mini|Heinrich Fründ Heinrich Fründ (* 28. Dezember 1880 in Algermissen; † 7. Dezember 1952 in Stuttgart) war ein deutscher Chirurg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Lebenslauf ist typisch für einen Chirurgen in der Übergangsgeneration zwischen dem Kaiserreich und der Bundesrepublik Deutschland: Er war Schiffsarzt, eingesetzt in Feldlazaretten in beiden Weltkriegen, mit der NS-Gesundheitspolitik und Judenverfolgungen konfrontiert und hatte einen schwierigen Neuanfang nach 1945. Bis zu seinem Tode war er wissenschaftlich aktiv und beschäftigte sich mit den verschiedensten Problemen der sich ständig weiter ausdifferenzierenden Chirurgie.

Leben Heinrich Fründ wurde als einziges Kind der zweiten Ehe des Holzhändlers Heinrich Fründ mit Augustine Fründ geb. Wicke geboren. Seine Schulzeit am Gymnasium Andreanum in Hildesheim endete am 28. Februar 1899 mit dem Abitur. Im Anschluss folgten, wohl auf Wunsch des Vaters, zwei Semester Jurastudium in München. 1899 wurde er im Corps Makaria München recipiert.Kösener Corpslisten 1960, 110/408 Im Herbst 1900 nahm er eine kaufmännische Tätigkeit im väterlichen Holzgroßhandel auf. Nach dem Tod des Vaters am 18. Februar 1901 konnte er dem kaufmännischen Beruf den Rücken kehren und nahm zum Sommersemester 1901 das Medizinstudium in München auf.

Medizinische Ausbildung und Berufsjahre bis 1933

Sein Studium in München, Kiel und Berlin endete am 3. Juli 1905 in Kiel mit Ablegung der ärztlichen Prüfung. Es folgte die Ableistung des Militärdienstes. Mit einer Arbeit über Pylephlebitische Leberabscesse nach Appendicitis bei Heinrich Helferich erlangte er 1907 in Kiel den Doktortitel. Von 1906 bis 1908 folgte die Ausbildung in Innerer Medizin und Neurologie bei Max Nonne an der Hamburger Staatsklinik. Dort erhielt er 1907 die Approbation als Arzt. An die Zeit in Hamburg schlossen sich 1908 zwei Reisen als Schiffsarzt nach Brasilien und Japan an. Für das folgende Jahr war Heinrich Fründ als Assistenzarzt in Marburg am Anatomischen Institut unter Emil Gasser und wechselte dann 1910 für eine weitergehende Ausbildung in Chirurgie an die Universität Bonn zu Carl Garrè. Hier erfolgte 1913 die Ernennung zum Oberarzt.

Am Ersten Weltkrieg nahm er von Anfang an als Stabsarzt des Feldlazarett 8 (VIII. Armeekorps) teil, habilitierte sich aber gleichzeitig 1916 in Bonn mit einem Experimentellen Beitrag zur Querresektion des Oesophagus. Nach dem Krieg wurde Heinrich Fründ Privatdozent an der Universität Bonn. 1921 erfolgte dort die Ernennung zum außerordentlichen Professor. 1922 trat er in Osnabrück die Nachfolge des Geheimen Sanitätsrats Siegfried Pelz als Leiter des Stadtkrankenhauses und Direktor der chirurgischen Abteilung an. Hier blieb er bis 1939.

1933 bis 1945 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet Heinrich Fründ als Leiter des Krankenhauses schnell in die Kritik, da er zeitweise jüdische Assistenzärzte sowie eine jüdische Privatsekretärin im Krankenhaus beschäftigte und nach den ersten Judenverfolgungen 1933 schwer verletzte Juden gegen den Willen der NSDAP im Krankenhaus aufnahm und ebenso sorgfältig behandelte wie andere Patienten.Staatsarchiv Freiburg, Bestand D 180/2 Nr. 161780 Zudem haftete ihm bei den Nationalsozialisten durch seinen Schwager Sigmund Weil das Stigma „jüdisch versippt“ an. Da er nicht in die Partei eintrat, galt er dieser hinsichtlich seiner Bereitschaft zur Durchsetzung der NS-Gesundheitspolitik, z. B. bei der Zwangssterilisation von Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Osnabrück, als unsicher. Als Weltkriegsteilnehmer war Heinrich Fründ Mitglied des „Stahlhelm“ und wurde bei Auflösung des Vereins 1934 automatisch als Mitglied in die SA überführt. Mit Schreiben vom 26. August 1936 erfolgte jedoch sein offizieller Ausschluss aus der SA.

Heinrich Fründ versuchte 1936 durch Bewerbung und Aufnahme in das „Offizierskorps des Beurlaubtenstandes“ als OberstabsarztKarl Philipp Behrendt: Die Kriegschirurgie von 1939-1945 aus der Sicht der Beratenden Chirurgen des deutschen Heeres im Zweiten Weltkrieg, Freiburg/i.Br. 2003 (Diss.) etwas Luft gegenüber der Partei zu gewinnen. Doch in der Folgezeit verlor er die Leitung des StadtkrankenhausesStaatsarchiv Osnabrück, Rep. 430 Dz. 303 acc 19/56 Nr. 115 und wurde vor allem vom Kreisamtsleiter und Führer der NS-Ärzteschaft Otto KringelMichael Rademacher: Wer war wer im Gau Weser-Ems, Hamburg, 2000. Anmerkung: Otto Kringel, Facharzt für Hals Nasen Ohrenleiden, Osnabrück, Struckmannstr. 10. War SA-San.-Standartenführer, von 1935 bis 1937 Sanitätsführer des Brigade-Sanitätssturms Osnabrück, 1937 Brigadearzt der SA-Brigade 64 Osnabrück und von 1935 bis 1941 Kreisobmann des NSDÄB Osnabrück-Stadt wiederholt diffamiert. Da mehrere Anläufe, Heinrich Fründ fachliches Fehlverhalten nachzuweisen, scheiterten,Quelle: Staatsarchiv Freiburg, Bestand D 180/2 Nr. 161780Anmerkung: 1937 kam es zur Anzeige des Kreisamtsleiters Dr. Kringel wegen fahrlässiger Tötung im Amt. Das Ermittlungsverfahren wurde jedoch im Februar 1938 nach einem Gutachten von Prof. Sauerbruch eingestellt. versuchte man, ihn auf steuerstrafrechtlichem Wege aus seinem Posten als Chef der chirurgischen Abteilung zu drängen. So erfolgte nach einer Haussuchung des Finanzamtes im November 1938 die Suspendierung im Krankenhaus. Die sich anschließenden Untersuchungen zogen sich bis in den Sommer 1939 und blieben im Ergebnis vage. Unter massivem Druck und unter Androhung der Vorveröffentlichung des laufenden Verfahrens gelang es, Heinrich Fründ im Juli zur Unterwerfung und freiwilligen Kündigung seines unbefristeten Angestelltenverhältnisses mit der Stadt Osnabrück zum 1. September zu bewegen.Staatsarchiv Osnabrück, Rep.430 Dz.106 acc 15/65 Nr. 287 Bd. 1 Die Bemühungen um die Eröffnung einer Privatpraxis in Düsseldorf liefen bereits, als der Krieg ausbrach und Heinrich Fründ sofort als Offizier im Beurlaubtenstand in der Funktion eines Beratenden Chirurgen eingezogen wurde. 1941 nahm er in dieser Funktion am Balkankrieg und dann am Angriff auf Russland sowie der Eroberung der Krim teil. Ab Frühjahr 1942 war er Beratender Chirurg des Ersatzheeres mit Standort Strassburg. Ab September 1943 übernahm er vorübergehend zusätzlich die Chefarztstelle des Stadtkrankenhauses Überlingen und erhielt diese im August 1944 nach Zustimmung des Reichsinnenministeriums dauerhaft.Bundesarchiv Berlin, Personenbezogene Akten des RMI, Fründ, Heinrich, geb. 28. Dezember 1880 Dieses war verbunden mit dem Ausscheiden aus der Wehrmacht.

1945 bis 1952 Nach Kriegsende musste Heinrich Fründ den Posten in Überlingen zu Gunsten seines von den Nationalsozialisten vertriebenen Vorgängers wieder räumen. 1946 erhielt er als 66-Jähriger die Aufforderung, sich um den Lehrstuhl für Chirurgie an der Universität Tübingen zu bewerben, musste dann aber zu Gunsten seines sechs Jahre jüngeren Studienfreundes Theodor Naegeli zurücktreten.Schreiben Heinrich Fründ vom 15. Februar 1946. Nachlass Heinrich Fründ, Privatbesitz Bis in den Sommer 1952 fand er nun eine Anstellung als Chefarzt des städtischen Krankenhauses Stockach.Kreisarchiv Konstanz, Der Landrat Stockach / Verwaltungs-Sachen / XVIII Medizinalwesen / 5. Krankenhäuser 1944-48, Nr. 6 Gesundheitlich angeschlagen, wurde sein Vertrag dann aber nicht mehr verlängert. Auf Grund eines von ihm neu bzw. weiterentwickelten Verfahrens zur Operation von Knochentuberkulose mittels Gipsplombe konnte er, inzwischen im 72. Lebensjahr, noch einige Operationen in Davos, in Riezlern (Kleinwalsertal) und an der orthopädischen Klinik in Heidelberg durchführen. Heinrich Fründ starb nach einem kurzen Aufenthalt im Stuttgarter Krankenhaus am 7. Dezember 1952. Versuche, in Osnabrück als NS-Geschädigter anerkannt zu werden, um wenigstens seine Pensionsansprüche für die Zeit von 1922 bis 1939 zu erlangen, wurden mit dem Hinweis auf seine „freiwillige“ Kündigung aus dem Jahre 1939 abgelehnt.

Heinrich Fründ als Arzt Heinrich Fründ genoss einen außerordentlichen Ruf als Arzt und Operateur. Mehrfach wird von seiner Bereitschaft berichtet, neue und unkonventionelle Behandlungswege zu gehen. So sagte Alois Gaßner über ihn: „Bei den unzähligen Operationen, die er machte, schreckte er vor keinem noch so gewagten Eingriff zurück, wenn es galt, ein Menschenleben zu retten.“Alois Gaßner über seine Begegnungen mit Heinrich Fründ als Beratendem Chirurgen 1941/42. In: Corpszeitung der Makaria zu München, (35. Jg. Sept./Dez. 1952, Heft 5/6). Fründ selbst berichtete einmal auf einer Tagung von einer Thrombose-Notoperation am Krankenbett, weil die Patientin bereits kollabiert war. Mit Erfolg wagte er hier erstmals eine Thrombektomie.Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (Hrsg.): 61. Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Tagung, Berlin 31. März–3. April 1937, Archiv klinischer Chirurgie, 189. – Berlin, Verlag von Julius Springer, 1937

Bei aller medizinischen Sorgfalt blieb er in der Wahl der Methoden jedoch immer pragmatisch und lehnte den übermäßigen Einsatz von Technik ab. Stattdessen setzte er lieber auf Beobachtung. Neue Erkenntnisse aus anderen Bereichen der Medizin nahm er auf und nutzte sie auf seinem Gebiet. So schrieb Gassner: „Sein größtes Verdienst ist hierbei im Krieg [1939–45], dass er als einer der Ersten, wenn nicht überhaupt als der Erste, die große Bedeutung der Chemotherapie [antibakteriellen Therapie] auch für die Chirurgie erkannte und die verschiedenen Antibiotika viel bei operierten Verwundeten anwandte. Damals wurde er deshalb von vielen Seiten angegriffen, heute gibt es keinen Chirurgen mehr, der nicht nach Bedarf diese Mittel anwendet.“

Im Laufe seines langen Berufslebens war Fründ stets wissenschaftlich tätig und trat mit Veröffentlichungen sowie auf Tagungen und Kongressen mit den verschiedensten Themen in Erscheinung.

Während des Ersten Weltkriegs sammelte er umfangreiche Erfahrungen mit chirurgischen Infektionskrankheiten, Gasgangrän, sowie der Durchführung von primären und sekundären Wundnähten und vertrat, entsprechend seinem Bonner Lehrer Carl Garrè, die Meinung, dass Verletzungen radikal bis ins Gesunde geschnitten werden müssten. Dadurch soll verhindert werden, dass abgestorbenes oder unterversorgtes Gewebe zurückbleibt, um Folgeinfektionen zu vermeiden. Dieser Weg erwies sich als richtig und ersparte so manch einem Verletzten unnötige Folgeamputationen oder den Tod. Heinrich Fründ: Primäre Wundnaht und frühzeitiger sekundärer Wundverschluß bei Schußverletzungen, In: Beiträge zur klinischen Chirurgie, 1918 Jg./Bd. 114, S. 32–56

Angeregt durch eine umfangreiche Statistik aus der Schweiz, machte sich Heinrich Fründ 1927 daran, seine eigenen Operationen (2900) sowie weiteres ihm zugängliches Material auf die Frage hin auszuwerten, ob sich durch die Gabe von Schilddrüsenpräparaten, wie Thyroxin, die Gefahr von häufig nach Operationen zu beobachtenden Embolien minimieren lässt, denn bei Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion schien diese in der Regel nicht gegeben. Damit griff er ähnliche Empfehlungen zur Thrombose- und Embolieprophylaxe aus Amerika auf und setzte sich in den folgenden Jahren immer wieder auf Tagungen für eine Thyroxingabe vor und nach Operationen ein.Erwin Payr, Hermann, Küttner (Hrsg.): Ergebnisse der Chirurgie und Orthopädie, Vierundzwanzigster Band, Berlin/Heidelberg, 1931. Heute kommen andere gerinnungshemmende Verfahren zum Einsatz.