mini|hochkant=1.2|Oberst Bogislaw von Bonin (in Uniform) mit Sigismund Payne Best (mit schwarzem Jackett) und links Franz Maria Liedig, beim Pragser Wildsee, 5. Mai 1945 Die Befreiung der SS-Geiseln in Südtirol fand zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 30. April 1945 in Niederdorf () im Hochpustertal statt. Soldaten der Wehrmacht unter Führung von Hauptmann Wichard von Alvensleben befreiten 141 Sonder- und Sippenhäftlinge, die aus Deutschland und siebzehn weiteren europäischen Staaten stammten, aus den Händen eines SS-Kommandos. Unter den Befreiten befanden sich Totgeglaubte wie der ehemalige österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der frühere französische Ministerpräsident Léon Blum und Pastor Martin Niemöller sowie weitere bekannte Persönlichkeiten wie der Großindustrielle Fritz Thyssen, der frühere Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht sowie der ehemalige Chef des Generalstabes des Heeres Franz Halder.Peter Koblank: Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol. Online-Edition Mythos Elser, 2006.

Vorgeschichte

Ausgangspunkt war vermutlich ein Plan Ernst Kaltenbrunners, Chef der Sicherheitspolizei und des SD, prominente Häftlinge als Geiseln der SS in die „Alpenfestung“ nach Südtirol zu verschleppen. Als Faustpfand sollten sie dort für Waffenstillstandsverhandlungen mit den Westalliierten zur Verfügung stehen. Im Frühjahr 1945 wurde hierfür eine Auswahl solcher Häftlinge und einiger Angehöriger aus verschiedenen nationalsozialistischen Konzentrationslagern, darunter Buchenwald, Flossenbürg und Mauthausen, im Konzentrationslager Dachau zusammengelegt. Von Dachau aus, dem sich bereits amerikanische Truppen näherten, wurden die inzwischen 141 Häftlinge aus achtzehn Nationen Europas in drei Gruppen am 17., 24. und 26. April 1945 von einem Sonderkommando der SS und des SD zunächst in das Lager Reichenau in Innsbruck deportiert. Der Transport wurde von SS-Obersturmführer Edgar Stiller geleitet. Die Begleiter waren fünfzig, nach anderen Angaben achtzig SS-Männer, die den Auftrag hatten, die Gefangenen im Zweifelsfall zu ermorden. Die meisten waren SS-Wachleute aus Dachau, die übrigen gehörten zu einem SD-Kommando unter einem SS-Untersturmführer Bader.

mini|120px|SS-Obersturmführer Edgar Stiller Von Innsbruck aus wurde der Gefangenentransport am 27. April mit Bussen und Lastwagen fortgesetzt. Am Morgen des 28. April traf der Transport bei Niederdorf im Hochpustertal ein. Das ursprüngliche Ziel, ein normalerweise in dieser Jahreszeit noch geschlossenes Hotel am nahegelegenen Pragser Wildsee, war wider Erwarten von den Wehrmachtsgenerälen Hans Schlemmer, Hans Jordan und Alfred Bülowius mit ihren Stäben belegt.

Während Stiller nach einer Lösung suchte, ließen sich die Gefangenen von ihren Bewachern nicht hindern, zu Fuß nach Niederdorf zu gehen. Die Südtiroler Bevölkerung zeigte Sympathie und Hilfsbereitschaft. Die Gefangenen wurden teils in Gasthöfen sowie im Pfarrhof, teils auf provisorisch aufgeschüttetem Stroh im Gemeindeamt untergebracht.

Besonders prominente Häftlinge Unter den Internierten befanden sich der ehemalige österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg mit Frau und Tochter, der ehemalige Wiener Bürgermeister Richard Schmitz, der frühere französische Ministerpräsident Léon Blum mit Frau, der französische Bischof von Clermont-Ferrand, Gabriel Piguet, der ehemalige ungarische Ministerpräsident Miklós Kállay, der Oberbefehlshaber des griechischen Heeres, General Alexandros Papagos, mit seinem Stab, die beim Venlo-Zwischenfall entführten Agenten des britischen Geheimdienstes Sigismund Payne Best und Richard Henry Stevens, die Theologen Johannes Neuhäusler und Martin Niemöller, der ehemalige Generalstabschef des deutschen Heeres, Generaloberst Franz Halder mit Ehefrau, die Generale der Infanterie Alexander Freiherr von Falkenhausen und Georg Thomas, der Oberst i. G. Bogislaw von Bonin, Philipp Prinz von Hessen, der Widerstandskämpfer und Offizier Fabian von Schlabrendorff, der Großindustrielle Fritz Thyssen mit Ehefrau, der frühere Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht, die Kabarettistin und spätere Ordensschwester Isa Vermehren sowie unter den nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 festgenommenen „Sippenhäftlingen“ acht Familienangehörige von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg (darunter dessen Bruder Alexander von Stauffenberg), sieben aus der Familie des ehemaligen Leipziger Oberbürgermeisters Carl Goerdeler und Ilse Lotte von Hofacker, Ehefrau von Caesar von Hofacker, mit ihren zwei älteren Kindern.

Befreiung aus Gewahrsam der SS durch die Wehrmacht

mini|Auf dem Von-Kurz-Platz in Niederdorf in der linken Bildhälfte ließ Alvensleben das Gemeindeamt umstellen mini|Gemeindeamt von Niederdorf mini|Hotel „Pragser Wildsee“ Am 29. April 1945 gelang es einem der Sonderhäftlinge, Oberst Bogislaw von Bonin, heimlich mit dem Oberkommando der Heeresgruppe C in Bozen zu telefonieren. Er bat General Hans Röttiger, den Stabschef des Oberbefehlshabers Südwest Generaloberst Heinrich von Vietinghoff, um Hilfe. Nach einem Gottesdienst in der Niederdorfer Pfarrkirche erklärte SS-Führer Stiller bei einer Versammlung, die Kontrolle an ein zuvor gegründetes Häftlingskomitee unter Leitung des britischen Geheimdienstagenten Sigismund Payne Best und die durch Bonin alarmierte Wehrmacht abgeben zu wollen. Den SS-Häftlingen drohte aber weiter Gefahr, welche von dem als skrupellos beschriebenen SS-Untersturmführer Bader und seinem SD-Trupp ausging.

Als Reaktion auf das Telefonat Bonins mit General Röttiger traf kurz vor Mitternacht Hauptmann Wichard von Alvensleben aus Moos bei Sexten in Niederdorf ein, um sich ein erstes Lagebild zu verschaffen.Wichard von Alvensleben: Betrifft Übernahme der Dachauer KZ.Insassen in Niederdorf Südtirol im April 1945. Nörten-Hardenberg 1945. Online.

Am 30. April kam Alvensleben morgens erneut nach Niederdorf, wo ihm SS-Untersturmführer Bader erklärte, dass sein Auftrag „erledigt sei, wenn die Gefangenen gestorben seien“. Alvensleben enthob Bader seiner Funktion und forderte bei seiner Kompanie in Sexten telefonisch fünfzehn mit Maschinenpistolen bewaffnete Unteroffiziere an, die wenig später das Gemeindeamt umstellten, wo die SS ihr Quartier aufgeschlagen hatte. Nachdem zusätzliche hundertfünfzig Grenadiere aus Toblach eingetroffen waren und den Platz vor dem Gemeindeamt umstellt hatten, konnte Alvensleben mit telefonischer Rückversicherung aus Bozen durch SS-Obergruppenführer Karl Wolff den SS-Untersturmführer Bader und seinen SD-Trupp dazu bringen, abzuziehen.

Die Wehrmacht übernahm nun den Schutz der befreiten SS-Gefangenen. Wie Alvensleben später erklärte, war der kampflose Abzug von Baders SD-Trupp „das alleinige und eindeutige Verdienst des Karl Wolff“, der Alvenslebens „eigenmächtiges Unternehmen sanktionierte und der SS gegenüber autorisierte“.Wichard von Alvensleben: Bericht über die Befreiung prominenter KZ-Häftlinge am 29.4.45 in Niederdorf/Südtirol unter entscheidender Mitwirkung des ehemaligen SS-Generals Karl Wolff. Ascheberg 20. Oktober 1968. mythoselser.de.

Da die drei Wehrmachtsgeneräle mit ihren Stäben inzwischen auf Anweisung von Generaloberst Vietinghoff umquartiert worden waren und das Hotel „Pragser Wildsee“ verfügbar war, wurden die befreiten Häftlinge am Abend des 30. Aprils dorthin gebracht. Dort organisierten sie unter Leitung der Hotelbesitzerin Emma Heiss-Hellensteiner das Notwendigste. Wehrmachtssoldaten sicherten mit fünf Maschinengewehren das Hotelareal. SS-Obersturmführer Stiller, der mit dreißig seiner Männer ebenfalls im Hotel unterkommen wollte, wurde abgewiesen.

Kaltenbrunner versuchte weiterhin, die Geiseln wieder in seine Gewalt zu bringen. Von der Geheimen Staatspolizei in Klagenfurt soll Hans Philipp, der Gestapo-Chef von Sillian, am 1. Mai den schriftlichen Befehl erhalten haben, die Häftlinge zu ermorden bzw. sie über die Grenze ins Deutsche Reich zu bringen. Während Niederdorf im italienischen Südtirol liegt, befindet sich Sillian zwanzig Kilometer östlich davon jenseits der italienischen Grenze im damaligen Großdeutschen Reich. Philipp führte dies aber nicht aus und nahm sich laut Sterbebuch am 4. Mai 1945 mit Schlaftabletten das Leben.

Übernahme durch US-Truppen Zwei Tage nach der bereits am 29. April 1945 mit Vollmacht von Generaloberst Vietinghoff und SS-Obergruppenführer Wolff in Caserta unterzeichneten,Dulles/Schulze-Gaevernitz S. 249–251. aber erst am 2. Mai offiziell in Kraft getretenen Kapitulation der Wehrmacht in Italien trafen am 4. Mai amerikanische Truppen am Pragser Wildsee ein und übernahmen die Gefangenen.

Einen Tag später erschienen Journalisten und Pressefotografen von alliierter Seite und die Ereignisse machten außerhalb von Deutschland Schlagzeilen. Darin blieb allerdings der Beitrag von Alvenslebens unberücksichtigt.

In zwei Transporten, die am 8. und 10. Mai aufbrachen, gelangten dann die ehemaligen Geiseln unter US-amerikanischer Bewachung über Verona nach Neapel. Die Deutschen wurden anschließend im heute nicht mehr existierenden Hotel „Eden Paradiso“ in Anacapri auf der Insel Capri interniert, wo die „Odyssee“ für alle als „unbelastet“ geltenden Gefangenen schließlich endete. Die meisten von ihnen wurden allerdings erst im Juni 1945 zurück in ihre Heimat geflogen.

mini|Hjalmar Schacht in einem alliierten Internierungslager (1945) Für einige der Deutschen mündete die Übernahme durch die Amerikaner in eine erneute und in der Regel mehrjährige Gefangenschaft, so für Oberst Bogislaw von Bonin, die Generale Alexander von Falkenhausen und Franz Halder, den Industriellen Fritz Thyssen und Philipp von Hessen. Hjalmar Schacht wurde beim Nürnberger Prozess als Hauptkriegsverbrecher angeklagt, jedoch 1946 freigesprochen.

Liste der 141 in Niederdorf befreiten Häftlinge aus 18 Staaten (Staaten in den Grenzen von 1938 vor dem Anschluss Österreichs, in alphabetischer Folge)

Sonderhäftlinge (6) Hans Frederik Hansen, Marineingenieur, Special Operations Executive (SOE), Deckname „Frederiksen“ Adolf Theodor Larsen, SOE, Deckname „Andy“ Hans Mathiesen Lunding, Rittmeister, Chef des dänischen Geheimdienstes Max Johannes Mikkelsen, Kapitän, SOEJørgen Kieler: Nordens lænkehunde: Den første Holger Danske gruppe. Kopenhagen 2017, S. 189. Jørgen Lønborg Friis Mogensen, ehemaliger Vizekonsul in Danzig Knud Erik Pedersen, Kapitän, SOENigel West: The A to Z of British Intelligence. Lanham 2009, S. 132.

(28) Bogislaw von Bonin, Oberst im Generalstab, Ehrenhäftling Friedrich Leopold von Preußen, Neffe von Kaiser Wilhelm II. Friedrich Freiherr Cerrini de Monte Varchi, Lebensgefährte des Prinzen Friedrich Friedrich Engelke, SS-Obersturmbannführer beim SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (WVHA) in Paris Alexander von Falkenhausen, General der Infanterie, ehemaliger Befehlshaber der Militärverwaltung in Belgien und Nordfrankreich Wilhelm von Flügge, Agent der Abwehr Franz Halder, General, ehemaliger Chef des Generalstabes des Heeres Gertrud Halder, seine Ehefrau Johann Anton Hamm, Kaplan, ehemaliger Militärpfarrer, wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilt Erich Heberlein, ehemaliger Botschaftsrat in Madrid Margot Heberlein, seine Ehefrau Horst Hoepner, Händler, Bruder des Generaloberst Erich Hoepner Karl Kunkel, Kaplan in Königsberg, Widerstandskämpfer Franz Maria Liedig, Fregattenkapitän (Abwehr) Josef Müller, Rechtsanwalt, Politiker, Oberleutnant (Abwehr) Johannes Neuhäusler, Domkapitular Martin Niemöller, Pastor Heidel NowakowskiInformationen zu Heidel Nowakowski siehe Fußnote Nr. 15 in Die Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge in Südtirol. mythoselser.de; abgerufen am 1. Oktober 2023. Horst von Petersdorff, ehemaliger Oberstleutnant der Wehrmacht, Widerstandskämpfer Philipp von Hessen, Diplomat Hermann Pünder, ehemaliger Chef der Reichskanzlei Hjalmar Schacht, ehemaliger Präsident der Reichsbank, danach Reichswirtschaftsminister Fabian von Schlabrendorff, Adjutant von Generalmajor Henning von Tresckow,