772 mit etwa 3030 Einwohnern nach Braunsberg und Heilsberg () die drittgrößte Stadt im Ermland, noch größer als Allenstein (1770 Einwohner). Im selben Jahr kam Rößel im Ergebnis der ersten Teilung Polens zusammen mit dem gesamten Fürstbistum Ermland zum preußischen Staat. Die vom Bistum aufgegebene Burg wurde 1780 zu einem Zuchthaus umgebaut.
Am 27. und 28. Mai 1806 wurde die Stadt durch einen großen Brand zerstört, in dessen Folge sie fast ganz neu aufgebaut werden musste. Erst 1816 waren das Rathaus und 1817 die Pfarrkirche wiederhergestellt. Die ebenfalls zerstörte Burg überließ der preußische König Friedrich Wilhelm III. der evangelischen Gemeinde, die sich dort nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel eine Kirche und Wohnungen für Pfarrer und Kantor errichtete. Insgesamt dauerte der Wiederaufbau der Stadt bis 1840. Den Brand lastete man ungerechtfertigterweise der Magd Barbara Zdunk an, die ihn durch Zauberkraft entfacht haben sollte. Von 1818 bis 1862 befand sich das Landratsamt des Kreises Rößel in der Stadt, danach wurde es nach Bischofsburg verlegt, da der neue Landrat sein Gut in dessen Nähe hatte. Im Rahmen des um 1850 beginnenden Ausbaus des Straßennetzes in der Region wurde Rößel an die spätere Reichsstraße 141 angeschlossen, die sie mit Rastenburg und Bischofsburg verband.
Das Land- und Stadtgericht Rößel wurde 1824 aus dem Stadtgericht Rößel, dem Stadtgericht Bischofstein und dem Justizamt Rößel gebildet. 1849 wurden in Preußen die Patrimonialgerichte abgeschafft und das Kreisgericht Rössel gebildet. Dieses wurde 1879 durch das Amtsgericht Rößel abgelöst.
Das Wirtschaftsleben wurde durch Webkammherstellung, Landmaschinenbau, durch eine Eisengießerei und zwei Mühlen geprägt. Erst 1908 wurde Rößel als zweitletzte Stadt Ostpreußens durch die Bahnlinie Heilsberg—Rastenburg an das Schienennetz angeschlossen. Während des Ersten Weltkrieges hatten Hindenburg und Ludendorff vom 7. bis 11. September 1914 ihr Generalstabsquartier in der Taubstummenanstalt von Rößel eingerichtet und leiteten von dort aus die Schlacht an den masurischen Seen.
mini|Rösseler Tageblatt vom 10. Juli 1920, Sonderausgabe zur Volksabstimmung am 11. Juli 1920 Nach dem Ersten Weltkrieg fand aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags am 11. Juli 1920 in der Stadt eine Volksabstimmung über die zukünftige staatliche Zugehörigkeit Rößels statt. Zur Wahl standen der Verbleib in Deutschland oder der Anschluss an Polen. In Rößel, das zum Abstimmungsgebiet Allenstein gehörte, stimmten 3260 Einwohner für Ostpreußen, auf Polen entfiel keine Stimme.Herbert Marzian, Csaba Kenez: Selbstbestimmung für Ostdeutschland - Eine Dokumentation zum 50. Jahrestag der ost- und westpreussischen Volksabstimmung am 11. Juli 1920. Herausgeber: Göttinger Arbeitskreis, 1970, S. 115 Im Landkreis stimmten 97,90 % der Bevölkerung für den Verbleib bei Deutschland.Erwin Poschmann: Der Kreis Rößel. Ein ostpreußisches Heimatbuch. 3. Auflage. Heimatbund des Kreises Rößel, Kaltenkirchen/Holstein 1991
Im Jahr 1945 war die Stadt Rößel Verwaltungssitz des Landkreises Rößel im Regierungsbezirk Allenstein der Provinz Ostpreußen des Deutschen Reichs.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs besetzte am 29. Januar 1945 die Rote Armee Rößel ohne größere Kampfhandlungen.Günter Böddeker: Die Flüchtlinge. Die Vertreibung der Deutschen im Osten. 3. Auflage. Berlin/Wien 1997, S. 43. Da die Einwohner nicht evakuiert worden waren, wurden viele von ihnen Opfer gewalttätiger Übergriffe durch die sowjetischen Soldaten. Der Stadt blieb im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in Ostpreußen eine flächendeckende Zerstörung erspart. Bald nach Einstellung der Kampfhandlungen wurde die Stadt seitens der sowjetischen Besatzungsmacht der Volksrepublik Polen zur Verwaltung überlassen. Es begann danach der Zuzug polnischer Zivilisten. Die einheimische Bevölkerung wurde mit wenigen Ausnahmen, zu denen auch das Krankenhauspersonal zählte, am 10. Februar 1945 größtenteils aus der Stadt vertrieben. Etwa 250 Einwohner gehören dem Verband der deutschen Minderheit an.
Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohner Anmerkungen 1782 3065 einschließlich der Vorstädte, ohne die Garnison (ein Bataillon Infanterie)Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Teil I: Topographie von Ost-Preussen. Königsberg/Leipzig 1785, S. 22. 1802 2399 Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z, Halle 1823, S. 362–363, Ziffer 596. 1810 1557 1816 2115 davon 429 Evangelische, 1658 Katholiken und 28 Juden 1821 2095 1831 2708 DeutscheAugust Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Ein Handbuch für die Volksschullehrer der Provinz Preußen, so wie für alle Freunde des Vaterlandes. Gebrüder Bornträger, Königsberg 1835, S. 509–102, Nr. 102. 1875 3557 1880 3590 1890 3474 davon 987 Evangelische, 2397 Katholiken und 90 Juden 1910 4457 Rößel, Stadt, Regierungsbezirk Allenstein, Provinz Ostpreußen. In: Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer historischen Landkarte der Umgebung von Rößel (meyersgaz.org). 1933 4766 1939 5045 2016 4676 Reszel w liczbach
Kirche Bereits in der Ordenszeit wurde – etwa um 1331 – in Rößel eine Kirche gegründet. Im Jahre 1337 wurde die Kirche in der Stadthandfeste mit sechs Hufen als Dotation bedacht. Aus vorreformatorischer Zeit sind außerdem die Namen einzelner Geistlicher bekannt, die an der Kirche amtierten:
Römisch-katholische Kirche Kirchengebäude mini|Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul Das noch in der Ordenszeit errichtete Kirchengebäude am südlichen Rand der Altstadt errichtete man zwischen 1360 und 1381 als dreischiffige Hallenkirche.Pfarrkirche St. Peter und Paul bei ostpreussen.net Nach einem Brand 1474 entstand 1475 der gestaffelte Ostgiebel, und im Innern schuf Niclis Scheunemann 1475/76 die Sterngewölbe. Eine Umgestaltung der Kirche mit Erneuerung und Erhöhung des Turms fand 1484 bis 1503 statt. Am 3. April 1580 weihte der Fürstbischof von Ermland, Martin Cromer, die Kirche zu Ehren der Gottesmutter und der Apostel Petrus und Paulus. 1760/1765 fertigte der Orgelbauer Adam Gottlob Casparini (1715–1788) die Orgel an. Bei einer Feuersbrunst brannte 1806 die Kirche zum großen Teil aus, der Wiederaufbau erfolgte bis 1817, die Weihe nahm Weihbischof Andreas Stanislaus von Hatten vor. 1837 erhielt der Turm eine Laterne.
Nach dem großen Brand erhielt die Kirche eine Erneuerung der Ausstattung im Stil der Zeit. Es entstand der Hochaltar von Wilhelm Biereichel (1820–1822) mit Bildern und Figuren aus dem Jahr 1821 u. a. von Anton Johann Blank, Isaak Riga und Christoph Peucker, und neben einem Taufbecken von Biereichel zwei barocke Beichtstühle sowie klassizistisches Gestühl.
Pfarrgemeinde mini|Die griechisch-katholische Kirche in der einstigen Klosterkirche Die Pfarrei in Reszel gehört heute zum Dekanat Rößel im Erzbistum Ermland in der polnischen römisch-katholischen Kirche. Die aus der Zeit vor 1945 erhaltenen Kirchenbücher werden hier verwahrt und fortgeführt: Taufen: 1579 bis 1640, 1654 bis 1667, 1681 bis 1785, 1929 bis 1944 Trauungen: 1603 bis 1653, 1698 bis 1796, 1911 bis 1944 Begräbnisse: 1699 bis 1849, 1932 ff.
Die Zahl der vor 1945 mehr als fünfzig Pfarreiorte konnte inzwischen dank der Errichtung neuer Pfarrgemeinden erheblich verringert werden, gleichwohl ist die Zahl der Gemeindeglieder deutlich gestiegen.
Dekanat Reszel ist wie auch schon vor 1945 Sitz eines Dekanats, das jetzt dem Erzbistum Ermland zugeordnet ist. Zum Dekanatsbezirk gehören zehn Pfarreien: Ortsname Deutscher Name Ortsname Deutscher Name Bisztynek Bischofstein Leginy Legienen Drogosze Dönhofstädt mitGroß Wolfsdorf Paluzy Plausen Grzęda Sturmhübel Reszel Rößel Korszemit Parys Korschenmit Paaris Sątopy Santoppen Łankiejmymit Kraskowo Langheimmit Schönfließ Unikowo Glockstein
Vor 1945 gehörten Dönhofstädt und Langheim nicht zum Dekanatsbezirk, dafür jedoch die PfarreienDekanat Rößel bei GenWiki in Groß Köllen (heute ), Heiligelinde (Święta Lipka), Schellen (Ryn Reszelski) und Wilkendorf (Wilkowo).
Griechisch-katholische Kirche In Reszel gibt es eine Pfarrei der griechisch-katholischen Kirche mit byzantinischer Tradition. Die Kirche ist die frühere Heilig-Kreuz-Kirche des Jesuitenklosters. Sie trägt seit 1963 den Namen „Verklärung des Herrn“ () und ist der Erzeparchie Przemyśl-Warschau zugeordnet.
Evangelische Kirche Kirchengebäude