Flevum ist der Name einer römischen Garnison mit befestigter Hafenanlage an der Nordsee. Das heutige Bodendenkmal liegt auf dem Gebiet der Stadt Velsen in der niederländischen Provinz Nordholland. Dort wurden seit 1945 die Reste einer solchen Anlage ausgegraben, die dem bei diversen antiken Schriftstellern erwähnten Flevum entspricht. 350px|mini|Lokalisation der Anlage von Flevum (roter Punkt) Germania inferior unweit von Fectio. Während der Augusteischen Germanenkriege Lage, Quellen und Forschungsgeschichte Flevum liegt rund 1.500 m (Velsen 1Velsen 1 bei ) bzw. 750 m (Velsen 2Velsen 2 bei ) südöstlich von Velsen-SüdVelsen-Zuid bei entfernt, der Nachfolgesiedlung des mittelalterlichen Velsens. Die römischen Lager befanden sich in antiker Zeit am südlichen Ufer des Oer-IJ, das rund sieben Kilometer weiter westlich, beim heutigen IJmuiden in die Nordsee mündete. Das Oer-IJ war über die Utrechtse Vecht bei Fectio mit dem Oude Rijn verbunden. Dieser nördlichste Zweig des Rheindeltas bildete in der frühen Zeit der römischen Okkupation die Nordgrenze des Imperiums. Im heutigen Siedlungsbild befindet sich die Fundstelle von Velsen 1 unmittelbar südlich des Nordseekanals. Die westliche Hälfte des Areals wird von der niederländischen Autobahn Rijksweg 9 durchschnitten, kurz bevor diese den Kanal untertunnelt. Das Fundgebiet von Velsen 2 liegt rund 750 m nordwestlich davon, ebenfalls südlich des Nordseekanals und unmittelbar südlich der Kraftfahrstraße N202 sowie unmittelbar östlich des Rijkswegs 22. Im Gelände ist nichts mehr zu sehen.

Flevum, auch Phleum () ist ein Ortsname, der in der Geographike Hyphegesis des Claudius PtolemaiosPtolemaios: Geographike Hyphegesis 2, 11, 12 (um 100 bis nach 160) als einer der im Westen der Germania magna nördlich an der Meeresküste liegenden Orte () mit 28° 45′ Länge (ptolemäische Längengrade) und 54° 45′ Breite angegeben wurde.

Der südlich der Garnison gelegene See L.[acus] Flevus wurde durch Sturmfluten wie die Erste Marcellusflut (1219) zur Nordseebucht Zuiderzee.

Pomponius Mela nannte Flevo in seiner um 43/44 erschienenen Schrift De chorographia libri tres.

Bei Plinius dem Älteren (23/24 bis 79 n. Chr.) fand Flevum in der Naturalis historia (4,101) Erwähnung.

In Tacitus’ (um 58 bis um 120) Annalen (4,72) wurde Flevum im Zusammenhang mit einem Aufstand der Friesen im Jahr 28 n. Chr. erwähnt.

Bereits 1943 – ohne dass zu diesem Zeitpunkt archäologische Befunde vorlagen – gab es die Spekulation, dass die römische Garnison Flevum im Gebiet von Velsen zu suchen sei. 1945 wurden dann (in einem deutschen Panzergraben des Zweiten WeltkriegsThe early Roman defended harbours of Velsen 1 im The NAVIS II project auf der Webpräsenz des Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) in Mainz, abgerufen am 3. Juli 2017.) die ersten Funde in Velsen 2 gemacht, Prospektionen in den Jahren 1952 bis 1957 und systematische Ausgrabungen 1964 und 1970 brachten zwar keine zufriedenstellenden Befunde, aber eine ganze Reihe von Funden ans Tageslicht.Arjen V. A. J. Bosman, Maarten de Weerd: Velsen. The 1997 Excavations in the Early Roman Base and a Reappraisal of the Post-Kalkriese Velsen/Vechten Dating Evidence. In: Frank Vermeulen, Kathy Sas, Wouter Dhaeze (Hrsg.): Archaeology in Confrontation. Aspects of Roman Military Presence in the Northwest. Studies in Honour of Prof. Em. Hugo Thoen (= Archaeological Reports Ghent University (ARGU). 2). Academia Press, Ghent 2004, ISBN 90-382-0578-3, S. 33f. Besser war die Situation im Bereich von Velsen 1, das zwar später als Velsen 2 entdeckt wurde, das aber in den Jahren 1972 bis 1994 großflächig erforscht werden konnteArjen V. A. J. Bosman, Maarten de Weerd: Velsen. The 1997 Excavations in the Early Roman Base and a Reappraisal of the Post-Kalkriese Velsen/Vechten Dating Evidence. In: Frank Vermeulen, Kathy Sas, Wouter Dhaeze (Hrsg.): Archaeology in Confrontation. Aspects of Roman Military Presence in the Northwest. Studies in Honour of Prof. Em. Hugo Thoen (= Archaeological Reports Ghent University (ARGU). 2). Academia Press, Ghent 2004, ISBN 90-382-0578-3, S. 32f. und 1996/1997 erneut untersucht wurde.Arjen V. A. J. Bosman, Maarten de Weerd: Velsen. The 1997 Excavations in the Early Roman Base and a Reappraisal of the Post-Kalkriese Velsen/Vechten Dating Evidence. In: Frank Vermeulen, Kathy Sas, Wouter Dhaeze (Hrsg.): Archaeology in Confrontation. Aspects of Roman Military Presence in the Northwest. Studies in Honour of Prof. Em. Hugo Thoen (= Archaeological Reports Ghent University (ARGU). 2). Academia Press, Ghent 2004, ISBN 90-382-0578-3, S. 34–36.

Archäologische Befunde und Garnisonsgeschichte Flevum gliedert sich in zwei Hauptphasen (Velsen 1 und Velsen 2), wobei die ältere Phase Velsen 1 noch einmal unterteilt wird (Perioden 1a bis 1c sowie Perioden 2a und 2b).

Velsen 1 (15±1 bis 28 u. Z.) Die Funde der älteren Phase Velsen 1 datieren in die Zeit von 15±1 bis 28 n. Chr.

Periode 1a (15±1 u. Z.) Als Periode 1a wurde das erste Kastell bezeichnet, das eher ein einfaches und temporäres Baulager war. Sein Grundriss war mehr oder weniger dreieckig und bedeckte eine Fläche von rund einem Hektar. Die Verteidigungsanlagen bestanden hauptsächlich aus einem Erdwall mit einem vorgelagerten, einfachen Graben. Eine Holzpalisade mit einem Holztor verteidigte den östlichen Teil des Flussufers. Dieses Lager hatte noch keine Hafenfunktionen, obwohl Schiffe auf dem sanft abfallenden Flussufer liegen konnten. Kurz darauf, in einer Übergangszeit zwischen den Perioden 1a und 1b (Periode 1a/1b), wurde der Holzzaun mit einem verstärkten Tor versehen. Dieses Hafentor gewährte Zugang zu einem kurzen offenen Steg, an dem größere Schiffe be- und entladen werden konnten, so dass sie nicht mehr aufs Land gezogen werden mussten. Die Periode 1a ist numismatisch auf die Zeit von 14 bis 16 n. Chr. datiert und fällt damit in die Zeit der Offensiven des Germanicus, der wenige Jahre nach der clades Variana mehrere Vergeltungskampagnen in Germanien durchführte und wohl auch versuchte, das Land erneut und längerfristig zu erobern. Möglicherweise diente das Lager als Basis während dieser Feldzüge.Jona Lendering: auf livius.org (englisch), abgerufen am 5. Juli 2017.

Periode 1b (16 bis 22 u. Z.) In der Periode 1b ersetzte ein dauerhafteres Kastell von ähnlichem Grundriss das bisherige Lager. Die neuen Verteidigungsanlagen folgten fast genau dem Verlauf der vorherigen. Der Erdwall wurden nun durch einen kastenartige Konstruktion, eine so genannte Holz-Erde-Mauer ersetzt, die aus zwei parallelen Holzwänden bestand, die in einen Fundamentgraben eingelassen und miteinander verstrebt waren. Der etwa drei Meter breite Raum zwischen den Holzwänden wurde mit dem Aushubmaterial aus dem vorgelagerten Graben gefüllt. Die Holz-Erde-Mauer war mit einfachen Holztürmen versehen und vermutlich mit einem oder mehreren einfachen Toren, deren Grundriss nicht von dem der Türme zu unterscheiden war. Der östliche Uferbereich wurde nun ebenfalls mit einer (etwas schmaleren) Holz-Erde-Mauer versehen. In dieser Zeit wurden auch umfangreichere Hafenanlagen errichtet, die aus drei Molen (Westpier, Nordpier und Ostpier) und einer einzelnen Schiffshalle,David Blackman, Boris Rankov, Kalliopi Baika, Henrik Gerding, Jari Pakkanen: Shipsheds of the Ancient Mediterranean. Cambridge University Press, New York 2013, ISBN 978-1-107-00133-6 (Seitenzahl fehlt). die mit einer Breite von 6,1 m und einer Länge von 22,1 m eine kleine Galeere hätte aufnehmen können.

Periode 1c (22 bis 25 u. Z.) Nach nur wenigen Jahren machten sich die durch den Fluss längs des Kastells verursachten Erosionen bemerkbar und führten zu einer dadurch notwendig gewordenen Änderung der Hafenanlage. Die teilweise weggespülte Schiffshalle wurde rund 30 Meter nach Süden versetzt und durch eine ähnliche Konstruktion von nahezu gleichen Abmessungen (6,4 m × 20,5 m) ersetzt. Das Kastell selbst scheint unverändert geblieben zu sein, abgesehen von einigen Reparaturen und kleineren Modifikationen. Am nordwestlichen Ende der Verteidigungsanlagen war beispielsweise ein Teil des ehemaligen Grabens durch die Erosion so sehr verbreitert worden, dass er mit einer schützenden Verkleidung versehen in ein Hafenbecken umgewandelt werden konnte. Im Westen des Kastells weisen die Überreste eines einzelnen Grabens, der parallel zum Flussufer verlief, auf einen umwehrten Arbeitsbereich außerhalb des Lagers.

Besonderes Interesse verdient ein kleines, befestigtes Lager auf der anderen Seite des Flusses, gegenüber dem Hauptlager. Es war mit einem kleineren Hafenbecken versehen, so dass hier Schiffe im feindlichen Territorium relativ sicher ankern konnten. Solche kleinen Brückenkopfkastelle sind ansonsten nur aus der spätantiken Zeit bekannt, als es längs des Rheins, der Iller und der Donau solche Anlagen gab, die den Römern erlaubten, Truppen an germanischen Ufern anzulanden. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieser Brückenkopf erst in der Periode 2 errichtet wurde oder zumindest in dieser noch in Gebrauch war.

Periode 2a (25 u. Z.) Das Kastell der Perioden 1b/1c wurde möglicherweise für eine kurze Zeitspanne aufgegeben. Die zweite Periode begann wiederum mit einem Baulager. Die Verteidigungsanlagen hatten diesmal einen ovalen Grundriss und bestanden wieder aus einem Erdwall mit einem einzelnen vorgelagerten Graben. Die Hafenanlagen aus der vorherigen Periode (mit Ausnahme der Schiffshalle) sowie die Holz-Erde-Mauer längs der östlichen Uferpromenade wurden in das neue Lager integriert.

Periode 2b (25 bis 28 u. Z.) In der Periode 2b erhielt die Festung ihre endgültige Trapezform. Im Osten folgten die Verteidigungsanlagen denen der Periode 2a, aber westwärts wurden sie bis zur Linie der westlichen Holz-Erde-Mauer der Periode 1b/1c verlängert. Die neue Verteidigungsanlage bestand aus einem Erdwall mit Holztürmen und mindestens einem doppelflügeligen Holztor im Westen. Die Anlage war nun von drei Gräben umgeben.

Die gesamte Ufergestaltung blieb unverändert. Im Hafen ersetzten offenen Anlegestellen die massiven Molen aus der Periode 1. Hinzu kam eine zusätzliche Anlegestelle östlich außerhalb der Umwehrung. Diese neue Anlegestelle wurde von einer stabilen, hölzernen Plattform aus kontrolliert, die an das östliche Ende des Erdwalls angefügt wurde. Im Westen (und vielleicht auch im Süden und Osten) der Garnison wurde ein neuer Einzelgraben ausgehoben, durch den ein größerer, geschützter Arbeitsbereich entstand, in dem zum Beispiel Schiffsreparaturen vorgenommen werden konnten. Ferner wurde ein vierter Schiffsanleger und eine neue, diesmal doppelt so große (12,2 m × 29,7 m) Schiffshalle errichtet. Auffällig ist ein großer Brunnen mit einem Grundriss von drei mal drei Metern. Von diesem Brunnen aus wurde frisches, sauberes Wasser zur Schiffshalle geleitet.