Il Parnaso confuso (deutsch: „Der verwirrte Parnass“) ist ein Libretto zu einer Azione teatrale in einem Akt von Pietro Metastasio. Erstmals aufgeführt wurde es in der Vertonung von Christoph Willibald Gluck am 24. Januar 1765 zur Hochzeit des österreichischen Thronfolgers Joseph mit Maria Josepha von Bayern von den Geschwistern Josephs im Salon de Bataille von Schloss Schönbrunn in Wien.

Handlung

mini|Titelblatt des Librettos, Musik von Christoph Willibald Gluck, Wien 1765

Die Handlung spielt im heiligen Wald am Hang des Parnass. Das grüne Lorbeer-Dickicht wird von andersfarbigen Sträuchern durchbrochen. Hinten auf der rechten Seite ist ein Teil des Berges zu sehen. Aus der Quelle der Hippokrene strömt Wasser und sammelt sich in der Ebene. Den Horizont bildet die Landschaft der Phokis.

Die drei Musen Melpomene, Euterpe und Erato sitzen müßig herum. Eine Zither hängt ungenutzt an einem Lorbeerzweig. Nach dem langsamen Schluss der Sinfonia ändert sich die Stimmung. Apollon kommt aufgeregt hinzu und drängt die Musen zur Eile, weil sich Joseph mit dem „hellsten Stern von Bayern“ () verbunden habe und es ihre Aufgabe sei, diese Heirat zu feiern. Die Musen sind begeistert und erklären, bereit zu sein. Als aber Apollon darauf hinweist, dass die Hochzeit bereits für den nächsten Morgen geplant sei, erklärt Melpomene, dass die Zeit zu knapp sei und sie noch nicht die Kraft habe, auch nur mit der Aufgabe anzufangen. Euterpe und Erato stimmen ihr zu. Apollon wundert sich über diese Bedenken, da sie doch bereits viel Erfahrung in diesen Dingen haben. Seine Beispiele überzeugen die Musen, und sie gewinnen neuen Mut. Apollon verabschiedet sich, um auch die übrigen Musen zu motivieren. So muss beispielsweise Terpsichore neue Tänze für die Feier vorbereiten.

Die Musen fangen nun mit ihren Überlegungen an. Melpomene, die Muse der Tragödie, hat es besonders schwer, da das traurige Thema ihrer Dichtkunst so schlecht zu einer Hochzeit passt. Sie entfernt sich, um in Ruhe darüber nachdenken zu können. In der Zwischenzeit streiten Erato und Euterpe über die musikalische Begleitung. Als Erato ihre Zither hervorholt, erklärt Euterpe, dass nur sie selbst die richtigen Töne darauf finden könne. Erato widerspricht und führt ein Liebeslied vor. Euterpe ist tatsächlich beeindruckt von ihrem Können. Erato gibt ihr eine kleine Flöte, damit auch Euterpe ein Beispiel ihrer Kunst geben kann. Diese zweifelt zunächst, ob dieses Instrument für den Anlass geeignet sei – es ist aber nicht die üblicherweise zur Begleitung von Tragödien verwendete trompetenähnliche große Flöte (), sondern eine kleinere – und ob sie darauf mit ihrem erhitzten Atem weiche Töne hervorbringen könne. Bevor sie es ausprobieren kann, kommt Melpomene zurück, um ihren Rat bei der Auswahl des Themas ihrer Dichtung einzuholen. Die Schwestern finden alle Vorschläge ungeeignet: Die Heirat von Thetis und Peleus sei bereits zu oft verwendet worden, das Thema von Herakles und Hebe sei zu trocken, und die Geschichte der Psyche sei unglaubwürdig. Ein einfacheres fröhlicheres Thema wäre viel passender. Nachdem Melpomene wieder gegangen ist, kann Euterpe endlich ihre eigene Arie vortragen, und Erato bewundert ihr Können. Da beide offenbar gleichermaßen begabt sind, beschließen sie, ihre Kräfte zu vereinen. Euterpe schlägt vor, darin die glückliche Zukunft zu beschreiben. Da Erato dabei aber ihre eigenen verführerischen Künste nicht anbringen kann, würde sie ein Thema aus dem Reich der Venus (hier „Citera“ genannt) vorziehen, aus dem man „süße Gefühle, unschuldige Freuden, Scherze, Reize und Lachen“ („) vorbringen könne. Damit wiederum ist Euterpe nicht einverstanden.

Bevor die Musen sich einigen können, kommt Apollon und ruft sie zur Ister, da die Hochzeit vorgezogen wurde und die Feier bereits begonnen habe. Die Musen sind entsetzt, weil sie ihre Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen haben, und Melpomene drückt ihre Scham darüber in einer Arie aus. Apollon will davon nichts wissen. Es sei schließlich nicht ihre Schuld, aber sie können das Paar jetzt auch nicht im Stich lassen. Bescheidenheit und Verwirrung müssen als Entschuldigung ausreichen. In seiner Arie erklärt er dies näher: Ein ehrliches Auftreten, zitternde Sprache, schamvolles Erröten seien fruchtbarer als Redegewandtheit, sofern die Gefühle des Herzens offengelegt werden. Nach einem gemeinsamen Schlussquartett reisen sie ab, um das glückliche Paar zu feiern.

Geschichte

Aus Anlass der Wiedervermählung des österreichischen Thronfolgers Joseph Anfang 1765 fanden in Schönbrunn eine Reihe von Aufführungen statt, die von Mitgliedern der kaiserlichen Familie und des Adels aufgeführt wurden. Das Hochzeitsgeschenk von Josephs Geschwistern bestand in einer Aufführung von Christoph Willibald Glucks Serenata Il Parnaso confuso. Maria Amalia spielte darin den Apollon, Maria Elisabeth die Muse Melpomene, Maria Karolina die Erato und Maria Josepha die Euterpe. Ihr Bruder Leopold, der spätere Kaiser Leopold II. leitete die Aufführung vom Cembalo aus. Das Bühnenbild stammte von Jean-Joseph Chamant. Anschließend wurde von den drei jüngsten Kindern ein kleines Ballett mit dem französischen Titel Le Triomphe de l’amour aufgeführt, in dem Ferdinand und Maria Antonia ein Schäferpaar gaben, während Maximilian den Amor spielte. Am folgenden Tag, dem 25. Januar 1765, wurde von professionellen Sängern eine Serenata mit dem nahezu identischen italienischen Namen Il trionfo d’Amore aufgeführt. Die Musik der beiden letztgenannten Werke stammte von Florian Leopold Gassmann. Am 30. Januar folgte schließlich eine Aufführung von Glucks Oper Telemaco ossia L’isola di Circe. Von allen diesen Stücken erzielte Il Parnaso confuso den größten Erfolg.

Vor 1765 hatte Gluck bereits einige andere Libretti Metastasios komponiert – zuletzt im Mai 1763 Il trionfo di Clelia für Bologna. Aber erst mit Il Parnaso confuso kam es zu einer direkten Zusammenarbeit der beiden für ein neues Werk.Joly S. 383 Für die Dichtung und die Komposition standen Metastasio und Gluck insgesamt fünf Wochen zur Verfügung, wie aus einem Brief Metastasios an Farinelli vom 28. Januar 1765 hervorgeht. Die Generalprobe fand am 19. Januar 1765 statt. Da es sich bei den Ausführenden nicht um professionelle Sänger handelte, musste Gluck besondere Rücksicht auf deren musikalischen Fähigkeiten nehmen. Aufgrund des großen Erfolges der Aufführung beauftragte Maria Theresia die beiden kurz darauf mit einem neuen Stück, La corona, das mit derselben Besetzung zum Namenstag von Kaiser Franz I. am 4. Oktober aufgeführt werden sollte. Weil der Kaiser jedoch unerwartet am 18. August starb, kam es nicht mehr zu einer Aufführung dieses Werks.La corona in Christoph Willibald Gluck. Sämtliche Werke bei GluckWV-online, abgerufen am 31. März 2015. Eine weitere Zusammenarbeit zwischen Gluck und Metastasio gab es nicht.

In Il Parnso confuso griff Metastasio Motive aus mehreren früheren Werken auf: In La pace fra la virtù e la bellezza streiten Pallas und Venus um das Privileg, Maria Theresia zu gratulieren, in Il vero omaggio diskutieren Dafne und Eurilla über die beste Art, den Erzherzog Joseph zu feiern, in Tributo di rispetto e d’amore fragen sich die drei Erzherzoginnen, welches Laub für den Geburtstag Karl VI. am geeignetsten ist, in La gara rivalisieren zwei Frauen vor der Erzherzogin Maria Anna um die Ehre, die Geburt von Maria Antonietta zu feiern, und in Le cinesi debattieren drei Frauen über die Gattung eines aufzuführenden Schauspiels.Joly S. 386 Dennoch gelang es ihm, neue Elemente hinzuzufügen. So entsteht hier erstmals der Eindruck eines Live-Theaters. Die Hochzeit scheint während der Aufführung des Stückes selbst stattzufinden.Joly S. 394 In Melpomenes von ihren Schwestern abgelehnten Themen-Vorschlägen spielt Metastasio auf zwei ältere Hochzeits-Serenaten von Gluck an, deren Texte von anderen Librettisten stammten: Le nozze d’Ercole e d’Ebe eines unbekannten Autors (1747) und Tetide von Giovanni Ambrogio Migliavacca (1760).

Vertonungen

Folgende Komponisten vertonten dieses Libretto:

Komponist Uraufführung Aufführungsort AnmerkungenChristoph Willibald Gluck24. Januar 1765, Salon de Bataille von Schloss Schönbrunn, abgerufen am 31. März 2015.Libretto (italienisch) der azione teatrale von Christoph Willibald Gluck, Wien 1765 als Digitalisat bei Google Books.Partitur der Serenata von Christoph Willibald Gluck als Digitalisat beim International Music Score Library Project. Wien „azione teatrale“ GluckWV 1.34, Wq 33; zur Hochzeit Josephs II. mit Maria Josepha von Bayern; Wiederholung am 27. Januar 1765; am 9. Februar 1765 in der Wiener Hofburg; am 24. Juni 1775 bearbeitet von Georg Pasterwitz zur Tausendjahrfeier des Klosters im Stiftstheater des Benediktinerstifts Kremsmünster.Josef Mysliveček1765, Theater des herzoglichen HausesRudolf Pečman und Jan Gruna (Übersetzer): Metastasios „Drammi per musica“ und die Opern Myslivečeks. In: Josef Mysliveček und sein Opernepilog. Brno 1970, S. 107 f. (online (PDF))Barock pur: Myslivečeks Erstlingsopus im Schlosstheater in Krumau auf der Website des Tschechischen Rundfunks, abgerufen am 1. April 2015. Parma erste Oper Myslivečeks; vermutlich ebenfalls zur Hochzeit Josephs II.Giuseppe Sarti1766 unsicher; möglicherweise gemeinsam mit Ferdinando BertoniGiacomo Rust17. Mai 1778, Hoftheater, abgerufen am 31. März 2015. Salzburg „festa teatrale“

Die Vertonung von Christoph Willibald Gluck

Trotz Glucks Vorsatz, mit dem alten Modell der Opera seria zu brechen und insbesondere Secco-Rezitative und Da-capo-Arien zu meiden, enthält seine Serenata weiterhin einige dieser Elemente. Sie stehen hier gleichberechtigt neben den neuen Typen. Bereits das erste Accompagnato-Rezitativ wird abrupt von einem Secco abgelöst. Nur zwei Arien werden nicht da-capo ausgeführt; die anderen besitzen ausgeschmückte Wiederholungen.

Max Arend beschrieb die Musik in seiner Gluck-Biografie von 1921 folgendermaßen:

Aufnahmen und Aufführungen in neuerer Zeit

Christoph Willibald Gluck: 1998: Aufführung beim Barock-Festival des französischen Kulturinstitutes auf der Budapester Burg. 2000: CD mit dem Musicanto Baroque Ensemble unter der Leitung von Adriano Bassi. Es sangen: Ilaria Torciani (Euterpe), Desirée Restivo (Melpomene), Dan Shen (Apollo), Magdalena Aparta (Erato). 2003: CD mit der Queen’s Chamber Band unter der Leitung von Rudolph Palmer. Es sangen: Mary Ellen Callahan (Euterpe), Julianne Baird (Melpomene), Danielle Munsell Howard (Apollo), Marshall Coid (Erato). 2011: Aufführung im Purcell Room London mit den Bampton Classical Players unter der Leitung von Benjamin Bayl. Es sangen: Lina Markeby (Euterpe), Cheryl Enever (Melpomene), Helen Massey (Apollo), Gillian McIlwraith (Erato).Il Parnaso confuso (concert). Werkinformationen und Aufführungsdetails der Bampton Classical Opera, abgerufen am 31. März 2015. 2011: Aufführung im Schlosstheater Schönbrunn dem Collegium Musicum Leipzig unter der Leitung von Ingomar Rainer (Ko-Produktion der Musikuniversitäten Leipzig und Wien). Es sangen: Tine Matthiessen (Euterpe), Claudia Chmelar (Melpomene), Jelena Stefanic (Apollo), Christina Kummer (Erato).Glucks „konfuser Parnass“, ganz jung, im Schönbrunner Schloss. Aufführungs-Rezension vom 25. Januar 2011 auf diepresse.com, abgerufen am 31. März 2015. 2011: Aufführungen in Schloss Hof und im Zeremoniensaal Schönbrunn mit dem Mozart-Opern-Institut unter der musikalischen Leitung von Josef Wallnig und Reinhold Kubik und der szenischen Leitung von Margit Legler. , abgerufen am 31. März 2015. 2014: Aufführung in englischer Sprache der Bampton Classical Opera im St John’s Smith Square London mit dem Ensemble CHROMA unter der Leitung von Thomas Blunt. Es sangen: Caryl Hughes (Euterpe), Gwawr Edwards (Melpomene), Aoife O’Sullivan (Apollo), Anna Starushkevych (Erato). , abgerufen am 7. April 2015.