Die Internetlinguistik (kurz IL) ist eine Teildisziplin der Sprachwissenschaft (Linguistik), die sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung der Sprachverwendung in Abhängigkeit von der spezifischen Online-Umgebung beschäftigt. Basierend auf der Linguistik werden sprachliche Phänomene analysiert, die im und durch das Internet entstehen.
Einleitung Definition Die Internetlinguistik beschäftigt sich „mit der Sprachverwendung im Internet und damit mit einem spezifischen kommunikativen Kontext, dessen Charakteristika in alle Analysen einfließen. Bei der IL handelt es sich um eine Schnittstellendisziplin, die – wie für die Angewandte Linguistik typisch – neben linguistischen Zugängen, kommunikations- und medienwissenschaftliche Methoden kombiniert und durchaus auch sozio- und psychologische Fragestellungen motiviert“. Es handelt sich um eine weite Definition, um der Dynamik des Untersuchungsgegenstandes gerecht zu werden. Aufgabe der IL ist es außerdem, die neuen Kommunikationsmodalitäten zu beschreiben.
Entstehung Mit dem medialen Zeitalter ist ein neues Forschungsfeld für die Linguistik (und andere Wissenschaftsdisziplinen) entstanden. Erste Publikationen zum Thema Sprache und Kommunikation im Netz gab es bereits in den 1990er Jahren. Beispiele dafür sind „Sprache und Kommunikation im Netz“ von Runkehl, Schlobinski & Siever (1998), „Netzsprache“ von Crystal (2006) sowie Rosenbaum (1996) und „Phänomene der Chatkommunikation“ von Beißwenger (2002). Der Sprachwissenschaftler David Crystal verfasste die erste englischsprachige Publikation zum Thema „Internet linguistics“. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der IL im deutschsprachigen Raum ist auf die Sprachwissenschaftler Konstanze Marx und Georg Weidacher zurückzuführen. Sie erweiterten das Forschungsfeld von isolierten Beobachtungen hin zur Sprachverwendung im Internet.
Überblick In der IL wird unter anderem folgenden Fragen nachgegangen: Wie beeinflussen sich Sprache und Internet gegenseitig? Wie gestaltet sich die Kommunikation in den Internetdiensten selbst? Wie wird der Untersuchungsgegenstand der Linguistik durch das Internet erweitert? Wird die spezifische Kommunikationsumgebung verändert? Es werden demnach nicht nur Web-Inhalte an sich analysiert, sondern auch solche sprachlichen Phänomene die nur mithilfe der Internettechnologie übertragen werden können, wie z. B. Hashtags, Skypekonversationen, Memes etc. Die Bezeichnung „Internet-Linguistik“ hat sich etabliert, da das Lexem Internet alltagssprachlich eher weit verwendet wird und das Web, das Netz, das WWW, das Internet als Kommunikationsraum, das Internet als Speichermedium und das Internet als Übertragungsmedium umfassen.
Die IL betrachtet nicht, wie sich die Linguistik im Internet präsentiert. Sowohl methodisch als auch inhaltlich weist die IL Anknüpfungspunkte zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen auf.
Methoden Die Methoden der IL sind Instrumente zum Sammeln und Analysieren digitaler Daten unter linguistischen Fragestellungen. Sie umfassen zwar traditionelle Ansätze der Linguistik, sind jedoch zum großen Teil interdisziplinär ausgerichtet. Methodische Konvergenzen bestehen zu den verwandten Disziplinen der Korpuslinguistik, der Computerlinguistik sowie der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Aufgrund der dynamischen Beschaffenheit des Forschungsgegenstandes kommen stetig weitere Methoden hinzu.
Typische Methoden und Tools der IL sind:
Korpusgenerierung und Analyse Log-File-Analyse Offline-Datenerhebung Online-Fragebögen
Korpusgenerierung und Analyse Korpora sind umfangreiche Datensammlungen gesprochener und geschriebener Texte, die auch in der traditionellen Linguistik Verwendung finden. In der Internetlinguistik zeichnen sie sich durch Folgendes aus: hypothesengeleitete Untersuchung sprachlicher Phänomene mit Blick auf die Forschungsfrage zusammengestellt, um mögliche charakteristische Eigenschaften des betreffenden Sprachausschnitts abzubilden in der Größenordnung von mehreren Millionen Textwörtern existentM. Gatto: Web as Corpus. Theory and Practice. 2014. elektronisch verfügbar mittels Computer und statistischer Programme und Verfahren analysierbar
Die zwei großen bereits bestehenden deutschsprachigen Korpora sind das DeReKo des IDS-Mannheim und das Digitale Wörterbuch der deutschen SpracheRessourcen - Korpora. dwds.de; abgerufen am 12. Juli 2015.-Projekt der BBAW, die jedoch geschriebene Gegenwartssprache an sich enthalten. Beispielhaft für Korpora netzbasierter Sprache stehen: das USENETA reduced redundancy USENET corpus (2005–2011) psych.ualberta.ca (englisch) abgerufen am 12. Juli 2015. Korpus, englischsprachig das Dortmunder Chatkorpustu dortmund – Dortmunder Chat-Korpus, abgerufen am 12. Juli 2015. Mediensprache.net, mit SMS- und Nickname-Korpora deWac,wacky.sslmit.unibo.it die deutsche Seite von WaCky das Schweizer SMS-Korpus Leipziger und Schweizer Whatsapp-Korpus
Die Korpusgenerierung im Internet steht vor besonderen Herausforderungen. Dazu gehören u. a. die Verarbeitung von Big-Data-Mengen, die Zitierproblematik und die Urheberrechtsfrage. Siehe dazu Das WWW als Korpus.
Zur Einführung sowie zur Vertiefung der Thematik sei hier auf die Online-Kurse zu Grundlagen und Werkzeugen,Noah Bubenhofer: Einführung in die Korpuslinguistik: Praktische Grundlagen und Werkzeuge, bubenhofer.com, abgerufen am 19. Juli 2015. die linguistischen Beiträge im Korpuslinguistik HandbuchM.Beißwenger, A. Storrer: Corpora of Computer-Mediated Communication. 2008. sowie das aktuelle Textbuch Internetlinguistik verwiesen. Neuere Publikationen befassen sich neben dem Web als Korpus auch mit der sprachwissenschaftlichen Betrachtung von Twitter und den Sozialen Medien.M. Zappavigna: Discourse of Twitter and Social Media. 2012.
Weitere hilfreiche Projekte und Tools: TEI (Text Encoding Initiative), welche Dokumentenformate zur Kodierung für Texte in digitaler Form entwickelt und unterhält. BootCat, erstellt Online-Korpora WebCorp live, eine linguistische Suchmaschine
Log-File-Analyse Mittels installierter Protokollierungsprogramme werden bei der Log-File-Analyse technische Informationen über den Datenverkehr gesammelt und ausgewertet. Diese Methode ist mit einer Offline teilnehmenden Beobachtung vergleichbar, die darüber hinaus Inhalte aufzeichnet. Die Versuchspersonen wissen von der Aufzeichnung ihrer Daten. Diese Methode eignet sich besonders für Online-Gespräche in Social-Media-KanälenD. Gysin et al.: Sprache und Personen im Web 2.0 - Linguistische Perspektiven auf YouTube, SchülerVZ & Co. 2012. und Chaträumen.Orthmann, 2004.
Als Herausforderung für die Log-File Analyse gilt das Beobachterparadoxon nach Labov. Das heißt Gespräche so zu beobachten und aufzuzeichnen, als hätten sie ohne Beobachtung und Aufzeichnung stattgefunden.
Offline Datenerhebung Diese Methode ist zur Untersuchung von Online-Phänomenen geeignet, die mit keiner der vorherigen Methoden erschließbar sind oder kein bzw. eingeschränkter Zugang zu den Daten besteht. Häufig besteht das Forschungsinteresse z. B. an sehr persönlicher, emotionaler Kommunikation, welche vorrangig in geschützten oder nicht öffentlich einsehbaren Bereichen von sozialen Netzwerken oder Foren stattfindet.
Das Ziel ist der Aufbau eines persönlichen Offline-Kontaktes zu Probanden, um diese zu motivieren, Protokolle über ihre Online-Aktivität für Forschungszwecke zu erstellen.
Marx und Weidacher schlagen für Offline Datenerhebung einen Fragenkatalog für Fragebögen bzw. Flyer vor.
Online-Fragebögen Der Fragebogen ist ein klassisches Erhebungsinstrument der empirischen Sozialforschung. In der IL wird er genutzt, um z. B. die Verbreitung spezifischer Lexeme oder Urteile über Grammatikalität zu untersuchen. Es ergeben sich folgende Vor- und Nachteile, wobei die Vorteile überwiegen:
schnell ausfüll- und verschickbar (erreichen größere Probandengruppen auch weit entfernt, ohne größeren finanziellen Aufwand) gute Rücklaufquote, anders als per Post oder mit einem Befragungsleiter höhere Motivation, da Befragte selbst den Zeitpunkt zum Antworten wählen nicht kontrollierbar, wer den Fragebogen wie, wann und warum ausfüllt und ob überhaupt von einer Person beantwortet (und nicht einer Gruppe)
Die Möglichkeiten webbasierter linguistischer Forschung im Zusammenhang mit Massendaten werden weiterhin in wissenschaftlichen Fachpublikationen diskutiert. Es bleiben alle Probleme des klassischen soziologischen Fragebogens zu bedenken: Wie repräsentativ ist die Stichprobe, sind die Fragen eindeutig und gibt es eine Verzerrung?Porst, R.; 2009.Fragebogen – Ein Arbeitsbuch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften ISBN 978-3-531-16435-9.
Hilfe zur Erstellung von Fragebögen für nichtkommerzielle Zwecke bietet SoSci Survey. Dort findet sich auch ein Verweis auf weitere kostenlose Alternativen für kleinere Umfragen wie LamaPoll oder Voycer, oder Open-Source-Tools für eigene Server wie LimeSurvey, opensurveypilot und Wextor.
Das WWW als Korpus Dynamischer Datenpool Das WWW ist für die Sprachwissenschaft vor allem deshalb so interessant, weil es einen dynamischen und quasi unendlichen Datenpool bietet. Dieser Datenpool generiert sich ständig neu, da sekündlich sprachliche Äußerungen von Usern produziert und im Web 2.0 veröffentlicht werden. Somit bietet das WWW der Sprachwissenschaft die Grundlage für umfassende Untersuchungen unterschiedlichster sprachlicher Phänomene.
Verschiedene Textproduzenten und Textsorten Grundsätzlich steht das WWW jedem, unabhängig von sozialem Status, Bildung, Alter, Beruf oder Herkunft, zur Verfügung. Dabei werden den Usern unterschiedliche soziale Netzwerke und Foren geboten, wie beispielsweise Twitter, Facebook, Instagram oder Tumblr. Diese Plattformen bieten den Mitgliedern die Möglichkeit, sich über bestimmte Sachverhalte zu informieren, sich mit anderen Usern auszutauschen, auf Inhalte zu reagieren, sich mitzuteilen und die eigene Meinung offenzulegen. Durch diese Diversität wird sehr vielfältiges Sprachmaterial erzeugt, da die User sich im Spannungsfeld verschiedener Textsorten bewegen. So können sie sich in privaten Nachrichten ausdrücken, ebenso wie in E-Mails, Kommentaren oder Statusmeldungen.
Anonymität Die vermeintliche Anonymität im Netz lässt bei Usern die Hemmschwelle sinken, sich frei zu äußern. Dadurch können emotionale Äußerungen entstehen, die in anderen Medien nicht produziert würden. Sprecher oder Autoren der öffentlichen Medien wie Zeitungen, Radio oder TV sind sich ihrem Publikum bewusst und wissen, dass ihre Äußerungen womöglich Konsequenzen haben können. Die Anonymität des Internets produziert hingegen einen eigenen Sprachpool und wiegt die Textproduzenten so in Sicherheit. Dass sich die Autoren im Web 2.0 durch diese Anonymität geschützt fühlen, kann ein Vorteil für sprachwissenschaftliche Untersuchungen sein, da den Linguisten so eine ungefilterte Menge an Sprachmaterial zur Verfügung steht. In den letzten Jahren ist jedoch die Tendenz zu beobachten, dass sich User darüber bewusst werden, dass sprachliche Äußerungen im WWW an die Öffentlichkeit gelangen.
Urheberrecht Im Zusammenhang mit dem für Forschungszwecke verwendeten Sprachmaterial stellt sich die Frage nach dem Urheberrecht. Die Schwierigkeit für die IL liegt darin, zu entscheiden, wie man mit veröffentlichten Äußerungen verfahren sollte und inwiefern es legitim ist, Sprachdaten aus dem Netz für Forschungszwecke zu nutzen.
Zitat als Lösung für die Problematik des Urheberrechts Grundsätzlich ist es möglich, sprachliche Daten für linguistische Untersuchungen zu verwenden, auch wenn diese unter das Urheberrecht fallen. Allerdings muss das Sprachmaterial unter bestimmten Voraussetzungen zitiert werden: