Verkehrsdidaktik, auch Didaktik der Verkehrserziehung, ist die Wissenschaft vom Lehren und Lernen des angemessenen Verkehrens. Sie ist eine Teildisziplin der Verkehrspädagogik. Als „Wissenschaft von der Lernvermittlung“ bzw. „Wissenschaftlich fundierte Unterrichtslehre“ dient sie der praktischen Verkehrserziehung als Basis ihres erzieherischen Handelns.

Die interdisziplinär angelegte Verkehrsdidaktik befasst sich speziell mit den Lernvoraussetzungen, Lernzielen, Lerninhalten, Lehrmethoden, Organisationsformen, Evaluationstechniken und deren Begründungen im Feld des menschlichen Verkehrsumgangs.

Begriff und Aufgaben Der Fachbegriff Verkehrsdidaktik setzt sich zusammen aus deutsch Verkehren = Miteinander umgehen und griechisch didaktikè téchne = Kunst oder Wissenschaft des Lehrens und Lernens. Das Wort Didaktik wurde bereits 1657 von Johann Amos Comenius mit der Publikation seiner Didactica magna in das Bildungswesen eingeführt.Johann Amos Comenius: Große Didaktik: Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren. 10. Auflage. Hrsg. Andreas Flitner. Klett-Cotta, 2008. (Original 1657) Als „Allgemeine Didaktik“ steht es seither für die „Lehre vom Unterrichten“ und die „Wissenschaft von der Bildungsvermittlung“. Aus ihm entstanden die verschiedenen Fachdidaktiken sowie die interdisziplinären Bereichsdidaktiken wie die Verkehrsdidaktik.

In einem weiten Begriffsverständnis umfassen Didaktik und Verkehrsdidaktik außer den Inhalten und Zielsetzungen auch die Vermittlungstechniken und Organisationsformen des Unterrichtens, die das Zielprogramm in der Praxis umsetzen sollen. Die Verkehrsdidaktik ist eine Wissenschaftsdisziplin, die gleichzeitig Grundlagen- und Anwendungsforschung betreibt. Zu ihrem Aufgabenfeld gehören im Weiteren auch das Erfassen und Beeinflussen von Lernverhalten in dem Arbeitsbereich und das Bereitstellen von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zur Erstellung von Lehrplänen bzw. Curricula sowie das Erarbeiten geeigneter Lehrverfahren und attraktiver Lernmaterialien.

Kenntnisse in der Verkehrsdidaktik gehören neben dem Fachwissen zur grundlegenden Qualifikation des Verkehrserziehers. Sie werden im Rahmen einer Hochschulausbildung und durch Fortbildungs- bzw. Weiterbildungsangebote vermittelt.

Historische Entwicklung Ziele und Inhalte Die Verkehrsdidaktik erwuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der einfachen Zielsetzung, Schulkindern angesichts des zunehmenden Verkehrsaufkommens das sichere Queren von Straßen beizubringen. Diese alltagstechnische Aufgabe verordnete ein preußischer Erlass von 1906 den Schulen. Mit einem weiteren Erlass von 1930 avancierte die in ihren Zielvorstellungen inzwischen anspruchsvoller gewordene „Verkehrskunde“ dann zum sogenannten Verkehrsunterricht mit Fachcharakter und damit zu einem festen Bestandteil des preußischen Erziehungswesens. Dennoch beschränkten sich die erzieherischen Bemühungen noch bis Ende der 1960er Jahre weitestgehend auf Gefahrenhinweise im Straßenverkehr und technische Anweisungen zur Vermeidung von Unfällen. Von außerschulischer Seite kamen Widerstände gegen eine „Pädagogisierung“ des neuen Faches, dessen Aufgaben als Einführung in Alltagstechniken auch von Nichtpädagogen vollgültig zu leisten seien.Dieter Hohenadel: Erziehung und Verkehrswirklichkeit. 2. Auflage. Braunschweig 1986. Auf der anderen Seite zeigten auch Schulen und Schüler zunächst nur wenig Interesse an dem ihnen ministeriell aufgedrängten ungeliebten „Unfallverhütungsfach“, das didaktisch mit den anderen Fächern nicht konkurrieren konnte und das im Wesentlichen aus Warnungen vor den Unfallgefahren bestand und in autoritärer Form Regeln lehren sollte, die es strikt zu befolgen galt. Das neue „Fach“ geriet zudem zeitlich und aufwandsmäßig in Konkurrenz zu den etablierten Schulfächern und mangels einer Verortung in den Hochschulen und in der Lehrerbildung ins Abseits.Siegbert A. Warwitz: Verkehrserziehung im Abseits. In: karlsruher pädagogische beiträge. 28, 1992, S. 12–25. So wurde diese immer noch „Verkehrsunterricht“ genannte Unterweisung vorrangig von außerschulischen Organisationen wie der Verkehrspolizei oder der Deutschen Verkehrswacht betrieben. Dabei kam der Radfahrausbildung zunächst lange Zeit eine bevorzugte Beachtung zu.Deutsche Verkehrswacht (Hrsg.): Die Radfahrausbildung als integrierter Teil der Verkehrserziehung in der Schule. Bonn 1989.

Erst die KMK-Empfehlung vom 7. Juli 1972,KMK-Empfehlung zur Verkehrserziehung in der Schule vom 28. Juli 1994. In: Ministerium für Kultus und Sport BaWü (Hrsg.): Kultus und Unterricht. 15, 1994. der zwei Revisionen 1994 und 2012 folgten, nahm die Schulen und Hochschulen intensiv in die Pflicht, eine den anderen Fächern gleichwertige Didaktik zu entwickeln, die das nun Verkehrserziehung genannte Fach attraktiver und erfolgreicher machen sollte. Damit kam Bewegung in die Entwicklung einer eigenen „Didaktik der Verkehrserziehung“. Eine entsprechende Personal- und Materialausstattung half bei der Realisierung. Dennoch blockierte noch über Jahrzehnte eine hartnäckig geführte Debatte zwischen Vertretern der „alten Didaktik“ wie Dieter Hohenadel,Dieter Hohenadel: Erziehung und Verkehrswirklichkeit. 2. Auflage. Braunschweig 1986. die vom reinen Unfallverhütungsdenken ausgingen und der Pädagogik dabei lediglich eine ergänzende Randfunktion zugestehen wollten und überzeugten Verkehrserziehern wie H. Holstein,H. Holstein: Studien zur Verkehrserziehung. Braunschweig 1986. die eine Integration in die Pädagogik anstrebten, entscheidende Reformfortschritte. Die Dominanz des Sicherheitsaspekts im Denken behinderte eine breitere Akzeptanz von Reformen. Auf dem Verkehrskongress 1988 in Schwäbisch Gmünd wurde von den Fachleuten eine erste Bilanz der didaktischen Fortschritte gezogen und die Perspektiven für die weitere Entwicklung analysiert.Bruno Heilig: Perspektiven der Verkehrspädagogik. Kongressbericht 11.–13. Mai 1988 Schwäbisch Gmünd. Noch Anfang der 1990er-Jahre gab es jedoch einzelne Stimmen, die der Verkehrsdidaktik die Beheimatung unter dem Dach der Allgemeinen Pädagogik absprechen wollten. So argumentierte der Pädagoge Dieter Mutschler noch 1992, dass die Pädagogik keine „Reparaturinstanz“ sein könne für „gesellschaftlich produzierte Probleme“ und dass ihre „In-Dienst-Nahme“ in Form von „Handlangerdiensten“ im Sinne einer „Bewahrpädagogik“ den Sicherheitsvorstellungen der Politik zudem nicht gerecht werden könne.Dieter Mutschler: Kind und Auto – oder Wie die Motorisierung die Kindheit verändert hat. In: karlsruher pädagogische beiträge. 28, 1992, S. 42. Obwohl die kritisierte „Bewahrpädagogik“ auch in der Verkehrsdidaktik längst durch eine „Bewährpädagogik“ ergänzt war, stellte auch Hartmut Binder die „Funktionalisierung der Verkehrserziehung“ im Sinne eines substanziellen Beitrags zu einer Sicherung von Kindern in der Risikogesellschaft in Frage.Hartmut Binder: Ungeliebt und unvermeidlich – Kann Verkehrserziehung Erziehung sein? In: karlsruher pädagogische beiträge. 28, 1992, S. 26–41. Demgegenüber forderte neben anderen der Didaktiker Siegbert A. Warwitz: Verkehrserziehung muss mehr leisten als Unfälle zu vermeiden. Sie muss einen Beitrag leisten zur Humanisierung und Persönlichung des VerkehrsumgangsSiegbert A. Warwitz: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 1. Auflage. Baltmannsweiler, 1993, S. 32. und plädierte für die Entwicklung einer fächerübergreifenden Bereichsdidaktik auf wissenschaftlicher Basis. Sie sollte die Kinder in einer ganzheitlichen Erziehungsvorstellung in einem komplexen Aufgabenfeld in weitestgehender Eigentätigkeit zu mündigen Verkehrsteilnehmern geleiten. Solch ein „Gesamtkonzept“, das von den „Leitlinien“ einer zeitgemäßen und zukunftsorientierten Verkehrspädagogik über die spezifischen „Lernziele“ bis zu effektiven „Lernkontrollen“ reichte, legte er 1993 erstmals selbst vor. Es wurde in sechs Revisionen immer wieder aktualisiert:Siegbert A. Warwitz: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 6. Auflage. Baltmannsweiler. 2009, S. 4–75.

Die neuen – komplexer gewordenen – Zielsetzungen strebten als Bildungsziel im Verbund der Fächer den mündigen, eigenverantwortlich und partnerschaftlich handelnden Verkehrsteilnehmer an. Es setzte sich die Idee durch, dass Verkehren eigentlich „Miteinander umgehen“ bedeutet und entsprechend erzieherisch viel früher und breiter ansetzen muss als bei der ersten Begegnung mit dem Straßenverkehr, um erfolgreich sein zu können. Die minimale Zielvorgabe der „Sicherheitserziehung“ zum möglichst unfallfreien Kind hatte zwar nicht ausgedient, wurde aber durch neue Aufgabenfelder ergänzt. Das Didaktikmodell von Warwitz formulierte als Leitziel der Verkehrserziehung: Das Kind soll den Verkehr als Lebens- und Gestaltungsraum entdecken. Hierzu ist die Entwicklung von entsprechender Selbstkompetenz, Sozialkompetenz, Sachkompetenz und Handlungskompetenz erforderlich.Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 6. Auflage. Baltmannsweiler 2009, S. 22–24. Unter dieser Leitlinie waren Elemente der Persönlichkeitserziehung, der Gesundheitserziehung, der Sozialerziehung, der Umwelterziehung, der Mobilitätserziehung und der Sicherheitserziehung einzubeziehen. Als Lernziele nennt Warwitz die stufenweise Entwicklung von „Verkehrsgefühl“, „Verkehrssinn“, „Verkehrsintelligenz“ und „Verkehrsverhalten“ in Form von „theoretischem Wissen“, „praktischem Können“ und „mentaler Einstellung“, die er im Einzelnen weiter konkretisiert und operationalisiert, damit sie in evaluierenden Lernkontrollen auf ihre Ergebnisse hin überprüft werden können.Siegbert A. Warwitz: Der systematische Aufbau der Verkehrserziehung. In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. 6. Auflage. Baltmannsweiler 2009, S. 72–75.

Die neue Verkehrserziehergeneration erkannte, dass Verkehrssicherheit und Verkehrsmündigkeit breiter fundiert werden mussten als durch die Angst vor Unfällen und dass sie einer positiven, auch wissenschaftlichen Orientierung bedurften, die den Fortschritten der Pädagogik, den Erkenntnissen der Lern- und Entwicklungspsychologie sowie der Sozialwissenschaften gerecht wurde, um Akzeptanz zu finden. Die neue Didaktik verstand Verkehrserziehung im ursprünglichen Wortsinn als Erziehung zu einem kommunikationsfreundlichen, kooperativen Umgang miteinander, bei dem menschliche Grundtugenden wie Partnerschaft, Rücksichtnahme, Toleranz, Geduld, Hilfeleistung maßgebend sind. Sie setzte entsprechend mit ihren Bildungsbemühungen schon vor und auch außerhalb des Straßenverkehrs an, weil diese Verhaltensweisen der Menschen in das Verkehrsgeschehen hineinwirken.Roland Gorges: Verkehrs-Erziehung beginnt im Kindergarten. Braunschweig o. J. (1984) Selbstverantwortung und Verantwortungsnahme für andere sollten als Kennzeichen des mündigen Verkehrsteilnehmers das gesellschaftlich verbreitete Streben nach Fremdverantwortung ersetzen.

Methoden und Organisationsformen Die Methodenlehre entwickelte sich korrespondierend mit den Zielvorstellungen: Aus dem pragmatisch ausgerichteten „Unfallverhütungsfach“, das mit vornehmlich deduktiven Vorgehensweisen auf Regelaneignung und Regeltreue setzte und mit einfachen Handreichungen auskam,Deutsche Verkehrswacht (Hrsg.): Schritt für Schritt mehr Sicherheit. Braunschweig o. J. entstand allmählich eine Unterrichtslehre nach den Erkenntnissen der Lernforschung. Nach dieser sollte weniger das rezeptive Lernen als die Aktivität und Kreativität der Schüler herausgefordert und zum Maßstab werden.

mini|Der züchtigende alte Verkehrskasper (1831)