mini|Urteil des Volksgerichts Graz vom 26. September 1946 im Partisanenmordprozess, Seite 1

Der Grazer PartisanenmordprozessBezeichnung nach: Claudia Kuretsidis-Haider: Todesurteile und lebenslange Haftstrafen der Volksgerichte 1946, Abschnitt September 1946. Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (auf nachkriegsjustiz.at, abgerufen am 27. März 2015). war ein gerichtliches Strafverfahren über die Erschießung von fünf Männern, die 1944/45 als Partisanen in der Weststeiermark, Österreich, gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich gekämpft hatten.

Die Tat war am 1. April 1945, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, begangen worden. Tatort war das Gelände des RAD-Lagers im Ort Sankt Oswald in Freiland im Bezirk Deutschlandsberg. Der Vorfall wird zu den Endphaseverbrechen dieser Zeit gerechnet.

Die öffentliche Hauptverhandlung fand vor dem Volksgericht Graz vom 23. bis 26. September 1946 statt, das Urteil wurde am 26. September 1946 verkündet.

Hintergrund Spannungen zwischen Vertretern der deutschen und der slowenischen Bevölkerung in der Steiermark hatten schon im 19. Jahrhundert bestanden. Einer ihrer Anlässe war die unterproportionale Berücksichtigung der slowenischen Bevölkerungsgruppe im damaligen steiermärkischen Landtag. Nach dem Ersten Weltkrieg war weiters der südliche Teil des bis dahin bestehenden Herzogtums Steiermark, die Untersteiermark, an Jugoslawien (den damaligen SHS-Staat) angeschlossen worden. Dagegen gab es Proteste aus der deutschen Bevölkerung dieses Gebietes.

Die Spannungen hatten 1919 mit dem Marburger Blutsonntag, der 13 Tote und 60 Verletzte als Opfer unter Zivilisten forderte, einen Höhepunkt erreicht. Deutschnationale Repräsentanten hielten die Erinnerung daran wach.H(enning) Volkmar (Pseudonym für Hugo Suette): Untersteier die deutsche Südostmark. Verlag Sima Deutschlandsberg 1934Zum Namen „H. Volkmar“ als Pseudonym von Hugo Suette siehe Fußnote 4 dieses Dokumentes. (abgerufen am 29. März 2015).Hugo Suette: Der nationale Kampf in der Südsteiermark. 1867 bis 1897. In der Reihe: Veröffentlichungen des Instituts zur Erforschung des deutschen Volkstums im Süden und Südosten in München und des Instituts für ostbairische Heimatforschung in Passau. Hrsg. von Fritz Machatschek und M. Herwieser. Inaugural-Dissertation im Wintersemester 1935/36 an der philosophischen Fakultät der Universität Erlangen. Nr. 12. Verlag Max Schick München 1936. Sie verlangten die Wiederherstellung der Situation vor dem Staatsvertrag von St. Germain-en-Laye,Volkmar: Untersteier. S. 44. welcher die neue Gebietszuteilung festgeschrieben hatte. Die Revisionswünsche wurden auch mit deutschfeindlichen Einstellungen der slowenischen Seite begründet,Volkmar: Untersteier. S. 18–21.Briefwechsel über die Denkschrift des Südostdeutschen Institutes in Graz „Die Südgrenze der Steiermark“ (abgerufen am 29. März 2015). Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Dr. Arthur Seyss-Inquart Band 23. weiters mit angeblichen Vorstellungen, einen slawisch dominierten Korridor von der Adria bei Slowenien über die Oststeiermark und das Burgenland bis Pressburg und weiter über Polen an die Ostsee schaffen und dafür auch österreichisches Gebiet benützen zu wollen.Volkmar: Untersteier. S. 39.

Ab 1941, nach dem deutschen Balkanfeldzug und der Kapitulation des Königreichs Jugoslawien, stand die Untersteiermark als CdZ-Gebiet Untersteiermark sodann tatsächlich wieder unter deutscher Zivilverwaltung. Diese wurde, wie alle Einrichtungen des Deutschen Reiches in diesem Gebiet, von der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee in einem Partisanenkrieg bekämpft. Nach dem Namen ihres obersten Führers wurden die Partisanen der Volksbefreiungsarmee als „Tito-Partisanen“ bekannt.

Ihre Aktivitäten erstreckten sich ab 1944 auch auf die Weststeiermark.

Vorgeschichte Aktionen der Partisanen mini|150px|Gedenktafel an den Drauübergang der Kampfgruppe Lackov bei Ožbalt

Im September 1944 überquerte ein Verband der Volksbefreiungsarmee, die „Kampfgruppe Lackov“ (Lackov Odred, Lackov-Kommando), vom Süden kommend die Drau bei Ožbalt, dem damaligen St. Oswald im Drauwald. Die ca. 200–300 Mitglieder des Verbandes agierten in dieser Endphase des Zweiten Weltkrieges meist in kleineren Gruppen und sickerten vom Süden in die Weststeiermark ein. Sie begannen in den Bezirken Leibnitz und Deutschlandsberg der Steiermark Infrastruktureinrichtungen wie Gemeindeämter und Gendarmerieposten anzugreifen. Weiters sabotierten sie militärisch wichtige Einrichtungen wie Brücken und Eisenbahnen.Neugebauer: Koralmpartisanen. Sie entführten und ermordeten Personen, die als Repräsentanten des nationalsozialistischen Regimes galten. Ein weiteres Vorhaben der Mitglieder des Verbandes war die Aufklärung der Bevölkerung über die Ziele der Freiheitskämpfer und die Schaffung von Widerstandszentren.Johann Scheichenberger: Der Koralm-Partisan. In: Charlotte Rombach: Widerstand und Befreiung 1934–1945: Zeitzeugen berichten. Anlässlich der 65sten Wiederkehr der Befreiung Österreichs vom Faschismus erzählen elf kommunistische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer in ihren Erinnerungen von ihrem Kampf gegen den Faschismus und für ein unabhängiges Österreich. 3. Auflage Wien 2010, ISBN 978-3-200-02072-6, S. 34.

Das Vordringen des Verbandes löste eine Reihe von Zusammenstößen mit den damaligen Ordnungskräften aus, die Dutzende Tote beider Seiten forderten.Christian Fleck: Koralmpartisanen – Über abweichende Karrieren politisch motivierter Widerstandskämpfer. Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft, Materialien zur Historischen Sozialwissenschaft Band 4. Verlag Böhlau, Wien/Köln 1986, ISBN 3-205-07078-X , S. 76 und 293.Christian Konrad: „Im Kampf, da warst du gleichberechtigt …“: Der bewaffnete Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Kärnten und der Steiermark aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive: Diplomarbeit an der Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Geschichte. Graz 2010. Seiten 13–15, 24.Kämpfe im Bereich Eibiswald, (abgerufen am 29. März 2015).Herbert Blatnik: Zeitzeugen erinnern sich an die Jahre 1938–1945 in der Südweststeiermark. 3. Auflage 2010. Lerchhaus Verlag Eibiswald, ISBN 3-901463-08-9, S. 242‑243. Die Situation gab den Repräsentanten der Verwaltungsstellen im Gebiet Gelegenheit, die Partisanen als „Banditen, Plünderer, Halsabschneider“Scheichenberger: Koralm-Partisan. S. 33.Walter Wachs: Kampfgruppe Steiermark. In der Reihe: Monographien zur Zeitgeschichte. Schriftenreihe des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. Europa Verlag, Wien/Frankfurt/Zürich 1968, S. 15. zu bezeichnen und die Bevölkerung vor deren Unterstützung zu warnen.

Mitglieder anderer Partisanengruppen, Deserteure der Wehrmacht, geflüchtete Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter hatten sich der Kampfgruppe Lackov zeitweise angeschlossen.Scheichenberger: Koralm-Partisan. S. 30–37. Darunter war auch die „Kampfgruppe Avantgarde“ (später Kampfgruppe Steiermark, die unter „Koralmpartisanen“ bekannt wurde).Scheichenberger: Koralm-Partisan. S. 31. Dieser Verband setzte sich anfangs zu einem wesentlichen Teil aus ehemaligen österreichischen Spanienkämpfern zusammen, die 1944 bei Črnomelj (damals Tschernembl)Wachs: Kampfgruppe. S. 7. in Slowenien mit Fallschirmen abgesetzt worden und nach Norden gewandert waren.Fleck: Koralmpartisanen. S. 34–35. Die Mitglieder dieser Gruppe hatten politisch-militärische Ziele.Wachs: Kampfgruppe. S. 9. Sie sollten einen Beitrag zur Befreiung Österreichs leisten. Ihre Ausbildung hatten sie weitgehend in der Sowjetunion durch die Rote Armee mit Unterstützung durch österreichische Kommunisten erhalten, z. B. durch Franz Honner,Wachs: Kampfgruppe. S. 10. Johann Koplenig und Ernst Fischer.Fleck: Koralmpartisanen. S. 25. Für ihre Aktionen konnten sie sich auf die Moskauer Deklaration berufen, welche eine Passage über einen eigenen Beitrag Österreichs zur Befreiung von der deutschen Herrschaft enthielt.Wachs: Kampfgruppe. S. 5–7.Helmut-Theobald Müller (Hg), Gernot Peter Obersteiner (wissenschaftliche Gesamtleitung): Geschichte und Topographie des Bezirkes Deutschlandsberg. („Bezirkstopographie“). Erster Teilband: Allgemeiner Teil. Steiermärkisches Landesarchiv und Bezirkshauptmannschaft Deutschlandsberg, Graz/Deutschlandsberg 2005, ISBN 3-901938-15-X. In der Reihe: Große geschichtliche Landeskunde der Steiermark. Begründet von Fritz Posch†. Band 3. , S. 198–199.

Diese Partisanengruppe hatte sich in der Karwoche 1945 geteilt, einige Mitglieder blieben beim Lackov-Verband, ein anderer Teil war mit ca. neun PersonenWachs: Kampfgruppe. S. 33. unter der Führung des Wiener Widerstandskämpfers Walter WachsBlatnik: Zeitzeugen. S. 397. in das nördlicher liegende Koralmgebiet in die Gegend um Glashütten gezogen. Sie streiften von dort aus durch das obere Laßnitztal in den damals noch selbstständigen Gemeinden Trahütten, Osterwitz, Freiland bei Deutschlandsberg und Kloster. Das Gebiet westlich oberhalb von Schwanberg galt in den letzten sechs Kriegswochen als befreites Gebiet, in dem die Partisanen quasi Hoheitsrechte ausübten.Fleck: Koralmpartisanen. S. 135–139. Als Hauptquartier wird das Forsthaus Plank westlich von Osterwitz (Revier Landsberger Brendl)Gerhard Fischer: Osterwitz. ain wunderthätig Ort im hochen gepürg. Leben, Freude und Leid einer Gegend und ihrer Bewohner. Osterwitz 2002. Herausgeber und Verleger: Gemeinde Osterwitz. Herstellung: Simadruck Aigner & Weisi, Deutschlandsberg, S. 427, 420–421. Mitglieder der Familie Plank waren in diesem Gebiet als Förster, Jäger usw. beschäftigt. am Nordhang der Handalm angegeben.Fleck: Koralmpartisanen. S. 308, Fußnote 33.

Der Rückhalt der Partisanen in der Bevölkerung ihres Operationsgebietes, welche hauptsächlich aus Bauernfamilien bestand, war sehr unterschiedlich und reichte von voller Unterstützung über stillschweigende Duldung bis zu sofortiger Denunziation bei den Behörden. Die Zivilbevölkerung stand dabei zwischen beiden Seiten und hatte damit zu rechnen, dass je nach ihrem Verhalten die jeweils andere Seite Gewalt anwenden würde.Fleck: Koralmpartisanen. S. 81–97, 112–114.Willibald Ingo Holzer: Die österreichischen Bataillone im Verbande der NOV i POJ.: die Kampfgruppe Avantgarde/Steiermark; die Partisanengruppe Leoben-Donawitz; die Kommunistische Partei Österreichs im militanten politischen Widerstand. Dissertation an der philosophischen Fakultät der Universität Wien 1972. Band I S. 202. (NOV i POJ: Narodnooslobodilačka vojska i partizanski odredi Jugoslavije = Volksbefreiungsarmee und Partisanenverbände Jugoslawiens). In „feindbedrohten Reichsverteidigungsbezirken“ waren ab Februar 1945 Standgerichte eingeführt, denen auch Zivilisten unterstanden und für deren Entscheidung die Wahl zwischen Todesstrafe, Freispruch oder Überweisung an die ordentliche Gerichtsbarkeit bestand.Verordnung über die Errichtung von Standgerichten vom 15. Februar 1945. Deutsches Reichsgesetzblatt (dRGBl) vom 20. Februar 1945, Teil I Nr. 6, S. 30. Die politischen Standpunkte der Partisanen, die im Wesentlichen auf kommunistischen Quellen beruhten, hatten keinen Erfolg.Müller, Obersteiner: Bezirkstopographie. S. 199. Einer der Gründe dafür war, dass die Befreiung der Bauern von der Unterdrückung durch die grundherrschaftliche Organisation (was in anderen Ländern ein Ansatzpunkt für kommunistische Argumentation war), in Österreich mit der Grundentlastung bereits fast 100 Jahre früher stattgefunden hatte.Willibald Ingo Holzer: Am Beispiel der Kampfgruppe Avantgarde/Steiermark (1944–1945). Zu Genese und Gestalt leninistisch-maoistischer Guerilladoktrin und ihrer Realisierungschance in Österreich. In: Gerhard Botz, Hans Hautmann, Helmut Konrad und Josef Weidenholzer (Hrsg.): Bewegung und Klasse: Studien zur österreichischen Arbeitergeschichte. 10 Jahre Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung. Veröffentlichung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung. Europaverlag, Wien/München/Zürich 1978, ISBN 3-203-50693-9, S. 414–415.