mini|Die Entzifferung der deutschen Enigma-Maschine war zentrales Thema beim Treffen von Pyry Das Treffen von Pyry war ein geheimes Zusammentreffen polnischer, französischer und britischer Kryptoanalytiker in den streng abgeschirmten Büros der Chiffrierabteilung Biuro Szyfrów des polnischen Generalstabs im Kabaty-Wald von Pyry im Süden von Warschau. Es fand Ende Juli 1939, also etwa einen Monat vor dem deutschen Überfall auf Polen, statt.

Auf dieser Geheimkonferenz offenbarten die Polen ihren verblüfften Alliierten ihre bereits seit 1932 erfolgreich entwickelten Methoden und Geräte, mit denen es ihnen gelungen war, den von der deutschen Reichswehr und später von der Wehrmacht mithilfe der Rotor-Schlüsselmaschine Enigma verschlüsselten Nachrichtenverkehr zu entziffern (siehe Enigma (Maschine)#Entzifferung). Mit diesem Anschub konnten die britischen Codebreaker im englischen Bletchley Park mit Ausbruch des Krieges einen erneuten Angriff auf die deutsche Maschine starten, der es ihnen in der Folge ermöglichte, die verschlüsselten deutschen Funksprüche nahezu kontinuierlich zu entziffern.

Vorgeschichte mini|Der polnische Kryptoanalytiker Marian Rejewski (1932) Nach Erfindung der Enigma im Jahr 1918 durch den Deutschen Arthur Scherbius wurde ab Mitte der 1920er-Jahre von der Reichswehr der Weimarer Republik zunächst versuchsweise und ab 1930 zunehmend regulär diese damals innovative Art der maschinellen Verschlüsselung eingesetzt. Deutschlands Nachbarn, vor allem Frankreich, Großbritannien und Polen verfolgten dies mit Argwohn, insbesondere als 1933 die nationalsozialistische Herrschaft begann und im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht sich diese Schlüsselmaschine als Standardverfahren etablierte. Während es Franzosen und Briten nicht gelang, in die Verschlüsselung einzubrechen und sie die Enigma als „unknackbar“ einstuften,Simon Singh: Geheime Botschaften. Carl Hanser Verlag, München 2000, S. 199. ISBN 3-446-19873-3. glückte dem 27-jährigen polnischen Mathematiker Marian Rejewski bei seiner Arbeit in dem für Deutschland zuständigen Referat BS4 des polnischen Biuro Szyfrów (BS) (deutsch: „Chiffrenbüro“), bereits im Jahre 1932 der erste Einbruch (siehe auch: Entzifferung der Enigma).Marian Rejewski: An Application of the Theory of Permutations in Breaking the Enigma Cipher. Applicationes Mathematicae, 16 (4), 1980, S. 543–559. Abgerufen: 15. April 2015. PDF; 1,6 MB Dazu nutzte er zusammen mit seinen Kollegen Jerzy Różycki und Henryk Zygalski einen schwerwiegenden verfahrenstechnischen Fehler aus, der den Deutschen unterlaufen war.

Um eine sichere Übertragung zu gewährleisten, wurde zu dieser Zeit der vom befugten Empfänger einer Nachricht zur Entschlüsselung benötigte Spruchschlüssel (siehe auch: Enigma-Funkspruch) noch zweimal hintereinander gestellt und verschlüsselt an den Anfang einer Nachricht geschrieben („Spruchschlüsselverdopplung“).Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse. Methoden und Maximen der Kryptologie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2000, S. 412. Somit war der erste und vierte, der zweite und fünfte sowie der dritte und sechste Geheimtextbuchstabe jeweils demselben Klartextbuchstaben zuzuordnen. Mithilfe zweier speziell zu diesem Zweck gebauter Maschinen, genannt Zyklometer und Bomba, die zwei- beziehungsweise dreimal zwei hintereinander geschaltete und um jeweils drei Drehpositionen versetzte Enigma-Maschinen verkörperten, konnten die polnischen Kryptoanalytiker für jede der sechs möglichen Walzenlagen feststellen, bei welchen Walzenstellungen die beobachtete Zuordnung der Buchstabenpaare möglich war und so den Suchraum erheblich einengen. Nach Analyse mehrerer Funksprüche war der korrekte Spruchschlüssel gefunden.

Nachdem die Deutschen am 15. September 1938 ihre Verfahrenstechnik ändertenGordon Welchman: The Hut Six Story – Breaking the Enigma Codes. Allen Lane, London 1982; Cleobury Mortimer M&M, Baldwin Shropshire 2000, S. 207. ISBN 0-947712-34-8. und drei Monate später mit Einführung der Walzen IV und V die Anzahl der möglichen Walzenlagen von sechs (= 3·2·1) auf sechzig (= 5·4·3) erhöhten,Gordon Welchman: The Hut Six Story – Breaking the Enigma Codes. Allen Lane, London 1982; Cleobury Mortimer M&M, Baldwin Shropshire 2000, S. 16. ISBN 0-947712-34-8. konnten die Polen nicht mehr mithalten, und die Enigma war wieder sicher.Hugh Sebag-Montefiore: Enigma – The battle for the code. Cassell Military Paperbacks, London 2004, S. 49. ISBN 0-304-36662-5. Angesichts der drohenden Gefahr entschloss sich der polnische Generalstab unter der Leitung von Generał brygady (deutsch: Brigadegeneral) Wacław Stachiewicz auf Vorschlag von Pułkownik (deutsch: Oberst) Tadeusz Pełczyński, das gesamte Wissen über die Entzifferungsverfahren der deutschen Rotor-Schlüsselmaschine an die polnischen Alliierten zu übergeben, und ließ durch das BS die Briten und Franzosen im Juli 1939 in die polnische Hauptstadt einladen.

Teilnehmer Die aus den unterschiedlichen Ländern zusammentreffenden Männer hatten sich teilweise noch nie gesehen. Sie hatten unterschiedliche Bildungs- und kulturelle Hintergründe, verschiedene Muttersprachen und beherrschten unterschiedliche Fremdsprachen. Während fast alle Polen (außer ihrer Muttersprache) aufgrund ihrer Geburtsorte im damaligen Österreich-Ungarn oder im Deutschen Kaiserreich exzellent Deutsch sprachen, etwas Französisch und kein Englisch, beherrschten die Franzosen kein Englisch und nur wenig Deutsch, und die britischen Teilnehmer Französisch und etwas Deutsch. Somit kam Englisch als Konferenzsprache überhaupt nicht in Betracht, ebenso schied Polnisch aus. Als einzige Muttersprache blieb Französisch übrig, das aber die polnischen Teilnehmer nur wenig beherrschten. Kurioserweise bot sich somit als Konferenzsprache ausgerechnet Deutsch an.Marek Grajek: An Inventory of Early Inter-Allied Enigma Cooperation. Proceedings of the 1st International Conference on Historical Cryptology, PDF; 12,5 MB 2018, S. 89.

Polnische Teilnehmer Pułkownik (Oberst) Stefan Mayer (1895–1981), als Leiter der nachrichtendienstlichen Sektion des polnischen Generalstabs der „Grand Chef“Friedrich L. Bauer: Entzifferte Geheimnisse. Methoden und Maximen der Kryptologie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Springer, Berlin u. a. 2000, S. 421. Podpułkownik (Oberstleutnant) Gwido Langer (1894–1948, geboren in Sillein, Österreich-Ungarn), Chef des BS Major Maksymilian Ciężki (* 1898 in Samter, Provinz Posen), sein Stellvertreter und Chef des für Deutschland zuständigen Referats BS4 Marian Rejewski (* 1905 in Bromberg, Provinz Posen), polnischer Kryptoanalytiker im BS4 Jerzy Różycki (* 1909 in Oltschana bei Kiew), polnischer Kryptoanalytiker im BS4 Henryk Zygalski (* 1908 in Posen), polnischer Kryptoanalytiker im BS4

Französische Teilnehmer Commandant Gustave Bertrand (* 1896 in Nizza), Chef der Sektion D Décryptement et Interceptions des französischen Geheimdienstes Capitaine Henri Braquenié (1896–1975),David Kahn: Seizing the Enigma – The Race to Break the German U-Boat Codes, 1939 –1943. Naval Institute Press, Annapolis, MD, USA, 2012, S. 92. ISBN 978-1-59114-807-4. französischer Kryptoanalytiker

Britische Teilnehmer Commander Alastair Denniston (* 1881 in Greenock, Schottland), Chef der G.C. & C.S. in Bletchley Park (B.P.), hatte in Bonn und Paris studiert Dilly Knox (1884–1943, geboren in England), britischer Codebreaker Commander Prof. Humphrey Sandwith (* 1894),Nationalarchiv: Name Sandwith, Humphrey Robert Date of Birth: 19 June 1894 Rank: Captain ... (englisch). Abgerufen am 9. Juni 2015. Chef des DSD9, einer Organisation der britischen Admiralty’s Signals Division (SD9), die die britischen Funkabhörstationen (Y service) betriebJohn Gallehawk: Third Person Singular (Warsaw, 1939). Cryptologia. Rose-Hulman Institute of Technology. Taylor & Francis, Philadelphia PA 3.2006,3, S. 198.

Zeitraum mini|Das Hotel Bristol in Warschau, in dem die britische Delegation logierte (Foto Juli 2006) Über den genauen Termin des Treffens gibt es leicht unterschiedliche Angaben. Unstrittig ist, dass es in der letzten vollen Juliwoche (KW 30) des Jahres 1939 stattfand. Nach damaligem Usus begannen Kalenderwochen am Sonntag und endeten am Samstag. Somit liegt der in Frage kommende Zeitraum des Treffens zwischen Sonntag, den 23. Juli, und Samstag, den 29. Juli 1939. Vermutlich dauerte die Konferenz zwei oder drei Tage und sie begann entweder am Montag, den 24., oder am Dienstag, den 25., oder aber am Mittwoch, den 26. Juli 1939.

Juli 1939 (KW 30) So Mo Di Mi Do Fr Sa 23 24 25 26 27 28 29

Zwei der Teilnehmer des Treffens, Gustave Bertrand und Marian Rejewski, geben den 25. und 26. Juli an, also Dienstag und Mittwoch. So erinnert sich Bertrand in seinem BuchGustave Bertrand: Énigma ou la plus grande énigme de la guerre 1939–1945. Librairie Plon, Paris, 1973, S. 59. an diese beiden Tage und auch Rejewski gibt genau den gleichen Zeitraum an.Marian Rejewski und Władysław Kozaczuk: Summary of Our Methods for Reconstructing Enigma and Reconstructing Daily Keys and of German Efforts to Frustrate Those Methods. In Enigma – How the German Machine Cipher Was Broken and How It Was Read by the Allies in World War Two. University Publications of America, Frederick, MD sowie Arms and Armour Press, London, 1984, S. 269. Obwohl es sich in beiden Fällen um Teilnehmer des Treffens handelt, und diese Angaben somit als Primärquellen aufgefasst werden können, ist zu berücksichtigen, dass sie diese Daten mehr als dreißig Jahre nach dem Treffen aus ihrer Erinnerung nannten. Viele Historiker haben diese Angaben übernommen, so der deutsche Kryptologe und Autor eines der wichtigsten deutschsprachigen Lehrbücher über die Kryptologie, Friedrich L. Bauer, wobei er nur den ersten Tag des Treffens, den 25. Juli, also Dienstag angibt. Der renommierte US-amerikanische Historiker und Kryptologe David Kahn hingegen nennt als Anreisetag Montag, den 24. Juli, an dem die beiden französischen Konferenzteilnehmer Bertrand und Braquenié mit dem Expresszug in Warschau eingetroffen seien, während die drei britischen Delegierten mit dem Flugzeug anreisten. Demnach habe die Konferenz bereits am Montag begonnen. Weiterhin hätte die Zusammenkunft bereits am Dienstag, den 25. Juli 1939, geendet.David Kahn: Seizing the Enigma – The Race to Break the German U-Boat Codes, 1939 –1943. Naval Institute Press, Annapolis, MD, USA, 2012, S. 93. ISBN 978-1-59114-807-4. Dem genannten Zeitraum widerspricht ein anderer Bericht, den Rejewski noch während des Krieges, im Jahr 1940, in polnischer Sprache verfasste.Marian Rejewski: ‘Enigma’ 1930–1940 Metoda i historia rozwizania niemieckiego szyfru maszynowego (w zarysie). Abgerufen: 15. April 2015. Rejewskis Bericht über die Enigma (1940) (polnisch) Hier notierte er den 26. Juli 1939, also den Mittwoch, als Tag des Treffens. Andere Quellen wiederum geben 24. bis 26. Juli 1939 an,Kris Gaj, Arkadiusz Orłowski: Facts and myths of Enigma: breaking stereotypes. Eurocrypt, 2003, S. 9. also einen Zeitraum von insgesamt drei Tagen von Montag bis Mittwoch.

mini|Zuglauf des Nord-Express, den Denniston und Knox sehr wahrscheinlich für ihre Fahrt am 24. und 25. Juli 1939 von London über Berlin nach Warschau benutzten (Stand 1939, in blau abweichende Fahrtwege vor 1933)