Rationalismus ( Vernunft) bezeichnet verschiedene erkenntnistheoretische Strömungen und Projekte, die das reine Denken beim Erwerb und bei der Begründung von Wissen für vorrangig oder für allein hinreichend halten.
Allgemeine Begriffsbestimmung Der rationalistische Standpunkt versetzt sichere Erkenntnisse über die Wirklichkeit in den Bereich angeborener, a priori gegebener Ideen und damit außerhalb der sinnlich zugänglichen Erfahrung (Empirie), wohingegen Empiristen die Erfahrung als einzige Erkenntnisquelle zulassen.H. Busche, Rationalismus (philosophisch). Eintrag auf S. 848 in Lexikon für Theologie und Kirche, Band 8. (Herder) Freiburg, Basel, Rom, Wien 1999.P. Kunzmann, F.-P. Burkhard, F. Wiedmann, Philosophie. (dtv) München 71998: S. 103.G. Gawlick, Rationalismus I., hier in der Literatur:S. 44. Ein Rationalist setzt damit die Grenze des Wissens gegenüber dem Glauben weiter als ein Empirist. Irrationales fällt mit Übernatürlichem („Transobjektivem“) zusammen, gilt somit als „unbekannt, aber prinzipiell erkennbar“.W. Stache, Erkenntnistheorie. S. 57 f. in A. Diemer (Hrsg.), Philosophie. (Fischer) Frankfurt am Main 1958.
Die philosophische Position des Rationalismus ist, ebenso wie die des Empirismus, in der Geistesgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts entstanden. Als theologische Position wurde er zugleich in einer abwertenden Bedeutung verstanden, insofern damit Auffassungen einsichtig gemacht oder begründet wurden, die in ihrer Auslegung religiösen Traditionen und der christlichen Offenbarung entgegenstehen.E. Pahud de Mortanges, Rationalismus (theologisch). Eintrag auf S. 848 in Lexikon für Theologie und Kirche, Band 8. (Herder) Freiburg, Basel, Rom, Wien 1999.G. Gawlick, Rationalismus I., hier in der Literatur: S. 45 f.
Einzelne Begriffsbestimmungen In der Philosophiegeschichte wird Rationalismus im engeren SinneIm allgemeinen Sinne verstanden, können rationalistische Methoden und Bewertungen von Tatsachen bis in die antike Philosophie zurückverfolgt werden (so etwa die Bedeutung in R. Eisler (1904), hier unter Weblinks). Die Bezeichnung hier betrifft also den neueren oder klassischen Sinn von ‘Rationalismus’. meist als Etikett für Denker wie René Descartes, Baruch de Spinoza oder Gottfried Wilhelm Leibniz verwendet, um sie den Vertretern des (britischen) Empirismus (u. a. Thomas Hobbes, John Locke und David Hume, gelegentlich sogar George Berkeley) gegenüberzustellen.Für A. F. Chalmers ist Descartes der „erste klassische Rationalist der Neuzeit“, Locke „einer der frühen Empiristen der Neuzeit“. Zitiert aus Chalmers, Wege der Wissenschaft. Zweite deutsche Auflage, übersetzt und herausgegeben von N. Bergemann. (Springer) Berlin, Heidelberg, New York 1989: S. 117. Diese Etikettierungen sind zwar traditionell üblich, werden inzwischen aber von zahlreichen Philosophiehistorikern in Frage gestellt.Vgl. z. B. Louis E. Loeb: From Descartes to Hume, Continental Metaphysics and the Development of Modern Philosophy, Cornell University Press, Ithaca, New York 1981; Anthony Kenny (Hrsg.): Rationalism, Empiricism and Idealism, Oxford University Press, Oxford 1986; Peter J. Markie: Art. Rationalism, in: Routledge Encyclopedia of Philosophy, § 1. Diese Denker wandten rationalistische Prinzipien auch in anderen Bereichen der Philosophie, wie in der Metaphysik und der Ethik an. In der Spätaufklärung setzten katholische Denker rationalistische Methoden ein, um aus Dogmen komplexe Lehrsysteme zu errichten.
In anderen Kontexten der Philosophie wird Rationalismus auch systematisch, ohne zwingend historische Bezüge gebraucht: in der Epistemologie für Positionen, für die Wissen aus reiner Vernunft möglich ist (ein Vertreter dieser Position ist etwa Laurence BonJour); oder in der Metaethik für Positionen, die für moralisches Handeln verlangen, dass es nach rationalen Strukturen rekonstruierbar ist und dass ein moralisches Urteil von den Normen für moralische Begründungen abhängt. Abweichende Bedeutung nimmt der Begriff Rationalismus auch in der Religionsphilosophie ein.
Rationalismus als frühneuzeitliche Strömung Bereits in dem frühsten Begriffsbeleg von 1539 ist der Rationalist jemand, „der dem reinen Denken größere Bedeutung für die Erkenntnis beimißt als der Erfahrung“.G. Gawlick, Rationalismus I, hier in der Literatur, S. 44, mit Bezug auf A. Hatzfeld/A. Darmesteter: Dict. de la langue franç., Paris 1890–93 s. v. Im Zuge seines „Erklärungs- und Systematisierungsbedürfnisses“ muss sich der Rationalist frühneuzeitlicher Prägung, zur Darlegung seines „übersinnlichen“ Wissens, auf objektive, Form gegebene Ordnungsstrukturen ‚hinter‘ der Wirklichkeit berufen, an denen er als das erkennende Subjekt vermöge seiner Vernunftideen Anteil hat.So die Charakterisierung von H. Busche, Rationalismus (philosophisch). Eintrag auf S. 848 in Lexikon für Theologie und Kirche, Band 8. (Herder) Freiburg, Basel, Rom, Wien 1999. (Man beachte, dass der Empirist dazu nicht gezwungen ist.)Dem entsprechend auch H. J. Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie. (Kohlhammer) Stuttgart 41997: S. 293. Diese „fundieren“ erst alle „Erfahrungserkenntnisse“, so dass nun, durch Offenlegen der logisch zugänglichen Ordnungsstrukturen, die ‚wahre‘ Wirklichkeit erkannt wird.G. Gawlick, Rationalismus I, hier in der Literatur, S. 45. Das zeigte sich in dem „betonten“ Zurückgreifen auf axiomatisch-deduktive Argumentationsformen und Beweisverfahren nach dem Vorbild der klassischen Geometrie (more geometrico). Der frühneuzeitliche Rationalismus führt dabei verschiedene scholastische Positionen zur Logik und ihrer Stellung innerhalb der Philosophie fort. Historisch lässt man den Rationalismus üblicherweise mit René Descartes beginnen und kennzeichnet Gottfried Wilhelm Leibniz und dessen Rezipienten als Hauptvertreter (Georg Friedrich Meier, Alexander Gottlieb Baumgarten, Christian Wolff u. a.).
Einen zeitgenössischen Gegenbegriff stellte der Empirismus dar, womit die Auffassung gemeint ist, dass alle Erkenntnis primär auf sinnlicher Wahrnehmung beruhe und es kein Wissen a priori gebe (tabula rasa). Vertretern beider Positionen war gemeinsam, dass sie meist die Offenbarung als Quelle von Weltwissen für überflüssig hielten oder ablehnten. Der Gegensatz zwischen Rationalismus und Empirismus der alten Prägung wird vereinfacht auch methodisch charakterisiert: Ein Rationalist legt seiner philosophischen Welterklärung eine „logische Ordnung“ zu Grunde, die mittels deduktiver Schlussfolgerungen erfasst werden kann, während ein Empirist nur abstrakte Hypothesen aufstellt, die sich induktiv aus Beobachtungen und deren begrifflichen Zusammenhängen bestätigen lassen.P. Kunzmann, F.-P. Burkhard, F. Wiedmann, Philosophie. (dtv) München 71998: S. 103. Oberste Grundsätze des Deduktionssystems zeichnen sich für den Rationalisten durch ihre Evidenz aus und dass sie mit logischer Notwendigkeit allgemeingültig sind. Leibniz führte dafür etwa den Satz vom Widerspruch oder den Satz vom zureichenden Grund als solche Grundsätze oder Prinzipien an. Empiristen der alten Prägung bezweifelten nicht ihre Allgemeingültigkeit, sondern dass sie aus einer erfahrungsunabhängigen Einsicht oder Intuition heraus Bestand hätten.Siehe P. Markie (2021), siehe hier unter Weblinks: 1. und 2. Sie bezweifelten nicht ihren jeweiligen Aussageinhalt, sondern ihren erkenntnistheoretischen Status.Siehe M. Homan, Continental Rationalism. Internet Encyclopedia of Philosophy (abgerufen am 2. November 2025).: Abschn. 3c.
Eine der frühesten GegenüberstellungenG. Gawlick, Rationalismus I, hier in der Literatur, S. 44. von „rationalistischem“ und „empiristischen“ Denken ist aus Bacons Apophthegms (1625) überliefert, worin er eine Ameise, eine Spinne und eine Biene vergleicht und nur die letzte den „wahren“ Philosophen versinnbildlicht:
Rationalismus in Religionsphilosophie und Theologie Im Kontext von Religionsphilosophie und Theologie bezeichnet „Rationalismus“ Positionen, die der menschlichen Vernunft ein Wissen vom Göttlichen zutrauen und die eine philosophische Theologie, ohne die Voraussetzung einer Offenbarung oder Gnade, für zulässig und durchführbar halten; siehe auch Natürliche Theologie. Ein alternativer Name für diese Positionen ist auch „Intellektualismus“. Eine solche Position ist eng mit bestimmten theologischen Inhalten verbunden, die als Folge oder als Voraussetzung des rationalen Zugangs gelten können, z. B. dass göttliches Wollen und Handeln logischen und metaphysischen Regeln folgt und aus Gründen geschieht. Dazu tritt üblicherweise die Annahme stabiler und erkennbarer ontologischer Strukturen und moralischer Prinzipien und Kriterien, denen sich der Göttliche Wille fügt oder die ihm entsprechen, was dazu führen kann, dass Gott von einigen Vertretern mit einer Art höchster Vernunft identifiziert wird. Die Gegenpositionen vertreten demgegenüber, dass das göttliche Wollen und Handeln völlig willkürlich erfolgt (Voluntarismus), oder dass die einzelnen Zeitmomente je momentan von Gott verursacht werden und nur scheinbar einen Ablauf von Ereignissen darstellen (Okkasionalismus). Beide Gegenpositionen wollen damit erreichen, dass der göttliche Wille an keine logischen oder sonstige Prinzipien gebunden ist und somit rational unverständlich bleiben muss. Sowohl in der islamischen TheologieVgl. etwa Anke von Kügelgen: Averroes und die arabische Moderne. Ansätze zu einer Neubegründung des Rationalismus im Islam. Brill, Leiden/New York/Köln 1994 (= Islamic Philosophy, Theology and Science. Texts and Studies. Band 19), ISBN 90-04-09955-7. wie der christlichen Scholastik und der rationalen Theologie der Aufklärungsepoche werden derartige Kontroversen debattiert.
In etwas abweichender und eher selten gewordener Verwendung kann „Rationalismus“ in der Theologie oder Theologiegeschichte auch meinen, dass z. B. Aspekte der Personalität des Göttlichen, die sich (tatsächlich oder vermeintlich) nicht mit starken Ansprüchen einer Rationalisierbarkeit vereinbaren lassen, für verzichtbar gehalten werden. Umgekehrt wird dann z. B. von „Voluntarismus“ gesprochen, wenn das Göttliche durchaus als Person mit Willen, Ausübung von Handlungen usw. beschrieben bzw. konzipiert wird.
Ideengeschichte 16.–17. Jahrhundert Der Rationalismus knüpft in vielem an die Begrifflichkeit und Methode der lateinischen Scholastik an, beansprucht für sich aber, ein selbständiger Neuansatz zu sein. Dem ging ein sich vor allem im Frankreich des frühen 17. Jahrhunderts ausbreitender Unmut über angebliche „unfruchtbare Spitzfindigkeiten“ scholastischer Debatten voraus; dieser Unmut ist auch auf einen allgemeinen Wunsch nach Beendigung der konfessionellen Konflikte zurückzuführen. Die mit metaphysischen Argumenten bestrittenen theologischen Debatten würden, so ein damals häufig vorgebrachter Vorwurf, lediglich dem moralischen Skeptizismus den Weg bereiten. Demgegenüber versuchte der Rationalismus, methodisch strikt nachvollziehbar zu argumentieren und in der Begründung auf die Interpretation von Autoritäten zu verzichten. Dabei erfolgte eine Verschiebung der thematischen Aufmerksamkeit von der religiösen Heilslehre hin zur technischen Naturbeherrschung, wie es Francis Bacon vorgeschlagen hatte.
Der erkenntnistheoretische Rationalismus fand auch in anderen Bereichen der Philosophie Anwendung, etwa der Ethik und der Rechtsphilosophie. So wurde die Meinung vertreten, dass sich die elementaren Grundsätze menschlicher Moral und des Naturrechts aus reiner Vernunft ergäben (siehe Samuel von Pufendorf, Thomas Hobbes, Baruch de Spinoza, im weiteren Sinne auch Immanuel Kant, G. W. F. Hegel u. a.). In der Religionsphilosophie folgte zunächst der Deismus rationalistischen Ansätzen, wenn er fundamentale religiöse Prinzipien postuliert, die erkennbar seien. Das lässt eine historische Offenbarung überflüssig erscheinen und führte zum theologischen Rationalismus.