Social Learning [ˈsəʊʃəl ˈlɜː.nɪŋ] (englisch für Soziales Lernen), im Englischen auch Social Pedagogy (Soziale Pädagogik), bezeichnet sowohl eine Lerntheorie als auch die Didaktik, die mit dieser Lerntheorie zusammenhängt.

Die grundlegende Idee des sozialen Lernens ist nicht neu. Sie stützt sich in der Lernpraxis ausschließlich auf Gruppenarbeit. Social Learning geschieht vor allem durch die aktive Rolle der Lerner, die sich im Regelfall aus einer Vernetzung im Rahmen einer Gemeinschaft (Community) und ihrer spezifischen Aufgabenstellung ergibt. Dabei kommt den Gestaltungsbedingungen von Gruppen, ihrer Einbindung in eine Sozialstruktur oder Hierarchie, sowie dem konkreten Setting, eine Schlüsselrolle beim Ermöglichen (Enabling) von Social Learning zu. Realisiert wird die notwendige Struktur innerhalb der Gruppen meist über eine Moderation, die im Idealfall neben der Entwicklung der Gruppenmitglieder die Entwicklung der Gruppe insgesamt befördert. Ein Beispiel dafür ist die Themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn.

Aktuell wird Social Learning im Zusammenhang bzw. unter den besonderen Bedingungen der Social Media diskutiertDerzeit wird vielfach das Social Learning mit den Social Media oder mit einem Lernen „unter Verwendung von Social-Media-Tools“ gleichgesetzt. Siehe hierzu beispielsweise Steinhübel 2015, S. 114. und dabei oft als Konnektivismus oder konnektivistische Lerntheorie bezeichnet.So insbesondere Siemens 2005.

Begriffsgeschichte und Definition mini|Wikipedia und Wikis als erfolgreiches Beispiel von Social Learning durch aktive Mitarbeit in einer Community. „In der Tat sind die beeindruckendsten kognitiven Leistungen von Menschen […] nicht Produkte allein handelnder, sondern gemeinsam agierender Individuen“Tomasello 2010, S. 13. Die Lerntheorie hinter Social Learning ist alt und auch die Didaktik von Gruppenarbeit ist nicht neu. Dabei gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Konzepten oder Zugängen, die dieses Thema bis heute behandelt und geprägt haben.“However, social learning doesn’t represent a single methodology so much as a range of approaches” (Measham 2012, S. 1469).

Geschichte des Begriffs

Der Begriff Soziales Lernen kommt aus der Lernpsychologie und wurde erstmals von Julian B. Rotter verwendet. Seine inhaltliche Ausprägung im Sinne einer psychologischen Lerntheorie bekam dieser Begriff durch die Forschungsarbeiten von Albert Bandura, vor allem seiner „Social Learning Theory“ von 1963. Bis heute bestimmt das Lernen am Modell die sozialpädagogische und erziehungswissenschaftliche Rezeption des Sozialen Lernens und die Auslegung der sozialkognitiven Lerntheorie. Hier geht es vor allem um die Betonung des praktischen Lernzieles bzw. der sozialen Kompetenzbildung durch Rollenvorbilder in der Gruppe. Die zentrale Bedeutung der umgebenden Sozialgemeinschaft bzw. der Strukturen der Gruppe für Social Learning wurden vor allem bei der Diskussion um „Communities of Practice“ deutlich. Auch bei der Theorie des situierten Lernens, mit der Betonung der Bedeutungsaushandlung von Wissen in Gruppen, kann von einem Social Learning Zugang gesprochen werden. Schließlich stellen auch verschiedene konnektivistische Ansätze einen spezifischen Zugang zum Social Learning dar. Sie betonen besonders die aktiven Anteile, die Lerner beim Social Learning einbringen und die Bestandteil des Lernprozesses werden.

Social Learning und Social Media mini|Dieses Bild zeigt die grundlegende Funktion von Social Learning und Social Media im Sinne einer Vernetzung im Rahmen einer Community. Social Media bzw. etwas allgemeiner Social Software haben viele grundlegende Eigenschaften, die Social Learning befördern können, wie etwa das (Mit-)Teilen von Informationen (Share). Sie stellen deshalb Werkzeuge (Tools) für das gemeinsame Lernen dar und können didaktisch Social Learning ermöglichen. „Aber Social Learning setzt das Nutzen von Social Tools nicht voraus und das Gebrauchen solcher Tools bedeutet nicht notwendig, dass Social Learning stattfindet“."However, although social tools takes can make learning a more powerful experience, social learning doesn’t demand the use of social tools, and the use of such tools doesn’t necessarily mean social learning will take place" (Hart 2014, S. 13).

Funktionsweise Die lerntheoretische Eigenständigkeit und Funktionsweise des Social Learning kann man gut am Beispiel des Sprachlernens verdeutlichen. Ontogenetisch geht Sprache dem Einzelnen voraus. Sprache ist also immer schon als gesellschaftliches Kommunikationsmittel vorhanden. Das individuelle Sprachlernen ist Produkt der gemeinsamen Teilnahme an der gesellschaftlichen Lebenspraxis und ihren sozialen Handlungsvollzügen, die wesentlich über Sprache vermittelt werden. Mit der Sprache lernt man schließlich nicht nur eine Art zu sprechen, sondern auch eine spezifische Art zu Denken und damit einen individuellen Wissenskanon.Boroditsky 2011. Für das Social Learning gilt aber auch der umgekehrte Prozess: Die jeweilige Sprachgemeinschaft legt durch ihren gemeinsamen Gebrauch die Bedeutung fest.Vgl. dazu auch Keller, 2. Auflage, 1989. Und konstituiert damit vielfach erst die sozio-kulturelle Wirk-lichkeit. Dieser Umstand ist besonders in der Diskussion um das Lernen in Organisationen starkgemacht worden. Andere plastische Beispiele, insbesondere für die vielen impliziten Wissensanteile, sind der kollaborative Werkzeuggebrauch und schließlich die Enkulturation kultureller Verhaltensweisen.

Definition mini|Noch gibt es keine anerkannte Definition von Social Learning. Als Voraussetzung wird jedoch in jedem Fall die Eigenaktivität der Lerner in der Community beschrieben. Darüber werden bestimmte Aspekte des zu lernenden Wissens generiert, die weiter in den Lernprozess einfließen. Eine wissenschaftliche oder breit geteilte Definition von Social Learning gibt es bisher nicht.Sieh hierzu Reed et al. 2010. Beschrieben werden daher vor allem spezifische Bedingungen, die für ein Social Learning gegeben sein müssen bzw. aus denen sich Social Learning ableiten lässt, wie beispielsweise in der englischsprachigen Wikipedia. Dem gemäß handelt es sich beim Social Learning um ein Lernen, das in einem größeren Rahmen als einem rein individuellen Lernen oder bloßem Gruppenlernen zu sehen ist. Insbesondere mit der Betonung des Stellenwerts der Community geht Social Learning über den Ansatz des Sozialen Lernens hinaus. Social Learning ergibt sich dabei aus der aktiven sozialen Interaktion zwischen Peers im Rahmen eines sozialen Netzwerkes.“Social learning is learning that takes place at a wider scale than individual or group learning, up to a societal scale, through social interaction between peers” irgendwo in der englischsprachigen Wikipedia. Es ist als Lerntheorie zu unterscheiden von der Didaktik bzw. den Methoden zum Erreichen eines Social Learning Prozesses, was nicht immer trennscharf gemacht wird.“We emphasize the need to distinguish social learning as a concept from the conditions or methods that may facilitate social learning” (Reed et al. 2010).

Anthropologische Grundlagen mini|Was sich im Gehirn der Menschen im Laufe der Evolution und im Unterschied zu den nächsten Verwandten am meisten entwickelt hat, ist der präfrontale Cortex. Dieser reguliert die situationsgerechte Handlungssteuerung und die damit verbundenen kognitiven Prozesse. Diese Gehirnregion bildet sich auch individuell am spätesten aus und wird lerntechnisch am stärksten durch Sozialisation und Erziehung ausgeformt. Anthropologisch geht man davon aus, dass die biologische Ausstattung der Menschen in den letzten ca. 40.000 Jahren keinen weitreichenden Veränderungen mehr unterlag. Dies betrifft auch die neuronale Grundausstattung für das Lernen wie beispielsweise die Aufmerksamkeitssteuerung. Aufmerksamkeit ist mit ihren unterschiedlichen Komponenten eine der wichtigsten Basisleistungen des Gehirns. Höhere kognitive Prozesse wie das Lernen bauen auf intakte Aufmerksamkeitsleistungen auf. Aufmerksamkeit hat im sozialen Kontext damit zu tun, von anderen auf etwas aufmerksam gemacht zu werden – oder andere auf Dinge aufmerksam zu machen. Bei Menschen geht die Aufmerksamkeitssteuerung bis in die biologische Merkmalsausstattung hinein. So ist beispielsweise der weiße Teil des Auges, Sclera oder Lederhaut genannt, etwa drei Mal größer als bei den über 200 Arten nichtmenschlicher Primaten. Dies ermöglicht es Menschen sehr gut, der Blickrichtung anderer Menschen – und damit der Richtung ihrer Aufmerksamkeit – zu folgen. Die „Blickverfolgung“ ist evolutiv in Gruppen entstanden, die kooperativ zusammenarbeiteten und „in denen es für alle von Vorteil war, den Aufmerksamkeitsfokus der Anderen zur Lösung gemeinsamer Aufgaben im wahrsten Sinne des Wortes im Auge zu behalten“.Tomasello 2010, S. 66. In der biologischen Anthropologie kann man weiter zeigen, dass sich beim Menschen im Laufe der Evolution von allen Gehirnarealen der Neocortex am stärksten entwickelt und um ca. 80 Prozent vergrößert hat. Da der Neocortex auch für soziale Interaktionen, Vernunft und andere kognitive Leistungen verantwortlich ist, legt diese Größenzunahme die Vermutung nahe, dass die Entstehung sozialer Interaktionen unter Menschen eine große evolutive Kraft darstellte.

Die Größenzunahme des Neocortex belegt weiter, dass im Laufe der Evolution die Fähigkeit sozialen Zusammenlebens für das Überleben der einzelnen Menschen immer wichtiger geworden ist. Soziales Lernen legt dabei phylogenetisch den Grundstein dafür, dass sich ontogenetisch durch das Lernen eine individuelle Weiterentwicklung vollziehen kann. Mit anderen Worten: Der Gruppenvorteil wurde zum Vorteil für den Einzelnen.Vgl. hierzu Sterelny 2008. Das bedeutet, dass das Lernen in Gruppen von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Lernprozesse war. Die vergleichende Verhaltensforschung hat dabei wichtige Zusammenhänge erkannt und herausgestellt. Ein weiterer zentraler Befund, dass es nämlich einen engen Zusammenhang zwischen Körper, Handlungen und dem abstrakten bzw. theoretischen Denken gibt, häufte sich später auch in der psychologischen Lernforschung.So bspw. Boroditsky & Ramscar 2002 oder Boroditsky 2011. Vor allem die philosophische Anthropologie hat sehr früh auf damit zusammenhängende menschliche Eigenschaften hingewiesen. Die für den Kontext des Social Learning wichtigste Eigenart ist die Notwendigkeit von Gefühle beim LernenGenauer geht es darum, dass ohne Emotionen keine (neuen) Gedächtnisinhalte gespeichert werden können, wie man anhand von Läsionsstudien zeigen kann. und insbesondere das Phänomen der Empathie, der Weltoffenheit von Menschen, wie es Adolf Portmann formuliert hat. Gegenüber anderen Spezies haben Menschen so die Möglichkeit, die Perspektive anderer einzunehmen und damit Sachverhalte mit anderen Augen anzusehen.

Lerntheoretische Grundlagen Social Learning als Lerntheorie hat viele Zugänge und unterschiedliche theoretische Grundlagen. Die wichtigsten Aspekte ergeben sich dabei aus philosophischen Überlegungen (philosophische Anthropologie) sowie aus der Lernpsychologie und Mediendidaktik.

Kollektive Intentionalität & mutuales Wissen mini|Social Learning am Beispiel einer Beteiligungshandlung wie hier im Bild der Feuerwehr. Die damit verbundene und für Kooperationen charakteristische geteilte Intentionalität ist nicht reduzierbar auf eine Form „Ich tue X + Du tust X“.Rakocy & Tomasello 2008, S. 3