Decimus Iunius Brutus Albinus (* um 81 v. Chr.; † September 43 v. Chr.) war ein römischer Politiker und Soldat. Er war ein langjähriger Offizier und enger Vertrauter Gaius Iulius Caesars, unter dem er Karriere machte. Aus bis heute umstrittenen Gründen schloss er sich der Verschwörung gegen den Diktator an und gehörte zu den prominentesten Caesarmördern. Bald nach dem gelungenen Attentat (15. März 44 v. Chr.) ging er in seine Provinz Gallia cisalpina und verweigerte gegen Jahresende deren Übergabe an den Konsul Marcus Antonius. Von diesem daraufhin in Mutina belagert, wurde er im April 43 v. Chr. von den neuen Konsuln und Octavian (dem späteren Kaiser Augustus) befreit. Er verfolgte den geschlagenen Antonius, doch Octavian vollzog einen politischen Kurswechsel und ließ ihn wie alle Caesarmörder ächten. Auf der Flucht wurde er gefangen und auf Antonius’ Befehl getötet.
Abstammung und Geburtsdatum mini|Ein von Brutus Albinus 48 v. Chr. als Münzmeister geprägter Denarius, der mittels Pietaskopf und Handschlag die Clementia Cäsars während des Bürgerkriegs gegen Pompeius propagandistisch symbolisiert. Decimus Iunius Brutus war ein Sohn des gleichnamigen Konsuls von 77 v. Chr. und dessen Gemahlin Sempronia. Er wurde von einem Postumius Albinus adoptiert, dessen Cognomen er seitdem zusätzlich führte, und gelangte dadurch in den Patrizierstand. Sein zweiter Beiname Albinus wird nur sehr selten von einigen griechisch schreibenden Historikern erwähnt.Z. B. Plutarch, Caesar 64, 1; 66, 2 u. ö.; Cassius Dio 44, 14, 3; u. a. In der Aufschrift der von ihm selbst geprägten Münzen bezeichnet er sich als Albinus Bruti f.
Da Decimus Brutus von Caesar noch 52 v. Chr. als Jüngling (adulescens) charakterisiert wird,Caesar, Gallischer Krieg 7, 9, 1 und 7, 87, 1. ist sein nicht überliefertes Geburtsjahr vielleicht auf etwa 81 v. Chr. anzusetzen. Falls diese Annahme zutrifft, dann durfte er die höheren Ämter durch Caesars Gunst vor dem gesetzlichen Mindestalter bekleiden. Wenn er letzteres einhalten hätte müssen, wäre er bereits 85 v. Chr. geboren worden. Laut einer Bemerkung des Redners Marcus Tullius CiceroCicero, Epistulae ad familiares 11, 14, 3; Epistulae ad Brutum 1, 15, 8. hatte Decimus Brutus etwa am 27. April Geburtstag, denn dieser fiel mit jenem Tag zusammen, an dem die Niederlage von Marcus Antonius in der Schlacht von Mutina (21. April 43 v. Chr.) in Rom bekannt wurde.
Laufbahn unter Caesar
Schon in jungen Jahren schlug Decimus Brutus eine militärische Laufbahn unter Caesar ein, vielleicht schon 61 v. Chr., als Caesar als Statthalter der Provinz Hispania ulterior Krieg gegen die Stämme der Lusitaner und Gallaeker führte. Jedenfalls nahm Decimus Brutus am Gallischen Krieg teil und erwarb sich dabei militärische Verdienste. Erstmals wird er 56 v. Chr. als Befehlshaber der gegen die Veneter in der Bretagne eingesetzten, teilweise von verbündeten gallischen Stämmen wie den Osismiern gestellten Flotte erwähnt. In der Bucht von Quiberon nördlich der Mündung der Loire in den Atlantischen Ozean kam es zwischen Römern und Venetern zur Seeschlacht. Decimus Brutus versuchte die für den Kampf vor den Küsten Galliens in mancherlei Hinsicht überlegene Beschaffenheit der mehr als 220 feindlichen Schiffe dadurch auszuschalten, dass er mittels eigens gebauter Werkzeuge auch aus größerer Distanz die Segeltaue der Schiffe der Veneter zerschneiden konnte. Waren diese damit ihrer Manövrierfähigkeit beraubt, wurden sie von römischen Soldaten geentert. So gelang es Decimus Brutus, begünstigt durch eine unerwartet einsetzende Flaute, seine Gegner entscheidend zu schlagen. Die Veneter mussten sich unterwerfen.Caesar, Gallischer Krieg 3, 11, 5 – 3, 16, 4; Cassius Dio 39, 40, 1 – 39, 43, 5; Orosius 6, 8, 7-16.
Wahrscheinlich machte Decimus Brutus den Gallischen Krieg fast bis zu dessen Ende mit, doch liegt für die nächsten Jahre – wohl, weil er aufgrund seiner Jugend nicht im Rang eines Legaten diente – keine Überlieferung über seine militärische Karriere vor. 52 v. Chr. befehligte er jedenfalls Kavallerieeinheiten und Teile der Legionen beim Kampf gegen den Arvernerhäuptling Vercingetorix und bei der Belagerung von Alesia.Caesar, Gallischer Krieg 7, 9, 1f. und 7, 87, 1.
50 v. Chr. dürfte Decimus Brutus das Amt eines Quästors innegehabt haben. In diesem Jahr beabsichtigte er auch – wie Marcus Caelius Rufus in einem Brief an den in Kilikien weilenden Cicero erwähntCicero, Epistulae ad familares 8, 7, 2. –, eine Ehe mit Paulla Valeria, der Schwester eines Triarius einzugehen. Paulla Valeria hatte sich zuvor, angeblich grundlos, von ihrem nicht namentlich genannten ersten Gatten scheiden lassen. Ein späterer Brief Ciceros aus dem Jahr 43 v. Chr. bestätigt, dass diese Ehe wirklich geschlossen wurde.Cicero, Epistulae ad familiares 11, 8, 1.
Als Anfang 49 v. Chr. der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Gnaeus Pompeius Magnus ausbrach, kämpfte Decimus Brutus auf der Seite Caesars. Nachdem dieser nach dem Abzug der Pompeianer in Richtung Balkan Herr in Italien geworden war, kämpfte er gegen die in Spanien stationierten pompeianischen Generäle. Unterdessen ließ er die Stadt Massalia (heute Marseille) durch seine Legaten Gaius Trebonius und Decimus Brutus belagern. Der ranghöhere, das Oberkommando ausübende Trebonius leitete mit drei Legionen die Operationen zu Lande, während Decimus Brutus die Marine befehligte und rasch bei Arelate ein kleines Geschwader herstellen ließ.Caesar, Bürgerkrieg 1, 36, 4f.; 1, 56, 3. Mit diesen zwölf Kriegsschiffen erfocht er Ende Juni 49 v. Chr. (nach dem vorjulianischen Kalender) einen ersten deutlichen Sieg gegen die mit 17 Wasserfahrzeugen numerisch überlegene, von Lucius Domitius Ahenobarbus angeführte Flotte der Massalioten, obwohl diese erfahrene Seesoldaten waren.Caesar, Bürgerkrieg 1, 56, 1 – 1, 58, 4; Cassius Dio 41, 21, 3.
Trotz des Verlusts etlicher Schiffe in dieser Seeschlacht rüsteten die Massalioten erneut 17 Wasserfahrzeuge aus und stachen mit ihnen in See. Beim Kastell Tauroentum (jetzt Tarente) östlich von Massalia vereinigten sie ihre Flotte mit jener des Pompeianers Lucius Nasidius, der von Dyrrhachium aus mit 16 Schiffen hierher gesegelt war. Nun verfügten die Massalioten wieder über eine stärkere Seemacht als Decimus Brutus, der dennoch Ende Juli 49 v. Chr. (vorjulianisch) vor Tauroentum eine weitere militärische Auseinandersetzung ausfocht. Anfangs musste er sich auf seinem Admiralsschiff dem Angriff zweier Trieren erwehren, konnte dann aber mehrere Schiffe des feindlichen rechten Flügels versenken bzw. kapern und einen zweiten Sieg erringen. Nasidius floh mit seiner Flotte in Richtung der Iberischen Halbinsel.Caesar, Bürgerkrieg 2, 3, 1 – 2, 7, 3; Cassius Dio 41, 25, 1. Dies bedeutete für Massalia die völlige Einschließung nicht nur von der Land-, sondern nun auch von der Seeseite her. Lucius Domitius Ahenobarbus, der nicht mit seiner erneuten Begnadigung durch Caesar rechnen konnte, gelang mit einem Schiff der Durchbruch der Blockade und die Flucht.Caesar, Bürgerkrieg 2, 22, 1-4; Cassius Dio 41, 25, 2. Ende Oktober 49 v. Chr. (vorjulianisch) kam Caesar nach seinem Sieg in Spanien nach Massalia, das sich ihm nun unterwarf.
Im weiteren Verlauf nahm Decimus Brutus nicht mehr am römischen Bürgerkrieg teil. Wahrscheinlich im Jahr 48 v. Chr. wurde er von Caesar mit der Leitung der Münzprägung in Rom beauftragt und emittierte unterschiedliche Typen von Denaren, auf denen u. a. seine während des Gallischen Kriegs erbrachten kriegerischen Leistungen angedeutet sind. Als Belohnung für seine treuen Dienste erhielt er sodann vermutlich erst 47 bzw. 46 v. Chr. den Posten des Statthalters der Provinz Gallia comata, also des von Caesar eroberten Teils Galliens.; In dieser Stellung errang er einen Sieg gegen den Stamm der Bellovaker, der rebelliert hatte.Titus Livius, periochae 114.
Als Caesar durch seinen Sieg in der Schlacht von Munda den letzten Widerstand der Pompeianer in Spanien gebrochen hatte und nun von dort im August 45 v. Chr. zurückkehrte, drückte er seine hohe Wertschätzung für Decimus Brutus dadurch aus, dass er diesen in seiner Kutsche mitreisen ließ. Diese Ehre wurde ansonsten nur seinem Vertrauten Marcus Antonius und seinem erst 18-jährigen Großneffen Octavian zuteil.Plutarch, Antonius 11, 2. In der zweiten Jahreshälfte 45 v. Chr. dürfte Decimus Brutus auch als Prätor fungiert haben.
Caesar gewährte Decimus Brutus auch andere hohe Auszeichnungen, so Anfang 44 v. Chr. die Verleihung eines weiteren Statthalterpostens, diesmal den der Provinz Gallia cisalpina (etwa das heutige Norditalien). Dieses Amt sollte er 44 v. Chr. während Caesars Abwesenheit bei dessen geplanten Feldzug gegen die Parther übernehmen. Für das Jahr 42 v. Chr. war er zum Konsul designiert.Nikolaos von Damaskus, Leben des Augustus 22, 77; 28, 112; Appian, Bürgerkriege 3, 2; 3, 16; 3, 98; Cassius Dio 44, 14, 4; 45, 9, 3; 46, 53, 1; Sueton, Augustus 10, 1; u. a. Außerdem war er in Caesars letztem Willen gemeinsam mit Marcus Antonius als Nacherbe eingesetzt, falls die nächsten Erben – Octavian und zwei weitere Verwandte des Diktators – plötzlich sterben oder die Erbschaft ausschlagen sollten. Falls Caesar nach seinem Tod noch ein Sohn geboren würde, sollte dieser laut einer testamentarischen Verfügung unter die Vormundschaft von Decimus Brutus kommen.Sueton, Caesar 83, 2; Plutarch, Caesar 64, 1; Appian, Bürgerkriege 2, 143; Cassius Dio 44, 35, 2.
Rolle bei der Verschwörung gegen Caesar
Warum sich Decimus Brutus, der unter Caesar eine steile Karriere gemacht hatte, den Caesarmördern anschloss, lässt sich aus Mangel an Informationen über seine Persönlichkeit nicht mehr genau feststellen. Über seine Motive liefern die Quellen keine Angaben. Dies gilt auch für Cicero, der mit ihm nicht näher bekannt war. Die antiken Historiker charakterisieren ihn jedenfalls recht einseitig als besonders undankbar gegenüber seinem Gönner. Es gibt in der Überlieferung keinerlei Anhaltspunkte, dass Decimus Brutus etwa aus Neid auf andere Favoriten des Diktators oder aus enttäuschtem Ehrgeiz der Verschwörung beitrat. Vielleicht reifte in ihm zunehmend die Überzeugung, dass Caesars Diktatur gesetzwidrig und der republikanischen Tradition zuwiderlaufend sei.
Laut dem antiken Biographen Plutarch suchten die Attentäter Decimus Brutus für ihr Unternehmen zu gewinnen, weil er eine große Gladiatorentruppe in Rom unterhielt und Caesars uneingeschränktes Vertrauen genoss. Er sei aber zur Teilnahme an dem Komplott erst bereit gewesen, als er erfuhr, dass auch Marcus Iunius Brutus führend daran mitwirkte.Plutarch, Brutus 12, 5f. Außer diesem und Gaius Cassius Longinus war er der angesehenste Caesarmörder.