mini|hochkant|Madonna Cook, 1470, Washington, National Gallery Carlo Crivelli (* zwischen 1430 und 1435 in Venedig; † vor dem 3. September 1495 wahrscheinlich in Ascoli Piceno) war ein italienischer Maler.
Leben Carlo Crivelli stammte ursprünglich aus Venedig, bildete sich in Padua weiter, arbeitete anschließend im südlichen Teil der italienischen Region Marken und wurde, mit Ausnahme Veneziens, zum bedeutendsten lebenden Künstler im adriatischen Raum. Durch den Einfluss Donatellos, dem er vor allem in seiner Jugend ausgesetzt war, stand Crivellis Kunst in einem Spannungsverhältnis zwischen perspektivistischen Neuerungen und einem starken Expressionismus, wobei er, vor allem in seinen Zeichnungen, durch detailgenaue Darstellung brilliert. Jedoch sind Crivellis Werke gleichermaßen geprägt vom spätgotischen Dekorativismus, was sich vor allem an der Behandlung bunten Marmors, kostbarer Gewänder sowie von Früchten, Tieren und goldenen Arabesken zeigt.Stefano Zuffi: Il Quattrocento. Electa, Mailand 2004, ISBN 88-370-2315-4, S. 260. Crivelli stand außerhalb der großen Strömungen der italienischen Renaissancekunst, war aber nicht provinziell, sondern erfand sich ständig neu: „Er bleibt nicht ruhig und ist nie zufrieden mit seiner schöpferischen Begabung. Er gibt sich nicht die Mühe neue Kompositionen zu finden, sondern ist vielmehr ständig auf der Suche nach neuen formellen Lösungen, fast besessen vom Bedürfnis nach einer unmöglichen Perfektion.“Zampetti 1986, S. 42.
Biographie Was wir über Crivellis Leben wissen, leitet sich her von wenigen Dokumenten und signierten Werken. Zwar ist davon viel verloren gegangen, doch ist es dokumentiert und erlaubt Rückschlüsse.Zampetti 1986, S. 11.
Herkunft und Ausbildung mini|links|hochkant|Madonna della Passione (ca. 1460) Ein Dokument vom 13. Oktober 1444 bescheinigt, dass Carlo Crivelli der Sohn des Malers Iachobus de Chriveris (Jacopo Crivelli) ist, der in Venedig in der Pfarrgemeinde von San Moisè wohnhaft ist.Dieser ist nur aus Urkunden bekannt, abgedruckt bei Zampetti 1986, S. 311. Er hatte einen jüngeren Bruder namens Vittore. Einen weiteren Bruder, der 1834 Ridolfo dal Ricci genannt wird, hat es wahrscheinlich nie gegeben. Von der Malerei des Vaters ist kein einziges Werk bekannt: Vermutlich gehörte er zu den Anhängern des Jacobello del Fiore oder Michele Giambono. Kein Dokument überliefert uns das genaue Geburtsdatum des Malers, was allerdings zwischen den Jahren 1430 und 1435 vermutet wird, da er am 7. März 1457 volljährig gewesen sein muss, sonst wäre er nicht zu sechs Monaten Gefängnis und 200 Lire Bußgeld verurteilt worden. Folgendes wird dazu berichtet: „Weil er sich in Tarsia, die Frau des venezianischen Seemanns Franceso Cortese verliebt hat, sie daher aus dem Haus von dessen Bruder entführte und für viele Monate versteckt hielt. Mit ihr hatte er fleischlichen Kontakt, wobei er gottverachtend das Sakrament der Ehe beschmutzte.“ Der begangene Ehebruch war ein derartiger Skandal und wahrscheinlich ausschlaggebend dafür, dass sich Crivelli aus seiner Heimatstadt Venedig entfernte und er niemals wieder dorthin zurückging.
Trotz fehlender Dokumente vermutet man, dass Carlo Crivelli Lehrling von Antonio Vivarini, Giovanni d’Alemagna und Bartolomeo Vivarini gewesen sein muss. Letzterer war gut im Bilde über die zeitgenössische paduanische Malerei, die auf der Schule von Francesco Squarcione basierte. Von ihr wurde der junge Carlo geprägt, in besonderem Maße vom dalmatischen Altersgenossen Giorgio Schiavone, sowie Andrea Mantegna, Marco Zoppo und die Fiorentiner Filippo Lippi und Donatello, die sich zufällig auf der Durchreise in Padua befanden. Es ist nicht überliefert, ob der Künstler bereits vor seiner Verurteilung in direkten Kontakt mit der paduanischen Schule stand, oder erst mittels der Vivarini.
Im Bezug auf die ersten Jahre in Venedig lässt sich kein Kunstwerk mit Sicherheit auf Crivelli zurückführen. Die Werke, die in seiner Heimatstadt entstanden und die von Carlo Ridolfi 1648 erwähnt werden, sind allesamt verloren, nämlich: San Fabiano und Nozze mistiche di Santa Caterina, die sich in der Kirche von San Sebastiano befanden. Des Weiteren: Storie di San Leone Bembo aus der Kapelle von San Sebastiano bei San Lorenzo.Carlo Ridolfi: Le maraviglie dell’arte, overo le vite de gl’illustri pittori veneti, e dello Stato. Ove sono raccolte le opere insigni, i costumi & i ritratti loro. Venezia 1648, S. 19.
Dasselbe Schicksal ereilte die Werke, die von Giannantonio Moschini 1664 namentlich erwähnt werden. Ein paar von ihm signierte Madonnen Madonna Huldschinsky in San Diego, Madonna col Bambino e putti in Verona, die sich ursprünglich in venezianischen Klöstern befanden, lassen sich auf die 1460er Jahre zurückführen und zeigen den Einfluss der paduanischen Schule auf, auch wenn Stefano Bottari einen Zusammenhang mit Domenico Veneziano erkennen wollte. Nach der Vermutung von Pietro Zampetti, sei die Madonna Speyer, die sich in der Fondazione Giorgio Cini befindet, noch älter. In ihr erkennt man einen Hauch von Vorrenaissance, begründet auf Jacopo Bellini.
In Zara Nach der Festnahme von 1457 landete der Künstler in Padua, wo er sich mit Giorgio Schiavone anfreundete. Diesem folgte er anschließend nach Zara, einer Stadt, die zur damaligen Zeit unter venezianischer Herrschaft stand.Zampetti 1986, S. 15. Hier wird Crivelli in zwei notariellen Urkunden erwähnt. Eine, vom 23. Juni 1463 und die andere vom 11. September 1465. Er wird als Meister der Malerei, Bewohner und Bürger der dalmatischen Stadt bezeichnet.
Ein Werk aus dieser Zeit ist uns nicht bekannt. Zwei Madonne col Bambino e due angeli, befinden sich heute in New York, die von Prijatelj fälschlicherweise dem Maler zugeschrieben wurden. Diese zeigen jedoch eine gewisse Schwäche in der Zeichnung auf, sodass man davon ausgehen muss, dass sein jüngerer Bruder Vittore, der sich in diesen Jahren auch in der Stadt aufhielt, sie gefertigt haben muss. Womöglich sind die Madonnen, die sich heute in Verona und San Diego befinden, nicht in seiner Heimatstadt, sondern in Zara entstanden.
Ankunft in den Marken mini|Polittico di Massa Fermana, 1468 Sowohl die Gründe seiner Abfahrt aus Zara als auch der Zeitpunkt der Überquerung der Adria liegen völlig im Dunkeln. Auf jeden Fall signierte er 1468 das Altarbild Polittico di Massa Fermana und befand sich bereits 1469 in Ascoli Piceno, wo er, wie aus Dokumenten hervorgeht, mit einem Bürger in Konflikt geriet. Tatsächlich war er am 16. Februar 1469 in einen Prozess gegen einen gewissen Savino di mastro Giovani d’Ascoli verwickelt. Dazu bevollmächtigte er Ulisse di ser Antonio aus Venedig und Corradino Pasqualucci aus Ascoli mit seinem Fall. Daneben stammen die ersten Werke seiner künstlerischen Laufbahn in den Marken alle aus der näheren Umgebung von Fermo. Darunter ist das Altarbild Polittico di Porto San Giorgio (1470), entworfen für die Kirche von San Giorgio, im Auftrag eines gewissen Giorgio, eines Albaners, der infolge der türkischen Eroberungen in die Marken ausgewandert war.
Wohnhaft in Ascoli mini|links|Polittico di Sant’Emidio Dokumente weisen darauf hin, dass der Künstler ab 1473 in Ascoli dauerhaft sesshaft wurde. Dort entstand auch das Altarbild Polittico di Sant’Emidio in einer Kapelle des Doms. Der Aufenthalt in der Stadt wird darüber hinaus durch den Kauf eines Hauses für zehn Dukaten im Sestiere di San Biagio vom 17. Juni 1478 bestätigt. Zu einem uns unbekannten Zeitpunkt, heiratete er eine gewisse Iolanda in Ascoli. Jene stammte möglicherweise aus Atri in den Abruzzen. Sie schenkte ihm eine Tochter namens Diana und einen kleinen Jungen, der im August 1487 starb. Das Ehepaar adoptierte zudem ein Mädchen namens Biasiola. Man vermutete, dass der Künstler in jenen Jahren die Toscana oder die Stadt Ferrara besuchte, wo Werke von Rogier van der Weyden existierten. Allerdings beweisen keinerlei Dokumente diese Aufenthalte. Viel mehr scheint sich das Leben des Crivelli, ohne Unterbrechung, bis zu seinem Tode in der Umgebung von Ascoli abgespielt zu haben. Sein Ruhm oder sein Unternehmergeist brachten ihn dazu, zahlreiche Orte der Umgebung aufzusuchen, um dort etliche Altarbilder zu malen und zu signieren.
Aufenthalte in Camerino Besonders erwähnenswert erscheinen einige Aufenthalte in Camerino, einer Stadt, die unter der Herrschaft der Familie Varano stand und sich in kultureller Blüte befand. Dort waren auch verschiedene Maler tätig, darunter Girolamo di Giovanni und Giovanni Broccati, die Crivelli bereits aus der Schule des Squarcione in Padua her kannte. Darüber hinaus waren einige fremde Meister, wie Nicolò Alunno zugegen, der einen gewissen Einfluss auf den venezianischen Kollegen gehabt haben muss, obwohl er ihm künstlerisch nicht unterlegen war.
1482 signierte Crivelli das Altarbild Polittico di San Domenico di Camerino. Es folgten mehr oder weniger anspruchsvolle Aufträge, in Ascoli und Camerino, weshalb man annimmt, dass der Künstler in den ganzen 80er Jahren sich abwechselnd in beiden Städten aufhielt, wobei die Aufenthalte in der Letzteren länger waren, wie aus einem Dokument von 1488 hervorgeht. Darin wird festgehalten, dass er in der Stadt der Varano einen festen Wohnsitz hatte. In jenen Jahren wurde der herzögliche Palast ausgeschmückt und es scheint der Fall zu sein, dass Crivelli dort ebenfalls tätig war, auch wenn es unmöglich ist, eine dementsprechende Spur in den wenigen fragmentarischen Unterlagen zu finden.
Im fortgeschrittenen Alter übernahm er einige Neuheiten von anderen Künstlern, wie die neue Struktur des Altarbilds gegenüber dem sich wiederholenden Polittico. Ein besonderes Beispiel hierfür ist die Verkündigung von Ascoli aus dem Jahr 1486.Zampetti 1986, S. 43. Die Besonderheit dieses Werkes, welches sich ursprünglich in der Kirche der Santissima Annunziata in Ascoli Piceno befand, beweist, dass der Künstler die neuen Techniken der Renaissancemalerei perfekt beherrschte. Wenn es wahr ist, dass Crivelli charakterisiert wird durch seine antik anmutende Maltechnik, die auf der Linie venezianischen Tradition von vor Bellini basiert, dann liegt das nicht an der fehlenden Kenntnis der Techniken der Renaissancemalerei, sondern am bewusst gewählten Archaismus des Künstlers.
mini|Verkündigung von Ascoli Die letzten Jahre Für das Jahr 1488 wird in Ascoli der Tod seines einzigen Sohnes dokumentiert, von dem man weder das Alter, noch den Namen kennt. Er musste dennoch ziemlich jung gewesen sein, denn anlässlich seiner Beerdigung wird in der Buchhaltung der Stadt eine Schenkung von zwei Pfund Wachs seitens des Künstlers registriert.Zampetti 1986, S. 12. Dabei handelt es sich um das letzte bekannte Lebenszeichen des Künstlers in der Stadt, während sich die Aufträge von außerhalb häuften. Am 10. Mai 1488 wurde er mit dem Altarbild Polittico del Duomo di Camerino beauftragt, ein eindrucksvolles Werk, vorgesehen für den Hochaltar der Kathedrale von Camerino.