Regretting motherhood (deutsch: „Bedauern der Mutterschaft“) beschreibt den anhaltenden Zustand, in dem Frauen bedauern, Mütter geworden zu sein, und die Rolle als Mutter negativ erleben. Dieser Begriff wurde 2015 von der israelischen Soziologin Orna Donath geprägt, die in ihrer Studie Regretting Motherhood: A Sociopolitical Analysis diese Thematik erstmals systematisch und soziologisch in einem wissenschaftlichen Kontext analysierte.

Gründe für Regretting Motherhood Laut einer deutschen Studie von YouGov aus dem Jahr 2015 gaben 20 % der insgesamt 2045 befragten Eltern an, dass sie die Entscheidung, Kinder zu bekommen, bereuen. Die Ursachen für dieses Bedauern lassen sich auf verschiedene innere und äußere Faktoren zurückführen.

Ein wesentlicher äußerer Faktor ist die gesellschaftliche Erwartungshaltung, die Frauen eine bestimmte Rolle als Mutter zuschreibt. Mutterschaft wird häufig idealisiert und es besteht der Druck, Beruf, persönliche Entwicklung und Familienleben miteinander zu vereinen. Diese hohen Anforderungen können zu Überforderung und Frustration führen, insbesondere wenn es an Unterstützung durch den Partner, der Familie oder gesellschaftlichen Institutionen fehlt. Ohne ein unterstützendes Netzwerk aus Familie, Freunden oder Betreuungseinrichtungen fühlen sich Mütter mit ihrer Verantwortung alleingelassen. Besonders alleinerziehende Mütter stehen häufig unter finanziellem Druck, was den Stress weiter verstärken kann. Auch die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung der Care-Arbeit kann dazu beitragen, dass Frauen ihre Mutterschaft als unerfüllt empfinden. Wenn ihre Leistungen als selbstverständlich angesehen werden und es an Anerkennung und Wertschätzung durch den Partner oder das soziale Umfeld fehlt, kann das belastende Gefühl verstärkt werden. Die ungleiche Aufgabenverteilung in der Familie ist ebenso ein Faktor. In vielen Fällen tragen Mütter die Hauptverantwortung für die Kindererziehung, den Haushalt und die Organisation des Alltages, während Väter häufig weniger eingebunden sind. Frauen, die sich alleingelassen fühlen oder Schwierigkeiten damit haben, sich außerhalb der Mutterrolle selbst zu verwirklichen, können ihre Entscheidung zur Mutterschaft bereuen.

Neben diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen spielen auch individuelle psychologische Faktoren eine Rolle. Erlebte Kindheitstraumata oder unsichere Bindungserfahrungen können das Muttersein beeinflussen. Frauen, die selbst keine stabilen oder positiven Eltern-Kind-Beziehungen erlebt haben, empfinden die Mutterschaft möglicherweise als besonders herausfordernd. Zudem können persönliche Eigenschaften wie ein stark ausgeprägtes Autonomiebedürfnis dazu führen, dass sich Mütter in ihrer Rolle eingeschränkt und fremdbestimmt fühlen, da durch die dauerhafte Betreuung der Kinder häufig wenig Zeit für die eigenen Bedürfnisse, Hobbys oder Karriereträume bleibt. Des Weiteren kann ein übermäßiger Perfektionismus dazu führen, dass Mütter sich selbst unter Druck setzen, in allen Bereichen perfekte Leistungen zu erbringen. Zudem fällt es vielen Frauen schwer, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich aktiv Zeit für sich selbst zu nehmen. Diese mangelnde Selbstfürsorge kann dazu führen, dass Mütter sich in ihrer Rolle verlieren und zunehmend unglücklicher werden. Zudem können Unsicherheit und das mangelnde Vertrauen in die eigene Kompetenz das Gefühl verstärken, der Mutterschaft nicht gerecht zu werden, was in manchen Fällen zu einer tiefen Reue führen kann.

Ein weiterer Einflussfaktor ist die Transgenerationale Weitergabe von Traumata. Dies sind psychologische Belastungen, die über Generationen hinweg weitergegeben werden. Frauen, die Verlusterfahrungen oder belastende Familiengeschichten mit sich tragen, können sich in der Mutterrolle unwohl oder emotional überfordert fühlen, was das Risiko für das Bereuen der Mutterschaft erhöht.

Unabhängig von diesen Faktoren kann es auch zu einer inneren Ablehnung der Elternrolle kommen.

Folgen von Regretting Motherhood Frauen, die von Regretting Motherhood betroffen sind, kämpfen häufig mit intensiven Schuld- und Schamgefühlen, da das Eingeständnis dieser Empfindungen in der Gesellschaft tabuisiert ist. Diese inneren Konflikte führen zu anhaltendem Stress und können das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen erhöhen. Zudem fühlen sich viele Frauen von der Gesellschaft missverstanden, was zu sozialer Isolation führen kann. Aus Angst vor Verurteilung behalten sie ihre Gefühle für sich, was wiederum Einsamkeit und das Gefühl des Alleinseins verstärken kann.

Mütter, die ihre Mutterschaft bereuen, können unbewusst Verhaltensweisen an den Tag legen, die das emotionale Wohlbefinden ihres Kindes beeinträchtigen. Dazu zählen emotionale Distanz, Ungeduld oder Gereiztheit im Umgang mit dem Kind. Solche Verhaltensweisen können beim Kind zu Gefühlen der Unsicherheit, des mangelnden Selbstwertes und emotionaler Vernachlässigung führen. Besonders kritisch ist, dass diese emotionale Belastung die Entwicklung einer sicheren Bindung zwischen Mutter und Kind erschwert. Eine unsichere oder ambivalente Bindung kann langfristig die emotionale und soziale Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen. In manchen Fällen übernehmen die Kinder unbewusst die emotionale Rolle eines Trösters oder Stabilisators für ihre Mutter. Diese verfrühte Übernahme von Verantwortung, auch Parentifizierung genannt, kann ihre Entwicklung hemmen und zu langfristigen psychischen Belastungen führen. Aus diesen Gründen ist es wichtig, dass betroffene Mütter ihre eigenen Gefühle reflektieren und sich gegebenenfalls professionelle Unterstützung suchen, um die Beziehung zu ihrem Kind positiv zu gestalten und dessen Entwicklung zu fördern.

Gesellschaftlicher und kultureller Rahmen Im 19. Jahrhundert entstand in Westeuropa das Leitbild der nicht erwerbstätigen Mutter, für die die Mutterschaft, die Kindererziehung und die Haushaltsführung die zentralen Lebensaufgaben darstellen. Diese Vorstellungen sind auch heute noch präsent. Frauen, die sich diesem Ideal nicht anpassen, werden häufig stigmatisiert. Sie werden entweder als Rabenmütter bezeichnet, wenn sie erwerbstätig bleiben, oder als unproduktiv, wenn sie zuhause bleiben.

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Mutterschaft im westlichen Deutschland als Essenz der Weiblichkeit betrachtet. Die gesellschaftliche Norm sah vor, dass Frauen verheiratet waren, ihren Beruf nach der Geburt ihres ersten Kindes aufgaben und ihre gesamte Energie in die Erziehung und Versorgung der Kinder investierten. Dabei wurde die Mutterrolle mit Tugenden wie Fürsorglichkeit und Selbstaufopferung idealisiert, was Frauen auf ihre Funktion innerhalb der Familie reduzierte. Wer nicht diesem Rollenbild entsprach, wurde gesellschaftlich ausgegrenzt.

Mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1970er- und 1980er-Jahren kam es zu einer Veränderung des traditionellen Mutterbildes. Das Drei-Phasen-Modell bot eine neue Perspektive dahingehend, dass Frauen zunächst eine gute Ausbildung abschließen und bis zur Geburt des ersten Kindes berufstätig sein sollten. Daraufhin folgt eine Familienphase, in der sie sich intensiv um die Erziehung der Kinder kümmern sollten, bevor sie schließlich in den Arbeitsmarkt zurückkehren konnten. Dieses Modell versuchte, die Wünsche vieler Frauen nach beruflicher Selbstverwirklichung und einer aktiven Rolle in der Familie in Einklang zu bringen. Es zeigte jedoch auch, wie schwierig es war, die Mutterrolle mit den individuellen Karrierezielen zu vereinen, da gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen oft unzureichend auf diese Veränderungen reagierten.

In der heutigen Zeit gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Rollenmodellen, die die Mutterrolle auf vielfältige und individuelle Weise prägen. Immer mehr Frauen verbinden ihre Mutterschaft mit beruflichen Verpflichtungen und stehen vor der Herausforderung, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter sind dabei nach wie vor komplex und reichen von traditionellen Vorstellungen von Fürsorglichkeit bis hin zu modernen Ansprüchen an persönliche Entfaltung und beruflichem Erfolg. Es bestehen Unterschiede zwischen den Generationen dahingehend, dass ältere Personen zu konservativen Familienbildern tendieren während jüngere Generationen flexiblere und egalitärere Vorstellungen vertreten.

Bei der Studie Familienleitbilder aus dem Jahr 2012, die vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung durchgeführt wurde, gaben 77 % der Befragten an, dass sie persönlich der Meinung sind, die Mütter sollten nachmittags Zeit haben, um ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Obwohl 79 % der Studienteilnehmer die Erwerbstätigkeit von Müttern grundsätzlich befürworten, nimmt die Zustimmung ab, wenn es um ganztägige Beschäftigung geht, da dies oft als potenziell nachteilig für die kindliche Entwicklung wahrgenommen wird. Hinsichtlich der Karriere zeigt sich, dass Mütter deutlich häufiger berichten, dass sich die Elternschaft negativ auf ihre berufliche Karriere ausgewirkt hat. Gleichzeitig wird die Elternschaft immer stärker idealisiert. Dieser Anspruch, alles richtig zu machen, führt zu einer überhöhten Erwartungshaltung sowohl an die Mütter als auch an die Väter, was als Professionalisierung der Elternschaft bekannt ist. Besonders Mütter sind zwischen den traditionellen und modernen Vorstellungen hin- und hergerissen. Die Mutterschaft wird in der Gesellschaft oft als widersprüchlich und überfrachtet wahrgenommen, was zusätzlichen Druck auf die Frauen ausübt. Die Antwort auf die Frage, wie eine gute Mutter sein sollte, bleibt letztlich individuell, wird jedoch stark von gesellschaftlichen Idealen und Leitbilder geprägt.

Medialer Rahmen Durch die Medien werden häufig stereotype Bilder von Mütter gezeigt, die mühelos die Kinderbetreuung, den Haushalt sowie ihren Beruf vereinen. Diese Darstellungen setzen viele Frauen unter Druck, einem bestimmten Ideal entsprechen zu müssen. Plattformen wie Instagram, Pinterest oder TikTok sind gefüllt mit ästhetisch inszenierten Bildern, die ein idyllisches Familienleben präsentieren und dabei die Herausforderungen des alltäglichen Lebens ausblenden. Diese einseitige Darstellungen können dazu führen, dass Mütter, die Schwierigkeiten oder Zweifel erleben, sich isoliert oder unzulänglich fühlen.

Donaths Studie „Regretting Motherhood“ erhielt besonders in Deutschland viel Aufmerksamkeit und löste eine lebhaft geführte Debatte aus, vor allem unter dem Twitter-Channelnamen „#Regrettingmotherhood“. Frauen berichten unter diesem Hashtag über verschiedene Aspekte, die zu ihren ambivalenten Gefühlen hinsichtlich ihrer Mutterschaft führen.

An Frauen wird gesellschaftlich eine Rollenerwartung gerichtet. Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, werden als nicht-feminin und kaltherzig wahrgenommen. Zudem werden sie sowohl als schlechte Mütter als auch als schlechte Frauen bezeichnet, da Äußerungen der Reue der Mutterschaft als anormal angesehen wird.

In den letzten Jahren gibt es jedoch vermehrt Bestrebungen, ein authentischeres Bild der Mutterschaft zu vermitteln und die Vielseitigkeit dieser Rolle hervorzuheben. Kampagnen wie „#RealMoms“ von Dove, einer Körperpflegemarke, zeigen die Vielfalt von Müttern und betonen, dass es keinen einheitlichen Weg gibt, um eine gute Mutter zu sein.