mini|Muster türkischrot gefärbter Baumwolle Als Türkischrotfärbung oder auch Türkisch Rotgarn, Adrianopelrot oder Indischrot wurde im 18. und 19. Jahrhundert eine leuchtend rot gefärbte Baumwolle bezeichnet. Als Farbstoff dienten die getrockneten und gemahlenen Wurzeln des Färberkrapps (botanisch Rubia tinctorum), die einen hohen Anteil des Farbstoffs Alizarin enthalten. Entscheidend für den Farbton war ein aufwändiges Verfahren, das es möglich machte, licht- und waschechte Rotfärbungen der Baumwolle herzustellen. Frühere Verfahren zur Färbung von Schafwolle mit dem Färberkrapp ergaben lediglich einen stumpfen, braun- bis ziegelroten Ton, das sogenannte „Krapprot“.Gustav Schaefer: Zur Geschichte der Türkischrotfärberei. In: Ciba-Rundschau. Nr. 47, Basel 1940, S. 1723–1732.G. Heuzé: Der Krapp. In: Lydie Nencki: Die Kunst des Färbens mit natürlichen Stoffen. übersetzt und redigiert von Gisela Bächi-Gutrath und Erna Bächi-Nussbaumer. Bern / Stuttgart 1984, ISBN 3-258-03330-7, S. 127 ff.: Anbau, S. 138 ff.: Farbrezepte. Der Ton variiert je nach Herstellverfahren.Gewerbemuseum Winterthur (Hrsg.): Farbpigmente, Farbstoffe, Farbgeschichten. Winterthur 2010, ISBN 978-3-033-02349-9, S. 216–217.
Die Bedeutung der Türkischrotfärbung nahm mit der Erfindung und Verbreitung des synthetischen Alizarins sukzessive ab.
Herstellverfahren mini|Alizarin Das ursprüngliche Verfahren bestand aus bis zu zwanzig Einzelschritten,John Wilson: An Essay on Light and Colours, Manchester 1786, S. 21–22.Jean-Antoine Chaptal: Die Kunst türkischroth zu färben. aus dem Französischen, Aarau 1807 (Original: Art de la peinture du coton en rouge. 1807), S. 91–111.Peter Tschudi: Hundert Jahre Türkischrotfärberei 1829–1929, Glarus 1931.C. Moutard: L’art de la teinture des fils et étoffes de coton précédé d’une théorie nouvelle des véritables causes de la fixité des couleurs de bon teint, & suivi des cultures du pastel, de la gaude & de la garance. Paris 1776. die zum Teil mehrmals wiederholt wurden und mehrere Arbeitstage in Anspruch nahmen. Wesentlich war der Einsatz von Schaf-Le Pileur d’Apligny: L’art de la teinture des fils et étoffes de coton; précédé d’une Théorie nouvelle de véritables causes de la fixité des couleurs de bon teint; suivi Des cultures du pastel, de la gaude et de la garance, à l’usage des cultivateurs et des manufacture. Paris 1798, S. 135–146. (Deutsch: Herr (Placide Auguste) Le Pileur d’Apligny: Richtige und vollständige Beschreibung aller Farbmaterialien: nebst einer deutlichen Anweisung wie solche zu dem Gebrauche zubereitet, und bey den dahin einschlagenden Künsten und Professionen gehörig angewendet werden sollen. Klett und Franck, Augsburg 1781 (Digitalisat)). oder Kuhmist,D. H. Soxhlet: Die Praxis der Anilin-Färberei und -Druckerei auf Baumwollwaren. Wien / Pest / Leipzig 1890, S. 149. Der Autor bildet einen Kuhmistkasten ab und schreibt, dass Kuhmist auch bei Alizarinfarben feurigeres Rot verleihe. ranzigem Öl, sogenanntem Tournant- oder GallipoliölTheodor Chateau: Die Fette: Lehre von den natürlichen Fettkörpern, welche technische Anwendung finden. Vorkommen, Gewinnung, Handel, Eigenschaften, Veränderungen, Verfälschungen, sowie die Mittel zur Erkennung u. Nachweisung der letzteren. Nach Theodor Chateau, bearbeitet und mit Zusätzen vermehrt von Dr. Hugo Hartmann. Wolfgang Gerhard, Leipzig 1864, S. 32 (). und Rinderblut. Mit der Zeit fand man heraus, dass einzelne Schritte unnötig waren. 1868 gelang es den Chemikern Carl Graebe und Carl Liebermann von den Farbwerken Hoechst,April 1896 verbessertes Verfahren durch Riese, damals Chemiker der Hoechster Farbwerke. den Farbstoff für dieses hochstehende Rot synthetisch herzustellen. Der AlizarinFedor Felsen, S. 11: Die aus der Levante in den Handel gebrachte ungemahlene Krappwurzel führte den Namen Lizari oder Alizari; hieraus ist die Benennung Alizarin für den Farbstoff des Krapp entstanden. benannte Farbstoff verdrängte in kurzer Zeit das alte mühsame Verfahren. Mit der Alizarinsynthese eröffnete sich die Badische Anilin- und Soda-Fabrik (BASF) den Zugang zum Weltmarkt.Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF). In: Historisches Lexikon Bayerns.
Verfahrensschritte Der Chemismus der Türkischrotfärbung mittels Krapp ist nie vollkommen geklärt worden. Der Wert einzelner Färbeoperationen wie die Kuhkotbeize und der Einsatz von Tierblut wird heute angezweifelt. Um ein einwandfreies Rot zu erreichen, werden heute noch folgende sechs Operationen als notwendig erachtet:R. Haller: Zum Chemismus und zur Technik der Türkischrotfärberei. In: Ciba-Rundschau. Nr. 47, Basel 1940, S. 1733–1737.
Ölen (Imprägnieren der Fasern mit Fettsäuren) Beizen (Zusatz von Tonerde und Kalk) Fixieren Färben (Beigabe von Krappwurzelpulver und langsame Erhöhung der Temperatur des Färbebades auf 90–95 °C) Dämpfen Avivieren (mehrmaliges Kochen in einer Seifenlösung, meist unter Beigabe von ein wenig Zinnsalz)
Erst der letzte Schritt, das Avivieren, wandelt das stumpfe Braunrot in das leuchtende, farbechte, feurige Rot um.
Eine umfassende Beschreibung der Prozeduren erstellte Samuel Jenny, Türkischrot-Fabrikant in Hard b. Bregenz, Österreich, 1868, also im Jahr der Erfindung des künstlichen Alizarins. Er erhielt für seine Arbeit die Auszeichnung 1. Klasse der Société Industrielle de Mulhouse.
Geschichte Färben und Bedrucken von Textilien hat eine lange Geschichte. Schon vor Einführung der Türkischrotfärbereien entstanden in Europa Manufakturen, die Textilien in allen Farben herstellten. Die erste europäische Zeugdruckerei, die nach indischer Manier buntfarbige Stoffe erzeugte, wurde 1678 in Amsterdam durch den Hugenotten Jacob ter Gouw gegründet.U. Ferd. Blumer: Anfang und frühe Entwicklung des Zeugdrucks in der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung des Kantons Glarus. Privatdruck 1960, S. 3. Große Bedeutung erlangten die Zeugdruckereien, die sogenannte Indiennes herstellten. Die Indiennedruckereien druckten mit Krapprot; nach der Einführung der Türkischrotfärberei in Europa wendeten sie ebenfalls dieses neue Verfahren an.
Es gab Betriebe, die sich nur auf die Färberei konzentrierten, während andere alle oder mehrere Stufen der Textilverarbeitung, das heißt Spinnerei, Bleicherei, Färberei, Buntweberei und/oder Druckerei sowie Vermarktung, beherrschten.Die Wirtschaftsgeschichte und viele Firmenhistorien beschreiben die Färberei, konzentrieren sich aber eher auf die letzten Produktionsstufen, die Zeugdruckerei und die Buntweberei. Überschneidungen zur Geschichtsschreibung der Indienne-, später Zeugdruckerei sind nicht zu vermeiden.
Das Verfahren der Türkischrotfärberei wurde in Kleinasien erfunden und verbreitete sich nach Indien. Um 1747 gelang es französischen Fabrikanten, Griechen aus Smyrna, die die Technik beherrschten, zur Niederlassung in Südfrankreich (Aubenas en Vivarais) zu bewegen.Henrik Teofilus Scheffer: Essai sur l’art de la teinture, par M. Scheffer. Paris 1787, zitiert aus Fedor Felsen, S. 2. Eine erste Beschreibung des Verfahrens veröffentlichte Henri Louis Duhamel du Monceau bereits im Jahre 1757.Henri Louis Duhamel du Monceau: Mémoires sur la garance et sa culture. Paris 1757 (Digitalisat)
Neuere Forschungen zeigen, dass schon in den 1670er Jahren Armenier aus dem Vorderen Orient nach Marseille kamen, die das Verfahren kannten und fähig waren, baumwollene Tücher zu färben und zu bedrucken. 1686 wurde der Verkauf solcher Produkte in Frankreich verboten. Die Armenier verließen Marseille. Das Know-how ging verloren.
Zur Belebung der Wirtschaft machte die französische Regierung, die unterdessen das Fabrikationspatent erworben hatte, die Rezepturen 1765 öffentlich.Mémoire Contenant Le Procédé De La Teinture Du Coton Rouge-Incarnat D’Andrinople, Sur Le Coton Filé. Imprimerie Royal, Paris 1765. Schon wenige Monate später wurde das Wissen in Darnétal angewandt. In Rouen und Umgebung entstand ein Mittelpunkt dieser Färbetechnik. Von den Rouenern entlassene Griechen gründeten Fabriken im Elsass, konkurrierten mit ihnen und waren ihnen später technisch und qualitativ überlegen.Felsen Fedor, S. 2. Vom Elsass aus verbreitete sich die Industrie nach der Schweiz, Württemberg, dem Rheinland und Westfalen, vorzugsweise nach Elberfeld und Hagen, dann nach VorarlbergReinhard Mitterstreiter (Hrsg.): Die Tüchlebarone. Hard 1999, ISBN 3-9501103-0-5. und Russland.Felsen Fedor, S. 3. Ein weiteres europäisches Zentrum dieses Färbeverfahrens entstand in Schottland. In der Schweiz entstand die erste Türkischrotfärberei 1784 im Drahtschmiedli in Zürich.Albert Knöpfli: Die Sulzersche Rotfarb und Kattun-Druckerei zu Aadorf. In: Thurgauer Jahrbuch. Frauenfeld 1951, S. 25.
Die hochstehende europäische Türkischrotfärberei verdrängte den Import von gefärbten Garnen und bedruckten Stoffen aus dem Orient. Die industrielle Fertigung und das Eingehen auf die Kundenbedürfnisse in den Exportmärkten, d. h. die Übernahme von deren Mustern und Kleidermoden, führte zu einem regen weltweiten Handel an Tuchen.
Anfänglich wurde lediglich Garn gefärbt (Strangfärberei). Dieses Garn war von großer Bedeutung in der Buntweberei. Ab 1811 fand durch Daniel Köchlin-Schouch (Mühlhausen) die Tuchfärberei (Stückfärberei) größere Verbreitung. Bahnbrechend war Köchlins Erfindung des Buntätzdruckes, d. h. die stellenweise Zerstörung des Türkischrotlackes durch Bedrucken mit Weinstein- und später auch Arsensäure und der gleichzeitigen Applikation anderer Farbtöne.Gustav Schäfer, S. 1730 f.Michel de Vinant: Traité pratique du Blanchiment de la teinture et de l’impression sur étoffes. Paris 1872 (enthält viele Rezepturen zur Türkischrotfärbung und Buntätzung).B. F. Warthon, D. H. Soxhlet: Die Kattun-Druckerei. Ein praktisches Handbuch der Bleicherei, Färberei, Druckerei und Appretur der Baumwollgewebe. Wien / Pest / Leipzig 1892 (Rezepte von Beizen, verschiedenen Türkischrotölen und Druckfarben).
Die Färberei war nicht unproblematisch. Die Verfahren waren nicht hygienisch und gefährdeten die Gesundheit der Arbeiter. Die Umwelt wurde durch Gerüche und Wasserverschmutzung beeinträchtigt. So schreibt Wanner, der Betrieb einer der ersten Türkischrotfärbereien der Donaumonarchie, die 1819 von Christian Getzner in Feldkirch gegründet wurde, habe zum ersten bekannten „Umweltskandal“ Vorarlbergs geführt.Gerhard Wanner: Vorarlbergs Industriegeschichte. Feldkirch 1990, ISBN 3-85430-125-1, S. 108.
Die Klärung der Färbereiabwässer war und bleibt bis heute ein Problem. Dabei geht es nicht nur um den Umweltschutz, sondern auch immer um den Erhalt von Arbeitsplätzen.Erwin Reisacher: Steinige Wege am See. Erinnerungen eines Gewerkschaftssekretärs und Kommunalpolitikers. Konstanz 1994, ISBN 3-7977-0290-6, S. 148 f.
Produktionsanlagen
mini|Türkischrotfärberei und -druckerei J. J. Kelly in Mettendorf, Gossau SG (Aquarell von Elisabeth Kelly, um 1850)
Die Bezeichnung Türkischrotfärberei oder RotfarbPaul Oberholzer: Die Rotfarb Uznach. Uznach 1975. war auch für die Produktionsanlagen üblich. Da die Färbeverfahren viele unterschiedliche Prozesse benötigten, wurden viele entsprechend ausgerüstete Räume benötigt. Bei größeren Fabriken wurden besondere Gebäude errichtet und so entstanden weitläufige Fabrikanlagen.Klaus Sulzer: Vom Zeugdruck zur Rotfärberei. Zürich 1999, S. 225 (Plan der Rotfärberei Aadorf und des Sulzerhofs, 1885). Wahrzeichen von Türkischrotfärbereien waren die Trockentürme oder „Hängetürme“, auch „Lufthängen“ genannt. Die bis 15 m hohen Gebäude prägten lange Zeit das Landschaftsbild.Jürg Davatz: Hänggitürme im Glarnerland. In: Jahrbuch des Kurgebietes Glarnerland und Walensee. Glarus 1986, S. 33–39. Typische Beispiele finden sich noch heute in der Schweiz in St. Gallen,Tröckneturm in Schönenwegen. Diessenhofen und Ennenda.