Egeria (auch Aetheria oder Etheria genannt) war eine spätantike Autorin aus Nordspanien oder Gallien, die als Pilgerin im späten 4. Jahrhundert, wohl von 381 bis 384,Zur Datierung siehe Paul Devas: La date du voyage d’Égerie. In: Annalecta Bollandiana. Band 85, 1967, S. 165–194. das Heilige Land bereiste und über ihre Pilgerfahrt einen Bericht in Form eines Briefes an andere Frauen verfasste (Itinerarium Egeriae, Peregrinatio Aetheriae).
Itinerarium Egeriae Verfasserfrage Der Name der Verfasserin ist im Text nicht erhalten, da der Anfang des Berichtes verlorengegangen ist. So muss man sich auf indirekte Angaben im Text und sprachliche Eigentümlichkeiten stützen.
Gian Francesco Gamurrini identifizierte sie in seiner Erstpublikation 1887 als Sylvia von Aquitanien, eine Schwägerin des Prätorianerpräfekten Flavius Rufinus, von deren Reise nach Palästina Palladios berichtet.Palladios: Historia Lausiaca 55, 1. 1903 konnte Marius Férotin zeigen,Marius Férotin: Le véritable auteur de la Peregrinatio Silviae la vierge espagnole Ethéria. In: Revue des questions historiques Band 74 = N.S. 30, 1903, S. 367–397 (Digitalisat). dass es sich um eine Frau namens Egeria oder AetheriaIn den verschiedenen Manuskripten finden sich die Namensformen Egeria, Ecberia, Etheria („die Himmliche“), Heteria, Aetheria, Eiheria. handelt, von deren Reise ins Heilige Land der aus Galicien stammende Mönch Valerius von Bierzo um 680 in einem Brief berichtet. Darauf geht auch die von der Forschung überwiegend vertretene Annahme zurück, dass Egeria aus Nordspanien stammt.Karl Vretska (Übersetzer): Brief zum Lobe der hochseligen Aetheria, gerichtet von Valerius an seine Brüder, die Mönche von Vierzo. In: Hélène Pétré (Hrsg.): Die Pilgerreise der Aetheria (Peregrinatio Aetheriae). Bernina, Klosterneuburg 1958, S. 262–271; Manuel C. Diaz y Diaz: Valerius du Bierzo. Lettre sur la Bienheureuse Égérie. In: Égérie: Journal de Voyage (Itinéraire) (= Sources chrétiennes. Band 296). Les Éditions du Cerf, Paris 1982, ISBN 2-204-01974-7, S. 321–349.
Erwogen wird jedoch auch eine Herkunft aus dem südwestlichen Gallien (Aquitanien). Ihr Vergleich des Flusses Rhone mit dem Euphrat (18,2) und verschiedene sprachliche Züge sind als Hinweis darauf gedeutet worden.Dazu mit allen Argumenten und Literatur für und gegen diese These Jesús Alturo: Deux nouveaux fragments de l'"Itinerarium Egeriae" du IXe–Xe siècle. In: Revue Bénédictine 115, 2005, S. 249 mit Anm. 19–20.
Auch der soziale und religiöse Stand der Autorin und der Adressatinnen des Textes ist nicht genau bekannt. Egeria nennt die Empfängerinnen ihres Berichts „verehrte Damen Schwestern“ (dominae sorores venerabiles 3,8; 20,5),Auch dominae sorores „Damen Schwestern“ (46,1.4), zudem einfach dominae venerabiles „verehrte Damen“ (12,7) und dominae animae meae „Damen meiner Seele“ (19,19). woraus man zunächst auf Nonnen schloss. Da sie in drei mittelalterlichen Bibliothekskatalogen des 12. bis 15. Jahrhunderts aus der Benediktinerabtei St. Martial in Limoges zudem Egeria abbatissa („Äbtissin Egeria“) genannt wurde,Marius Férotin: Le véritable auteur de la Peregrinatio Silviae la vierge espagnole Ethéria. In: Revue des questions historiques. Band 74 = N.S. 30, 1903, S. 367–397, hier S. 397 (Digitalisat), die Bibliothekskataloge nennen das Werk itinerarium Egerie abbatisse. ist nicht ausgeschlossen, dass Egeria selbst Nonne war.Diese Ansicht war früher allgemein verbreitet; siehe etwa Martin Schanz, Carl Hosius: Geschichte der römischen Litteratur bis zum Gesetzgebungswerk des Kaisers Justinian (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Band 8). Band 4,1. Dritte Auflage. C.H. Beck, München 1914, S. 399–403. hier: S. 399. 402 (Digitalisat); noch Agustín Arce: Itinerario de la Virgen Egeria (381-384) (= Biblioteca des Autores Cristianos. Band 416). 2. Auflage. Madrid 2010, spielt auf diese Stellung im Titel an. Doch war die Anrede unter vornehmen Christen auch außerhalb von Klostergemeinschaften üblich. Ihre Freiheit und die finanziellen Mittel zum Reisen lassen eher an ein Mitglied der wohlhabenden römischen Oberschicht denken, aus deren Kreis in der Spätantike mehrfach Frauen als Pilgerinnen ins Heilige Land bezeugt sind, wie etwa Melania die Ältere und Melania die Jüngere.Zur Diskussion dieser Frage siehe Sebastià Janeras: Egèria. Pelegrinatge. Band 1. Fundació Bernat Metge, Barcelona 1986, S. 21–24;
Es ist angezweifelt worden, ob Egeria beim Antritt ihrer Reise bereits die Taufe empfangen hatte. Ihr Bericht lege besonderen Augenmerk auf die Taufrituale und die Vorbereitung zur Taufe, die Katechese. Aufgrund der Tatsache, dass sie drei Jahre in Jerusalem blieb, ist es möglich, dass sie dort ihr eigenes Katechumenat durchlaufen hat und getauft wurde. Auf der anderen Seite zeugt ihr Bericht von einer guten Kenntnis der biblischen Texte.Hagith Sivan: Holy Land Pilgrimage and Western Audiences: Some Reflections on Egeria and Her Circle. In: The Classical Quarterly. New Series, Band 38, 1988, S. 531. Ihr Bericht unterscheidet sich in einem Punkt von anderen, von Mönchen verfassten spätantiken Pilgerberichten: Zwar beschreibt sie mehrfach, dass sie von Mönchen aufgenommen und geführt worden sei, jedoch berichtet sie nicht von den durch diese bewirkten Wundern oder von den Gesprächen, die sie mit ihnen geführt hat.
Auch der Titel des Werkes ist unbekannt, Itinerarium Egeriae oder Peregrinatio Aetheriae sind nachantike Bezeichnungen, es handelt sich nach der literarischen Gattung um einen Briefbericht, nicht im eigentlichen Sinn um ein Itinerar.
Sprache Egeria schreibt im einfachen, volkssprachlich gefärbten Spätlatein ohne rhetorische Akzente. Ihr Reisebericht ist eines der bedeutsamsten Zeugnisse für den Übergang vom spätantiken Latein zum Vulgärlatein, das die Grundlage für die sich allmählich herausbildenden romanischen Nationalsprachen bildete.Ingrid Baumgärtner: Biblische, mythische und fremde Frauen: Zur Konstruktion von Weiblichkeit in Text und Bild mittelalterlicher Weltkarten. In: Xenja von Ertzdorff, Gerhard Giesemann (Hrsg.): Erkundung und Beschreibung der Welt. Zur Poetik der Reise- und Länderberichte. Vorträge eines interdisziplinären Symposiums vom 19. bis 24. Juni 2000 an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Rodopi, Amsterdam 2003, ISBN 90-420-0994-2, S. 31–86, hier S. 59. Der Altphilologe Einar Löfstedt machte die Peregrinatio Aetheriae sogar zur Textgrundlage seiner wegweisenden Untersuchung zum Wortschatz und zur Syntax des Spätlateinischen.Einar Löfstedt: Philologischer Kommentar zur Peregrinatio Aetheriae. Untersuchungen zur Geschichte der lateinischen Sprache. Almqvist & Wiksell, Uppsala/Haupt, Leipzig 1911 (Digitalisat); mehrere Nachdrucke: Almqvist & Wiksell, Uppsala/Harrassowitz, Leipzig/Blackwell, Oxford 1936, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1968 und 1970. Siehe jetzt auch Veikko Väänänen: Le Journal-Epitre d'Égérie (Itinerarium Egeriae). Étude linguistique (= Annales Academiae Scientiarum Fennicae. Humaniora Band 230). Suomalainen Tiedeakatemia, Helsinki 1987, ISBN 951-41-0497-8. Griechische Ausdrücke und Ortsnamen übersetzt Egeria meist ins Lateinische.
Inhalt Der erste Teil (Kapitel 1–23) umfasst den eigentlichen Bericht über Egerias Reisen im Heiligen Land. Es fehlt der Teil mit ihrem Reiseweg ins Heilige Land sowie die Beschreibung von Jerusalem und des Westjordanlandes. Der erhaltene Bericht setzt mit ihrem Besuch auf dem Sinai (Kapitel 1–6) ein. Es folgt die Schilderung ihres Besuches in Ägypten (Kapitel 7–9) und nach ihrer Rückkehr nach Jerusalem des Besuchs auf dem Berg Nebo (Kapitel 10–12).
Von großer Bedeutung ist der Bericht durch die ausführlichen Beschreibungen der Alt-Jerusalemer Liturgie im zweiten Teil (Kapitel 24–49). Unter anderem werden die Liturgie der Feste der Geburt Jesu, die Darstellung des Herrn, die Bräuche der Fastenzeit, der Heiligen Woche und des Osterfestes beschrieben. Egeria berichtet von der Prozession von Betlehem nach Jerusalem am Geburtsfest Jesu Christi, von der Prozession vom Ölberg am Palmsonntag und vom Nachtgebet, das in der Nacht des Gründonnerstags in Getsemani gehalten wurde. Daneben schreibt sie über die Kreuzverehrung am Karfreitag. Der Einfluss heimkehrender Pilger, unter denen Bischöfe und einflussreiche Geistliche waren, führte bald zur Übernahme vieler dieser Liturgien in den Kirchen des Westens und des Ostens.
Egerias detaillierte Schilderung der verschiedenen christlichen Feiern im Heiligen Land ist eine der ältesten und wichtigsten Beschreibungen des frühchristlichen Gottesdienstes. In einer breiten Schilderung beschreibt sie die vielen dort vorhandenen Kirchen, Klöster und heiligen Stätten. Viele dieser Riten und Bräuche werden von palästinensischen Christen bis heute gepflegt.
Überlieferung Der Text ist nur in einem im Kloster Montecassino entstandenen Codex aus der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts überliefert, der 1884 von Gian Francesco Gamurrini in einer Bibliothek in Arezzo in Mittelitalien wiedergefunden wurde.Arezzo, Biblioteca della Fraternita dei Laici, Codex Aretinus VI 3, heute Arezzo, Biblioteca Città di Arezzo, Manoscritti 405; Beschreibung des Codex. Er gab den Text 1887 erstmals heraus.Gian Francesco Gamurrini: S. Hilarii Tractatus de mysteriis et Hymni et s. Silviae Aquitanae Peregrinatio ad loca sancta, quae inedita ex codice arretino depropmpsit Ioh. Franciscus Gamurrini. Accedit Petri Diaconi liber de locis sanctis (= Biblioteca dell'Accademia storico-giuridica Band 4). Rom 1887; danach Gian Francesco Gamurrini: S. Silviae Aquitanae peregrinatio ad loca sancta. In: Studi e documenti di storia e diritto Band 9, 1888, S. 97–174 (Digitalisat). Der Text ist unvollständig, vor allem am Anfang fehlen größere Teile.
Zwei kleine Fragmente einer weiteren Handschrift des Textes um 900 aus Aquitanien wurden 2005 von Jesús Alturo in spanischem Privatbesitz identifiziert, die eine kleine Lücke im Manuskript von Arezzo in Kapitel 16 schließen.Jesús Alturo: Deux nouveaux fragments de l'"Itinerarium Egeriae" du IXe–Xe siècle. In: Revue Bénédictine Band 115, 2005, S. 241–250.
Exzerpte bei anderen Autoren (etwa Petrus Diaconus, De Locis sanctis) und Einträge in mittelalterlichen Bibliothekskatalogen lassen darauf schließen, dass es noch weitere Abschriften gegeben hat.
Literatur Ausgaben und Übersetzungen Paul Geyer: Itinera hierosolymitana saecvli IIII–VIII (= Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum Band 39). Tempsky, Wien 1898, S. 35–101 (Textausgabe, Digitalisat). mit geringfügigen Verbesserungen erneut abgedruckt in Itineraria et alia geographica (= Corpus Christianorum, Series Latina Band 175). Brepols, Turnhout 1965, S. 29–103. M. L. McClure, Charles Lett Feltoe: The Pilgrimage of Etheria: Society for Promoting Christian Knowledge, London 1919 (englische Übersetzung, Digitalisat). Die Pilgerreise der Aetheria (Peregrinatio Aetheriae). Eingeleitet und erklärt von Hélène Pétré, übersetzt von Karl Vretska. Bernina, Klosterneuburg 1958. Egeria’s Travels. Newly translated with supporting documents and notes by John Donald Wilkinson. SPCK, London 1971, ISBN 0-281-02479-0; 3. Auflage Aris & Phillips, Warminster 1999, Reprint with corrections Aris & Philipps, Oxford 2006, ISBN 0-85668-710-3 (englische Übersetzung mit Kommentar). Herbert Donner: Pilgerfahrt ins Heilige Land. Die ältesten Berichte christlicher Palästinapilger (4.–7. Jahrhundert). Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1979, ISBN 3-460-31841-4, S. 69–137 (Kapitel 1–23, deutsche Übersetzung mit Kommentar). Égérie: Journal de Voyage (Itinéraire) (= Sources chrétiennes. Band 296). Introduction, texte critique, traduction, notes, index et cartes par Pierre Maraval, Valerius du Bierzo. Lettre sur la Bse Égérie. Introduction, texte et traduction par Manuel C. Diaz y Diaz. Les Éditions du Cerf, Paris 1982, ISBN 2-204-01974-7 (Textausgabe mit französischer Übersetzung).