mini|Villa Nathan Samuel/Leo Czapski Adolf Wollenberg (geboren am 2. Mai 1874 in Breslau; gestorben am 25. Juni 1950 in Amsterdam) war ein deutsch-britischer Architekt und Kunstsammler. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entwarf er Villen sowie Wohn- und Geschäftshäuser in Berlin, zudem plante er Umbauten und beriet seine Auftraggeber bei der Innenausstattung. Seine Kunstsammlung umfasste Gemälde niederländischer und italienischer Künstler des Barock. Als Jude sah er frühzeitig keine Zukunft in Deutschland und ging 1933 ins Exil nach Paris und später nach London.

Leben und Werk Jugend und Ausbildung Adolf Wollenberg kam 1874 als Sohn von Ludwig Wollenberg und seiner Frau Sofie, geborene Eliassohn, in Breslau zur Welt. Seine ältere Schwester Bertha starb 1900 im Alter von 27 Jahren. Der jüngere Bruder Martin wurde 1876 geboren. Die Familie gehörte zum jüdischen Großbürgertum und wohnte in der Agnesstraße Nr. 1 in der Breslauer Südvorstadt, unweit der Neuen Synagoge am Anger. Der aus Posen stammende Großvater Adolph Wollenberg war ein wohlhabender Kaufmann, der Vater Ludwig Wollenberg lebte als Partikulier von den Erträgen seines Vermögens.

Wollenberg beendete seine Schulzeit 1893 mit dem Abitur am Breslauer Maria-Magdalenen-Gymnasium. Anschließend studierte er Architektur an der Königlich Technischen Hochschule Charlottenburg. Während des Studiums entwarf er beispielsweise ein Mausoleum und eine Villa im Stil des Historismus. 1899 legte er das Examen als Regierungsbauführer ab und begann danach seinen praktischen Studienabschnitt. Während dieser Zeit arbeitete er für die Architekten Alfred Messel – dessen Assistent er wurde –, Ernst von Ihne sowie Heinrich Joseph Kayser und Karl von Großheim. 1902 beendete er sein Studium als Regierungsbaumeister. Er nahm zunächst eine Stelle im Staatsdienst auf, ließ sich jedoch noch im selben Jahr wieder suspendieren, um als frei schaffender Architekt zu arbeiten.

Architekt in Berlin mini|Villa Harteneck Bereits 1903 eröffnete er sein eigenes Büro Atelier für Architektur am Potsdamer Platz Nr. 3 in Berlin. In seiner Anfangszeit als freier Architekt nahm Wollenberg an verschiedenen Architekturwettbewerben teil. So reichte er 1903 einen Entwurf für das Neue Stadthaus in Bremen ein. Für das als Anbau an das alte Bremer Rathaus aus der Renaissance geplante Gebäude entwarf er eine in der Formensprache zurückhaltende Fassade. 1904 folgte ein Entwurf für die Neue Synagoge in Dessau. Hier griff Wollenberg auf den reichen Dekor des Neobarock zurück. Beide Entwürfe kamen nicht zur Ausführung. Später bemühte er sich nicht mehr um öffentliche Großprojekte. Über die Tätigkeit Wollenbergs der folgenden Jahre bis 1907 ist nichts bekannt. Möglicherweise hat er in dieser Zeit für andere Architekturbüros gearbeitet.

Nachdem Wollenbergs Vater 1906 gestorben war, zog er mit seiner Mutter in das Haus Bendlerstraße Nr. 36 (heute Stauffenbergstraße) in Berlin-Tiergarten. 1908 verlegte er sein Büro in das nahe gelegene Haus Sigismundstraße Nr. 6. Er war Mitglied in verschiedenen Clubs und Vereinen wie dem Golfclub Berlin, dem Automobilclub von Deutschland und der vornehmen Bürgergesellschaft Ressource von 1794, einem („Vereinigungspunkt für Männer der gebildeten Stände, insbesondere des höheren Kaufmannsstandes“).Walther Kiaulehn: Berlin. Schicksal einer Weltstadt. S. 113. In diesem Umfeld knüpfte Wollenberg gesellschaftliche Verbindungen zu Bankiers, Industriellen und anderen Geschäftsleuten, die zu seinen zukünftigen Auftraggebern zählen sollten. Zu Wollenbergs ersten ausgeführten Bauten gehörte das 1908/1909 für den Bildhauer Hugo Kaufmann errichtete Landhaus in Berlin-Westend (damals Charlottenburg). Wollenberg orientierte sich bei diesem Gebäude, wie auch bei den nachfolgenden Entwürfen für Villen in den Berliner Vororten, an der englischen Landhausarchitektur und der damit verbundenen reduzierten Formensprache, wie sie von Hermann Muthesius 1904 in seiner Schrift Das englische Haus propagiert wurde. Hugo Kaufmann lieferte in der Folgezeit wiederholt figürlichen Bauschmuck für die von Wollenberg entworfenen Bauten. Darüber hinaus arbeitete Wollenberg bei anderen Projekten mit dem Bildhauer Walther Schmarje zusammen. Im Stadtzentrum Berlins entstand etwa zur gleichen Zeit für den Bankier Wilhelm Schneider ein Wohn- und Geschäftshaus in der Behrenstraße. Die Fachpresse (Architektonische Rundschau, Berliner Architekturwelt, Neudeutsche Bauzeitung) berichtete ausführlich über dieses Bauvorhaben und veröffentlichte Außen- und Innenansichten. 1909–1911 entstand nach Wollenbergs Entwürfen das Neue Kurhaus Dr. Julius Weiler in Berlin-Westend als Kurheim für die gehobenen Gesellschaftsschichten. Der repräsentative Bau orientierte sich an französischen Landhäusern des 18. Jahrhunderts und wies einen reichen Bauschmuck mit Säulen und Plastiken auf. Im Inneren sollte der Eindruck eines Krankenhauses vermieden werden, wozu eine prunkvolle Ausstattung mit breiter Marmortreppe, halbrundem Wintergarten, Billard- und Bibliothekszimmer, Speisesaal sowie Musik- und Damensalon beitrugen. Die Patienten bewohnten entweder Einzelzimmer, die teilweise bereits über eingebaute Bäder verfügten, oder hielten sich in abgeschlossenen Wohnungen mit Schlafzimmer, Bad und eigenem Salon auf.

Neben seiner Arbeit als Architekt war Wollenberg im Immobiliengeschäft tätig. Gemeinsam mit dem Kaufmann Arthur Heimann erwarb er die Gebäude Rankestraße Nr. 1 und Kurfürstendamm 237 in Charlottenburg, zusammen mit seinem Bruder Martin Wollenberg kaufte er das Grundstück Sigismundstraße 1 in Tiergarten. 1913/1914 erwarben Heimann und Wollenberg die Gebäude Kurfürstendamm 186 und 187, nachdem sie zuvor die beiden anderen Grundstücke verkauft hatten. Zudem gründete Wollenberg 1911 die Immobilienfirma Neue Berliner Bau- und Boden-Aktiengesellschaft, deren Hauptaktionär er war. Das Haus in der Sigismundstraße Nr. 1 ließ Wollenberg abreißen und 1909/1910 an selber Stelle für sich ein Wohn- und Geschäftshaus bauen. Im Erdgeschoss zog sein Atelier für Architektur ein, darüber befanden sich zwei jeweils über zwei Etagen reichende Wohnungen. Die mit Eisenklinkern verblendete Fassade war betont schlicht gehalten und nur mit einigen Terrakotta-Reliefs geschmückt.

mini|Innenaufnahme der Villa Harteneck (1913) Die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg gehörte zu Wollenberg besonders aktiver Schaffensphase. So entwarf er für den Bankier Nathan Samuel auf dem Grundstück Bismarckallee Nr. 22 / Delbrückstraße Nr. 9 in Berlin-Grunewald eine Villa in Anlehnung an den Stil des Klassizismus. Als Samuel während der Bauarbeiten starb, wurde das Haus von Leo Czapski, Inhaber der Einrichtungsfirma Flatow & Priemer, übernommen und die Bauarbeiten konnten wie geplant abgeschlossen werden. Es folgte die Villa für den Kaufmann Carl Harteneck in der Douglasstraße Nr. 7, ebenfalls in Berlin-Grunewald. Neben dem Neubau gehörte auch die Innenausstattung und der Gestaltung der Gartenanlage zum Auftrag. Nach Beendigung der Bauarbeiten wurde Wollenberg zudem mit dem Bau einer Grabkapelle für die Familie Harteneck auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf betraut. Einen weiteren Villenbau entwarf Wollenberg für den Bankier Erich Goldschmidt in der Koenigsallee Nr. 64 in Berlin-Grunewald. Auch bei diesem Landhaus plante Wollenberg die Innenausstattung. Parallel arbeitete Wollenberg an mehreren Projekten für Geschäftshäuser. So errichtete er für die Gebrüder Wolffenberg einen Neubau des Kunstauktionshauses Rudolph Lepke in der Potsdamer Straße Nr. 122a/122b in Berlin-Tiergarten. Bei diesem Projekt arbeitete er mit seinem Kollegen Wilhelm Bröker zusammen, der die technische Leitung übernahm, während sich Wollenberg um die künstlerische Gestaltung kümmerte. Das um zwei große Innenhöfe gruppierte Gebäude sollte neben Verwaltung- und Ausstellungsräumen, einen großen Saal für die Auktionen beherbergen. Ebenfalls ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Architekten war der Neubau des Kaufmannshauses am Halleschen Ufer in Berlin-Kreuzberg. Bei diesem repräsentativen Geschäftshaus übernahm Wollenberg die Fassadengestaltung und lieferte Pläne für die Innenarchitektur. Nachdem er bereits das Wohnhaus für Leo Czapski errichtet hatte, erhielt Wollenberg von ihm und seinem Sohn Felix Czapski den Auftrag, für deren Einrichtungsfirma Flatow & Priemer ein neues Geschäftshaus zu bauen. Das auf dem Grundstück Viktoriastraße 29 in Berlin-Tiergarten errichtete Gebäude beherbergte mehrere große Säle, die für den Verkauf von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen vorgesehen waren.

Am 21. Mai 1914 heiratete Wollenberg die Amerikanerin Bertha Marcuse. 1915 kam die Tochter Ellen, 1917 die Tochter Marion zur Welt. Ob Wollenberg aktiv am Ersten Weltkrieg teilnahm, ist nicht bekannt. 1919 starb seine Mutter, die zuletzt bei ihm gewohnt hatte. 1920 ließ er sich von seiner Frau scheiden.

Nach dem Krieg beschränkte sich Wollenberg – der wirtschaftlich schwierigen Lage entsprechend – zunächst auf Um-, An- und Ausbauten. Er erhielt mehrere Aufträge für innenarchitektonische Umgestaltungen und kümmerte sich um komplette Raumdekorationen. Hierzu wählte er Tapeten und Paneelen aus, beschaffte Möbel, Teppiche und Gemälde. Oftmals erwarb er für seine Auftraggeber Antiquitäten und reiste hierzu wiederholt nach Frankreich, wo er Kontakte zu verschiedenen Kunsthändlern unterhielt. Da er sich teilweise für längere Zeit in Paris aufhielt, bezog er in der Rue Francisque-Sarcey Nr. 5 im 16. Arrondissement einen Zweitwohnsitz, an dem er und seine Tochter Ellen auch polizeilich gemeldet waren. Eine Berufsausübung als Architekt in Frankreich ist hingegen nicht belegt.

Zu seinen ersten Projekten nach dem Krieg in Berlin gehörte 1919/1920 der Umbau der Villa von der Heydt in Berlin-Tiergarten. Die ehemalige Villa der Bankiersfamilie Von der Heydt hatte zuvor der Allgemeine Deutsche Sportverein e. V. übernommen, der jedoch keine sportlichen Interessen vertrat, sondern hinter dem sich ein exklusiver Club für Glücksspiele verschiedener Art verbarg. Neben großen Eingriffen in die Aufteilung der Räume fügte Wollenberg der Villa einen Anbau und eine Terrasse hinzu. Möglicherweise lernte Wollenberg in den Clubräumen den Rechtsanwalt Max Alsberg kennen, dessen Villa in Berlin-Grunewald er ebenfalls umbaute. Zusammen mit Alsberg reiste Wollenberg nach Paris, um Möbel der Renaissance und des Louis-seize zu erwerben. Weitere Umbauten erfolgten für den Bankier Paul Kremper in Berlin-Westend und für das Landhaus der Familie Glogowski bei Stargard, eines der wenigen Bauprojekte Wollenbergs außerhalb von Berlin.