mini|Tätowierung auf dem Oberkörper Eine Tätowierung ist das dauerhafte Einbringen von Farbpigmenten in die Dermis (Lederhaut) durch eine oder mehrere Nadeln. Bei diesen Nadelstichen entstehen durch die Tätowierfarbe Motive, Zeichen oder Texte. Tätowierungen sind vielfältig und können zum Beispiel soziale Zugehörigkeit, Erinnerungen oder Körperschmuck darstellen. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde auch der Ausdruck „Tattoo“ für Tätowierung im deutschen Sprachraum populär.
Beim Menschen gelten Tätowierungen als Körpermodifikation.
In der Medizin kommen Tätowierungen therapeutisch zum Einsatz, zum Beispiel im Rahmen der Keratographie.
Bei Zucht- oder Haustieren werden Tätowierungen zu Kennzeichnungszwecken verwendet.Matthias Gauly, Jane Vaughan, Christopher Cebra: Neuweltkameliden: Haltung, Zucht, Erkrankungen. Georg Thieme Verlag, 2010, ISBN 978-3-8304-1156-7, S. 32.
Ursprung und Entwicklungen Wegen der vielfältigen und über den ganzen Erdball verstreuten Hinweise ist davon auszugehen, dass sich die Sitte des Tätowierens bei den verschiedenen Völkern der Erde selbständig und unabhängig voneinander entwickelt hat.
Älteste Funde Ötzi Lange galt die 5300 Jahre alte Gletschermumie Ötzi als ältester Fund eines Menschen mit Tätowierung. Hinsichtlich der Anzahl der Tätowierungen hält er weiterhin den Rekord: Es sind 61, überwiegend geometrische Figuren, Linien und Punkte. Sie wurden in den Körper geritzt und dann mit einer Art Kohlepulver gefärbt. Da sie sich an auffälligen Stellen wie den Handgelenken, der Achillesferse, an Knie oder Brustkorb befinden, halten Forscher wie Albert Zink vom EURAC-Institut für Mumien in Bozen es für denkbar, dass die Tätowierungen auch eine medizinische Funktion hatten. Ötzi könnte mit einer Schmerztherapie, möglicherweise einer Art Akupunktur, die Linderung seiner Rücken- und Gelenkschmerzen beabsichtigt haben.
Die Mumien von Gebelein 2018 wurde durch eine Veröffentlichung einer Forschergruppe um den Museumskurator Daniel Antoine in der Fachzeitschrift Journal of Archeological Science bekannt, dass es noch ältere Tätowierungen gibt: Die ältesten bekannten Tätowierungen wurden auf zwei maximal 5351 Jahre alten Mumien aus Gebelein, einem kleinen Ort in Oberägypten, gefunden, die sich im British Museum in London befinden. Bis zu dieser Veröffentlichung waren aus Afrika nur etwa tausend Jahre jüngere Verzierungen auf menschlicher Haut bekannt gewesen.
Die weibliche Mumie trug an der rechten Schulter und auf dem Rücken dunkle Tätowierungen, eine winklige Linie und vier s-förmige Zeichen in einer Reihe. Niemals vorher waren bei einer Frau ähnlich alte Tattoos gefunden worden. Die männliche Mumie trug auf dem rechten Oberarm zwei gehörnte Tiere, einen großen Stier und ein mächtiges Mähnenschaf. Untersuchungen ergaben, dass der Mann im Alter von etwa 20 Jahren durch einen Stich von hinten getötet worden war.
Da über die beiden Mumien keine schriftlichen Quellen vorhanden sind, können Wissenschaftler die mögliche Bedeutung der Funde nur aus dem Kontext ableiten. Vermutet wird ein kultureller Hintergrund der Tattoos: Die immer in Gruppen angeordneten S-Linien auf der weiblichen Mumie waren auffällig und für andere gut sichtbar an der Schulter platziert, sollten also gesehen werden. Die zweite Linie ließe sich als Schlagstock oder Klöppel identifizieren, wie er einst bei rituellen Tänzen Verwendung fand. Beide Linienformen wurden auch auf einem Tonkrug aus der sogenannten prädynastischen Zeit in Ägypten gefunden. Auf einer Schminkpalette aus dieser Zeit fanden die Wissenschaftler auch eine Darstellung des Mähnenschafs, wie es der männlichen Mumie eintätowiert wurde. Stier und Schaf tauchen zudem auf Felszeichnungen auf, diese sind aber schwerer zeitlich einzuordnen. Daniel Antoine geht davon aus, dass beide Tiere einst für Männlichkeit und Stärke standen.
Weitere Verbreitung Besonders aufwändige und großflächige Tätowierungen sind von den eisenzeitlichen Skythen, einem Reitervolk der russischen Steppe und des Kaukasus, und aus der Pasyryk-Kultur im Altai bekannt. Dies scheint die häufig vertretene These zu widerlegen, dass die Sitte des Tätowierens ursprünglich aus Südwestasien stamme, sich von dort über Ägypten nach Polynesien und Australien ausgebreitet habe und schließlich nach Nord- und Südamerika weitergetragen wurde. In seiner rituellen Bedeutung ist es in verschiedenen Kulturen in Mikronesien, Polynesien und bei indigenen Bevölkerungen verwurzelt und zum Beispiel auch bei den Ainu und den Yakuza (Japan) verbreitet (siehe zum Beispiel Anci-Piri, Tatauierung in Palau und philippinische Stammestätowierung).
Die Bibel überliefert zu dem Thema folgendes: „Und einen Einschnitt wegen eines Toten sollt ihr an eurem Fleisch nicht machen; und geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,28). Tätowierungen waren jedoch bei einigen frühchristlichen Sekten üblich.Susanna Elm: Pierced by Bronze Needles: Anti-Montanist charges of ritual stigmatization in their Fourth-Century context. In: Journal of Early Christian Studies. Band 4, 1996, S. 409–439. Neubekehrte ließen sich ein großes Tau (griechisch Τ) als Abbild des Kreuzes auf die Stirn ritzen. Später folgten Kreuzritter diesem Brauch und stachen sich (se compungunt) ein lateinisches Kreuz in die Haut.Stefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997; Lizenzausgabe für Komet, Frechen, ISBN 3-933366-54-2, S. 15 und 1086. Im europäischen Mittelalter verbreiteten sich christlich-religiöse Tätowierungen. So ist von dem Gelehrten und Mystiker Heinrich Seuse, der im 14. Jahrhundert lebte, überliefert, dass er sich den Namen Jesus auf die Brust tätowiert habe. Ein deutsches Mädchen erlangte 1503 Bekanntheit, weil sie am ganzen Körper mit religiösen Symbolen tätowiert war.Maarten Hesselt van Dinter: Tatau: Traditionelles Tätowieren weltweit. Arun-Verlag, 2009, ISBN 978-3-86663-026-0.
Nach Strabon (Geographika) tätowierten sich die Karner, ein keltischer Stamm der österreichischen Alpen. Laut Herodian (III, 14) tätowierten sich auch die Thraker.
Funktion und Bedeutung Tätowierungen können sehr unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen haben. Die Literatur nennt unter anderem Funktionen als Mitgliedszeichen und rituelles oder sakrales Symbol. In der heutigen Zeit dienen Tätowierungen auch als Ausdrucksmöglichkeit für Exklusivität, Selbstdarstellung, Geltungssucht und Abgrenzung, als Mittel zur Verstärkung sexueller Reize, Schmuck, Protest (Punk), zur politischen Stellungnahme und zum Ausdruck sexueller Einstellungen. Adolf Loos bezeichnete in seiner Schrift Ornament und Verbrechen die Tätowierung als Ornament.
Tätowierung zur Kennzeichnung mini|Tätowierstempel für Deserteure der britischen Armee, ausgestellt im Army Medical Services Museum Brandmarkungen als eine Form der Bestrafung und ein Zeichen des Besitzes gibt es in der gesamten Geschichte. In der Antike wurden auf diese Weise insbesondere Sklaven, Kriegsgefangene und zu Strafarbeit Verurteilte markiert, in der Spätantike auch Soldaten.Philippe Mudry: Effacer tatouages et marques d’infamie. Quelques recettes de la médecine antique. In: Véronique Boudon-Millot, Muriel Pardon-Labonnelie (Hrsg.): Le teint de Phrynè. Thérapeutique et cosmétique dans l’Antiquité (= Orient & Méditerranée. Band 27). De Boccard, Paris 2018, ISBN 978-2-7018-0551-1, S. 167–180. In England verfügte Edward VI. um 1500, dass Zigeuner und Vagabunden mit einem „V“ auf der Brust gebrandmarkt werden durften. Das Brandmarken wurde 1829 mit Ausnahme von Armeedeserteuren abgeschafft. Nach dieser Zeit wurde das Zeichen auf den Körper tätowiert. Die Praxis wurde 1879 vollständig aufgegeben.Branding tool for marking deserters, London, England 1810–1850, Science Museum Group.
Armee- oder Marinedeserteuren wurde in Großbritannien mit Tätowierwerkzeugen der Buchstabe „D“ auf die Haut gestempelt. Die verstellbaren Spitzen des Werkzeugs wurden durch einen federbetriebenen Mechanismus durch die Haut gedrückt. Das Werkzeug wurde von Savigny & Co hergestellt, besser bekannt als ein bedeutender Londoner Hersteller von chirurgischen Instrumenten in den 1700er und frühen 1800er Jahren.
mini|Tätowierung eines Überlebenden aus dem KZ Auschwitz In der Zeit des Nationalsozialismus wurden den Insassen des Konzentrationslagers Auschwitz Häftlingsnummern eintätowiert. Diese Methode wurde ausschließlich im KZ Auschwitz-Birkenau angewandt. Dazu wurden die mit extra breiten Nadeln versehenen Stempel in die Haut gepresst und anschließend Tinte in die Wunde gerieben. 2015 sind in Polen einige der Metallstempel aufgetaucht, mit denen die Nummern eintätowiert wurden. Die Stempel wurden der Gedenkstätte anonym übergeben und ihre Authentizität durch Untersuchungen bestätigt. Es handelte sich um fünf Metallstempel – einmal die Ziffer „0“, zweimal die „3“ und zweimal die „6“ oder „9“.Brutale Tätowierungen für Insassen Unbekannter gibt Nazi-Stempel von KZ Auschwitz ab Focus Online vom 9. September 2015, abgerufen am 12. April 2021.
Mitglieder der SS erhielten größtenteils eine Blutgruppentätowierung am linken, inneren Oberarm.
Berichtet werden auch Tätowierungen bei Zwangsprostituierten durch Zuhälter.Für Fluchtversuch verprügelt, rasiert und tätowiert. Welt Online, 26. März 2012; abgerufen am 4. April 2018.
Kennzeichnung von Tieren Die Tätowierung eines Identifikationscodes ist bei vielen Haus- und Zuchttieren insbesondere bei Reisen ins Ausland üblich, um Tier und Halter einander zuordnen zu können. Bei Nutztieren wurde lange Zeit das Brandzeichen dafür eingesetzt. Mit der zunehmenden Verwendung von Mikrochips, die unter die Haut implantiert werden, existiert eine praktikable Alternative zur Tätowierung.
Religion und Tätowierung Innerhalb des Judentums stoßen Tätowierungen teilweise nach auf Ablehnung.Johannes Wachten (stellvertretender Direktor des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main): Körperbilder im Judentum. In: Journal der Ethnologie. 2006.Bar Rav Nathan: „Frag' den Rabbi“: Tätowierung und Bestattungen. Hagalil; Stellungnahme eines Rabbiners. Tätowierungen, zu denen Juden gezwungen wurden (beispielsweise Nummern-Tätowierungen in Konzentrationslagern), werden toleriert (da sie unter Zwang passierten). Allerdings dürfen solche erzwungenen Tätowierungen nicht durch weitere Tätowierungen verändert oder unsichtbar gemacht werden.
Im 16. und 17. Jahrhundert ließen sich europäische Pilger in Jerusalem Tätowierungen als sichtbares Zeichen ihrer Pilgerfahrt stechen, so berichtet der Schotte William Lithgow in seinem Reisetagebuch aus dem Jahr 1632 darüber, ebenso zeigt ein Kupferstich von 1676 die tätowierten Unterarme des Hamburger Pilgers Ratge Stubbe.
Bis 1890 wurden in Bosnien katholische Mädchen tätowiert, um einen Übertritt zum Islam zu verhindern. Armenische Christen hielten die Tradition der Pilgertätowierung bis zum Ersten Weltkrieg bei; so lange wurde diese Form der Markung in Jerusalem angeboten. Koptische Christen in Ägypten tragen ein Kreuz an der Innenseite des rechten Handgelenkes, um sich vom Islam zu distanzieren. Unter den Tigray in Äthiopien und in Eritrea ist unter anderem das Tragen eines tätowierten Kreuzes aus dem orthodoxen Christentum auf der Stirn verbreitet. In früheren Zeiten war Christen das Tragen von Tätowierungen verboten.Durch Papst Hadrian I im Konzil von Calcuth und in , In Deutschland und Österreich finden christliche Tattoo-Aktionen statt. Hierzu formulierte in Wien eine Einrichtung einen Tattoo-Segen: „Gott offenbarte sich in Namen und Zeichen. / Er erlöste uns eingeboren und gezeichnet. Sei gesegnet.“