Troll-Armee (auch Putinbots, Trollfabrik oder Web-Brigaden; „Kreml-Bots“) bezeichnet eine verdeckte Organisation in Russland, die im Auftrag des Staates die öffentliche Meinung im Internet manipuliert. Mithilfe von Sockenpuppen – fingierten Identitäten – beeinflussen Angestellte gezielt die öffentliche Stimmung in Online-Foren und den Kommentarbereichen von Nachrichten-Seiten im Sinne der russischen Regierung. Erstmals beschrieben wurde das Auftauchen staatlicher Trolle in Russland im Jahr 2003. Der breiten Öffentlichkeit wurde ihr Wirken mit Beginn des Ukraine-Krieges ab 2014 bekannt.

Organisation Über das Vorgehen staatlich gesteuerter Trolle wurde schon 2003 in einem Artikel der Zeitschrift Westnik (Журнал Вестник) berichtet. Anna Poljanskaja, Andrej Kriwow und Iwan Lomko beschrieben, wie der Staat Einfluss auf das Internet nimmt und wie „Web-Brigaden“ die Sichtweise der russischen Regierung verbreiten. Die Brigaden würden durch ihr kollektives Auftreten, die Wiederholung bestimmter Phrasen und sprachliche Besonderheiten, Diskreditierung von Regierungsgegnern, Europäern und Amerikanern sowie durch ihre abrupte Aktivierung während Wahlen auffallen. Die Brigaden hielten sich genau an den Standpunkt Wladimir Putins. Zum Beispiel verbreiteten die Brigaden anlässlich des Kurilenkonflikts und der Terroranschläge am 11. September 2001 antijapanische bzw. antiamerikanische Botschaften, stellten die Kommentare für längere Zeit jedoch komplett ein, nachdem Putin mit der japanischen Regierung eine Absprache getroffen und sich mit Amerika im Kampf gegen den Terrorismus solidarisiert hatte.Seva Gunitsky: Corrupting the Cyber-Commons: Social Media as a Tool of Autocratic Stability. In: Perspectives and Politics. 13, Nr. 1, März 2015, S. 42–54. doi:10.1017/S1537592714003120.Anna Polyanskaya, Andrey Krivov, Ivan Lomko: In: vestnik.com, 30. April 2003 (russisch, Titel übersetzt: Big Brothers virtuelles Auge). Die Autoren berichteten auch von dem Auftrag, jeden der Russophobie zu bezichtigen, der nicht mit der russischen Politik übereinstimme.. Geleitet wurde die Trollfabrik von Ilja Gorbunow.Von Friedrich Schmidt: Der lange Schatten des Aufrührers Jewgenij Prigoschin, faz.net, 25. September 2024.

Der New-York-Times-Reporter Adrian Chen traf bei seinen Recherchen auf einen Betreiber einer frühen Troll-Firma, der ab 2008 Arbeiten im Interesse der Regierung ausführte. Der Betreiber erklärte, dass es viele solcher Firmen gegeben habe und deren Mitarbeiter seines Wissens in die Tausende gingen. Dem Literaturkritiker und ehemaligen Stadtrat Moskaus Andrej Malgin waren diese Blogger seit dem Jahr 2010 aufgefallen.Putins Propaganda. In: arte, 8. September 2015. Ein Aufblühen der Trollaktivitäten führte Chen jedoch auf die Anti-Regierungs- und Anti-Putin-Proteste von 2011 zurück.

Einen wesentlichen Beitrag bei der Aufdeckung der Trollaktivitäten leisteten einzelne russische investigative Journalisten. Am 9. September 2013 veröffentlichte die regierungskritische Nowaja gaseta einen Artikel mit dem Titel Wo leben die Trolle? Wie Internet-Provokateure in St. Petersburg arbeiten und wer sie leitet.Alexandra Garmazhapova: Где живут тролли. И кто их кормит. In: Nowaja gaseta, 7. September 2013 (russisch). Nach der Nowaja gaseta war die Trollfabrik am 26. Juli 2013 bei den Behörden als Vereinigung registriert worden. Boris Reitschuster berichtete dem Deutschlandfunk 2014, er habe die Räume der Web-Brigaden mit eigenen Augen gesehen.Jens Rosbach: Putins geheime Online-Armee. In: Deutschlandfunk, 22. Mai 2014. Auch der New-York-Times-Reporter Adrian Chen betrat bei einer Recherchereise das Gebäude. Er wurde danach von der Organisation als „CIA-Agent mit Kontakten zu Neonazis“ diskreditiert.Adrian Chen: The Agency. In: The New York Times, 2. Juni 2015 (englisch).Felix-Emeric Tota: Zwölf Stunden am Tag in Putins Sinn. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. März 2015.

Der offizielle Name für die Organisation lautete „Agentur für Internet-Forschung“ (dt. für ),One Professional Russian Troll Tells All. Radio Liberty / Radio Free Europe, 25. März 2015. danach „Bundesnachrichtenagentur“ (dt. für ). Im angelsächsischen Raum existiert die Bezeichnung Internet Research Agency, kurz IRA.Disinformation campaign removed by Facebook linked to Russia’s Internet Research Agency. In: medium.com. 24. September 2020, abgerufen am 14. Juni 2022. Die Autoren erwähnen auch die Rolle von Daria Platonova alias Darja Dugina und die Denkfabrik Katehon. Im Jahr 2015 wurde der Name Glavset bekannt.Übersetzungsschwierigkeiten. Kommersant, 27. April 2015. Wegen ihres Hauptsitzes in Olgino, einem Bezirk von Sankt Petersburg, sprach man im Englischen ab dem Jahr 2015 von den Trolls from Olgino.Tom Parfitt: My life as a pro-Putin propagandist in Russia’s secret ‘troll factory’. In: The Telegraph, 24. Juni 2015 (englisch). Es gilt als gesichert, dass die Organisation im Frühjahr 2015 nach einem Umzug in der uliza Sawuschkina 55 in Sankt Petersburg ansässig ist.Shaun Walker: Salutin’ Putin: inside a Russian troll house. In: The Guardian, 2. April 2015 (englisch). Dort arbeiten mehrere Hundert freie Mitarbeiter; jene mit entsprechenden Fremdsprachenkenntnissen erhielten mehr Lohn – dies sicher bis ins Jahr 2015 in bar.The Russian troll factory at the heart of the meddling allegations. The Guardian, 2. April 2015: “… write ‘ordinary posts’, about making cakes or music tracks we liked, but then every now and then throw in a political post about how the Kiev government is fascist, … (…) Instructions for the political posts would come in “technical tasks” that the trolls received each morning, while the non-political posts had to be thought up personally.” Sie betreiben in den Kommentarbereichen und Diskussionsforen nationaler und internationaler Nachrichtenportale Astroturfing mit Propaganda der russischen Regierung unter Beachtung und Verwendung vorgegebener Schlagwörter. Zusätzlich werden eigene „Nachrichtenportale“ betrieben.David Nauer: So funktioniert eine Troll-Fabrik. In: SRF, 20. Februar 2017.Ben Popken, Kelly Cobiella: Russian troll describes work in the infamous misinformation factory. In: NBC, 16. November 2017 (englisch). Nach verschiedenen Quellen war der Putin-Vertraute Jewgeni Prigoschin für die direkte Finanzierung zuständig,Lee Ferran, Ali Dukakis: Judges side with Mueller, nix Russian joint appeal bid. In: ABC News, 30. August 2018 (englisch).Tim Lister, Jim Sciutto, Mary Ilyushina: Exclusive: Putin’s ‘chef,’ the man behind the troll factory. In: CNN, 18. Oktober 2017 (englisch). was dieser Anfang 2023 auch offiziell zugab.

In einer vom russischen Hacker-Kollektiv Anonymous International veröffentlichten E-Mail wurden die Arbeitsvorgaben der Mitarbeiter erläutert. Hiernach muss jeder Autor pro Tag mindestens 50 Kommentare zu Newsartikeln verfassen und daneben sechs Facebook- sowie zehn Twitter-Profile verwalten und binnen eines Monats 500 Follower generieren (respektive 2000 auf Twitter). Nur ein Bruchteil aller Kommentare hat politischen Charakter; der Rest dient der Gewinnung von Likes und der Verlinkung aufgrund von Schlagworten. Dazu wird zumindest innerrussisch im Team gearbeitet, wobei verschiedene Bearbeiter verschiedene Rollen einnehmen: These, Antithese und die Synthese in regierungsfreundlicher Gestalt.Max Seddon: Documents Show How Russia’s Troll Army Hit America. In: BuzzFeed, 2. Juni 2014.„Putin ist genial!“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. April 2015.Golineh Atai: In: Tagesthemen, 14. April 2015.

Bots übernehmen in einem weiteren Schritt das massenhafte „liken“ der „richtigen“ Begriffe, damit sie in den Algorithmen der Suchmaschinen höher steigen und in den Social-Media-Plattformen höchste Aufmerksamkeit bekommen. In Estland wurden während des Jahres 2017 neunmal so viele Tweets in russischer Sprache von Bots abgesetzt wie von Menschen, wenn es um die NATO ging, ein Hauptziel der russischen Propaganda.West failing to tackle Russian hacking and fake news, says Latvia. The Guardian, 5. September 2017. In englischer Sprache produzierten die 25 Prozent Bot-Accounts 46 Prozent der englischsprachigen Inhalte. Gleichzeitig begannen die Bots, automatisierte Vorgänge im System von Twitter umgekehrt auszunutzen. So wurden Gegner der Putin-Propaganda mit Likes geflutet, um den Account zu verstopfen oder damit Twitter aufgrund der verdächtigen Aktivitäten den Account stilllege. Tweets beispielsweise von Accounts mit nur 6 Followern wurden von Botnets über 20.000 Mal retweetet. Durch die Wahl geeigneter Schlüsselwörter, also von den Bots gesuchter Stichworte im Tweet, verdreifachte sich die Zahl.The surprising new strategy of pro-Russia bots. 12. September 2017.

Im Dezember 2017 berichtete die St. Petersburger Wirtschaftszeitung Delovoy Peterburg über einen Umzug der Organisation in ein Gebäude in der Optikov-Straße 4. Die Bürofläche habe sich von 4.000 Quadratmetern auf 12.000 Quadratmeter erhöht. Ab Februar 2018 sollen dort 800 Mitarbeiter gearbeitet haben.Jewgeni Pregoschin: „Фабрика троллей“ перебирается из здания на улице Савушкина в бизнес-центр бывших жертвователей избирательной кампании Путина (dt. Die „Troll Fabrik“ zieht aus dem Gebäude in der Sawuschkinastraße in das Geschäftszentrum ehemaliger Putin-Aktivisten.) dp.ru, 29. Dezember 2017.Jan-Henrik Wiebe: Russland baut seine „Trollfabrik“ aus. t-online.de, 11. Januar 2018.

Ehemalige Angestellte Im Sommer 2015 reichte Ljudmila Sawtschuk eine Lohnklage über einen symbolischen Rubel ein, um das klandestine Unternehmen ans Licht zu bringen: Durch das Verfahren wurde das Unternehmen aktenkundig.Anna Dolgov: Soldier in Russia’s Troll Army Sues Her Ex-Employer. In: The Moscow Times, 29. Mai 2015 (russisch).Признание „фабрики троллей“. In: fontanka.ru, 23. Juni 2015 (russisch, Titel übersetzt: Anerkennung der „Trollfabrik“).Benjamin Bidder: „Diese Scheusale an die Öffentlichkeit zerren“. In: Spiegel Online, 29. Mai 2015 (Interview mit Ludmilla Sawtschuk). Sawtschuk nannte die Hasspropaganda- und Volksverhetzungs-Kommentare „Extremismus“, was in Russland verboten sei und ansonsten von den Behörden willkürlich verwendet werde, um missliebige Medien oder Benutzer von Social Media zu verfolgen; sie habe aber noch nie von der behördlichen Verfolgung eines Trolls gehört. Sawtschuk schrieb unter verschiedenen Identitäten zwischen Berichten über Alltägliches eingestreute politische Kommentare, darunter die angebliche „Sorge um Verwandte in Westeuropa“ und die angeblich verheerenden Auswirkungen der russischen Sanktionen gegen europäische Lebensmittelimporte auf die deutschen Bauern. Außerdem musste sie bestimmte vorgegebene Schlüsselwörter abarbeiten, z. B. musste sie Positives zu „Putin“, „Russlands Armee“, „Krim“ oder „Donbass“ und Negatives zu „Kiewer Junta“, NATO und Obama schreiben. Die Arbeitsräume im Gebäude an der Sawuschkinastraße würden ständig videoüberwacht und unter den Mitarbeitern herrsche eine Atmosphäre der Angst. Die Angestellten seien überwiegend jung, viele von ihnen seien Studenten, die den Job nicht aus Überzeugung oder einem Interesse an Politik machten, sondern um Geld zu verdienen. Daneben gebe es ältere Beschäftigte, die die Arbeit als „wirkliche Mission“ verstünden.Putins Troll-Fabrik. In: Frankfurter Rundschau, 7. April 2015.

Gegenüber einem niederländischen Journalisten hatte eine ehemalige Mitarbeiterin angegeben, dass auch „verzweifelte“ Rentner dort arbeiteten; ihrer Ansicht nach arbeitete die Mehrheit dort nur wegen des Geldes und unterstützte die Regierungspolitik ansonsten nicht. Die vorgegebenen politischen Botschaften würden zwischen belanglose „Alltags“-Posts geschrieben, die aber interessant genug sein müssten, um beachtet zu werden; Geschichten schreiben zu können, sei Voraussetzung, damit auch eine Kuchen backende Bloggerin politische Inhalte transportieren könne.Grensland: Onder het oppervlak (4/8), vpro, 2015, ab Minute 16:20.