Das dialogische Selbst ist ein psychologisches Konzept, dem zufolge das menschliche Selbst aus der Interaktion mit Anderen hervorgeht.

Entwicklung mini|Hubert Hermans, der Begründer der dialogischen Selbsttheorie Der Begriff des dialogischen Selbst wurde weithin bekannt durch den holländischen Psychologen Hubert J. M. HermansHubert J. M. Hermans und T. Gieser (Hrsg.): Handbook of dialogical self theory. Cambridge University Press, Cambridge 2012.Hubert J. M. Hermans und A. Hermans-Konopka: Dialogical self theory: Positioning and counter-positioning in a globalizing Society. Cambridge University Press, Cambridge, UK 2010. und die von ihm entwickelte dialogische Selbsttheorie (DST). Diese bezieht ihre Konzepte aus sehr unterschiedlichen Quellen, u. a. den Schriften der Psychologen William JamesWilliam James: The principles of psychology (in two volumes). Holt, New York 1890. (1890) und Lew WygotskiL. S. Wygotski [Vygotskij]: Denken und Sprechen. S. Fischer, Frankfurt am Main 1934/1972. L. S. Vygotskij: Geschichte der höheren psychischen Funktionen. LIT, Münster und Hamburg 1992. (1934/1972; 1992), des Soziologen George Herbert MeadGeorge Herbert Mead: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1934/1968.George Herbert Mead: Philosophie der Sozialität – Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1969. (1934/1968; 1969) und des Literaturwissenschaftlers Michail BachtinM. M. Bakhtin: Probleme der Poetik Dostoevskijs. Hanser, München 1971. M. M. Bakhtin: The dialogic imagination: Four essays. University of Texas Press, Austin 1981.M. M. Bakhtin: Speech genres and other late essays. Hrsg. von C. Emerson und M. Holquist. University of Texas Press, Austin 1986. (1971; 1981; 1986) etc. In jüngerer Zeit wurde die dialogische Selbsttheorie auch für die Psychotherapie nutzbar gemacht (Hermans & DiMaggio 2004),Hubert J. M. Hermans und G. DiMaggio (Hrsg.): The dialogical self in psychotherapy. Brunner-Routledge, New York 2004. in Deutschland durch den Gestalttherapeuten Frank-Matthias Staemmler (2015).

Zentrale Konzepte Die beiden zentralen Konzepte der dialogischen Selbsttheorie sind Dialogizität und Pluralität, wobei das zweite sich aus dem ersten ergibt und diesem logisch nachgeordnet ist. Die dialogische Form (nicht nur verbaler) zwischenmenschlicher Interaktion schlägt sich im Verlauf der Sozialisation grundlegend in der Weise nieder, dass das Selbst eines Menschen ein dialogisches Format annimmt. Dies zeigt sich u. a. darin, dass Menschen mit sich selbst im Prinzip so umgehen, wie Andere mit ihnen umgehen, im Erwachsenenalter z. B. dadurch, dass sie (laut oder leise) mit sich selbst sprechen, in ihren Gedanken aber auch in vielfältiger Weise auf Andere bezogen sind, an die sie sich häufig imaginativ wenden.

Dialogizität Nach Wygotski ist „der entscheidende Mechanismus, der hinter höheren geistigen Funktionen steckt, […] das Kopieren sozialer Interaktionen; alle höheren psychischen Funktionen sind internalisierte soziale Beziehungen. […] Selbst wenn wir geistige Prozesse betrachten, bleibt ihr Wesen quasi-sozial. In ihrer eigenen Privatsphäre behalten Menschen die Funktionen sozialer Interaktion bei“.L. S. Vygotsky: The genesis of higher mental functions. In: J. V. Wertsch (Hrsg.): The concept of activity in Soviet psychology. Sharpe, New York 1981, S. 164.

Was Wygotski zu seiner Zeit noch relativ grob als „Kopieren“, „Internalisieren“ oder auch „Interiorisieren“ kennzeichnete, stellt nach B. Rogoff u. a. allerdings keinen Vorgang dar, in dessen Verlauf etwas Interpersonales völlig unmodifiziert, sozusagen eins zu eins, in Psychisches transformiert würde. Vielmehr handele es sich um einen Prozess der kreativen Aneignung, der dazu führe, dass das, was das Kind sich zu eigen macht, seine eigene, individuelle Form finde: „Es handelt sich […] um eine Aneignung der gemeinsamen Aktivität durch das jeweilige Individuum, in dem sich das Verständnis des Individuums von seiner Beteiligung an der gemeinsamen Aktivität widerspiegelt“.B. Rogoff: Apprenticeship in thinking: Cognitive development in social context. Oxford University Press, New York & Oxford 1990, S. 195.

Die gemeinsame Aktivität besteht zuerst in einer geteilten Aufmerksamkeit und hat mit jener „Intersubjektivität […] zu tun, mit der die Kleinkinder anfangen, eine gemeinsame Bewusstheit von Dingen in der Umwelt zu manifestieren und sich für systematische Interaktionen […] mit Anderen zu engagieren“.P. Rochat: Me and mine in early development. In: T. Fuchs, H. C. Sattel & P. Henningsen (Hrsg.): The embodied self: Dimensions, coherence and disorders. Schattauer, Stuttgart 2010, S. 177. Und Interaktionen stehen auch im Vordergrund, wenn es um die Frage danach geht, was im Wesentlichen internalisiert wird: Für die hier vertretene entwicklungspsychologische Betrachtungsweise ist der Aspekt entscheidend, dass die Internalisierung sich nicht primär auf die Bezugspersonen, deren individuelle Merkmale oder auf die Inhalte der Kommunikation bezieht. Solche Prozesse der Identifikation gibt es allerdings – entwicklungspsychologisch später! – auch.

Aber auf der grundlegenden Ebene geht es zunächst um die Aneignung von „Interaktionserfahrungen“D. N. Stern: Formen der Vitalität – Die Erforschung dynamischen Erlebens in Psychotherapie, Entwicklungspsychologie und den Künsten. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2011, S. 184. eines „Seins zu zweien“M. Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. de Gruyter, Berlin 1966, S. 406.. Es geht zuerst um die Aneignung des Gemeinsamen, nicht um die des Anderen. Insofern spricht Rogoff von „der Aneignung geteilter Aktivität im Gegensatz zu dem Prozess der Internalisierung einer externen Aktivität“.B. Rogoff: Apprenticeship in thinking: Cognitive development in social context. Oxford University Press, New York & Oxford 1990, S. 195.

Dieser Aspekt ist deswegen wesentlich, weil darin das Element des Gemeinschaftlichen respektive – wie man auch sagen könnte: – des Dialogischen zum Ausdruck kommt, dem aus Sicht der dialogischen Selbsttheorie höchste Priorität beizumessen ist. Leontjew betont, dass „der Prozess der Internalisierung […] nicht in der Übertragung einer externen Aktivität auf eine [schon vorhandene] interne ‚Bewusstseinsebene‘ [besteht]: Er ist der Prozess, durch den sich diese interne Ebene überhaupt erst bildet“.A. N. Leontjev: The problem of activity in psychology. In: J. V. Wertsch (Hrsg.): The concept of activity in Soviet psychology. Sharpe, New York 1981, S. 57.

Somit ist die Ebene individueller psychischer Vorgänge von Grund auf und über die gesamte Lebenszeit hinweg mit einer dialogischen Qualität ausgestattet; das Selbst ist ein für alle mal mit einem dialogischen ‚Format‘ versehen – anders gesagt: Ein Selbst auszubilden, heißt, die Bezogenheit auf Andere und den Austausch mit ihnen zur eigenen Sache zu machen und sich dadurch selbst zu definieren. Ein Selbst ist angeeigneter Dialog, daher ist das Selbst dialogisch.

Das Gemeinsame geht dem Individuellen voran; „der Mensch wird am Du zum Ich“, wie Martin Buber es ausdrückte;Martin Buber: Ich und Du. Schocken, Berlin 1936, S. 36. das Selbst entsteht aus der Interaktion mit den Anderen, „es ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen“.George Herbert Mead: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1934/1968, S. 177. Es sei daher eine falsche, individualistische Vorannahme, davon auszugehen, dass irgendwo im ‚Inneren‘ des Kindes schon ein ‚Container‘ vorhanden sei, der dann von ‚außen‘ mit vorgefertigten mentalen ‚Inhalten‘ ‚befüllt‘ werden könnte. In Abgrenzung zu solchen individualistischen Psychologien betont Kenneth Gergen deswegen: „Das Wort ‚ich‘ bezeichnet keinen Handlungsursprung, sondern die Errungenschaft einer Beziehung“.Kenneth J. Gergen: Relational being: Beyond self and community. Oxford University Press, New York 2009, S. 133.

„Es ist bemerkenswert, in wie großem Maß Meads soziologische Position mit der entwicklungspsychologischen von Wygotski übereinstimmt; Wygotski sprach sogar explizit von einer ‚Soziologisierung‘ allen Bewusstseins, d. h. der Anerkennung der basalen Tatsache, dass die soziale Dimension des Bewusstseins zeitlich und faktisch primär ist. Die individuelle Dimension des Bewusstseins ist derivativ und sekundär; sie basiert auf der sozialen und ist […] ihr entsprechend konstruiert“.L. S. Vygotsky: Consciousness as a problem in the psychology of behavior. In: Soviet Psychology 17/4. 1979, S. 31.

Diese „Soziologisierung“ bzw. die dialogische Signatur psychischer Prozesse ist so primär, dass sie sich nicht erst mit der Sprachentwicklung zeigt; vielmehr baut jeder sprachliche Dialog schon darauf auf: Babys saugen das dialogische Format im übertragenen, aber auch im wörtlichen Sinne bereits mit der Muttermilch ein; die Mütter bringen ihren Säuglingen beim Stillen z. B. ein Grundelement jedes wie auch immer gearteten Dialogs bei, das unter dem Begriff des „turn-taking“K. Kaye und A. J. Wells: Mothers’ jiggling and the burst-pause pattern in neonatal feeding. Infant Behavior and Development 3. 1980, S. 29–46. untersucht wurde und bei dem beide Beteiligte sich sowohl aktiv resp. initiativ als auch passiv resp. reaktiv verhalten – ähnlich dem Muster von Rede und Antwort in sprachlichen Dialogen.