Heinz Erhardt (* 20. Februar 1909 in Riga, Russisches Kaiserreich; † 5. Juni 1979 in Hamburg-Wellingsbüttel) war ein deutscher Komiker, Musiker, Komponist, Unterhaltungskünstler, Kabarettist, Schauspieler und Dichter. Erhardt gelangte in der Nachkriegszeit zunächst durch Bühnenauftritte, ab den 1950er Jahren auch durch Hauptrollen in Kinofilmen sowie eigene Fernsehsendungen zur Berühmtheit. Sein Humor zeichnete sich durch einen spielerischen Umgang mit der deutschen Sprache aus, etwa durch Wortspiele oder verdrehte Redewendungen. In der ZDF-Sendung Unsere Besten – Komiker & Co. wurde er 2007 bei der Wahl zum besten deutschsprachigen Komiker auf den zweiten Platz gewählt.
Leben Heinz Erhardt wurde 1909 in Riga als Sohn des deutsch-baltischen Kapellmeisters und Komponisten Gustav Hans (Gustl) Erhardt (1883–1944) und dessen Frau Alice Henriette Neldner geboren. Er wuchs größtenteils bei seinen Großeltern mütterlicherseits in der späteren lettischen Hauptstadt Riga auf, wo sein Großvater Paul Neldner ein Musikhaus führte. Über seinen Großvater kam Heinz Erhardt zum Klavierspiel. Während des Ersten Weltkriegs holte ihn seine Mutter nach St. Petersburg, wo er eingeschult wurde, aber nur kurze Zeit blieb. Sein Onkel Robert Erhardt (1874–1941) wurde 1919 Finanzminister der neu entstandenen Republik Lettland. Die Familie stammte von den Hirschenhöfern ab, deutschen Kolonisten, die in den 1760er Jahren im südlichen Livland angesiedelt worden waren.Gustav Gangnus: Die Hirschenhöfer. In: Sozialgeschichte der baltischen Deutschen. Hrsg. v. Wilfried Schlau. 2. Auflage. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 2000, S. 185–210, hier S. 187.
Jugendzeit und Ausbildung 1919 nahm ihn sein Vater mit nach Deutschland. Eine Zeit lang lebte er in der Wennigser Mark bei Hannover bei der zweiten Frau seines Vaters, die nur neun Jahre älter war als er selbst. Von 1919 bis 1924 besuchte er ein Internat in Barsinghausen bei Hannover und das Realgymnasium am Georgsplatz, die heutige Tellkampfschule. Danach kehrte er nach Riga zurück.
Erhardt hatte inzwischen 15 Schulwechsel hinter sich. Ab 1924 war er auf einem deutschen Gymnasium in Riga, an dem er einer Laienspielgruppe angehörte. 1926 verließ er diese Schule ohne Abschluss. Er besuchte danach bis 1928 das Konservatorium in Leipzig und studierte dort Klavier und Komposition. – Beitrag des ZDF am 20. Februar 2009. Zu jener Zeit entstand sein Gedicht Das Gewitter. Erhardts Jugendtraum, Pianist zu werden, wurde von den Großeltern nicht unterstützt. Sein Großvater wollte, dass Erhardt eine kaufmännische Ausbildung erhielt, und stellte ihn 1928 als Lehrling in seinem Musikhaus in Riga ein.
Familie 1935 heiratete Erhardt die Tochter des ehemaligen italienischen Konsuls in Sankt Petersburg, Gilda Zanetti (1913–1987). Wie er schreibt, hatte er sie in einem Aufzug kennengelernt. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Grit (1936–2016), Verena (* 1940), Gero (1943–2021) und Marita (* 1944). Gero Erhardt wurde Kameramann und Regisseur. Erhardts Enkel Marek Erhardt ist Synchronsprecher und Schauspieler.
Karriere
Von 1928 bis 1938 arbeitete Erhardt in Riga in der Kunst- und Musikalienhandlung seines Großvaters Paul Neldner und verkaufte dort Klaviere und Blockflöten. In Riga trat er in Kaffeehäusern mit selbstkomponierten und komischen, häufig aus dem Stegreif herrührenden Texten, Liedern, Witzen, gestenreich untermalten Einfällen und Gedichten auf. 1937 trug er eigene Lieder in den Programmen der Reichssender Königsberg und Danzig vor. 1938 holte ihn Willi Schaeffers nach Berlin an das Kabarett der Komiker.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Erhardt 1941 zum Kriegsdienst einberufen. Bei zwei Musterungen war er durchgefallen, bei der dritten kam er nach Stralsund zur Kriegsmarine, die für ihr Orchester einen Klavierspieler suchte. In der Folgezeit war er an verschiedenen Orten in der Truppenbetreuung tätig.
Nach dem Krieg ließ sich Erhardt mit seiner Familie in Hamburg nieder. Er arbeitete als Radiomoderator beim NWDR. Seine erste bekannte Sendung hieß So was Dummes. Ab 1946 schrieb Erhardt auch die Glosse der Woche für diesen Sender. Der bunte Abend des NWDR wurde ebenfalls regelmäßig von Erhardt bestritten. Der Sender nahm 1948 auch den Komponisten Erhardt mit seiner 10-Pfennig-Oper ins Programm. 1947 und 1948 reiste er durch alle drei westlichen Besatzungszonen und wirkte im Südwestfunk in der Reihe Hörerlieblinge sowie im Bayerischen Rundfunk im Kabarett am Wochenend mit. Durch diese Radiosendungen, die zu den wenigen Unterhaltungsgelegenheiten jener Zeit in Deutschland zählten, wurde Erhardt als „singender NWDR-Komiker“ weithin bekannt. Er begnügte sich jedoch nicht nur mit Hörfunkaktivitäten, sondern kehrte auch auf die Bühne zurück, wo er als Alleinunterhalter durch die westlichen Besatzungszonen und die spätere Bundesrepublik Deutschland tourte. Außerdem arbeitete er als Theaterschauspieler. Seine Theaterpremiere hatte er 1946 in Hamburg mit dem Stück Frauen haben das gerne. Die Eintrittspreise waren bescheiden; zu den Vorstellungen mussten die Besucher Kohlen zum Heizen mitbringen; zum Teil wurde statt mit Geld mit Naturalien bezahlt.
Ab Weihnachten 1946 wohnte Erhardt mit seiner Familie in Hamburg-Blankenese. Nachdem er sich in einer Rundfunksendung über seinen Vermieter lustig gemacht hatte, kam es mit diesem zu einem Prozess. Erhardt verlor den Prozess und musste 5000 Reichsmark Strafe zahlen, die allerdings aufgrund der Währungsreform nichts mehr wert waren.Aufgrund des Kontrollratsgesetzes Nr. 18 gab es eine zwangsweise Wohnraumbewirtschaftung. Danach siedelten die Erhardts innerhalb Hamburgs nach Wellingsbüttel um.Lothar Schröder: Legenden: Heinz Erhardt Dokumentation. Beta Bande Produktion, 2017.
In den 1940er und 1950er Jahren erfreuten sich Bühnengalas in Form von Bunten Nachmittagen und Bunten Abenden großer Beliebtheit. Hierbei wirkte Erhardt in Programmen mit, die von Hans Hasslach, dem früheren Gastspieldirektor von La Jana, in Hamburg und Umgebung veranstaltet wurden. Seine Darbietungen waren humoristische Episoden, die häufig von ihm selbst am Klavier musikalisch untermalt wurden. Auch trat er bei solchen Veranstaltungen als Conférencier auf.
Große Erfolge feierte er ab 1957 im Kino als Hauptfigur in Filmkomödien wie Der müde Theodor, Witwer mit fünf Töchtern, Der Haustyrann, Immer die Radfahrer, Natürlich die Autofahrer, Der letzte Fußgänger, Drei Mann in einem Boot und Was ist denn bloß mit Willi los? In vielen seiner Filmrollen spielt er eine Art netten, aber etwas verwirrten und schüchternen Familienvater oder Onkel, der gerne Unsinn erzählt. Gleichzeitig versuchte er meist, den typischen Deutschen aus der Zeit des Wirtschaftswunders darzustellen.
Der Komiker Erhardt agierte gänzlich unpolitisch. Systematisch hielt er sich aus allen politischen Bereichen zurück. Die Politik war für ihn eine andere Welt, Versuche von Parteien, ihn politisch einzuspannen, ignorierte er. Es gab aber Journalisten, die Überlegungen dieser Art zu Papier brachten: „Wie wär’s, wenn er einmal in den Bundestag einzöge? Bestimmt wären die Wogen eines ernsthaften Streites zwischen Regierung und Opposition sofort geglättet, wenn er mit seinem ergötzlichen Kauderwelsch im Dickicht der Begriffe der hohen Politik als Friedensstifter aufträte.“
Erhardt mutete sich zwei Jahrzehnte lang ein enggetaktetes Auftrittsprogramm zu, das zahlreiche Tourneen durch Städte, Kurorte und Seebäder der Bundesrepublik Deutschland einschloss, bei denen er wenig Rücksicht auf seine Gesundheit nahm. Auf Urlaub verzichtete er völlig. Er spielte die Hauptrollen in zahlreichen Theaterkomödien, die vielfach sehr lange auf den Spielplänen standen. Im November 1970 hatte er ein seltenes Theaterjubiläum erreicht – zum 500. Mal spielte er den Hauptakteur im Theaterstück Das hat man nun davon. Die Vorstellungen waren zu 90 Prozent ausverkauft.
1970 erschien Das große Heinz Erhardt Buch, ein Sammelband, von Erhardt kokett „Mein Alterswerk“ genannt. Es enthielt die witzigsten, nachdenklichsten und blödesten Beiträge aus vier zuvor erschienenen Einzelbänden. Nach seinem Auftritt in der ARD-Quizsendung Was bin ich?, in der er sein Buch absichtlich immer wieder ins Bild halten konnte, weil das Rateteam ihn auch im zehnten Versuch noch nicht erraten hatte, wurde das Buch binnen weniger Wochen zum Bestseller. Erhardt ging nun deutschlandweit auf Lesereisen, seine Dichterlesungen wurden ein großer Erfolg. Für 1972 hatte er sich vorgenommen, nur noch Lesungen zu veranstalten und dafür von Stadt zu Stadt zu reisen. Bis heute ist das umfangreiche Buch mit mehr als 3 Millionen verkauften Exemplaren ein Best- und Longseller geblieben. Erhardt war am Erfolg beteiligt; für seine Bücher erhielt er, im Gegensatz zu seinen Filmen und Fernsehstücken, ein prozentuales Honorar. Dadurch hatten er und seine Frau auf Dauer keine finanziellen Sorgen mehr. Selbst als er krank war, trugen die Buchhonorare den Lebensunterhalt.
Um sich die Angst vor dem Publikum zu nehmen, trug Erhardt auf der Bühne eine Hornbrille mit dickem Fensterglas, die seine Kurzsichtigkeit nicht korrigierte. Dadurch nahm er das Publikum nur verschwommen wahr und konnte damit sein Lampenfieber mildern. Außerdem war bekannt, dass Erhardt vor seinen Auftritten gerne ein Schnapsglas Doornkaat zu sich nahm.Schlemmer-Schnaps: Doornkaat wird 200 Jahre alt. Zu diesem Thema schrieb und sang er seinen Filmschlager Immer wenn ich traurig bin. Ein weiteres Markenzeichen Erhardts war seine von rechts nach links überkämmte Glatze.
Humor Erhardts spitzbübischer Humor und sein spielend leichter Umgang mit der deutschen Sprache sind prägend für ihn. Sein Humor baut in erster Linie auf Wortspielen und verdrehten Redewendungen auf. Bei einem seiner frühen Gastspiele 1938 in der Berliner Scala unterlief ihm ein Missgeschick, das er durch seine Stegreif-Komik zu einem Gag machte:
In dem Gedicht Ganz zuletzt bekannte er sich zu den Vorbildern Erich Kästner, Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz.Nach: Steffen Jacobs (Hrsg.): Die komischen Deutschen. 881 gewitzte Gedichte aus 400 Jahren. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-86150-598-3, S. 803. Der deutsche Germanist Heinrich Detering bezeichnete Erhardt als „einen Poeten, der es sich selbst und seinen Lesern nicht immer leicht gemacht hat, weil er es ihnen zu leicht machen wollte“.
Sein schelmischer Witz und die verschmitzte Schüchternheit täuschen darüber hinweg, dass der Perfektionist Erhardt stets mit Akribie an seinen Texten und seiner absichtlich unabsichtlich wirkenden Performance feilte. Dazu kam seine lustige äußere Erscheinung: Ein fülliger Herr mit dicker Brille, schütterem Haar und freundlichem Gesicht. Die Hände knetete er vor dem Bauch, als er im jungen Fernsehen seine absurden Gedichte aufsagte und die Wirtschaftswunder-Deutschen zum Lachen brachte.
Sein Manager von 1962 bis 1971 war Horst Klemmer, von Erhardts Frau Gilda Klemmerchen genannt. Dieser resümierte: „Sein Humor war frei von Politik und Zoten. Es war alles sauber, da konnten Sie auch mit ihren Kindern hingehen. Die Leute haben das behalten, dass da so ein ruhiger Dicker auf der Bühne stand, der witzig war, erzählte und – wenn er Lust dazu hatte – eben auch tanzte. Zudem war Heinz Erhardt hintersinnig, er hat nicht einfach nur irgendwelche Kalauer von sich gegeben. Nein, da musste das Publikum schon ab und zu mitdenken.“
Sein Humor war bisweilen hintergründig. Manche seiner Gedichte kreisen auf subtile Weise um die Themen Vergeblichkeit, Vergänglichkeit und Tod, sodass man sie auch dem Genre des Schwarzen Humors zurechnen kann.So beispielsweise Die Made, Stiche, Tatü Tatü, Der König Erl, Der Brummer, Beethovens Totenmaske. Nach: Die komischen Deutschen. 881 gewitzte Gedichte aus 400 Jahren.
Otto Waalkes und Willy Astor auf Reutlinger Nachrichten vom 26. April 2010. betrachten Heinz Erhardt als ihr Vorbild.