Als Ruhrkessel wird eine Kesselschlacht bezeichnet, die im April 1945 im Rheinland und in Westfalen stattfand, in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Im Englischen auch als „Ruhr pocket“ oder seltener als „Rose pocket“ bezeichnet, eroberten in dieser Schlacht die US-amerikanischen Truppenverbände innerhalb kurzer Zeit ein großes Gebiet nördlich und südlich der Ruhr und damit eines der wichtigsten Industrie- und Rüstungsgebiete des Dritten Reichs.
Obwohl der Name eine Schlacht im Ruhrgebiet vermuten lässt, waren weitere Teile des Rheinisch-Westfälischen Industriegebiets, des Siegerlandes und des Sauerlandes sowie südliche Teile des Münsterlandes ebenfalls Bestandteil des Kessels. Im Sauerland fanden schwere Kämpfe statt, und erst als alle Städte des Ruhrgebietes schon unter Kontrolle der alliierten Kräfte standen, wurde Düsseldorf besetzt.
Die Schlacht führte zum Untergang der Heeresgruppe B und war das letzte größere Gefecht an der Westfront. Sie war neben dem Kessel von Halbe und der Schlacht um Berlin eine der letzten großen Kesselschlachten auf dem europäischen Kriegsschauplatz.
Entstehung des Ruhrkessels links|mini|Der Vorstoß über den Rhein und die Zangenbewegung zwischen dem 22. und 28. März 1945
Endkampf des Dritten Reiches im Westen Mit dem Scheitern der Ardennenoffensive 1944/1945 und der Einnahme von westrheinischen Gebieten und Städten (wie Aachen) bereiteten sich die beiden westfälischen Gauleitungen (Westfalen-Nord, Westfalen-Süd) durch die Errichtung von Panzersperren und Schanzarbeiten mit dem sogenannten Westfalenwall vor. Am Bau der militärisch sinnlosen Unternehmung wurden schätzungsweise zwischen 25.000 und 60.000 Menschen eingesetzt, überwiegend Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Bei „Maulwurf-Aktion XI“ und „Maulwurf-Aktion XII“ im Januar und Februar 1945 wurden aus dem Gau Westfalen Süd jeweils über 6.000 Arbeiter eingesetzt.
Abriegelung der Ruhr
Das Ruhrgebiet hatte schon einen jahrelangen Luftkrieg hinter sich. Auf Befehl des Alliierten Oberkommando begannen ab Ende Februar 1945 die strategischen Bomberflotten die Luftangriffe der Operation Interdiction of the Ruhr. Die zweimotorigen Mittelstreckenbomber der 9th Air Force und der britischen 2nd Tactical Air Force griffen seit Anfang März 1945 verstärkt in das Kriegsgeschehen an Rhein und Ruhr ein. Neben den Bombardierungen gab es pausenlose Angriffe von Jagdbombern (Jabo) - eine besondere Belastung für die Bevölkerung. Die wichtigsten Verschiebebahnhöfe an den Randzonen des Ruhrgebiets, wie Hamm, wurden während der Operation Bugle durch mehrere schwere US-Luftangriffe zerstört.
Der Gauleiter Westfalen-Süd, Albert Hoffmann, erließ am 25. Februar 1945 einen „Fliegerbefehl“, der Lynchmorde durch die Bevölkerung an Jabo-Piloten sanktionierte (siehe unten).Stadtarchiv Bochum, BO 37/41, Bl. 70.104 In den letzten Kriegsmonaten wurden in Westfalen zahlreiche abgesprungene britische oder US-amerikanische Flieger von Zivilisten, Wehrmachtangehörigen, Gestapo-Beamten und NSDAP-Mitgliedern ermordet. Vor dem Beginn der Einkesselung erging am 19. März 1945 noch Adolf Hitlers „Nero-Befehl“, der allerdings das ganze „Dritte Reich“ betraf. Dieser wurde in der Region nur teilweise umgesetzt.
Die strategischen Luftstreitkräfte setzten bis Ende März 1945 ihre Bombenangriffe auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet und das Umland ohne Unterbrechung fort. Dabei wurden die Städte Essen, Hagen, Witten und Dortmund durch britische Flächenangriffe völlig zerstört. Der letzte Angriff auf Dortmund am 12. März 1945 war der schwerste konventionelle Luftangriff, der im gesamten Verlauf des Zweiten Weltkriegs jemals gegen eine Stadt in Europa durchgeführt wurde.Charles B. MacDonald: U.S. Army in World War II. The Last Offensive. S. 324 oben: “Heavies of the Royal Air Force also continued their destructive campaign; at one point, on 12 March, they established a new record for tonnage in a single strategic attack by dropping 4,899 tons from 1,107 aircraft on Dortmund.” Dortmund war eine der am stärksten zerstörten Städte Deutschlands.
Alliierter Rheinübergang, 23. und 24. März 1945 links|mini|Britische Panzer transportieren Fallschirmjäger der 17th US Airborne Division, 29. März 1945. Mit den Luftangriffen sollte die Eroberung des Ruhrgebietes und der Rheinübergang im Raum Wesel und Rees (vgl. Operation Plunder und Operation Varsity) vorbereitet werden. Nach der alliierten Rhein-Überquerung am 23. und 24. März 1945 stießen rund 1,3 Millionen Soldaten, britische und kanadische Truppen zusammen mit Einheiten der 9. US-Armee, nördlich des Ruhrgebietes rasch in das Münsterland vor. Die US-Truppen der 1. Armee operierten ab dem 25. März weiter südlich im Rheinland aus dem Brückenkopf von Remagen. Sie sollten über das Siegerland in das Sauerland vordringen. Dabei kam es in den Bereichen um Winterberg zu Gefechten.
Der bereits einige Wochen zuvor im Alliierten Oberkommando entstandene Plan wurde vom Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordwesteuropa General Dwight D. Eisenhower am 25. März 1945 genehmigt. Die Planungen sahen vor, das Ruhrgebiet zangenförmig zu umschließen, um die deutschen Einheiten einzukesseln. Man wollte damit heftige Straßenkämpfe in den Ruinen der zerstörten Städte und in den Gebirgszügen des Sauerlands so weit wie möglich vermeiden.
Vor dem Angriff wurde das Hinterland nochmals stark bombardiert. Die kleinen Städte im Münsterland erlitten nur wenige Angriffe, zählen aber mit zu den am stärksten zerstörten Städten Deutschlands (Dülmen z. B. zu 92 Prozent). Dabei wurden auch Flugblätter abgeworfen, welche die deutschen Soldaten zur Aufgabe überreden sollten (siehe unten). Der Vormarsch der Bodentruppen hatte durchaus den Charakter eines Blitzkrieges. Schon hier wurde an manchen Stellen die sinnlose Verteidigung beendet, teils gab es aber auch fanatischen Widerstand, welcher noch deutschen Soldaten das Leben kostete.
Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Generalfeldmarschall Walter Model, erbat von der deutschen Führung einen Rückzug in Richtung Osten. Die damit verbundene Aufgabe des rheinisch-westfälischen Industriegebiets gegenüber den Alliierten wurde vom Oberkommando der Wehrmacht abgelehnt. Das Ruhrgebiet sollte um jeden Preis gehalten werden. Trotz des raschen Vormarsches reagierten die Repräsentanten des NS-Regimes gegen jede Logik. Sie hatten die Illusion, dass in dem zerstörten Gebiet mit den geschwächten Truppen noch ein Kampf zu gewinnen wäre. Die Zivilbevölkerung wurde Ende März vom stellvertretenden Essener Gauleiter Fritz Schleßmann aufgefordert, sich im Inland in Sicherheit zu bringen. Die Undurchführbarkeit angesichts der Realität der zerstörten Verkehrsinfrastruktur und der militärischen Lage wurde ignoriert. Weiterhin wurde veranlasst, die Arbeitskräfte für die Versorgung sowie Arbeiter der Rüstungsindustrie erst auf besonderen Befehl zu evakuieren (siehe unten).
Kesselschluss bei Paderborn am 1. April 1945 mini|links|hochkant|Major General Maurice Rose Bereits am 1. April, Ostersonntag, näherten sich die Spitzen der nördlichen und südlichen alliierten Truppen im Raum Paderborn einander. Dabei kam es in diesem Bereich zu kurzen schweren Kämpfen mit SS-Einheiten. Teils wurde deshalb in Richtung Lippstadt umgeschwenkt. Mit der Aktion war der Ruhrkessel nur acht Tage nach dem Rheinübergang mit einer doppelten Umfassung geschlossen. Die südliche Front des Kessels bildete die Sieg, im Westen war der Rhein die natürliche Grenze. Mit Ausnahme des Ruhrkessels endeten die letzten Kämpfe im Raum Westfalen-Lippe am 7. April 1945.
Beim Schließen des Ruhrkessels fiel der Kommandeur der 3. US-Panzerdivision „Spearhead“, General Maurice Rose, in Kirchborchen bei Paderborn an der Spitze der von ihm geführten Division. Er war der höchstrangige Offizier der United States Army, der während des Zweiten Weltkrieges auf dem europäischen Kriegsschauplatz durch Feindeinwirkung zu Tode kam. Ihm zur Erinnerung trägt die Schlacht in den USA teilweise auch den Beinamen „Rose Pocket“ (sonst: „Ruhr Pocket“). Er liegt auf dem Netherlands American Cemetery and Memorial bei Maastricht begraben.
Militärische Lage mini|Einkreisung des Ruhrkessel zwischen den 29. März und 4. April 1945
Ausgangslage Ein großer Teil der alliierten Truppen bewegte sich nach der Schließung des Kessels weiter ostwärts, um den Rest des Reiches zu erobern. Die britischen und kanadischen Streitkräfte zogen mit schnellen Fortschritten durch das Münsterland in den Norden des Reiches, die US-amerikanischen Truppen beider Gruppen weiter durch Hessen und Niedersachsen in Richtung Osten nach Mitteldeutschland zur Elbe. Die Region bildete nun eine Exklave im Herrschaftsbereich des NS-Staates.
Truppen und Befehlshaber
Zur Reduzierung des Kessels wurde nur ein Teil der Truppen in der Region belassen. Die US-Truppen wurden im Süden von Lieutenant General Courtney H. Hodges (1. US-Armee) und Norden des Ruhrgebietes von Lieutenant General William H. Simpson (9. US-Armee) als Befehlshaber kommandiert.
Im Kessel befanden sich um die fünf Millionen Zivilisten, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, FISCHER: die in einem durch die vorausgegangenen Bombenangriffe teils völlig zerstörten Ruhrgebiet eingeschlossen waren. In den südlichen Teilen des Kessels befanden sich die Mittelgebirge von Siegerland und Sauerland. Die Oberbefehlshaber der Alliierten rechneten mit schweren Häuserkämpfen in den Ruinen der zerstörten Städte bzw. mit schwierigen Gefechten in bergigem Gelände.Anmerkung: während der Schlacht im Hürtgenwald (6. Oktober 1944 bis 10. Februar 1945) hatte die US Army einige ihrer schwersten Kämpfe im gesamten Krieg erlebt.
Ihnen gegenüber standen je nach Quelle bzw. Schätzungen der US-Führung 300.000 Soldaten bis über 325.000 Soldaten der Heeresgruppe B mit den Resten von etwa 21 Divisionen und dem lokal aufgestellten Volkssturm. Diese Truppen waren aber von den restlichen deutschen Truppen vollkommen abgeschnitten, schlecht ausgerüstet und nicht in voller Stärke. Die Verbände der Wehrmacht standen unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall Walter Model, der als fanatischer Anhänger des Nationalsozialismus auftrat. Die Zivilbehörden, paramilitärischen Einheiten der NSDAP und der Volkssturm (einschließlich Freikorps Sauerland) waren nach dem 24. März 1945 (alliierter Rheinübergang) dem Leiter des Gaus Westfalen-Süd, Albert Hoffmann, als leitendem Reichsverteidigungskommissar-West unterstellt. Im Kessel gefangen waren auch waren 26 Generäle der Wehrmacht und der Admiral Werner Scheer, Kommandeur des Wehrbezirkskommandos Essen I.
Durch das rasante Tempo des amerikanischen Vorstoßes waren die deutschen Hauptquartiere auf allen Ebenen gezwungen, neue, sichere Standorte aufzusuchen. So verloren sie auch Kontakt untereinander. Model konnte unter anderem General von Zangen nicht erreichen und musste vermuten, dass er gefangen oder gefallen war. Er befahl einem anderen Kommandanten, einen Gegenangriff zu starten. In dem Moment versuchte von Zangen seine Nachzügler in einer neuen Verteidigungsposition im Osten zu formieren.
Truppen der US-Amerikaner mini|Die 95th Infantry Division auf Patrouille in Soest, 7. April 1945 Die 9. US-Armee stieß von Norden vor. Unter den Truppen waren unter anderem:
17th Airborne Division, Brigadier General William Miley 8th Infantry Division, Major General Bryant Moore 35th Infantry Division 75th Infantry Division, Major General Ray E. Porter 79th Infantry Division, Major General Ira T. Wyche 95th Infantry Division 8th Armored Division mini|Die 5th Infantry Division bei einer Attacke bei Grevenstein am 11. April 1945 Südlich des Kessels stand die 1. US-Armee. Den Einsatz im Ruhrkessel hatten unter anderem
III Corps 1st Infantry Division „Big Red One“, Brigadier General Clift Andrus 5th Infantry Division, Major General Stafford LeRoy Irwin 78th Infantry Division 86th Infantry Division 97th Infantry Division 99th Infantry Division 104th Infantry Division