Das kanadische Englisch (Canadian English) ist die in Kanada gesprochene und geschriebene Variante der englischen Sprache.

Die Aussprache des kanadischen Englisch ähnelt dem amerikanischen Englisch, so dass Kanadier von Sprechern, die nicht mit Kanada vertraut sind, oft für Bewohner der Vereinigten Staaten gehalten werden. Es gibt aber Eigenheiten in Aussprache, Lexik, Grammatik und im Sprachgebrauch die typisch für das kanadische Englisch sind: So gibt es in den USA etwa die Annahme, dass Kanadier about wie a boot aussprechen, womit auf eine vor allem in Kanada verbreitete Vokalverschiebung namens Canadian Raising angespielt wird.

Sieht man von der Aussprache ab, ist das kanadische Englisch durch Einflüsse sowohl aus dem amerikanischen als auch aus dem britischen Englisch gekennzeichnet, eine Folge der Einwanderung verschiedener Siedlergruppen aus Großbritannien und aus den USA nach Kanada. Man findet z. B. im kanadisch-englischen Wortschatz gelegentlich britische Ausdrücke, wie zed für den Buchstaben z (statt amerikanisch zee), aber auch amerikanische Wörter wie soccer statt britisch football. Im Wortschatz des kanadischen Englisch findet man ferner typische Wörter, die man fast nur in Kanada hört, wie "washroom" (amerikanisch "restroom") oder früher "chesterfield" (amerikanisch "couch"). Außerdem findet man Lehnwörter aus dem Französischen und den Sprachen der Ureinwohner Kanadas, wie etwa outarde (dt. ‚Wildgans‘) aus dem Französischen oder wapiti aus dem Cree. Schließlich besteht in Kanada mit seinen zwei Amtssprachen Englisch und Französisch eine besondere soziolinguistische Situation, die man in anderen englischsprachigen Ländern so nicht findet.Charles Boberg: The English Language in Canada. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-87432-8, S. 123.David Crystal: English as a Global Language. 2. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge 2003, ISBN 0-521-53032-6, S. 37–39.

Kanadisches Englisch als nationale Standardvarietät des Englischen Das Englische hat seinen Ursprung auf dem Gebiet des heutigen Englands und breitete sich zunächst über die gesamten Britischen Inseln aus. Seit dem 16. Jahrhundert ist das Englische vor allem durch die Kolonialpolitik Großbritanniens in Amerika, Australien, Afrika und Indien zu einer Weltsprache geworden. Die englische Sprache hat sich in den ehemaligen Kolonien Großbritanniens wie den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland inzwischen weiterentwickelt und hat dort zum Teil eine vom britischen Englisch abweichende Aussprache sowie eigenen Wortschatz und Grammatik. Solche Varianten des Englischen mit einer eigenständigen Identität werden in der Sprachwissenschaft auch als nationale Varianten oder Varietäten (engl. varieties) des Englischen bezeichnet.

Zusammen mit anderen nationalen Varianten des Englischen, wie etwa dem amerikanischen Englisch, dem britischen Englisch oder dem neuseeländischen Englisch, wird das kanadische Englisch in der Literatur häufig als Varietät der englischen Sprache behandelt. Ob es sich beim kanadischen Englisch wirklich um eine nationale Varietät handelt, wird unterschiedlich bewertet.

In der frühen Forschung zu kanadischem Englisch wurden zunächst die jeweiligen Ähnlichkeiten zum britischen und amerikanischen Englisch herausgearbeitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte ein zunehmendes Bewusstsein über eine eigene kanadische Identität dazu, eher die spezifischen Eigenarten des kanadischen Englisch hervorzuheben.Charles Boberg: English in Canada: phonology. In: Edgar W. Schneider (Hrsg.): Varieties of English. The Americas and the Caribbean. Mouton de Gruyter, Berlin/New York 2008, ISBN 978-3-11-019636-8, S. 149. So wird in dieser Literatur argumentiert, dass das kanadische Englisch sich durch seine Aussprache und Eigenarten im Vokabular vom amerikanischen Englisch, wie es in den USA gesprochen wird, ausreichend abgrenzt, um als eigene Variante des Englischen zu gelten.Charles Boberg: The English Language in Canada. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-87432-8, S. 123, 159. Das kanadische Englisch wird seit den 1950er-Jahren als eine Varietät des nordamerikanischen Englisch betrachtet.Canadian English. In: T. McArthur (Hrsg.): Concise Oxford Companion to the English Language. Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 0-19-280637-8, S. 97. Speziell die Veröffentlichung des ersten umfassenden Wörterbuchs des kanadischen Englisch, das Dictionary of Canadianisms on Historical Principles, trug jedoch auch dazu bei, das kanadische Englisch als eigenständige Variante des Englischen zu würdigen.Stefan Dollinger: Creating Canadian English. Cambridge University Press, Cambridge 2019, ISBN 978-1-108-70875-3, S. 237.

Umfragen unter Kanadiern zeigen, dass kanadische Sprecher des Englischen ihre Variante des Englischen als ein eigenständiges kanadisches Englisch betrachten. In einer Umfrage aus dem Jahr 2006 in Vancouver behaupteten z. B. mehr als 70 % der Befragten, sie könnten kanadisches von amerikanischem Englisch meist unterscheiden, und mehr als 70 % betrachteten kanadisches Englisch als Teil der kanadischen Identität. Wie bei allen Sprachvarietäten gibt es auch Gegenstimmen, die davon sprachen, dass eine nationale Grenze noch keine eigene nationale Varietät des Englischen ausmache,Jaan Lilles: The myth of Canadian English. In: English Today. Band 16, Nr. 2, April 2000, S. 3–9. eine Aussage, die von aktiven Forschern jedoch verneint wird.

Geschichte

Kanada war vor der Ankunft europäischer Entdecker von verschiedenen Stämmen amerikanischer Ureinwohner bewohnt. Bei den Ureinwohnern Kanadas handelte es sich hauptsächlich um Angehörige der Inuit und der First Nations, deren Sprachen über zehn Sprachfamilien angehören, wobei die Algonkin-Sprachen den größten Anteil einnehmen.

Die Geschichte des kanadischen Englisch beginnt mit der Ankunft des Entdeckers John Cabot 1497 in dem späteren Gebiet von Neufundland. Neufundland, gegründet 1583, war die erste englische Kolonie auf amerikanischem Boden. Abgesehen von Neufundland wurde Kanada zunächst von französischen Einwanderern besiedelt, die seit der Erkundung Kanadas 1520 durch Jacques Cartier das heutige Gebiet Kanadas erreichten. Dies änderte sich im 18. Jahrhundert, als die französischen Ansprüche auf Gebiete in Kanada durch Kriege verloren gingen, unter anderem durch Queen Anne’s War (1702–1713) und den Siebenjährigen Krieg, der auch in Nordamerika ausgefochten wurde (1754–1763). Mit dem Vertrag von Paris 1763 wurden die französischen Besitzungen britische Territorien. Als Folge wurden 1750 Tausende französischer Siedler aus Kanada deportiert, erste englische Siedler kamen nach.Peter Trudgill, Jean Hannah: International English: A guide to the varieties of Standard English. 5. Auflage. Routledge, London/New York 2008, ISBN 978-0-340-97161-1, S. 36.Charles Boberg: English in Canada: phonology. In: Edgar W. Schneider (Hrsg.): Varieties of English. The Americas and the Caribbean. Mouton de Gruyter, Berlin/New York 2008, ISBN 978-3-11-019636-8, S. 145. Eine Konsequenz der Besiedlung Kanadas durch französischsprechende und englischsprechende Siedler ist die heutige Zweisprachigkeit Kanadas mit ihren offiziellen Amtssprachen Englisch und Französisch.

Die Hauptwellen der Einwanderung nach Kanada werden in der Regel in drei Phasen eingeteilt, und alle drei Phasen haben die Entwicklung des kanadischen Englisch nachhaltig beeinflusst: In der ersten Phase siedelten sich Migranten aus den USA in Kanada an. Dabei handelte es sich um Siedler, die treu zur britischen Krone standen und nach der amerikanischen Unabhängigkeit von Großbritannien die USA in Richtung Kanada verließen. Diese Auswanderung hielt bis 1812 an, als Großbritannien und die USA ihren letzten territorialen Konflikt ausfochten. Die zweite Welle der Immigration nach Kanada bestand hauptsächlich aus Siedlern, die direkt aus Großbritannien und Irland kamen, wobei diese Einwanderungswelle ihren Höhepunkt Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte. Die dritte Welle der Einwanderung begann im späten 19. Jahrhundert, fand ihren Höhepunkt nach dem Zweiten Weltkrieg und hält bis heute an. Zu diesen Einwanderern zählen Angehörige vieler Nationen weltweit, wobei die Mehrheit der Einwanderer seit den 1990er Jahren statt aus Europa eher aus Asien und Lateinamerika kommen.Charles Boberg: English in Canada: phonology. In: Edgar W. Schneider (Hrsg.): Varieties of English. The Americas and the Caribbean. Mouton de Gruyter, Berlin/New York 2008, ISBN 978-3-11-019636-8, S. 146–148.

Die erste Einwanderungswelle wird in der Forschung dafür verantwortlich gemacht, dass kanadisches Englisch viele Eigenschaften mit dem amerikanischen Englisch in den USA teilt. Die britischen und irischen Einwanderer der zweiten Einwanderungswelle wiederum haben zu einigen Eigenarten des kanadischen Englisch beigetragen, die es eher dem britischen Englisch ähnlich macht. Die Einwanderung aus nicht-englischen Ländern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich bisher noch nicht im kanadischen Standardenglisch bemerkbar gemacht.Charles Boberg: The English Language in Canada. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-87432-8, S. 105.James A. Walker: Canadian English. A Sociolinguistic Perspective. Routledge, New York/Milton Park 2015, ISBN 978-0-415-53537-3, S. 127.

Die dritte Einwanderungswelle hat jedoch bereits den Status des Englischen in Kanada an sich verändert, denn für knapp die Hälfte der Kanadier ist es nicht mehr die Muttersprache. Kanada ist damit einerseits ein Land, in dem Englisch offizielle Amtssprache und Erstsprache vieler Einwohner ist, vergleichbar mit Großbritannien oder den USA. In der Linguistik wird Kanada damit zum Inner Circle der englischsprachigen Länder gezählt. Andererseits hat Kanada einen hohen Anteil an Sprechern von Englisch als Zweitsprache. So haben nach dem Zensus von 2016 nur etwa 56 Prozent der Einwohner Kanadas Englisch als Erstsprache, und diese Zahl ist seit 2011 gesunken. Neben dem frankophonen Englisch, das von ca. 7 Millionen Kanadiern gesprochen wird, die Französisch als Muttersprache haben, findet man Englisch als Zweitsprache von einer halben Million von Kanadiern mit Chinesisch als Muttersprache, sowie einer weiteren halben Million Sprechern mit arabischen Dialekten als Erstsprache und noch einer halben Million Panjabi-Sprechern. Neben diesen großen sprachlichen Gruppierungen beheimatet Kanada außerdem 250 weitere sprachliche Minderheiten, die Englisch als Zweitsprache sprechen. Diese soziolinguistische Situation in Kanada ist einzigartig unter den englischsprachigen Ländern.Stefan Dollinger: Creating Canadian English. Cambridge University Press, Cambridge 2019, ISBN 978-1-108-70875-3, S. 18–19.

Geografische Verteilung mini|Geografische Verteilung der englisch- und französischsprachigen Kanadier in 2006

Offizieller Status Englisch ist neben Französisch eine der Amtssprachen Kanadas. Laut einer Volkszählung aus dem Jahr 2016 verwenden von den ca. 34 Millionen Einwohnern Kanadas etwa 19 Millionen (ca. 56 % der Gesamtbevölkerung) Englisch als ihre Muttersprache und insgesamt 26 Millionen Kanadier (76 %) können Englisch sprechen. Etwa sieben Millionen Kanadier haben Französisch als Muttersprache, der Rest verteilt sich auf europäische, asiatische und lateinamerikanische Sprachen sowie die Sprachen kanadischer Ureinwohner.