Walter Herbert Marx (* 27. Februar 1926 in Heilbronn; † 13. August 2013 in New York CityNachruf in der Air Cargo News vom 14. August 2013 (abgerufen am 30. April 2015)) war ein deutschamerikanischer Widerstandskämpfer, Partisan und Überlebender des Holocaust. Seine Erinnerungen an die Flucht seiner Familie aus Heilbronn über Luxemburg und Frankreich nach Italien dienten Historikern als wichtiges Material für ihre Forschung.„Auf die Geschichte der Familie Marx wird besonders eingegangen, da ihr Schicksal maßgeblich von Entscheidungen, an denen Peiper direkt oder indirekt beteiligt war, beeinflusst wurde – bis hin zur Verhaftung Walters und seiner Mutter Johann durch Peipers Männer im Jahr 1943.“ (Westemeier, S. 46) Darüber hinaus gelingt es Westemeier mit Hilfe der Erinnerungen von Walter Marx, die nach dem Krieg gemachte Behauptung Peipers, er und seine Einheit seien an Judendeportationen in Italien nicht beteiligt gewesen, als Schutzbehauptung zu entlarven. So erinnert sich Walter Marx namentlich an einen SS-Mann namens Israel, den Westemeier auch mit Hilfe anderer Quellen nachweisen kann. (Westemeier, S. 271)
In dem 2009 von André Waksman gedrehten Dokumentarfilm A Pause in the Holocaust. 1943 Le temps d’un répit, der das Leben der jüdischen Flüchtlinge in Saint-Martin-Vésubie schildert, ist Walter Marx als Zeitzeuge zu sehen.
Leben und Wirken Familiärer Hintergrund
Walter Marx war der Sohn von Ludwig (geboren am 8. Februar 1897; gestorben vermutlich am 4. März 1943 in Majdanek) und Johanna Marx (geboren am 29. April 1900 in Fremersdorf als Tochter von Isaac und Rosa Isaac, geborene Reiss; gestorben am 10. Dezember 1943 in Auschwitz, aus Heilbronn).Liliana Picciotto Fargion: Il libro della memoria :gli ebrei deportati dall'Italia (1943–1945), Mursia, Milano 1991, , S. 351.Daten von Johanna Marx auf Bundesarchiv.deDaten von Ludwig Marx auf Bundesarchiv.de Ludwigs Vater hieß Berthold Marx (geboren am 1. Juni 1866 in Oberdorf am Ipf; gestorben am 15. Januar 1943 im Ghetto TheresienstadtDaten von Berthold und Emma Marx geb. Jaraczewsky auf steinheim-Institut.de auf stadtgeschichte-Heilbronn.deDaten von Berthold Marx auf Bundesarchiv.de) und hatte nach einer Kürschnerlehre und dem Militärdienst in Heilbronn 1892 eine Papiergroßhandlung gegründet,Seemüller, S. 184. die sich vor ihrer Arisierung in einem Wohn- und Geschäftshaus in der Wilhelmstraße 54 befand, das ihm gehörte.
Berthold Marx war mit Emma Jaraczewsky (geboren am 24. März 1870; gestorben am 25. Februar 1926 in Heilbronn)Grabsteininschrift aus der Datenbank epidat – Datenbank zur jüdischen Grabsteinepigraphik vom Steinheim-Institut verheiratet. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Berta (1895), Ludwig (1897) und Hanna (1899). Während die Töchter heirateten und jeweils aus Heilbronn wegzogen, blieb Ludwig dort und war später Mitinhaber im Geschäft seines Vaters.
Die Historikerin Susan Zuccotti, die sich im Rahmen ihrer Forschung über die Geschichte der Juden in Saint-Martin-Vésubie während des Zweiten Weltkriegs auch mit der Familie Ludwig Marx aus Heilbronn befasst hat, merkt an, dass die Familie durch und durch deutsch war.Walter's family (…) was German through and through. All four of Walter’s grandparents were born in Germany and he has traced his paternel grandfather’s German anchestry back to the seventeenth century. In: Zuccotti, S. 29; übersetzt: Walters Familie (…) war Deutsch durch und durch. Alle vier Großeltern Walters waren in Deutschland geboren, und er hatte die deutschen Vorfahren seines Großvaters väterlicherseits bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt.
Selbst 1938, als bereits viele jüdische Freunde und Bekannte der Familie Deutschland verlassen hatten, ging Walters Vater Ludwig, der im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet worden war, immer noch davon aus, dass die Nazis ihm nichts anhaben werden.Zuccotti, S. 30.
Vertreibung der Familie aus Deutschland Nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 verstärkte sich die Ausgrenzung der jüdischen Bürger in Deutschland. Lehrer und Mitschüler begannen, den neunjährigen Walter Marx mit Demütigungen, Beleidigungen und Schlägen zu drangsalieren,Westemeier, S. 46. und seine Eltern schickten daher ihren einzigen Sohn zusammen mit seinem gleichaltrigen Cousin Werner Isaac, der bei ihnen lebte, zu einer Tante und einem Onkel nach Luxemburg.Zuccotti, S. 29.
Werner Isaac (geboren am 30. Juni 1926 in Fremersdorf) war der Sohn von Max Isaac (gest. 1926 in Merzig)Cavaglion, S. 144: „Isaac Werner – pat.[ernità] Max – mat.[ernità] Marx Hanzi – n.[ato] Merzig 30-6-1926 – s.f.d. - naz. germanica – razza ebraica Suppl. 21 – I “Westemeier, S. 268, Anm. 489 auf S. 711. und Hanna (Hansi) Isaac, geborene Marx, die nach dem Tod ihres Mannes 1926 von Merzig wieder nach Heilbronn gezogen warWestemeier, Seite 268, mit Verweis auf die Anmerkung 489 auf Seite 711: „Diese Meldelisten sind erhalten u. geben Auskunft über die Menschen in Saint-Martin-Vésubie, vgl. dazu die Bearbeitung von Cavaglion: Nella Notte Straniera, S. 43–49. Werner Isaac war Walter Marx' Vetter. Die Familie Isaac lebte bis zum Tod des Vaters 1926 in Merzig im Saarland. Danach zog Werner mit seiner Mutter nach Heilbronn u. wohnte bei Familie Marx. Gemeinsam mit Walter Marx schickte ihn die Mutter zunächst zu Verwandten in Luxemburg. Er lebte wie die Familie Marx nach der Deportation nach Vichy-Frankreich zunächst in Montpellier, dann in St. Martin-Vésubie. Er schloss sich Walter u. seiner Mutter beim Marsch über die Alpen an u. blieb mit ihnen zusammen. Er wurde später von Borgo über Nizza nach Drancy deportiert u. dort 1944 befreit.“ [Werner Isaac in Kampf an allen Fronten 1941–1944]. und im Haus ihres Vaters in der Wilhelmstraße 54 wohnte.Franke, S. 380. Sie hatte in England Arbeit gefunden und daher ihren Sohn bei ihrer Familie gelassen. Die beiden Jungen verbrachten jeweils ihre Schulferien in Heilbronn bei Walters Eltern, das letzte Mal im Sommer 1938.Zuccotti, S. 29/30.
Während der Novemberpogrome 1938 stürmten Nazischergen das Haus der Familie, verwüsteten das Geschäft und verschleppten Ludwig Marx zusammen mit anderen Heilbronner Juden nach Dachau, wo er vom 11. November 1938 bis zum 25. Januar 1939 inhaftiert war.Daten aus dem Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933–1945) Ludwig Marx war gezwungen, mit anderen Gefangenen stundenlang in der Kälte und im Regen frierend zu stehen. Infolge der aufgrund des Erfrierens erlittenen Infektion an seinem Ringfinger – er durfte seinen Ehering nicht abnehmen – musste ihm anschließend dieser amputiert werden. Man ließ ihn gehen, nachdem er seine Auswanderungspapiere unterzeichnet hatte.Zuccotti, S. 30: «Ludwig was one of the estimated twenty thousand Jews throughout the country to be arrested without cause. Sent to Dachau, he was forced to stand with other inmates for hours in the cold and rain. His hands froze, and because he was not allowed to remove his wedding band, his ring finger developed an infection requiring amputation. Like most of the Jews arrested on that occasion, Ludwig was released after he produced the documents required to leave Germany. He and Johanna joined their son and nephew in Luxembourg in 1939»... Ludwig Marx kam vermutlich aus der Haft frei, weil er seine Zustimmung zur Auswanderung gab.
Durch die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1939 waren Ludwig Marx und sein Vater gezwungen, ihre Papiergroßhandlung aufzugeben. Auch das Haus in der Wilhelmstraße, das Berthold Marx gehörte, musste veräußert werden und gelangte so in den Besitz der Stadt Heilbronn.vgl. das Anschreiben zum Rückübertragungsverfahren durch den Anwalt von Hanna Issac und Walter Marx im Stadtarchiv Heilbronn Signatur B033-460
Im Sommer 1939 waren diese Vorgänge vermutlich abgeschlossen und die Familie brach auseinander: Ludwig Marx und seine Frau Johanna emigrierten nach Luxemburg zu ihrem Sohn Walter und ihrem Neffen Werner. Dessen Mutter blieb vermutlich in England – Franke gibt als Emigrationsziel für sie England mit dem Datum 1939 anAuswanderungsliste. In: Franke, S. 355f, hier S. 358: Isaac, Hansi geb. Marx … [geb. am] 16. Februar 1899 [in] Heilbronn [Wohnung in Heilbronn z. Z. der Auswanderung] Wilhelmstraße 54 [ausgewandert am] Juli 1939 [nach] England. – und der verwitwete Berthold Marx wurde in ein Zwangsaltersheim für jüdische Senioren in Herrlingen gebracht. Als letzte Heilbronner Adresse für Ludwig und Johanna Marx ist nicht mehr das Haus in der Wilhelmstraße 54, wo sie laut der Israelitischen Gemeindeliste vom 1. April 1937 noch wohnten,Israelitische Gemeindeliste vom 1. April 1937. In: Franke, S. 287f, hier S. 290: „Marx, Ludwig II; Familie; Papiergroßhandlung; Wilhelmstraße 54“ sondern die Moltkestraße 27Auswanderungsliste. In: Franke, S. 355f, hier S. 363: Marx, Johanna geb. Isak … [geb. am] 29. April 1900 [in] Fremersdorf [Wohnung in Heilbronn z. Z. der Auswanderung] Moltkestraße 27 [ausgewandert am] 21. Juli 1939 [nach] Luxemburg.Auswanderungsliste. In: Franke, S. 355f, hier S. 363: Marx, Ludwig… [geb. am] 8. Februar 1897 [in] Heilbronn [Wohnung in Heilbronn z. Z. der Auswanderung] Moltkestraße 27 [ausgewandert am] 2. Juli 1939 [nach] Luxemburg. angegeben.
Luxemburg Fast ein Jahr lebte die Familie Marx unbehelligt in Luxemburg. Nach dem Beginn des Westfeldzugs der Deutschen Armee im Mai 1940 mit dem Überfall deutscher Truppen auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg, versuchte Ludwig Marx nach Frankreich zu gelangen, um sich der französischen Armee anzuschließen. Allerdings wurde er lediglich als Freiwilliger einer der nach dem 12. April 1939 gegründeten Compagnie de travailleurs étrangers (CTE deutsch: Arbeitseinsatzgruppen für Ausländer) als prestataire voluntaire (freiwillige Arbeitskraft) zugewiesen. Diese Einheiten waren unbewaffnet und dienten als Arbeitskräfte der Unterstützung der französischen Armee, viele ihrer Mitglieder wurden ab Frühjahr 1940 in französischen Internierungslagern für Ausländer rekrutiert.Eggers, S. 44/45. Die Einheit von Ludwig Marx wurde in der Nähe der Front eingesetzt und von der Wehrmacht überrannt. Ludwig Marx flüchtete nach Luxemburg zurück.Zucchotti, S. 38.
Frankreich Montpellier Am 7. November 1940 wurde die Familie Marx im Rahmen einer größeren Aktion, deren Ziel es war, Luxemburg „judenfrei“ zu machen, und die von der deutschen Zivilverwaltung unter Gustav Simon ausging, ausgewiesen und zusammen mit den anderen Juden hinter der Demarkationslinie bei Mâcon im Département Saône-et-Loire ausgesetzt.
Von hier aus flüchteten sie zusammen mit Werner Isaac weiter durch den vom Vichy-Regime regierten, noch nicht von den Deutschen besetzten Teil Frankreichs nach Montpellier im Département Hérault, wo sie entfernte Verwandte hatten. Sie hofften, von Montpellier aus in die USA ausreisen zu können. Bis zum Sommer 1943 fand die Familie hier ihr Auskommen: Ludwig Marx hatte eine inoffizielle Stelle beim Präsidenten der örtlichen jüdischen Gemeinde, und Walter besserte das Familieneinkommen als Laufbursche und Botenjunge bei einem Blumenhändler auf.Zucotti, S. 49: «Walter Marx's father, Ludwig found an unofficial job with the president of the local Jewish community in Montpellier. ...fifteen-year od Walter Marx worked part-time as an errand and delivery boy for a florist».
Ohne dass es eine konkrete Bedrohung gab – die Landung der Alliierten in Nordafrika begann erst am 8. November und die Deutschen erreichten Montpellier nicht vor dem 12. November – flüchtete die Familie am 2. November 1942 weiter ins Landesinnere. Walter Marx, der damals 15 Jahre alt war, vermutete später, dass Gerüchte über eine bevorstehende Besetzung der Mittelmeerküste durch deutsche Truppen den Ausschlag gegeben haben könnten.Zuccotti, S. 79. Die Familie Marx fand Unterschlupf in Lamalou-les-Bains und meldete sich dort ordnungsgemäß an.
mini|Barackenrekonstruktion in Gurs als Teil der Gedenkstätte