miniatur|Selbstporträt Jean Fouquets. Emaillemedaillon, ursprünglich auf dem Rahmen des Diptychons von Melun (um 1455).

Jean Fouquet (* um 1420 in Tours; † zwischen 1478 und 1481) war ein vor allem in Paris tätiger Buch- und Tafelmaler des 15. Jahrhunderts. Möglicherweise wurde er bei dem wohl in Nantes ansässigen sogenannten Jouvenel-Meister ausgebildet. Zwischen 1445 und 1447 bereiste Fouquet Italien. Seit den 1450er Jahren stand er im Dienst König Karls VII. und Ludwigs XI., dessen Hofmaler er 1475 wurde. Zu seinen Auftraggebern zählten zahlreiche hohe Beamte des Staates. Seit den 1460er Jahren sind in den von Fouquet illustrierten Handschriften Mitarbeiter nachweisbar, die auf eine leistungsstarke Werkstatt hinweisen. Bis 1478 ist Jean Fouquet in Tours nachweisbar, 1481 wird er dort als verstorben bezeichnet.

Leben

Jugend und frühe Jahre mini|Das Bildnis des Hofnarren Gonella gilt als frühestes Werk Fouquets (Wien, Kunsthistorisches Museum, vermutlich zwischen 1439 und 1446).

Jean Fouquet wurde zwischen 1415 und 1422 in Tours geboren. Seinen Geburtsort bezeugt gegen 1500 François Robertet, Sekretär des königlichen Schwiegersohnes Pierre de Beaujeu, im Kolophon einer von Fouquet illustrierten Handschrift der Antiquités judaïques.„Jean Fouquet, natif de Tours“ in Paris, Bibliothèque nationale de France, ms. fr. 247, nouv. acqu. 21013, zitiert nach C. Schaefer 1994, S. 352. Das Jahr seiner Geburt lässt sich dagegen nur grob durch die Datierung seiner ersten Bilder und durch ein Selbstporträt Fouquets auf dem Rahmen des um 1455 entstandenen Melun-Diptychons abschätzen.

Fouquets Ausbildung und sein Frühwerk sind Gegenstand einer jahrzehntealten wissenschaftlichen Kontroverse,Besonders Paul Durrieu: La question des œuvres de jeunesse de Jean Fouquet. In: Recueil de mémoires publié par la Société nationale des Antiquaires de France à l'occasion de son centenaire. Paris 1904, S. 111–119 und E. König 1982. die bis heute nicht beendet ist. Lange Zeit wurden die Buchillustrationen des sogenannten Jouvenel-Meisters Fouquet zugeschrieben, inzwischen werden beide Künstler unterschieden. Besonders Eberhard König hat sich um die Händescheidung der stilverwandten Werke bemüht und hält eine Lehre Fouquets bei dem möglicherweise in Nantes ansässigen Jouvenel-Meister für wahrscheinlich.König 1982. Die ältere, Paul Durrieu folgende Fouquet-Forschung, die auch heute noch Anhänger hat, nimmt dagegen an, dass dieser seine Ausbildung in Paris erhielt, möglicherweise beim sogenannten Bedford-Meister. Claude Schaefer hat die Hypothese aufgestellt, dass Fouquet bei dem Hofmaler Jacob de Litemont gelernt haben könnte.Schaefer 1994, S. 21.

Frühe Buchmalereien Fouquets haben sich bisher nicht nachweisen lassen und es erscheint fraglich, ob er überhaupt Illustrationen vor seiner Italienreise ausführte oder zunächst ausschließlich Porträts malte. Er dürfte allerdings mit älteren Werken in den Bibliotheken von Tours und Bourges vertraut gewesen sein. Insbesondere die Illustrationen des Boucicaut-Meisters und des Bedford-Meisters weisen stilistische Ähnlichkeiten zu späteren Arbeiten Fouquets auf. Dass dieser später für Etienne Chevalier Illustrationen des Boucicaut-Meister retuschierte, fügt sich in diese Verflechtungen ein.

Als frühestes erhaltenes Werk Fouquets gilt ein Porträt des Hofnarren Gonella,Zuschreibung seit O. Pächt, Die Autorschaft des Gonella-Bildnisses. In: Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung in Wien, 1974, S. 39–88. dessen Entstehung noch vor seiner Italienreise angenommen wird. In der Stilanalyse zeigt sich eine intensive Auseinandersetzung mit der Porträtkunst der niederländischen Meister, etwa Jan van Eycks.Vgl. Otto Pächt 1974 oder Claude Schaefer oder Schaefer 1994, S. 21ff. Wie die Porträts der Flamen weist das Bildnis des Narren einen geradezu überspitzten Realismus auf. Welcher Art Fouquets Verbindungen zur Kunst der südlichen Niederlande waren, ob er etwa den Genter Altar des Jan van Eyck oder dessen Porträts aus eigener Anschauung kannte, lässt sich nicht belegen.

Als wichtiger Einfluss auf Fouquets Behandlung von Licht und Farbe kommt auch die Glasmalerei in Betracht, besonders die der Kathedralen von Tours und Bourges. Ebenso wichtig können bemalte Freiplastiken gewesen sein. Über Fouquet selbst ist bekannt, dass er die von Litemont gestaltete Totenmaske Karls VII. bemalte.Schaefer 1994, S. 277 u.ö. Genau können solche Abhängigkeiten freilich nicht untersucht werden, da sich kaum farbige Fassungen von Skulpturen erhalten haben.

Italienreise miniatur|Kopie von Fouquets Porträt Eugens IV. im Kloster Santa Maria sopra Minerva in Rom. Im 17. Jahrhundert wurde das heute nicht mehr existierende Gemälde ersetzt.

Fouquet reiste als junger Maler nach Rom und eröffnete damit die Tradition der Italienfahrten großer Künstler. Ob er die kostspielige und aufwändige Reise als Begleiter einer diplomatischen Mission antrat oder sie aus persönlichen Gründen unternahm und privat finanzierte, ist nicht geklärt.Eine Abwägung der in der Forschung vorgebrachten Theorien findet sich bei Schaefer 1994, S. 18. 1445 wird als frühester Zeitpunkt für Fouquets Romreise angesehen, da dessen späteres Werk Einflüsse Fra Angelicos aufweist,Vgl. Schaefer 1994, S. 18. der seit dem Mai dieses Jahres in Rom arbeitete.

Fouquet malte auf Leinwand ein heute nicht mehr erhaltenes Porträt des Papstes Eugen IV. mit zwei Vertrauten. Das Bildnis befand sich über der Tür der Sakristei des Klosters Santa Maria sopra Minerva, in dem auch Fra Angelico wohnte. Um einen solchen Auftrag zu erhalten, verfügte Fouquet sicherlich bereits über die Anerkennung eines Künstlers, der die in Italien bewunderte virtuose und naturgetreue Porträtmalerei der Südniederländer beherrschte.

Außer Fra Angelico lernte Fouquet nachweislich Filarete kennen, der ihn noch Jahre später als buen maestro maxime a retrarre del naturale pries.Schaefer 1994, S. 27. Zweifelsohne traf Fouquet auch moderne italienische Künstler wie Benozzo Gozzoli, Brunelleschi oder Donatello und studierte zumindest ältere wie Masaccio.

Ein anderer bedeutender, in späteren Buchillustrationen häufig wiederkehrender Eindruck waren die antiken und zeitgenössischen Bauten Roms und Florenz', das er auf der Hin- und Rückreise besucht haben muss. Besonders in Florenz konnte er die neuen Entwicklungen der italienischen Frührenaissance aufnehmen. Die Skizze nach der Natur, die Fouquet in der französischen Kunst seiner Zeit eine isolierte Stellung eintrug, wird er auch für das Antikenstudium genutzt haben. Da Fouquet beispielsweise in den Illustrationen zum sogenannten Livius der Sorbonne eine detailgetreue Wiedergabe des Forum Romanum als Bildhintergrund malte, muss er auf seiner Italienreise Skizzen- bzw. Musterbücher angelegt haben.

1448 pachtete Fouquet in Tours einen dem Kapitel von St. Martin gehörenden Wohnturm. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss er also nach Frankreich zurückgekehrt sein.

Aufträge im Umkreis König Karls VII. Die meisten erhaltenen Bilder und Buchmalereien Fouquets entstanden zwischen 1450 und 1460 und fallen damit in die Zeit zwischen seiner Rückkehr nach Frankreich und dem Tod König Karls VII. (22. Juli 1461). In diesem Zeitraum dürfte Fouquet auch geheiratet haben. Die Auftraggeber Fouquets entstammen dem hohen Dienstadel am Hof Karls VII.

In den 1450er Jahren schuf er für den königlichen Schatzmeister Étienne Chevalier zwei der herausragenden Werke der französischen Kunst im 15. Jahrhundert: Die Buchmalereien im sogenannten Stundenbuch des Étienne Chevalier und das großformatige Diptychon von Melun. Fouquet porträtierte seinen Auftraggeber in beiden Werken, jeweils in betender Haltung mit dessen Schutzpatron, dem heiligen Stephanus.

Auch Jean Bernard († 1466), Erzbischof von Tours und enger Vertrauter des Königs sowie der Anjous, scheint als Auftraggeber mit Fouquet freundschaftlich verbunden gewesen zu sein. Noch in seinem Testament bedachte er diesen mit einem Auftrag. Über hochstehende Auftraggeber wie Étienne Chevalier und Jean Bernard wird Fouquet am Hof des Königs eingeführt worden sein.

Das Stundenbuch des Étienne Chevalier 150px 150px Stundenbuch des Étienne ChevalierÉtienne Chevalier mit dem heiligen Stephanus im Gebet vor der thronenden Maria lactans.

Das sogenannte Stundenbuch des Étienne Chevalier wird nach Fouquets Rückkehr aus Italien angesetzt und wurde wahrscheinlich vor 1457 vollendet, da er ab dieser Zeit andere bedeutende Aufträge auszuführen hatte.So Schaefer 1994, S. 307. In den Miniaturen ist die Mitarbeit eines Gesellen sichtbar, ein Bild blieb unvollendet.Schaefer 1994, S. 307. Die Buchmalereien galten der Forschung wegen Fouquets meisterhafter Beherrschung der räumlichen Darstellung und Lichtführung sowie wegen der Lebendigkeit und Originalität der Miniaturen seit jeher nicht nur als ein Hauptwerk des Künstlers, sondern der Buchmalerei des 15. Jahrhunderts schlechthin.Stellvertretend E. König 1989, Sp. 676.

miniatur|links|Begräbniszug.

Das Stundenbuch blieb in der Familie Chevalier, bis es Ende des 18. Jahrhunderts verkauft und auseinandergeschnitten wurde, so dass heute nur noch 47 einzelne Miniaturen erhalten sind, von denen die meisten bis zum Bildrand beschnitten und auf Holztafeln aufgeklebt sind. Vierzig Blätter gelangten aus dem Besitz der Familie Brentano, die sie 1805 in Basel erworben hatte, in das Musée Condé im Schloss Chantilly. Sieben weitere Miniaturen befinden sich in der Bibliothèque nationale de France,n. a. lat. 1416. im LouvreDepartement des Arts graphiques, R.F. 1679. und im Musée Marmottan in Paris, in der Londoner British LibraryAdd. 37421. und in Upton HouseCollection Lord Bearsted. sowie im New Yorker Metropolitan Museum. Ein 1981 entdecktes Textblatt erlaubt die Rekonstruktion des Buches in groben Zügen.Schaefer 1994, S. 306–308.

Der Stifter ist auf dem Frontispiz ähnlich dem später entstandenen Diptychon von Melun gemeinsam mit Stephanus vor der thronenden Maria dargestellt und auf einer weiteren Miniatur als Betender bei der Grablegung Christi. Sein Name Maistre Estienne Chevalier und sein Monogramm sind an zahlreichen Stellen in die Illustrationen eingefügt.

Im Gegensatz zu späteren Handschriften führte Jean Fouquet alle oder doch fast alle Illustrationen eigenhändig aus. Dies ist ein Indiz für eine frühe Ansetzung der Handschrift, als Fouquet noch über keine leistungsstarke Werkstatt verfügte, und gleichzeitig ein Grund, warum die Miniaturen dieser Handschrift auf so durchgängig hohem Niveau ausgeführt sind.

Mehrere Miniaturen sind in innovativer Weise in zwei Bildfelder unterteilt. Das obere präsentiert dabei das Hauptmotiv, im unteren finden sich Nebenszenen oder auch Phantasiewesen, wie man sie in der gotischen Buchmalerei häufig in Randdrolerie findet.

Das Porträt König Karls VII. miniatur|Porträt Karls VII. (Paris, Louvre, um 1450).

Mit dem heute im Louvre hängenden Porträt Karls VII. – möglicherweise das erste offizielle Bildnis eines französischen Herrschers – scheint Fouquet um 1453 zum Maler des Königs aufgestiegen zu sein, sofern es ein Auftragswerk Karls war und nicht in dessen Umkreis entstand. Gegen einen persönlichen Auftrag des Königs spricht, dass ein solches Porträt unter normalen Umständen wohl vom Hofmaler Jacob de Litemont ausgeführt worden wäre. Immerhin bestellte Litemont selbst nach dem Tod des Königs 1461 Fouquet zur Kolorierung der von ihm angefertigten Totenmaske Karls, wie sich aus einer Abrechnung der Bestattungskosten erschließen lässt.Abgedruckt bei Schaefer 1993, S. 346.