Lorenz oder Laurentius Wessel (* 1529 in Essen; † nach 1576 vermutlich in Österreich) war ein deutscher Kürschner und Meistersinger.
Leben miniatur|rechts|Meistersinger beim Vortrag; der „Merker“ sitzt hinter einem Vorhang. Zeichnung in einer Handschrift von Georg Hager, 1592|250px Lorenz Wessel stammte aus Essen im „Niederland“.Zur späten Verschiebung des Begriffs auf die heutigen Niederlande vgl. Karl Meisen: Niederland und Oberland. In: Rheinische Vierteljahresblätter. Band 15/16, 1950/1951, S. 417–464. Kürschner (Buntmeker, Pelzer) werden in Essen seit dem Mittelalter erwähnt,Vgl. Urkunden von 1164 und vom 23. August 1350; Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Essen, Stift, Urkunden AA 0248, Nr. 19 und 468) = K. Heinrich Schäfer, Franz Arens: Akten und Urkunden des Essener Münster-Archivs. In: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen. Band 28, 1906, S. 1–348, insbesondere S. 237–238. (Digitalisat bei archive.org); (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). aus dem Jahre 1525 sind Die Statuten des Pelzeramtes zu Essende überliefert.Vgl. Privilegien und Freiheiten des Pelser-Amtes; darin: Die Statuten des Pelzeramtes (1525) (Abschrift von 1752/1802). In: Franz Büscher: Die Statuten der früheren Gilden, Ämter und Zünfte binnen der Stadt Essen. In: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen 8 (1884), S. 3–107, bes. S. 59–62 (Digitalisat bei archive.org). Auch der Familienname Wessel ist zeitgenössisch in Essen belegt.Z. B. Urkunden von 1539–1547: Gerhardus Wessel, Kleriker („canonich“) „de Assindia“, Urkunden von 1541–1548: Ger(h)ard Wessel(s) († 1548), Werkmeister des Essener Münsters; 1563: seine Frau Trine und sein Sohn Gerhard II.; 1569–1573: Christophorus (Christoffel) Wessel (Wesell), Notar, und seine Frau; vgl. K. Heinrich Schäfer, Franz Arens: Akten und Urkunden des Essener Münster-Archivs. In: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen. Band 28, 1906, S. 170–171, 175–183, 196–197, 206–207 und 209; vgl. auch Konrad Ribbeck: Geschichte des Essener Gymnasiums. Band I: bis 1564. H. L. Geck, Essen 1896, S. 30–32 (Digitalisat der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf).
Seine Wanderjahre als Kürschner-Geselle führten Wessel an die Elbe, nach Bayern und nach Österreich. Aufenthalte Wessels sind 1553 in Magdeburg, 1557 in Moosburg an der Isar,Vgl. den Eintrag „Lorenz Wessl dichts zu Mospurg 1557“ zu einem Lied Wessels in der Handschrift Thomas Stromairs von 1577/78; Joseph Maria Wagner: Oesterreichische Dichter des XVI. Jahrhunderts. Nachträge und Berichtigungen. In: Serapeum. Band 27, 1866, S. 114. Weniger wahrscheinlich ist ein Aufenthalt Wessels in Moosburg in Kärnten; vgl. Erich Nussbaumer: Zur Geschichte des Meistergesanges in Kärnten. In: Carinthia 1. Band 151, 1961, S. 711–714, insbesondere S. 714. 1562 in Steyr und Waidhofen an der Ybbs,Vgl. Gottfried Fries: War Paul Rebhuhn, der erste deutsche Kunstdramatiker, aus Waidhofen an der Ibs gebürtig? In: Blätter des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich. Band 28, 1894, S. 311–332, insbesondere S. 328. (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Auch der Meistersinger Peter Heiberg aus Steyr hielt sich in Waidhofen auf. 1565 in Eisenerz (Steiermark),Vgl. Johann Willibald Nagl, Jakob Zeidler (Hrsg.): Deutsch-Österreichische Literaturgeschichte, Hauptband. Carl Fromme, Wien 1899, S. 544 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). 1568, 1570 in Wien, 1570 in Mistelbach an der Zaya (Niederösterreich) und 1573 in Wien belegt.
Wessel verfasste 1553 in Magdeburg ein Lied über den „fall Adams vnnd Euae“.Vgl. Michael Schilling: Literaturgeschichte Magdeburgs bis zur Zerstörung der Stadt 1631. In: Peter Petsch, Maik Hattenhorst (Hrsg.): Magdeburg. Die Geschichte der Stadt 805-2005. Janos Stekovics, Dößel 2005, S. 283–310, insbesondere S. 302. Der Magdeburger Meistersinger Valentin Voith (* um 1487; † nach 1558) dichtete einen Schwank über einen von seiner Frau betrogenen einäugigen Seifensieder „im kurzen dohn Lorentz Wessels aus Essen“.Vgl. Friedrich Hülße: Meistersinger in der Stadt Magdeburg. In: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg. Band 21, 1886, S. 59–71, insbesondere S. 70 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Bereits 1554 verfasste Hans Sachs das Lied In dem ailften capitel über Richter „in der zankweis Lorenz Wesels“.Vgl. Adelbert von Keller, Edmund Goetze: Hans Sachs, Bd. XXV. (Bibliothek des Litterarischen Vereins 225). Selbstverlag, Tübingen 1902, S. 459, Nr. 4484 (Google-Books; eingeschränkte Vorschau). Vermutlich in der Zeit seines Magdeburger Aufenthalts dichtete Lorenz Wessel ein Gedicht über den Stamm und die Ankunft des Hauses Sachsen von König Sighard in Engern bis auf Kurfürst August in 15 „Gesätzen“ zu je 24 Reimzeilen, das 1563 bei dem Chronisten Ernst Brotuff überliefert wurde.Vgl. Theodor Distel: Ein Meistergesang des Lorenz Wessel zu Essen (1563). In: Zeitschrift für Museologie und Antiquitätenkunde. 7, 1884, S. 124.
miniatur|rechts|Meistersinger auf einem Singstuhl (Mitte). Johann Weidhofer, Iglauer Postenbrief 1612|250px 1562 stellte Lorenz Wessel im Alter von 33 JahrenJohann Christoph Wagenseil: De sacri Rom. imperii libera civitate Noribergensi commentatio. Anhang (ab S. 451): Bericht Von der Meister-Singer-Kunst. Jobst Wilhelm Kohles, Altdorf 1697, S. 530 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München), (Google-Books). eine Tabulatur vndt Ordnung der Singer in Steyer im Lande ob der Ens gelegen auf. Im damals (von 1545 bis 1621) protestantischen Steyr bestand eine Meistersinger-Schule. Lorenz Wessel von Essen verfasste zu Ehren der Steyrer Meistersinger ein Lied, in dem er die dortigen 13 Meister namentlich aufführte: Messerer Erhard Engelauer, Kürschner Friedrich Fachenback, Messerer Martin Fronberger, Weber Matthäus Grandler (Grundler), Schleifer Simon Hauerstein, Hieronimus Keller, Messerer Melchior Klad (Kled), die beiden Ahlenschmiede Severin und Hans Kriegsauer (Griechsaver), Schleifer Michell Schlaher, Messerer Thomas Springenstein, Messerer Stofferoder (Stoffel Oder?) und Scherschmied Chistoph Weixelbraun.Bert Nagel: Meistersang (= Sammlung Metzler. Band 12). J. B. Metzler, Stuttgart 1962, S. 41; Karl Mitterschiffthaler: Meistersang in Oberösterreich. 2008 (); ders.: Der Meistersang in Oberösterreich und die Reformation. In: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. Band 126, 2010, S. 47–78. Die Steyrer Tabulatur enthält vier Abschnitte:Josef Ofner: Nikolaus Lindtwurm - Bortenschlager und Meistersinger zu Steyr. In: Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr. Band 15, 1955, S. 24–28. Die verschiedenen Reimarten und die Einrichtung des Gewerkes. Die Strafen beim Binden der Reime und beim Vortrage des Gesanges im Allgemeinen. Die Fehler innerhalb des Verses und die Strafen bei gewöhnlichen Singschulen. Die Strafen bei feierlichen Singschulen. Die Tabulatur wurde 1571 in einer verkürzten Form auch von den Meistersingern im mährischen Iglau angenommen.
Für Maximilian II. verfasste Lorenz Wessel 1563 ein Lied anlässlich dessen Königs-Krönungen, das er drucken ließ – vielleicht in der Hoffnung, dafür eine Gratifikation zu erhalten. Die Anfangsbuchstaben der Zeilen bilden akrostichisch die Worte: Dem Allerdvrchlevchtigisten und Grosmechtigisten Kynig und Herren Herren Maximiliano Roemischem Hungarischem vnd Boemischem Kynig Ertzhertzogen zv Oesterreich Hertzogen zv Bvrgundi und Grafen zv Tirol et cetera Irer Kynigcklichen Mayestat zu einem Herlichen Lobsprvch zu Eren Gedicht. Es schließt mit einer Gloria-Patri-Strophe und der Zeile: Das wünscht Lorentz Wessel von Essen. AMEN. Dem Eisenerzer Bürger und Radmeister Andree Steinwerfer († um 1571), der 1559 Gewerke der Grube Radmer wurde,Vgl. Hans Pienn: Über den ehemaligen Kupferbergbau in der Radmer. In: Gerhard Heilfurth (Hrsg.): Bergbauüberlieferungen und Bergbauprobleme in Österreich und seinem Umkreis. Festschrift für Franz Kirnbauer. Wien 1975, S. 140–147, insbesondere S. 143–144. widmete Wessel um 1565 ein akrostichisches Gedicht auf dessen Namen, das 1569 in einem Sammelband geistlicher Lieder veröffentlicht wurde.
1566 schrieb Lorenz Wessel ein Lied auf militärische Erfolge gegen die Türken und den Tod des Grafen Nikola Šubić Zrinski (Nikolaus Schubitsch von Serin) († 1566) in Ungarn, das gedruckt wurde. Von der Schrift erschienen in kurzer Zeit mehrere unautorisierte Raubdrucke. Wessel wandte sich deshalb an Kaiser Maximilian II. mit der Bitte um die Erteilung eines Druckprivilegs. Der Reichshofrat hatte jedoch kein Interesse, das Urheberrecht an poetischen Werken zu schützen, und erteilte Lorenz Wessel aus Essen am 21. Juli 1567 den Bescheid, „dem Supplikanten anzuzaigen die Majestät hab net in gebrauch auf dergleichen gedichte und gesänge impressoria zu geben, da er es aber trukken lassen wolle, möge er dasselb ihrer Majestät halben wohl thun“.Vgl. Friedrich Lehne: Zur Rechtsgeschichte der kaiserlichen Druckprivilegien. Ihre Bedeutung für die Geschichte des Urheberrechtes. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Band 53, 1939, S. 323–410, insbesondere S. 361; Ludwig Gieseke: Die geschichtliche Entwicklung des deutschen Urheberrechts (= Göttinger Rechtswissenschaftliche Studien. Band 22). O. Schwartz, Göttingen 1957, S. 31. Auch in der Folgezeit erschienen viele Nachdrucke der Veröffentlichungen Wessels, 1570 wurde ein Werk in die niederdeutsche Sprache – Wessels MutterspracheIn Essen wurde westfälisches Platt gesprochen. Die Sprachgrenze der Uerdinger Linie verläuft durch den Süden des heutigen Stadtgebiets. – übersetzt.
mini|Kürschnerwerkstatt, 1568 Der Nürnberger Meistersinger Georg Hager (* 1552; † vor 1634) berichtet von einem Meistergesang, den „dicht= „gedichtet hat“. lorencz wesl kürschner von Eisen (= Essen) ieczt= „jetzt“; ältere Autoren lasen „Eisen erczt“ und bezogen die Notiz auf den Aufenthalt Wessels in Eisenerz. jm 1567 jar, vnd ist mir von singerVielleicht der von Heiberger erwähnte Meistersinger Caspar Singer d. J. aus Eger, von dem jedoch sonst kein Aufenthalt in Steyr bekannt ist. von steyer geschickt worden“.Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (Handschrift Mscr. Dresd. M.6, fol. 274v). Von dem Breslauer Meistersinger Adam Puschmann (1532–1600), der ein Lied Wessels von 1568 in seine Sammlung aufnahm, wurde er 1584/88 als „ein Kirschner vnd Landreiser von Essling (= Essen)“ bezeichnet, der „aus dem Niederland“ gekommen sei.Georg Münzer (Hrsg.): Das Singebuch des Adam Puschmann (1584/88). Breitkopf & Härtel, Leipzig 1907, S. 22.
Lorenz Wessel wandte sich in seinen Liedern gegen Wucher und Spekulationsgeschäfte mit Getreide. In Mistelbach an der Zaya schrieb er 1570 ein Lied über den Foltertod des unschuldig des Diebstahls angeklagten Schneiders Hans Rothaler, der sich im nahen Eibesthal ereignet hatte. Die Schrift ist dem protestantischen Landesherrn Wolfgang II. von Liechtenstein-Nikolsburg (1536–1585) gewidmet.