Do it yourself ([], kurz DIY und D.I.Y.; ) ist der Anglizismus für Tätigkeiten im Privathaushalt, die ansonsten von Fachkräften des Handwerks oder anderen Berufen übernommen werden.
Allgemeines Es handelt sich um eine handwerkliche SelbsthilfeGerhard Wahrig, Deutsches Wörterbuch, 1968, Sp. 918; ISBN 978-3-577-10079-3. durch Privatpersonen in deren Freizeit. Für Privatpersonen muss die Möglichkeit bestehen, die übernommenen Arbeiten alternativ durch Fachkräfte ausführen zu lassen.Richard Harris, Building a Market, 2012, S. 48. Dagegen hatten die frühen Siedler in den USA () keine Wahl, denn in den entlegenen Gebieten mussten sie – mangels Handwerkern – ihre eigenen Häuser selbst bauen und instand halten: Do it yourself lag hier nicht vor.
Geschichte Die Phrase „Do it yourself“ tauchte zum ersten Mal im November 1912 in dem amerikanischen Bastlermagazin „Suburban Life“ aufGarrett Winslow, Practical Decoration for the Home Interior, in: Suburban Life 15, November 1912, S. 187., das seine Leser dazu aufforderte, ihre Wände selbst anzustreichen und keine Fachkräfte zu beauftragen.Helmut Gold/Annabelle Hornung/Tine Nowak/Verena Kuni, DIY: Die Mitmach-Revolution, 2011, S. 8; ISBN 978-3-931555-41-2. In der Folge des Artikels erschienen zahlreiche Bücher, etwa 1917John McMahon, Suburban Owner-Building, 1917 oder 1922.Allen Churchioll/Leonard Wickenden, The House Owner’s Book, 1922.
Zum kommerziellen Konzept wurde „Do-it-yourself“ nach dem Ersten Weltkrieg in den USA als zunächst von der Industrie propagiertes Schlagwort. Die Idee entwickelte sich insbesondere infolge des sinkenden Arbeitsangebots durch Handwerker und durch das zunehmende Güterangebot an HalbfertigfabrikatenMeyers Lexikon-Verlag (Hrsg.), Meyers enzyklopädisches Lexikon, Band 7, 1980, S. 43; ISBN 978-3-411-01787-4., die durch Selbstbau weiterverarbeitet werden konnten.
In Deutschland erschien im Januar 1950 das erfolgreiche Modemagazin „Burda Style“, das Frauen zur Handarbeit mit Schnittmustern zur Eigenfertigung von Bekleidung anregte. Im Mai 1953 kam für Männer die Zeitschrift „Hobby“ und im November 1957 „Selbst ist der Mann“ auf den Markt. Sie enthielten Anleitungen zur Modernisierung, für das Bauhandwerk und zur Renovierung.Hanna Peichl, Marke Eigenbau. Gesellschaftliche Ausprägungen und psychologische Erklärungen des Do-It-Yourself-Trends, 2014, S. 2 f. Heute gehört die letztere Zeitschrift zur Bauer Verlagsgruppe und hatte 2009 eine Monatsauflage von 75.200 Exemplaren.IVW Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern. Ausweisung Print Q4/2009, abgerufen am 26. Januar 2010. Seit 1974 erscheint die Monatszeitschrift Selber machen, damals im Orbis Verlag, ab 1978 im Jahreszeiten Verlag und seit 2013 im Verlagshaus GeraNova Bruckmann mit einer Auflage von 65.062 Exemplaren (1/2015).Jahreszeiten Verlag (Hrsg.), Die Chronik des Jahreszeiten Verlags, 2011. Der DIY-Trend verstärkte sich durch Baukasten- und Modellbau-Systeme für Kinder und Erwachsene, die den Bastlern Gelegenheit gaben, insbesondere Modellflugzeuge oder Schiffsmodelle selbst zu bauen, anstatt Fertigprodukte zu erwerben. Es folgte im Januar 1960 als neuer Warenhaustyp der von Heinz-Georg Baus in Mannheim gegründete erste deutsche Baumarkt, der das Heimwerken förderte.Holm Friebe/Thomas Ramge, Marke Eigenbau: Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion, 2008, S. 139; ISBN 978-3-593-38675-1. Aus ihm entwickelte sich die Bauhaus-Kette in der Form des SB-Warenhauses.
Die Do-it-yourself-Bewegung der 1960er und 1970er ist geprägt von einem Glauben an Selbstermächtigung, Selbstorganisation, Improvisation, Eigeninitiative und oft einem Misstrauen gegenüber etablierter Autorität, gegenüber passivem Konsum, Produkten der Industrie und Vorgaben der Massenmedien.
In den späten 1970er und 1980er Jahren ist – ausgehend von Bands wie Crass und anderen – eine Anarcho- und Hardcore-Punkbewegung entstanden, die sich damit vom No Future abwandte. Heute lassen sich diese Tendenzen sehr grob in kulturellen Underground und politischen Graswurzel-Aktivismus einteilen. Da Fähigkeiten oft autodidaktisch erworben werden, spielen Publikationen mit Anleitungen eine zentrale Rolle. Im englischsprachigen Raum werden „Zines“, kleine Heftchen, selbst gedruckt. Zudem stellen Nutzer heute unzählige Anleitungen auf YouTube, und es gibt Themen-Sendungen auf WDR, SWR, BR, Sat1, Kabel Eins, sixx und ProSieben (z. Bsp.:Do It Yourself – S.O.S.).
In der Informationstechnologie tragen DIY-Technologien und -Versuchsaufbauten mittels Open Hardware zur Steigerung des Technologietransfers und des Fähigkeitsaufwuchses in ökonomisch benachteiligten Regionen bei. Forschende plädieren seit geraumer Zeit für vermehrte wirtschaftspolitische Aufmerksamkeit gegenüber Hackerspaces und anderen Orten wertschöpfender DIY-Praktiken.
Seit Januar 2002 gibt es in Deutschland die IKEA-Klausel des Abs. 2 Satz 1 BGB in Verbindung mit § 434 Abs. 4 BGB, die eine falsche Montageanleitung zum Selbstbauen von Möbeln als Sachmangel einstuft. Im Januar 2022 wurde als § 434 Abs. 4 Nr. 2 BGB ergänzt: „[…] zwar unsachgemäß durchgeführt worden ist, dies jedoch weder auf einer unsachgemäßen Montage durch den Verkäufer noch auf einem Mangel in der vom Verkäufer übergebenen Anleitung beruht.“
Der Bundesverband Deutscher Heimwerker- und Baumärkte e. V. (BHB) feierte 2014 zu seinem 40-jährigen Bestehen ein „Gipfeltreffen der DIY-Branche“ im ehemaligen Bundestag in Bonn. Der Fachverband versteht sich als Sprachrohr der DIY-Branche in Deutschland, Schweiz und Österreich. „Der Trend, selbst zu gestalten, ist auf Wachstumskurs.“ verkündet 2015 ganz allgemein das Branchenmagazin „diy“ aus dem Dähne Verlag.
Mit dem Thema „Die Zukunft des Heimwerkens“ fand 2015 in London der dritte „Global DIY Summit“ der edra (European DIY Retail Association), fediyma (European Federation of DIY Manufacturers) und ghin (Global Home Improvement Network) unter Beteiligung von Google und SAP statt.
Ausprägungen mini|Crass-Konzert 1984 Die Fachliteratur brachte Kochbücher heraus, es wurden massenweise Ratgeber veröffentlicht, welche die handwerkliche Selbsthilfe propagierten und Fragen der Instandhaltung, Reparatur oder Wartung durch Selbstbau aufgriffen. Auch das Fernsehen konnte sich dem Trend nicht widersetzen und präsentierte ab Januar 1971 Magazinsendungen des ARD-Ratgebers über verschiedene Themen. Den Kern des Selbermachens erfasste ab Dezember 1974 die in den Dritten Programmen ausgestrahlte und von Jean Pütz und Wolfgang Back moderierte Hobbythek. Die allererste Folge der Hobbythek wurde am 22. Dezember 1974 beim WDR ausgestrahlt, damals noch als experimentelles Sendeformat, das sich mit Hobbys beschäftigen sollte. Schnell folgten weitere Sendeformate, die Heimwerken und Do-It-Yourself aufgriffen. Zu den bekanntesten Heimwerken- und DIY-Experten zählen u. a. Mark Kühler („Schrauben, sägen, siegen“), Andrew 'Tommo' Thomas („Die Super-Heimwerker“), Enie van de Meiklokjes („Wohnen nach Wunsch“).
Mit dem starken Anstieg der Beliebtheit des kreativen Hobbys vermengte sich der Begriff des Heimwerkens mehr und mehr mit dem Thema „Kreativ“. So werden vermehrt dekorative Tätigkeiten wie Wohnraumdeko, Upcycling und textiles Werken mit dem Begriff Do-it-yourself benannt. Darüber hinaus ist das heutige Begriffsverständnis geschlechterunspezifisch, anders als das Heimwerken, das mit einem männlichen Geschlecht verknüpft wird (v. v.: Handarbeit).Annabelle Hornung, Fingerhut und Feminismus: Die Beschäftigte weibliche Hand, 2011, S. 52
In der Baufinanzierung ist die so genannte Muskelhypothek bekannt, bei welcher der Bauherr von Wohnimmobilien einen (meist geringen) Teil der Bauleistung selbst erbringt. Der nachgewiesene Anteil verringert die Anforderungen der Kreditinstitute an das einzubringende Eigenkapital. Auch die Eigenleistung von Unternehmen, die im Zusammenhang mit der Herstellung oder Reparatur eigener Anlagen entsteht und auch durch Fremdfertigung erbracht werden könnte, ist Teil des Selbsthilfe-Prinzips.
Die Individualreise wird auch „Do it yourself-Reise“ genannt, weil sie ohne die Inanspruchnahme eines Reiseveranstalters organisiert und durchgeführt wird.Jörn W. Mundt, Individualreise, in: Hans-Dieter Zollondz/Jörn W. Mundt/Wolfgang Fuchs (Hrsg.), Lexikon Tourismus, 2008, S. 374
In der Popmusik tauchte ab 1976 im Rahmen des Punk eine Do it yourself-Bewegung auf, die dem Publikum empfahl, selbst in einer Punk-Band zu spielen oder eigene „Fanzines“ (abgeleitet von Fan-Magazin) herauszubringen, weil der Punk in Musikmagazinen nicht oder nur verzerrt Erwähnung fand.B. Reiter, Dr. B. Reiters Lexikon des philosophischen Alltags, 2017, S. 120 f.
Repair-Café und Selbsthilfewerkstatt bieten die Gelegenheit, Reparaturen an Geräten ohne die Inanspruchnahme von Fachpersonal durchzuführen.
Semantik mini|Dome-Haus aus Glasfaser in Kalifornien Durch die inflationäre, fast beliebige Verwendung des Labels DIY findet eine Bedeutungserweiterung statt. DIY im ursprünglichen Sinn ist keine Beschreibung reiner Phänomene wie Heimwerken, Basteln und Selbermachen, sondern bedarf des expliziten Bezugs auf die Bewegung, Einstellung oder zumindest das Motto. Dabei kann es auf die Intention der Tüftler selbst ankommen, die verwendeten Vorlagen oder das Ergebnis, ob es sich um DIY handelt und um welche Formation dessen. Dennoch gibt es Überschneidungen zwischen DIY und Selbermachen, dass sich nicht in die Tradition dieser Bewegung stellt: Anlass, Dinge selber zu machen, können Spaß, Kreativität oder wirtschaftliche Gründe sein. Viele Dinge kann man zudem nicht in gewünschter Form oder Verarbeitungsqualität vorgefertigt erwerben.
In der alternativen DIY-Szene geht es neben der individuellen Unabhängigkeit zudem um die Selbstorganisation mit anderen, vor allem aber um die Abgrenzung zu z. B. Kommerzialisierung. DIY-Praktiken finden sich damit in einem paradoxen Verhältnis von Grundbedürfnis und Wunsch, ursprünglicher Kreativität und Eklektizismus wieder, das klassisches Design bezüglich Prozessen, verbundenem Lebensstil und Produktionsweisen herausfordert.
Im Bedeutungswandel auf psychologischer Ebene tritt die metakommunikative Aufforderung stark in den Hintergrund.
Politisch-ethisches Konzept mini|Selbstgebauter Panzer der YPG-Miliz in Kobane 2015 Die DIY-Bewegung versammelt gegen-kulturelle Strömungen in sich.Helmut Gold (Hrsg.): DIY. Die Mitmach-Revolution. 2011, S. 6; ISBN 978-3-931555-41-2 Ein populäres Beispiel dafür ist die Punkbewegung der 1970er Jahre. Den Bruch mit Konventionen drückten sie durch die Musik des Punkrock oder selbst gestaltete Mode aus.George McKay, DiY Culture: notes towards an intro, 1998, S. 25–26 Die Betonung des DIY als Lebensstil, Subjektformation und Ethik ist noch immer typisch für alternatives DIY und geht weit über die bloße Bereitschaft zum Selbermachen oder Heimwerken hinaus.
Dazu zählen auch das Streben nach Selbstbestimmtheit sowie Selbstbehauptung. Alternativen werden bevorzugt.David Gauntlett, Making is Connecting. The social meaning of creativity, from DIY and knitting to You Tube and Web 2.0., 2011, S. 226–227