Homo erectus ist eine ausgestorbene Art der Menschenaffen-Gattung Homo. Aus den Homo erectus zugeschriebenen pleistozänen Populationen Afrikas entwickelte sich vermutlich in Europa der Neandertaler und – parallel zu diesem, aber unabhängig von ihm – in Afrika der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens). Laut Richard Leakey war Homo erectus „die erste hominine Art, die das Feuer benutzte; die erste, die das Jagen als ein wesentliches Element zur Sicherung ihrer Nahrungsversorgung einsetzte; die erste, die wie ein moderner Mensch laufen konnte.“Richard Leakey: The origin of humankind. Phoenix, a division of Orion Books Ltd., 1995, S. XIV Die Abgrenzung des Homo erectus von anderen Arten der Gattung Homo ist in Fachkreisen – zwischen sogenannten Lumpern und Splittern – allerdings umstritten. Zudem entwickelten sich aus Homo erectus – unabhängig voneinander – sowohl Homo heidelbergensis und Neandertaler (in Eurasien) als auch Homo sapiens (in Afrika) und vermutlich Homo floresiensis (in Ostasien). Ein „Aussterbezeitpunkt“ ist daher nicht datierbar (vergleiche die Grafiken weiter unten).
Die ersten Fossilien des Homo erectus wurden ab den 1890er-Jahren in Asien entdeckt. Dies führte jahrzehntelang dazu, dass die Paläoanthropologen zu dem Schluss kamen, der anatomisch moderne Mensch habe sich in Asien aus affenähnlichen Vorfahren entwickelt, obwohl bereits Charles Darwin 1871 vermutet hatte,Charles Darwin: The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex. John Murray, London 1871, Band 1, S. 199: „In each great region of the world the living mammals are closely related to the extinct species of the same region. It is therefore probable that Africa was formerly inhabited by extinct apes closely allied to the gorilla and chimpanzee; and as these two species are now man’s nearest allies, it is somewhat more probable that our early progenitors lived on the African continent than elsewhere.“ der Mensch habe sich in Afrika entwickelt, da seine nächsten Verwandten – Schimpansen und Gorillas – dort beheimatet sind. Diese Einschätzung verhinderte zudem zwei Jahrzehnte lang die Anerkennung des ersten afrikanischen Australopithecus-africanus-Fundes – des 1924 geborgenen Kindes von Taung – als zugehörig zur Ahnenreihe des modernen Menschen. Als wahrscheinlicher Irrtum wurde dies erst erkannt, nachdem in Afrika entdeckte, sehr alte hominine Fossilien im April 1964 von Louis Leakey als Homo habilis an die Basis der Gattung Homo gestellt worden waren.Bernard Wood: Fifty years after Homo habilis. In: Nature. Band 508, Nr. 7494, 2014, S. 31–33, doi:10.1038/508031a
Namensgebung Die Bezeichnung der Gattung Homo ist von abgeleitet. Der Artname erectus ist von lateinisch erigere („aufrichten“) abgeleitet. Homo erectus bedeutet somit „der aufgerichtete Mensch“.
Die ersten drei Fossilien, Trinil I bis III, die 1891/92 von Eugène Dubois entdeckt und als Java-Mensch bekannt wurden, hatte Dubois zunächst als Anthropopithecus erectus („aufgerichteter Mensch-Affe“) benannt, abgeleitet von und griech. πίθηκος, altgr. ausgesprochen píthēkos („Affe“).Eugène Dubois publizierte seine Forschungsergebnisse anfangs quartalsweise in den Berichten des Minenwesens („Verslag van het Mijnwezen“) der niederländischen Kolonialverwaltung; die Benennung erfolgte im Bericht für das 3. Quartal 1892, (erschienen 1893), S. 10–14; vergl. dazu: Aleš Hrdlička: The skeletal remains of early man. Smithsonian Institution, 1930; Volltext. 1894 änderte Dubois den Gattungsnamen in einem Fachaufsatz in Pithecanthropus erectus („aufgerichteter Affen-Mensch“)Eugène Dubois: Pithecanthropus erectus: eine menschenähnliche Übergangsform von Java. Landes-Druckerei, Batavia 1894 und beschrieb die Art als Übergangsform, die zum modernen Menschen geführt habe. Dubois griff bei dieser Namensgebung einen Vorschlag auf, den Ernst Haeckel 1863 empfohlen hatte, als er eine hypothetische Übergangsform zwischen Mensch und Affe beschrieben und diese Pithecanthropus genannt hatte.Stephanie Müller et al.: Sangiran II. Eine Schädelkalotte und ihre wissenschaftliche Deutung. In: Natur und Museum. Band 138, 2008, S. 30
1944 publizierte Theodosius Dobzhansky den Aufsatz On species and races of living and fossil man, in dem er argumentierte, dass es zu jeder Zeit nur eine einzige, variationsreiche Art der Hominini gegeben habe.Theodosius Dobzhansky: On species and races of living and fossil man. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 2, Nr. 3, 1944, S. 251–265, doi:10.1002/ajpa.1330020303 1950 unterstützte Ernst Mayr in einem Vortrag beim Cold Spring Harbour Symposium on Quantitative Biology Dobzhanskys Annahmen und überzeugte die Paläoanthropologen davon, alle inzwischen entdeckten, mutmaßlichen Vorfahren des Menschen der Gattung Homo zuzuordnen und künftig darauf zu verzichten, Einzelfunde mit einem Gattungs- und Artnamen zu benennen; stattdessen solle man solche Fossilien nach ihrer Herkunft benennen (zum Beispiel Sterkfontein-Fund statt „Plesianthropus“ für Mrs. Ples).Ernst Mayr: Taxonomic categories in fossil hominids. Cold Spring Harbor Symposia on Quantitative Biology 15, 1950, S. 109–118; Exzerpt. Nachdruck in: W. Eric Meikle, Sue Taylor Parker: Naming our Ancestors. An Anthology of Hominid Taxonomy. Waveland Press, Prospect Heights (Illinois) 1994, ISBN 0-88133-799-4, S. 152–170. Dies hatte zur Folge, dass auch die als Pithecanthropus erectus bezeichneten Fossilien erneut umbenannt wurden, dass gemäß den internationalen Regeln für die Zoologische Nomenklatur der Artname erectus erhalten blieb und die von Eugène Dubois entdeckten drei Fossilien nunmehr die Typusexemplare von Homo erectus sind.
Erstbeschreibung
Als Holotypus von Homo erectus wurden 1893 drei von Eugène Dubois auf der indonesischen Insel Java geborgene Fossilien benannt: ein im Oktober 1891 entdecktes Schädeldach mit einem markanten, durchgehenden Querwulst des Stirnbeins oberhalb der Nasenwurzel („Überaugenwulst“), Sammlungsnummer Trinil II; ein im August 1892 entdeckter, vollständig erhaltener Oberschenkelknochen (Trinil III), der in Form und Aufbau dem Oberschenkelknochen des anatomisch modernen Menschen gleicht, was von Dubois als Hinweis gedeutet wurde, dass sein Besitzer sich ähnlich aufrecht wie der moderne Mensch bewegte; sowie ein bereits im August 1891 entdeckter großer Backenzahn (Trinil I).
Zahn und Schädeldach waren von Dubois zunächst als Fossil eines nicht-homininen Menschenaffen interpretiert worden, weil Dubois eine Ähnlichkeit mit den rezenten Schimpansen zu erkennen glaubte. Daher ordnete er seine Funde zunächst der neuen Art Anthropopithecus erectus zu; Anthropopithecus war damals der Gattungsname der Schimpansen.
Die von Eugène Dubois entdeckten drei Fossilien galten damals als die ersten Funde von Fossilien der Hominini außerhalb Europas und zugleich als die ältesten bis dahin aus dieser Klade entdeckten. Aufgrund ihrer Fundsituation am Rande eines ehemaligen Gewässers ist die Datierung der Knochen problematisch; nach heutigem Kenntnisstand wird dem Schädeldach ein Alter von rund einer Million Jahre zugeschrieben. Allerdings besitzt das Schädeldach so wenige charakteristische Merkmale, dass man es nicht zuverlässig mit anderen Fossilien vergleichen kann.Gary J. Sawyer, Viktor Deak: Der lange Weg zum Menschen. Lebensbilder aus 7 Millionen Jahren Evolution. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008, S. 117 und 119 Die Zuordnung des Backenzahns zur Gattung Homo gilt heute hingegen als nicht gesichert,Gary J. Sawyer und Viktor Deak, Der lange Weg zum Menschen, S. 121. und der Oberschenkelknochen – dessen Gestalt ursächlich war für die Wahl des Artnamens erectus – wird heute als vermutlich dem anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) zugehörig interpretiert:Michael Herbert Day und Theya I. Molleson: The Trinil femora. In: M. H. Day (Hrsg.): Human Evolution. Symposia of the Society for the Study of Human Biology. Band 11, Taylor & Francis, London 1973, S. 127–154. Eine Deutung, die der britische Anatom Daniel John Cunningham (1850–1909) bereits 1895 im Fachblatt Nature publiziert hat.Daniel John Cunningham: Dr. Dubois' So-Called Missing Link. In: Nature. Band 51, 1895, S. 428–429, doi:10.1038/051428a0.
Die Erstbeschreibung in Dubois’ Veröffentlichung Paleontologische onderzoekingen op Java ist im Original datiert auf das Jahr 1892, weswegen die vollständige Bezeichnung der Art lange Zeit Homo erectus DUBOIS, 1892 lautete. Bert Theunissen wies allerdings 1989 darauf hin, dass die Veröffentlichung erst 1893 erschienen sei, daher müsse die Art Homo erectus DUBOIS, 1893 benannt werden.Bert Theunissen: Eugène Dubois and the Ape-Man from Java. The History of the First ‘Missing Link’ and Its Discoverer. Springer 1989, ISBN 978-1-55608-081-4, doi:10.1007/978-94-009-2209-9.W. Eric Meikle und Sue Taylor Parker (Hrsg.): Naming our Ancestors. An Anthology of Hominid Taxonomy. Waveland Press, Prospect Heights (Illinois) 1994, S. 36, ISBN 0-88133-799-4 2024 wurde dieser Hinweis von einer anderen Autorengruppe in einem Review-Artikel bestätigt;Eduard Pop, Sofwan Noerwidi und Fred Spoor: Naming Homo erectus: A review. In: Journal of Human Evolution. Band 190, 2024, 103516, doi:10.1016/j.jhevol.2024.103516. zugleich wurde bekräftigt, dass wegen der unsicheren Zuordnung der Fossilien Trinil I und III nur das Schädeldach Trinil II als Holotypus infrage kommt.
Alter Homo erectus werden Fossilien aus dem Pleistozän zugeordnet, deren älteste rund zwei Millionen Jahre alt sind und somit dem frühesten Altpleistozän entstammen. Einige Forscher (sogenannte Lumper) stellen noch Fossilien aus dem mittleren Jungpleistozän zu Homo erectus, so dass dieser „Frühmensch“In Grzimeks Tierleben wird Homo erectus als „Frühmensch“ bezeichnet; siehe dazu die „Systematische Übersicht“ ebd., Band 11 (= Säugetiere 2), dtv, 1979, S. 508. Die Gattung Australopithecus wird hier erläuternd als „Gattung Vormensch“ bezeichnet. – aus dieser Sicht – fast zwei Millionen Jahre Afrika, Asien und Europa besiedelt hat.
Im April 2020 wurde in der Fachzeitschrift Science das Fossil DNH 134 beschrieben, ein Kinderschädel aus Südafrika, der mit 2,04 bis 1,95 Millionen Jahre älteste bislang bekannte Fund von Homo erectus.Andy I. R. Herries et al.: Contemporaneity of Australopithecus, Paranthropus, and early Homo erectus in South Africa. In: Science. Band 368, Nr. 6486, 2020, eaaw7293, doi:10.1126/science.aaw7293. Our direct human ancestor Homo erectus is older than we thought. Auf: eurekalert.org vom 2. April 2020. Mindestens 1,855 Millionen Jahre alt ist ferner das Hinterhauptbein KNM-ER 2598 aus Kenia.Ashley S. Hammond et al.: New hominin remains and revised context from the earliest Homo erectus locality in East Turkana, Kenya. In: Nature Communications. Band 12, Artikel-Nr. 1939, 2021, doi:10.1038/s41467-021-22208-x. Study cements age and location of hotly debated skull from early human Homo erectus. Auf: eurekalert.org vom 13. April 2021. Als jüngster Beleg für Homo erectus gelten die Funde der zunächst als Homo soloensis bezeichneten Fossilien, denen im Jahr 2019 ein Alter von 117.000 bis 108.000 Jahren zugeschrieben wurde.
Diesen Datierungen zufolge lebte Homo erectus zur gleichen Zeit wie Paranthropus boisei. In einer 2024 von Grabungsleiterin Louise Leakey publizierten Studie wurde dies belegt durch rund 1,5 Millionen Jahre alte, zur gleichen Zeit in Koobi Fora (Kenia) entstandene Fußspuren beider Arten.Kevin G. Hatala et al.: Footprint evidence for locomotor diversity and shared habitats among early Pleistocene hominins. In: Science. Band 386, Nr. 6725, 2024, S. 1004–1010, doi:10.1126/science.ado5275. Menschenvorfahren schritten Seit' an Seit'. Auf: spektrum.de vom 28. November 2024.