Der Schwarze Schwan ist ein von 1961 bis 1964 geschriebenes Drama von Martin Walser, welches vor dem Hintergrund der in Frankfurt geführten Auschwitz-Prozesse geschrieben wurde. Es erschien 1964 im Suhrkamp Verlag und wurde am 16. Oktober 1964 am Württembergischen Staatstheater in Stuttgart uraufgeführt. Das Stück handelt von dem Sohn eines ehemaligen KZ-Arztes, der seinen Vater mit dessen Vergangenheit durch ein Rollenspiel konfrontiert, welches Parallelen zu Hamlet aufweist. Es befasst sich hauptsächlich mit dem Thema der Vergangenheitsbewältigung und führt unterschiedliche Gedächtnismodelle vor. Zudem behandelt es die Frage, ob auch die Söhne der Täter zu den Taten ihrer Väter imstande gewesen wären, wäre es an ihnen gewesen.
Entstehung Das Drama „Der Schwarze Schwan“ ist nach dem 1962 fertiggestellten Stück „Eiche und Angora“ das zweite von Walsers drei geplanten „Stücke[n] aus einer deutschen Chronik“,Martin Walser: „Der Schwarze Schwan“. In: Theater 1964 – Chronik und Bilanz eines Bühnenjahres (Sonderheft) (1964). 5. Jg., S. 65–80, hier: S. 67. von dem das dritte Stück, „Das Pferd aus Berlin“, unentwickelt blieb.Vgl. Anthony Edward Waine: Martin Walser. The Development as Dramatist 1950–1970. 1. Auflage. Bonn 1978, S. 173. Stattdessen schrieb Walser 1995 das Stück „Kaschmir in Parching“. Walser bezeichnet die drei Stücke nicht als Trilogie, obwohl sie durch die Zeitgeschichte zusammenhängen. Bei den genannten Stücken sollen die „Zeitgenossen […] eingeladen werden, das Miteinander anzuschauen, was sie miteinander und gegeneinander bewirkten“.Martin Walser: „Der Schwarze Schwan“. In: Theater 1964 – Chronik und Bilanz eines Bühnenjahres (Sonderheft) (1964). 5. Jg., S. 65–80, hier: S. 67. Alle drei Stücke befassen sich mit dem Unvermögen, die Vergangenheit zu bewältigen und mit der Schuld umzugehen. In „Eiche und Angora“ geht es um das Beteiligtsein an den „Untaten der Nazizeit“,Gerald A. Fetz: Martin Walser. Stuttgart 1997, S. 82. während „Der Schwarze Schwan“ von der Verdrängung der Vergangenheit und dem Umgang der nächsten Generation mit dieser handelt. In seinem dritten Stück ähnlicher Thematik wird der angemessene Umgang mit der Vergangenheit des Nationalsozialismus diskutiert.
Die Entstehung des Dramas „Der Schwarze Schwan“ lässt sich als eher langwierig beschreiben. Bereits um 1957/1958, nachdem er „Ehen in Philippsburg“ fertiggestellt hatte, begann Martin Walser mit seinem neuen Stück. Der erste ernsthafte Entwurf entstand 1961. Fertiggestellt wurde das Stück schließlich 1964.Vgl. Waine: Martin Walser. 1978, S. 198. Am 16. Oktober 1964 wurde „Der Schwarze Schwan“ am Württembergischen Staatstheater uraufgeführt, an dem damals Peter Palitzsch sowie Hellmuth Karasek tätig waren, die gemeinsam mit Walser an der Produktion seines Stückes arbeiteten.Vgl. Waine: Martin Walser. 1978, S. 106. Dies lässt sich auch Walsers Tagebüchern entnehmen, in denen er Zusammenkünfte mit diesen erwähnt.Vgl. Martin Walser: Leben und Schreiben. 1963–1973. 1. Auflage. Reinbek bei Hamburg 2007, S. 105, 112.
In der Entwicklung seines Werkes gedachte Walser, dieses vorerst „Gedächtnisse“ zu nennen, da es „ein paar Arten von Gedächtnis“ zeigt,Martin Walser: Der Schwarze Schwan. In: Theater 1964 – Chronik und Bilanz eines Bühnenjahres (Sonderheft) (1964). 5. Jg., S. 65–80, hier: S. 67. nannte es allerdings schließlich später „Der Schwarze Schwan“.Vgl. Caroline Welsh: „Nachwirkungen des Nationalsozialismus. Mechanismen der Schuldübertragung auf die Kinder der Täter und ihre erinnerungskulturellen Funktionen in Martin Walsers Drama ‚Der Schwarze Schwan‘“. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 37 (2012), S. 1–29, hier: S. 10. Der Titel ist im Theaterstück die Antwort eines SS-Mannes auf die Frage des jungen Rudi, was SS bedeute (vgl. S. 285; I,4).Zitiert aus: Helmuth Kiesel: Martin Walser. Werke in zwölf Bänden. Frankfurt am Main 1997. Allerdings wurde nicht nur der Titel des Stücks geändert, sondern „[p]raktisch ist nur die Nervenheilanstalt als Rahmen gleichgeblieben“.Walser, 13. März 1972. Brief an Waine zitiert aus: Waine: Martin Walser, S. 387. Zudem unterscheidet sich das Ende der Erstfassung, die lediglich in einer Sonderausgabe der Zeitschrift Theater heute erschien, vom Ende der revidierten Fassung. Die erste Fassung endet damit, dass Liberé die Klinik verlässt, um sich den Autoritäten zu stellen,Martin Walser: Der Schwarze Schwan. In: Theater 1964 – Chronik und Bilanz eines Bühnenjahres (Sonderheft) (1964). 5. Jg., S. 65–80, hier: S. 80. während er sich in der überarbeiteten Version doch gegen einen öffentlichen Prozess entscheidet, obwohl er nicht in der Lage ist, seine Entscheidung zu begründen (vgl. S. 325; II,7).
Handlung Das Stück spielt in einer psychiatrischen Klinik namens Karwang und handelt von dem rund zwanzigjährigen Rudi Goothein, dem Sohn eines ehemaligen KZ-Arztes, und dessen Umgang mit der Vergangenheit seines Vaters in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Vor der eigentlichen Handlung des Stücks stößt Rudi durch Zufall auf einen Brief, adressiert an das KZ Groß-Rosen, unterzeichnet von Rudolf Goothein, in dem es um die Deportation von Häftlingen geht. Obwohl Rudi aufgrund des Datums auf dem Brief unmöglich als Unterzeichner des Briefes in Frage kommt, nimmt er dennoch die Rolle des Schuldigen ein. Da sein Vater den gleichen Namen trägt wie er, weiß Rudi nun über die Mitschuld seines Vaters während des Nationalsozialismus Bescheid und versucht ihn zu einem Geständnis zu provozieren, indem er sich selbst als Schuldigen bezeichnet.
Sein Vater weist ihn in die psychiatrische Anstalt Karwang ein, dessen Leiter ein Freund und ebenfalls ehemaliger KZ-Arzt, Liberé, ist, womit das Stück beginnt. Liberé fürchtet, dass Rudi die Lüge der fiktiven Vergangenheit in Indien aufdecken könne, die er sich für seine Tochter Irm erdacht hat, da die beiden Kinder gemeinsam in der Nähe des KZs aufgewachsen sind, in dem ihre beiden Väter als Ärzte eingesetzt waren. Dennoch wird Rudi Patient in Karwang.
Liberé erkennt, dass Rudi nicht wirklich glaubt, der Verfasser des Briefes und somit schuldig zu sein, sondern dass er die Rolle lediglich spiele, um ihn und Goothein zu einem Geständnis ihrer Taten zu drängen. Er fordert ihn auf, seinem Vater den Brief zu zeigen, was Rudi allerdings verweigert.
In einem Gespräch mit Irm erzählt Rudi von seiner Kindheit, während Irm Details ergänzt, die Rudi nicht erwähnt hat. Sie erkennen, dass sie zusammen aufgewachsen sind und erinnern sich an ein Rollenspiel von damals, bei dem Rudi einen SS-Mann spielte, der über das Leben des Mädchens entscheiden konnte. Irm wird bewusst, dass sie dieses Mädchen ist, von dem Rudi spricht. Später erfährt sie, dass ihr eigentlicher Name Hedi ist.
Da bis hierhin weder Goothein noch Liberé auf Rudis Provokationen reagiert haben, inszeniert dieser mit vier Patienten der Anstalt ein Theaterstück, welches den Aufstieg eines ehemaligen KZ-Arztes von seiner Heimkehr aus dem Krieg bis zum Erfolg als Geschäftsmann darstellt. Doch auch auf das Stück zeigt keiner der beiden Väter die erhoffte Reaktion.
Rudi wendet sich daraufhin erneut an Irm und bittet sie, eine Pistole auf sie richten zu dürfen, um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, ob er wie sein Vater ebenfalls zum Täter werden könnte. Ihr gemeinsamer Selbstmord soll zudem verhindern, dass sie „an den Grausamkeiten der nächsten Generation“ teilnehmen müssen. Irm allerdings will lieber vergessen und weigert sich Rudi zu helfen. Daraufhin kommt Tinchen, welche gemeinsam mit Rudi zu Liberés Baum, einer siebenstämmigen Thuja, geht, wo sie eine Sonnwendfeier begehen möchte.
Während alle anderen sich im Wohnzimmer der Liberés unterhalten, begeht Rudi an der Thuja Selbstmord. Als Tinchen ihnen davon berichtet, entscheidet Liberé sich zunächst dazu, sich öffentlich zu stellen, nimmt dann aber seine Entscheidung sofort wieder zurück, was von seiner Familie akzeptiert wird, sodass ihre Lebenslüge aufrechterhalten werden kann. Goothein verlässt die Klinik in der Überzeugung, dass Liberé die Schuld am Selbstmord seines Sohnes trägt.Vgl. Martin Walser: Der Schwarze Schwan. Deutsche Chronik. Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag 1964.
Personenübersicht
Rudi Rudi, der Hauptcharakter des Stückes, ist ein Vertreter der jüngeren Generation, der es nicht schafft, mit der Vergangenheit seines Vaters zurechtzukommen. Als er von der Schuld seines Vaters erfährt, weigert er sich, sein bisheriges Leben weiterzuleben. Er verweigert, sein Abiturzeugnis entgegenzunehmen und seine Verlobung zu feiern, bis ihm der Prozess als Naziverbrecher gemacht wird, dessen Rolle er beginnt zu spielen. Daraufhin lässt sein Vater ihn in die psychiatrische Klinik einweisen. Durch sein Rollenspiel erhofft Rudi sich, Goothein und Liberé zu einem Geständnis ihrer Taten zu provozieren. Zudem führt er ein selbst inszeniertes Theaterstück auf und liest den Vätern den von Goothein geschriebenen Brief vor. Bereits als Kind hat Rudi gelernt, bestimmte Rollen einzunehmen, die er sich bei anderen abgeschaut hat, wie beispielsweise die eines SS-Mannes, der über das Leben anderer entscheiden konnte (vgl. S. 317; II,7).
Obwohl er mit seinem Handeln seinen Vater sowie Liberé zum Reden über die Vergangenheit zu bringen versucht, äußert er gegenüber Irm, die damaligen Taten seien nicht zu verstehen. Er spricht von einer Art Tötungsbürokratie, die es den Tätern unmöglich machte, ihr Handeln in vollem Maße zu begreifen (vgl. S. 315; II,7). Dennoch schafft Rudi es nicht, die Vergangenheit zu verdrängen und stellt sich immer wieder die Frage, ob er an der Stelle seines Vaters ebenfalls zum Schuldigen geworden wäre. Dies möchte er überprüfen, indem er eine Pistole auf Irm richtet, um zu sehen, ob er in der Lage wäre abzudrücken. Anschließend will Rudi sich selbst erschießen (vgl. S. 315; II,7), da er fürchtet, wenn er weiterlebte, „an den Grausamkeiten der nächsten Generation“ (S. 318; II,7) teilzunehmen. Lieber möchte er „die Kinder der Mörder aus[rotten]“ (S. 318; II,7). Am Schluss des Stückes begeht Rudi tatsächlich Selbstmord, allerdings ohne vorher jemand anderen zu erschießen (vgl. S. 323; II,7).
Der Charakter Rudi Goothein erinnert an Alois aus „Eiche und Angora“, da auch dieser ein „zerbrochener Mensch“Werner Mittenzwei: Nachwort: „Der Dramatiker Martin Walser“. In: Drei Stücke, S. 285–308, hier: S. 287. ist, der am Ende versagt. Beide Figuren versuchen, die Umstände der Gesellschaft zu ändern, müssen jedoch am Ende erkennen, dass sie damit scheitern und die Gesellschaft unverändert bleibt.
Liberé Der Leiter der Anstalt, der eigentlich Leibnitz heißt, hat seinen Namen ironischerweise zu Liberé geändert, um sich von seiner Vergangenheit als Arzt im KZ zu distanzieren, in der er sich an den Massenmorden des Nationalsozialismus schuldig machte. Er hat sich mit seiner Familie ein neues Leben in der Abgeschiedenheit seiner psychiatrischen Klinik aufgebaut, in welcher er abgeschottet vom Rest der Welt lebt. Einerseits hilft ihm das Leben in der Anstalt dabei, seine erfundene Vergangenheit in Indien aufrechtzuerhalten, mit der er nicht nur sich, sondern auch seine Tochter schützen will (vgl. S. 263; I,1). Andererseits ist es eine Art selbst auferlegter Haft für ihn, mit der er seine Schuld zu büßen versucht. Er führt Häftlingsarbeiten wie das Herstellen von Schneebesen aus, isst aus Blechgeschirr und hat an seiner Schlafzimmertür „Beschläge wie eine Zellentür“ (S. 262; I,1), um für ein Leben im Zuchthaus vorbereitet zu sein. Liberé äußert selbst am Ende des Stücks, dass ihn „Bußattrappen“ und ein „Gedächtnisgips“ (S. 325; II,7) immer wieder an seine Schuld erinnern sollten.