Beim Schiffsunglück im Mittelmeer am 19. April 2015 kenterte in der Nacht vom 18. auf den 19. April 2015 ein überladenes Flüchtlingsboot auf dem Weg von Libyen nach Italien. Ein Überlebender berichtete, es seien 950 Personen an Bord gewesen. Zunächst war verbreitet worden, dass bis zu 800 Menschen ertrunken wären,Kapitän des Flüchtlingsschiffs festgenommen. In: Die Zeit, 21. April 2015. nur 28 Menschen konnten gerettet werden (darunter der Kapitän und der Steuermann),Es hat uns Seemännern das Herz gebrochen. In: Bild, 20. April 2015. womit dies die größte Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer wäre. Im Juni 2016 wurde das Wrack gehoben und die Zahl der Opfer von der italienischen Marine auf etwa 500 korrigiert.Nicole Winfield: Italy Lowers Toll From 2015 Migrant Wreck After Ship Raised. In: Associated Press, 30. Juni 2016 (englisch).
Laut UNHCR waren in der vorangehenden Woche mehr als 1000 Menschen im Mittelmeer ertrunken.
Hintergrund Flüchtlinge bzw. potentielle Migranten haben meist keine Chance, ein Visum zu erhalten und regulär in die EU einzureisen. Eine große Zahl nutzt stattdessen Angebote von Schleusern bzw. Menschenschmugglern. In den EU-Staaten stehen schutzberechtigte Flüchtlinge unter dem Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention (siehe: Asyl und subsidiärer Schutz), wobei ein Asylantrag an einen EU-Staat nur im jeweiligen Staat bzw. bei der Einreise gestellt werden kann.
Der Weg per Flüchtlingsboot über das Mittelmeer gilt dabei als „die tödlichste Route“ in die EU.
Die allein von Italien getragene Seenotrettungsoperation Mare Nostrum war im Oktober 2014 ausgelaufen und wurde von der Operation Triton unter Führung der EU-Grenzagentur Frontex ersetzt. Triton war aber finanziell deutlich geringer ausgestattet als Mare Nostrum, und ihre Schiffe waren zunächst nicht befugt, sich mehr als 30 Seemeilen von der italienischen Küste zu entfernen. NGOs, Reederverbände und die internationale Seefahrergewerkschaft warnten deshalb vor einem damit drohenden Anstieg der Todesfälle von Flüchtlingen im Mittelmeer und warfen der Europäischen Union Untätigkeit vor.ECRE: MareNostrum to end – New Frontex operation will not ensure rescue of migrants in international waters. 10. Oktober 2014, abgerufen am 19. Oktober 2017Christian Rothenberg: Reeder retten Flüchtlinge, EU schaut zu. NTV, 23. April 2015, abgerufen am 19. Oktober 2017 In der Unglückswoche im April 2015 kamen insgesamt bei mehreren Unglücken 1.200 Menschen ums Leben.Oberleitner und Salomon: Whose Security? Introductory Remarks on People on the Move and the Reclaiming of Security. In: Blurring Boundaries: Human Security and Forced Migration. Hrsg.: Salomon, Heschl u. a., Koninklijke Brill 2017, ISBN 978-90-04-32686-6, S. 4.
Unglück und Rettungsaktion Das unbekannte Schiff, vermutlich ein Fischkutter, kenterte vor der libyschen Küste, rund 200 Kilometer entfernt von der italienischen Insel Lampedusa. Um etwa 23:30 Uhr ging ein Notruf bei der italienischen Küstenwache ein, die daraufhin den Frachter King Jacob der Reederei König & Cie. zu der Unglücksstelle dirigierte.Wolfhart Fabarius: „King Jacob“ nach zwei Jahren veräußert. In: Täglicher Hafenbericht. 24. April 2015 (thb.info). Die italienische Küstenwache teilte mit, auf dem Schiff hätten sich 500 bis 700 Migranten befunden.
Nach gegenwärtigen Rekonstruktionen des Hergangs durch die italienische Staatsanwaltschaft und das UN-Flüchtlingswerk hat das Flüchtlingsboot den Frachter gerammt. Es wird angenommen, dass der Kapitän sich verstecken wollte und unvorsichtig manövrierte. In der Panik nach dem Zusammenstoß neigte sich das überladene Schiff immer weiter zur Seite, bis es kenterte.
Mehrere Schiffe waren an der Rettungsaktion beteiligt. Als Unglücksstelle wurde eine Position rund 130 km vor der libyschen Küste, südlich der Küste Lampedusas ausgemacht. Italiens Küstenwache und Marine, die maltesische Marine und Handelsschiffe suchten mit Booten und drei Hubschraubern am Unglücksort nach Überlebenden. Unter den Ersthelfern befanden sich auch sieben italienische Fischerboote. 28 Menschen konnten gerettet werden. Die Überlebenden stammen aus Mali, Gambia, Senegal, Somalia, Eritrea und Bangladesch.Polizei nimmt Kapitän und Steuermann fest. In: Handelsblatt. 21. April 2015 (handelsblatt.com).
Bis zum 20. April 2015 konnten von den Rettungskräften 27 Tote geborgen werden.
Bergung des Wracks Anfang Mai 2015 entdeckte die italienische Marine das wahrscheinliche Wrack des Flüchtlingsschiffs etwa 150 Kilometer nordöstlich der libyschen Küste in etwa 375 Metern Tiefe.Marine entdeckt wohl Wrack der jüngsten Flüchtlingskatastrophe. In: Süddeutsche Zeitung. 7. Mai 2015 (sueddeutsche.de). Matteo Renzi kündigte an, das Schiff heben lassen zu wollen.n-tv.de Die Staatsanwaltschaft in Italien teilte hingegen mit, es sei nicht notwendig, dass die Leichen aus dem Wrack geborgen werden.Leichen von Flüchtlingen werden nicht geborgen. In: Der Tagesspiegel. 17. Mai 2015 (tagesspiegel.de).
Das Schiff wurde am 27. Juni 2016 aus 370 m Tiefe geborgen. Das Wrack wird von der Marine nach Sizilien gebracht, die Überreste in einer etwa 30 Meter langen kühlbaren Transportvorrichtung aufbewahrt. Die Toten sollen identifiziert werden.
Das Wrack wurde vom Schweizer Künstler Christoph Büchel unter dem Titel Barca Nostra im Jahr 2019 auf der Biennale di Venezia ausgestellt.
Reaktionen Die Sprecherin des UNHCR Südeuropa, Carlotta Sami, erklärte, sollten die Zahlen sich bestätigen, so wäre dies „das schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer beobachtet wurde.“ Sie verlangte nach der Katastrophe eine Wiederauflage des Seenotrettungsprogramms Mare Nostrum, aber nun in gesamteuropäischer Verantwortung.
Ärzte ohne Grenzen begann eine eigene Rettungsaktion im Mittelmeer.
Die Beauftragte der deutschen Bundesregierung für Flüchtlinge, Staatsministerin Aydan Özoğuz (SPD), sagte: „Dass wieder so viele Menschen auf dem Weg nach Europa ihr Leben verloren haben, ist ein Armutszeugnis für uns alle.“ Es sei zu befürchten, dass noch mehr Schutzsuchende über das Meer kommen würden. „Deshalb müssen wir endlich die Seenotrettung wieder auflegen. Es war eine Illusion zu glauben, dass die Einstellung von Mare Nostrum Verzweifelte davon abhalten wird, die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer zu wagen.“
Der italienische Regierungschef Matteo Renzi forderte hierzu einen EU-Sondergipfel. Ein Gipfel zu den jüngsten Flüchtlingsdramen im Mittelmeer wurde für den 23. April 2015 anberaumt.
Tony Abbott, der Regierungschef Australiens, empfahl Europa, den Grenzschutz zu verstärken.
Auf einem Krisentreffen der Außen- und Innenminister wurde als direkte Reaktion auf das Schiffsunglück im Mittelmeer am 19. April 2015 von der Europäischen Union ein Zehn-Punkte-Aktionsplan zur Migration beschlossen. In der am 13. Mai verabschiedeten Europäischen Agenda für Migration wurden verschiedene Maßnahmen zusammengestellt, und die Europäische Union kündigte hiernach an, die Seenothilfe massiv auszuweiten und die Mittel für die EU-Programme Triton und Poseidon verdreifachen zu wollenEuropäische Kommission: Bericht der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat. Siebter Halbjahresbericht zum Funktionieren des Schengen-Raums 1. November 2014 – 30. April 2015, 29. Mai 2015. (ec.europa.eu PDF; 131 kB), welche den Einsatz von deutlich mehr Schiffen ermöglichen sollen.
Gerichtsverfahren Am 20. April 2015 verhaftete die italienische Polizei den aus Tunesien stammenden Kapitän des Flüchtlingsschiffs, Mohammed Ali Malek, und den aus Syrien stammenden Steuermann Mahmud Bikhi.Sie steuerten 800 Flüchtlinge in den Tod. In: Hamburger Morgenpost. 21. April 2015 (mopo.de). Ihnen wird fahrlässige Tötung und die Begünstigung illegaler Einwanderung vorgeworfen. Am 13. Dezember 2016 wurde der Kapitän von einem Gericht in Catania zu achtzehn, der Steuermann zu fünf Jahren Haft verurteilt. Außerdem müssen beide Schadensersatz in Höhe von insgesamt zehn Millionen Euro leisten.Hans-Jürgen Schlamp: Hartes Urteil, kaum Signalwirkung. In: Spiegel Online, 13. Dezember 2016.
Einzelnachweise
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