mini|Lage von Hadeln und Wursten südlich von Cuxhaven. Die Geschichte von Hadeln und Wursten betrifft das Land Hadeln und das Land Wursten, die im Mittelalter bäuerliche Gemeinwesen mit einem hohen Maß an Autonomie waren. Die beiden Marschlande liegen im Norden des Elbe-Weser-Dreiecks im Landkreis Cuxhaven. Politisch waren sie immer zwei verschiedene Gemeinschaften. Räumlich waren sie durch Geestgebiete unter teils feudaler, teils kirchlicher Herrschaft getrennt. Dennoch weist ihre politische Geschichte gewisse Gemeinsamkeiten auf.
Namen
Der Name Haduloha (der Name wird meist als „Kampfwald“ gedeutet, wobei es sich aber vielleicht nur um eine Volksetymologie handeltReallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 13, S. 271, 1999.) stand im 8. und 9. Jahrhundert für einen Ort (Fränkische Reichsannalen: locus Haduloha) im Norden der Hohen Lieth, vermutlich beim heutigen Altenwalde. Für den von den Heimatkundlern Eduard Rüther und Heinrich Rüther postulierten Gau Haduloha gibt es keinen Beleg. Für das gesamte Gebiet zwischen Bremen und der Unterelbe findet sich in Schriften des 9. Jahrhunderts der Name Wigmodia. Später bezeichnete dieser Name noch einen Teil der Region, schließlich nur noch das Marschland am rechten Ufer der Unterweser. Im 11. Jahrhundert wurde Haduloga oder Hathleria als Landschaftsbezeichnung für den Norden des Elbe-Weser-Dreiecks verwendet. Nach der Anfang des 12. Jahrhunderts begonnenen Erschließung der Küstenmarschen verengte sich die Wortbedeutung zunehmend auf das Neuland am Südufer der Elbmündung, im Wesentlichen das spätere Land Hadeln.Hans-Ulrich Hucker: Das Problem von Herrschaft und Freiheit in den Landesgemeinden des Mittelalters im Unterweserraum (Dissertation, Münster 1978), verfügbar u. a. im Staatsarchiv Bremen (Nr. 538 U) und in der Bibliothek der Männer vom Morgenstern Aufgrund dieser Bedeutungsentwicklung wird das Gebiet nördlich der Geeste-Niederung zuweilen „Althadeln“, oder gar „Großhadeln“ genannt.
Der Name Wursten leitet sich von den Warften oder Wurden her, auf denen die Bewohner der Küstenmarschen erst vor der Eindeichung und dann wegen der vielen Deichbrüche auch nach der Eindeichung ihre Siedlungen bauten.
Unterschiede
Die Unterschiede beginnen schon mit der Besiedlung: Das Elbe-Weser-Dreieck gehörte seit der Auflösung des Stammes der Chauken zum Kerngebiet des sächsischen Volksstammes. Wursten war zwar bis zur großen Auswanderung nach Britannien auch sächsisch besiedelt, aber im 8. Jahrhundert ließen sich Friesen in dem entvölkerten Küstenstreifen nieder. Seither gehörte es zu den friesischen Landen, ob als Teil Rüstringens oder als achtes Seeland ist nicht ganz klar. Dementsprechend galt in Wursten bis ins 16. Jahrhundert friesisches Recht, in Hadeln hingegen sächsisches, das allerdings vom Sachsenspiegel abwich, wie in dem Werk ausdrücklich erwähnt wird.
Der heutige Landkreis Cuxhaven vereint die beiden Gebiete unterschiedlicher Vergangenheit und reicht im Süden und Osten deutlich darüber hinaus.
Gemeinsamkeiten Die mittelalterliche Geschichte Hadelns, Wurstens und anderer Küstengebiete wurde besonders durch den Konflikt zwischen den Unabhängigkeitsbestrebungen der ansässigen Bauern und dem Herrschaftsanspruch der Feudalherren geprägt. In der Neuzeit kämpften die neu entstehenden Territorialstaaten um die Vorherrschaft. Nach der Säkularisation des Erzbistums Bremen-Verden und dem Aussterben der askanischen Herzöge teilte die Region weitgehend das Schicksal des Herzogtums Bremen-Verden, wobei nur noch das Land Hadeln eine gewisse Sonderrolle behaupten konnte. Das erste städtische Zentrum war Otterndorf, das 1400 die Stadtrechte und wenig später seine Lateinschule erhielt. Die heutigen städtischen Zentren Bremerhaven und Cuxhaven entstanden im 19. und 20. Jahrhundert als Ableger der großen Handelsstädte Bremen und Hamburg.
Vorgeschichte mini|220px|Das so genannte „Bülzenbett“ bei Sievern stammt etwa aus der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. Gelegentliche Funde von Faustkeilen und Flintbeilen belegen eine Besiedlung der Region durch Jäger und Sammler der Alt- und Mittelsteinzeit. In den Geestgebieten finden sich heute noch zahlreiche Megalithbauten der Jungsteinzeit, wie Dolmen und Kammergräber der Ackerbau treibenden Trichterbecherkultur. Manche dieser Großsteingräber wurden schon in vorgeschichtlicher Zeit ausgeräumt und von Angehörigen der Einzelgrabkultur neu belegt.
Der Übergang zur Bronzezeit war langsam und fließend. Im Verlauf des 2. Jahrtausends v. Chr. nahmen die Importe von Kupfer- und Bronzedolchen aus Mittel- und Süddeutschland zu. Andererseits wurden die Flintvorkommen in den anstehenden Kreidegesteinen bei Hemmoor weiterhin systematisch abgebaut. In der Bronzezeit erreichte die Siedlungsdichte (Streusiedlung) in der Region einen Höhepunkt. In der anschließenden vorrömischen Eisenzeit (zirka 750 v. Chr. bis 0) machte sich ein Siedlungsrückgang bemerkbar, der erst kurz vor Christi Geburt in eine fast explosionsartige Siedlungsentwicklung umschlug.
Viele schwer deutbare Orts- und Gewässernamen, wie Wingst oder Medem sind möglicherweise sehr alt. So ist der Wortstamm uil- in Wilster (heute nur noch ein kleiner, begradigter Zulauf der Medem) nicht sicher erklärt, und das Suffix -str wohl vorgermanischen Ursprungs.
Frühgeschichte Die Haufendörfer mit den typischen, gemeingermanischen Ortsnamen auf -stedt liegen fast ausschließlich auf der Geest. Dort lag bis zur Landnahme in den Marschen der Bevölkerungsschwerpunkt. Die ersten Siedlungen an den Küsten lagen um Christi Geburt zu ebener Erde auf den Strandwällen. Später wurden sie wegen des ansteigenden Sturmflutspiegels mit künstlichen Hügeln aus Mist und Klei (Wurten) erhöht.
Nach Widukind von Corvey (Res gestae Saxonicae, 967/968) sollen die Sachsen mit Schiffen an den Küsten Hadelns (Hadolaun) gelandet sein, woraufhin sie die ansässigen Thüringer mit List und Gewalt vertrieben oder unterworfen hätten. Bei archäologischen Ausgrabungen auf der Feddersen Wierde und anderen Fundstellen wurden jedoch keine Anzeichen für eine feindliche Invasion entdeckt. Es ist wahrscheinlicher, dass sich verschiedene verwandte Stämme wie die Chauken und Angrivarier (Engern) mit den Saxones nördlich der Elbe zu einem neuen Stammesverband zusammenschlossen. Eine wichtige Fundstelle aus dieser Zeit ist der altsächsische Urnenfriedhof am Gravenberg bei Wanna. Die beiden Wallburgen Heidenschanze bei Sievern und Heidenstadt bei Sievern (heute Gemeindeteil der Stadt Langen bei Bremerhaven) schützten offenbar den südlichen Eingang nach Hadeln.
Jedoch wanderten im 5. Jahrhundert gerade aus dem Mündungsgebiet von Elbe und Weser viele Sachsen nach England aus (siehe: Angelsachsen). Andere Gruppen wanderten nach Süden und Westen ab, wo sie den aus dem heutigen Westfalen abziehenden Franken nachrückten. Die verlassenen Landstriche an der Nordsee, nördlich der Wesermündung (dem späteren Land Wursten) wurden etwa seit dem 8. Jahrhundert von Friesen neu besiedelt. Auf die verlassenen Wurten in der Elbmarsch kehrten Sachsen zurück.
In diese Zeit gehen die Ortsnamen mit der Endung -worth, -wierde, -warden, -wörden zurück. Die pauschale Klassifizierung von Ortsnamen auf -um (von -heim) als karolingisch ist fragwürdig, da es derartige Namen auch in England und Skandinavien gibt. Bestreitbar ist auch die Zurückführung des Namens Odisheim auf Odin, die nordgermanische Version des Gottesnamens Wodan.
In den Annales regni Francorum (vor 829) wird für das Jahr 797 von einem Feldzug Karls des Großen gegen die Sachsen berichtet, der ihn bis nach Hadeln geführt haben soll (et rex de Haduloha regressus – hoc enim loco nomen, ubi oceanus Saxoniam alluit – tota Saxonum gente in deditionem […] accepta: „und auf dem Rückmarsch von Hadeln – so heißt der Ort, wo der Ozean Sachsen bespült – nahm der König den ganzen Stamm der Sachsen in seine Botmäßigkeit“).Annales Regni Francorum Nach der Unterwerfung der Sachsen und Friesen wurde die von Willehad (dem ersten Bischof von Bremen) um 780 begonnene Missionierung des Elbe-Weser-Dreiecks abgeschlossen. Die frühere Altenwalder Burg wurde vermutlich 797 angelegt.
In der Vita Willehadi (um 860) wird sein Missionsgebiet an der Unterweser (bis hinauf nach Dithmarschen) jedoch durchgängig als Wigmodia bezeichnet. Es ist nicht klar, ob es sich bei den beiden Bezeichnungen um Synonyme handelt, ob Hadeln einen Teil Wigmodiens darstellte, oder ob es sich von Anfang an um zwei getrennte Gaue handelte. In diesem Zusammenhang wird auch eine Wurt mit dem Doppelnamen Midlistan-Fadarwurde erwähnt. Darin steckt sowohl Misselwarden als auch Feddersen Wierde. Von dort soll ein Mann gestammt haben, der nach dem Tod Willehads im Jahre 789 durch dessen wundertätige Gebeine geheilt wurde. Der Ausbau der karolingischen Macht spiegelt sich in den Ortsnamen auf -burg und -büttel.
Wikingereinfälle mini|200px|Wikingerinvasion in einer Darstellung aus dem 9. oder 10. Jahrhundert Adam von Bremen berichtet in seiner Gesta Hammaburgensis (um 1075), dass das Gebiet im Jahr 994 von einer Flotte Wikinger („Askomannen“) heimgesucht wurde. Ein Kontingent, das in die Weser und die Geeste eindrang, wurde aber von den Einheimischen im Glindesmoor, unweit des späteren Bremervörde, bis auf den letzten Mann erschlagen.
Zur Abwehr der Normannengefahr wurde im Gebiet Wigmodia-Haduloha die Grafschaft Lesum etabliert. Hierbei handelte es sich um ein Reichslehen, zu welchem 700 Hufen im ganzen Gebiet zwischen Bremen und dem späteren Land Hadeln gehörten. Belehnt waren mit Lesum wohl Grafen aus dem Hause der Billunger. Nach dem Tod der Emma von Lesum fiel die Grafschaft 1038 wieder an das Reich.
Die freien Bauern waren als Grundbesitzer zunächst noch zum Kriegsdienst verpflichtet. Erst später kauften sie sich durch den „Wehrpfennig“ vom Wehrdienst frei. In dieser Zeit wurden auch die Wälle der „Pipinsburg“ bei Sievern aufgeworfen. Der Heimatforscher Eduard Rüther hielt sie deshalb für den ursprünglichen Stammsitz der späteren Herren von Bederkesa. Es scheint, dass die Wikinger bei Sahlenburg an der Nordwestspitze Hadelns ebenfalls eine feste Niederlassung gründeten. So würde sich erklären, dass ein junger Anführer, der 1040 gefangen und nach Bremen gebracht wurde, vom Erzbischof äußerst gnädig und wohlwollend behandelt wurde. Bei dem Wikinger, der reich beschenkt wieder abzog, handelte es sich um Sven Estridsson, den späteren König von Dänemark (1047–1076).
Hochmittelalter
Hadeln Herrschaft und Selbstverwaltung Erzbischof Adalbert von Bremen bekam 1062 als Vormund des jungen Königs Heinrich IV. von diesem die 700 Hufen des den Billungern unterstehenden Hofes Lesum geschenkt, die in der Grafschaft des Markgrafen Udo und im Gau Wigmodien lagen.Bremer Urkundenbuch I, S. 21/22, Nr. 21 vom 27. Juni 1062, „… curtis Liestemunde …“ Nach Adalberts Machtverlust im Reich fielen diese billungischen Güter aber zunächst an die Grafen von Stade.