mini|hochkant|Papst Alexander VI., nach einem Gemälde von Cristoforo dell’Altissimo (Uffizien, Florenz)

Das Kastanienbankett (auch: Kastanienball, Kastanienballett oder Kastanien-Orgie) war ein angeblich mit einer Sexorgie verbundenes Bankett, das Cesare Borgia am 31. Oktober 1501 im Apostolischen Palast in Rom veranstaltet haben soll, und zwar in Anwesenheit seiner Schwester Lucrezia und seines Vaters, des Papstes Alexander VI. Hauptquelle für das Ereignis ist der Liber notarum, das Zeremonientagebuch des Johannes Burckard, aus dem es die meistbeachtete Passage ist.Hermann-Röttgen: Die Familie Borgia. S. 54. Heutige Historiker bezweifeln, dass sich das Bankett in der von Burckard geschilderten Form abgespielt hat.

Quellen In der Hauptquelle, dem Liber notarum Johannes Burckards, des deutschen Zeremonienmeisters von Papst Alexander VI., heißt es im lateinischen Originaltext:

In der deutschen Übersetzung von Ludwig Geiger [mit Ergänzung der von Geiger nicht übersetzten Wörter in eckigen Klammern]:

Die weiteren Quellen für das Kastanienbankett sind weniger detailliert bzw. weniger ausgeschmückt; Kastanien werden nicht mehr erwähnt. Am 4. November 1501 berichtete der florentinische Gesandte Francesco Pepi:Vgl. Bradford: Cesare Borgia. S. 205.Der Originaltext nach Arch. stor. ital. XVI, S. 189, ist zitiert bei Liber notarum ed. Enrico Celani (wie Anm. 2), S. 303 mit Anm. 1: „In questi dì et de Sancti et de Morti el papa non è venuto in San Piero e in Cappella per la scesa hebbe a questi dì, quale benchè lo impedisce da questo, non però lo impedì domenica notte per la vigilia d’ognisanti vegliare infino a XII hore con il duca, quale haveva facto venire in Palazo la nocte ancore cantoniere, cortigiane, et tucta nocte stierono in vegghia et balli et riso.“

mini|Cornelis van Haarlem: Vor der Sintflut (1615). So stellte sich ein Maler des 17. Jahrhunderts ein Bankett mit gleichzeitiger Orgie vor.

In der Chronik des Francesco Matarazzo aus Perugia wird ebenfalls von einem Tanzfest im Vatikan berichtet; dort heißt es dann weiter:Bradford: Cesare Borgia. S. 207.Der Bericht ist auch abgedruckt bei Will Durant: Kulturgeschichte der Menschheit. Band 15: Die Renaissance: italienisches Panorama II, die römische Renaissance. Genf ca. 1978, S. 313.

Vom 15. November 1501 datiert der sogenannte Savelli-Brief, ein papstfeindlicher Brief, den Burckard im vollen Wortlaut im Liber notarum anführt.Deutsche Übersetzung bei Geiger: Alexander VI. und sein Hof. S. 320–328. Dieser anonyme Brief wurde angeblich im königlichen Lager in Tarent geschrieben.Geiger: Alexander VI. und sein Hof. S. 328. Sein Adressat ist der aus Rom verbannte Baron Silvio Savelli in seinem Exil am Hof König Maximilians.Hermann-Röttgen: Die Familie Borgia. S. 62. Der hasserfüllte Brief präsentiert alle Verdächtigungen, die je in Rom gegen die Borgia umliefen, als bewiesene Tatsachen,Vgl. Reinhardt: Alexander VI. S. 213. darunter auch das Kastanienbankett:Geiger: Alexander VI. und sein Hof. S. 324.Die Episode mit den Stuten wird von Burckard in seinem Tagebuch unter dem 11. November 1501 ebenfalls geschildert; vgl. Bradford: Cesare Borgia. S. 206 f. mit Zitat.

Schließlich gibt es zwei Quellen, die sich nicht direkt auf dieses Ereignis beziehen, aber Papst Alexander VI. in Verbindung mit Ausschweifungen im Vatikan bringen: Zum einen ist dies ein Brief von Agostino Vespucci an Niccolò Machiavelli, der bereits vom 16. Juli 1501 datiert und behauptet, der Papst hole sich jeden Abend 25 oder mehr Frauen in seinen Palast, wodurch dieser in ein Bordell verwandelt werde.Liber notarum ed. Enrico Celani (wie Anm. 2), S. 303 mit Anm. 1. Dort folgendes Originalzitat aus dem Brief nach Pasquale Villari, Niccolò Machiavelli e i suoi tempi illustrati con nuovi documenti. Band 1: Florenz 1877, S. 558: Restavansi dire che si nota per qualcuno che dal papa in fuori, che vi ha del continuo il suo greggie illecito, ogni sera XXV femine e più, da l’Avemaria ad un hora, sono portate in palazo, in groppa di qualcheuno, adeo che manifestamente di tutto il palazo e factosi postribolo d’ogni specie. Altra nuova non vi volgio dare hora di qua, ma se mi rispondete vene darò delle più belle.Vgl. Bradford: Cesare Borgia. S. 206.Hermann-Röttgen: Die Familie Borgia. S. 64, datiert den Brief fälschlich auf den 16. Juli 1502, richtig ist aber der 16. Juli 1501, vgl. auch Eugenio Garin: Renaissance characters. University of Chicago Press, Chicago 1991, S. 50 f.

Weiter berichtete der venezianische Gesandte Giustiani am 30. Dezember 1502 in seine Heimat:Oskar Panizza: Das Liebeskonzil und andere Schriften. hg. von Hans Prescher, Luchterhand: Neuwied und Berlin, 1964, S. 144 mit Anm. 1; dort ist Giustiani zitiert nach: Charles Yriarte: Les Borgias, Band 2, Paris 1889, S. 40.

Rezeption und Kontroverse um die Historizität Kirchenkritische Autoren verwendeten das Kastanienbankett als Beispiel für die Sittenlosigkeit der katholischen Kirche. So zitiert Otto von Corvin Burckards Bericht in seinem Pfaffenspiegel, einer bekannten antiklerikalen Schrift des 19. Jahrhunderts.Otto von Corvin-Wiersbitzki: Pfaffenspiegel. Historische Denkmale des Fanatismus in der römisch-katholischen Kirche. 43. Auflage. Berlin-Schönefeld, 1934 (Rudolstädter Ausgabe), S. 179. Karlheinz Deschner erwähnt das Kastanienbankett oder auch „Hurenturnier“ in seiner Kriminalgeschichte des Christentums, hält auch die Zahl von 50 Kurtisanen angesichts von 50.000 Prostituierten, die es damals in Rom gegeben haben solle, nicht für zu hoch gegriffen, lässt aber die Frage der tatsächlichen Historizität offen („Sind sie [die Turniere] nur Propagandalegenden? […] Wie auch immer.“).Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Band 8: Das 15. Und 16. Jahrhundert. Vom Exil der Päpste in Avignon bis zum Augsburger Religionsfrieden. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006, ISBN 3-499-61670-X, S. 327f.

Für die Glaubwürdigkeit des Kastanienbanketts in der von Burckard geschilderten Form sprach sich Burckard-Übersetzer Ludwig Geiger im Hinblick auf die Parallelüberlieferungen aus.Geiger: Alexander VI. und sein Hof. S. 82. Enrico Celani, der Herausgeber von Burckards Liber notarum in der lateinischen Originalfassung, möchte den Bericht ebenfalls nicht bezweifeln und verweist auf Burckards gut informierte Berichterstattung ohne Polemik und Missgunst.Liber notarum ed. Enrico Celani (wie Anm. 2), S. 303 mit Anm. 1.

Der katholische Kirchenhistoriker Peter de Roo entwickelte in seinem fünfbändigen Werk zur Verteidigung Papst Alexanders VI. die Theorie, dass es ein Fest in den Privatgemächern Cesare Borgias im Vatikan gegeben haben könne; dann sei ein übertriebenes Gerücht davon in der Chronik des Francesco Matarazzo aufgezeichnet worden und erst danach sei der Bericht nachträglich von fremder Hand in Burckards Tagebüchern eingetragen worden.Peter de Roo: Material for a History of Pope Alexander VI, His Relatives and His Time. Band 5: Alexander VI and the Turks; his death and character. Bruges: Desclée, de Brouwer & Co. 1924, S. 196. Solche Theorien einer Interpolation (vor de Roo auch schon 1893 von A. Pieper vertreten)A. Pieper: Das Original des Diarium Burchardi. In: Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte. 7/1893, S. 387–403, hier S. 396. sind deshalb möglich, weil von Burckards Tagebüchern größtenteils kein Original mehr existiert – von einem Bruchstück abgesehen, das vom August 1503 bis zum Mai 1506 reicht.Geiger: Alexander VI. und sein Hof. S. 86. Es lässt sich also nicht mehr überprüfen, ob das Kastanienbankett bereits in Burckards Autograph zum Jahr 1501 enthalten war. Gegen die Annahme einer Interpolation wendet sich jedoch Ludwig Geiger: Die Episode vom Kastanienbankett finde sich bereits in den ältesten Abschriften von Burckards Tagebüchern.Geiger: Alexander VI. und sein Hof. S. 82. Auch Reinhardt und Neumahr betrachten die Passage als höchstwahrscheinlich nicht interpoliert.Reinhardt: Alexander VI. S. 211.Neumahr: Cesare Borgia. S. 224.

Dennoch bewertet Volker Reinhardt Burckards Bericht über das Kastanienbankett kritisch: Der Leser Burckards habe sich durch umständliche Schilderungen kirchlicher Feste hindurchgearbeitet, um daraufhin übergangslos auf diesen „Gruppensex im Vatikan“ und auf ein zum „Allerhurenfest“ umfunktioniertes Allerheiligenfest zu stoßen; das erkläre die schockierende und surreale Wirkung der Szene auf die Leser.Reinhardt: Alexander VI. S. 210f. Es sehe aber Alexander VI., der auf die Fürsprache der Heiligen viel gegeben habe, gar nicht ähnlich, ihr Fest rituell zu beflecken. Außerdem sei Cesare Borgias Markenzeichen nicht die Zurschaustellung, sondern die Heimlichkeit gewesen, hätte doch auch eine öffentlich bezeugte Pietätlosigkeit die Grundlagen der Borgia-Macht erschüttern können. Aber 50 „durch ihr Gewerbe optimal vernetzte Kurtisanen“ wären ebenso wie die siegreichen „Wettkämpfer des anderen Geschlechtes“ kaum zum Schweigen zu bringen gewesen.Reinhardt: Alexander VI. S. 211. Ähnlich argumentiert auch Neumahr: Cesare Borgia. S. 226. Auch seien gerade um jene Zeit Leumundsforscher am Werk gewesen, die Lucrezia Borgias Ruf erkunden sollten; da hätte eine wirkliche Orgie nur die Heirat Lucrezias mit Alfonso I. d’Este und damit „ein strategisches Ziel von erheblicher Bedeutung“ gefährdet.Volker Reinhardt: Die Borgia. Geschichte einer unheimlichen Familie. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62665-4, S. 102. Burckard sei bei der geschilderten Orgie offenkundig nicht selbst anwesend gewesenReinhardt: Alexander VI. S. 211. und habe die Geschichte wohl von einer Borgia-feindlichen Nachrichtenquelle übernommen.Reinhardt: Alexander VI. S. 213.

Als historischer Kern des Kastanienbanketts bleibt für Ludwig von Pastor ein „skandalöses Tanzfest“, an dem man in Hinblick auf den Bericht des Florentiner Gesandten (Pepi) kaum zweifeln könne.Ludwig von Pastor: Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters. Band 3: Geschichte der Päpste im Zeitalter der Renaissance von der Wahl' Innozenz VIII. bis zum Tode Julius II. Freiburg im Breisgau: Herder 1899, S. 478 mit Anm. 2. Auch Bradford hält Francesco Pepis Bericht (siehe oben unter Quellen) für glaubwürdig und sogar für harmlos: Kurtisanen könnten bei Cesare Borgias Abendessen durchaus eingeladen gewesen sein, da sie im Rom des 15. und 16. Jahrhunderts „ein wesentlicher Bestandteil jeder lebhaften, zwanglosen Gesellschaft“ waren, wie man auch Benvenuto Cellinis Autobiografie entnehmen könne.Bradford: Cesare Borgia. S. 206.Vgl. Leben des Benvenuto Cellini, übersetzt von Goethe. Frankfurt am Main: Insel, 1981. Dort z. B. S. 59–63 (erstes Buch, fünftes Kapitel): Cellini nimmt zusammen mit Michelangelo an einem Bankett mit Kurtisanen teil; S. 133–144 (zweites Buch, erstes Kapitel): Cellini verliebt sich in Rom in die sizilianische Kurtisane Angelika und will sie zu sich holen. Auch Neumahr denkt an ein tatsächliches, anschließend mit gehöriger Fabulierfreude ausgeschmücktes Bankett.Neumahr: Cesare Borgia. S. 225.