Otto Bauer (* 5. September 1881 in Wien;Geburtenbuch der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Geburtsbuch 35, H 1881–1882 Okt., Nr. 1494 (Faksimile bei FamilySearch, kostenlose Registrierung erforderlich). † 5. Juli 1938 in Paris) war ein österreichischer Politiker. Er gilt als führender Theoretiker der österreichischen Sozialdemokratie und Begründer des Austromarxismus. Bauer war von 1918 bis 1934 stellvertretender Parteivorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) und in den Jahren 1918 und 1919 Außenminister der Republik Deutschösterreich.

mini|Otto Bauer um 1905

Leben Jugend mini|Bauer, 1919 Otto Bauer war der Sohn des wohlhabenden jüdischen Textilfabrikanten Philipp (Filipp) Bauer, der sich zum Liberalismus bekannte, und der Katharina (Käthe) Bauer, geb. Gerber. Er absolvierte die Volksschule und das Gymnasium in Wien, MeranMeraner Zeitung vom 16. August 1917 S. 4. und Reichenberg. Bauer studierte an der Universität Wien Rechtswissenschaften und promovierte 1906. Seine Kommilitonen in den Seminaren von Eugen Böhm von Bawerk, Eugen von Philippovich und Friedrich von Wieser waren der knapp ein Jahr jüngere Emil Lederer sowie Ludwig von Mises, Otto Neurath und Joseph Schumpeter. Bauer sprach Tschechisch, Englisch und Französisch und nach seiner Kriegsgefangenschaft auch Russisch.Bruno Kreisky: Im Strom der Politik. Der Memoiren zweiter Teil, Kremayr & Scheriau, Wien 1988, ISBN 3-218-00472-1, S. 34.Ernst Hanisch: Der große Illusionist. Otto Bauer (1881–1938). Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2011, ISBN 978-3-205-78601-6, 29f.

Otto Bauer betätigte sich ab 1900 politisch in der SDAP und wurde Mitglied der Freien Vereinigung Sozialistischer Studenten. Er rückte 1902 als Einjährig-Freiwilliger beim 3. Regiment der Tiroler Kaiserjäger ein, beendete seinen aktiven Militärdienst nach der Absolvierung der Reserveoffiziersprüfung und wurde als Reservist zum Infanterieregiment Friedrich VIII. König von Dänemark, Nr. 75 versetzt. Seine politischen Interessen spiegelten sich auch in seinen Studien wider, die er nach 1903 begann. Neben Rechtswissenschaften, Geschichte, Sprachen und Philosophie inskribierte er auch Nationalökonomie und Soziologie.

Als Student lernte er die etwas älteren Parteifreunde Max Adler, Rudolf Hilferding und Karl Renner kennen; mit ihnen gründete er den Verein „Zukunft“ als Schule für Wiener Arbeiter, die Keimzelle des Austromarxismus.. Aufmerksam wurde man auf ihn, als er 1907, erst 26 Jahre alt, das 600 Seiten starke Werk Nationalitätenfrage und Sozialdemokratie vorlegte. Er wollte dieses Problem – anders als Karl Renner – mit dem Prinzip der Kulturautonomie einer konstruktiven Lösung zuführen.

Der Weg an die Parteispitze (1907–1918) Parlamentarische Arbeit Mit der Reichsratswahl 1907 wurde das Abgeordnetenhaus des Reichsrats zum ersten Mal nach dem allgemeinen und gleichen Männerwahlrecht gewählt. Die SDAP, 1897 mit 14 Mandataren zum ersten Mal im Parlament vertreten, errang 87 Mandate und bildete damit die zweitstärkste Fraktion. Otto Bauer wurde auf Wunsch von Parteichef Victor Adler Sekretär des Klubs sozialdemokratischer Abgeordneter im Reichsrat.

Parteiarbeit Außerdem war der Schreib- und Redegewandte 1907 Mitgründer und bis 1914 Redaktionsleiter der sozialdemokratischen Monatsschrift Der Kampf, deren Mitherausgeber er bis 1934 blieb. Von 1912 bis 1914 fungierte Bauer weiters als Redaktionsmitglied der Arbeiter-Zeitung, des Zentralorgans der Partei. Dies war der Anfang einer fruchtbaren Karriere als Publizist, während der Bauer u. a. an die 4000 Zeitungsartikel verfasste.

Bauer bewährte sich in der von Victor Adler vor dem Ersten Weltkrieg „staatstragend“ geführten österreichischen Sozialdemokratie als eindrucksvoller Redner und überzeugender Diskutant. Friedrich Heer sprach von einer Vermählung von deutschem und jüdischem Pathos.Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische Identität, Böhlau, Graz 1981, ISBN 3-205-07155-7, S. 179.

In diese Zeit fielen auch private Weichenstellungen. Er verliebte sich in die um zehn Jahre ältere, verheiratete Akademikerin und Publizistin Helene Landau.Biographische Angaben über Helene Landau geb. Gumplowicz von Johann Dvorák.Biographische Angaben inkl. Text des Aufsatzes von 1923: Die Interessenharmonie, der „gemeine Mann“ und ein besserer Herr. Alfred Klahr Gesellschaft. Im Jahr 1920 heirateten beide im Wiener Stadttempel; eine standesamtliche Eheschließung war damals rechtlich nicht möglich.Ernst Hanisch: Der große Illusionist. Otto Bauer (1881–1938). Böhlau, Wien 2011, ISBN 978-3-205-78601-6, S. 35.

Kriegsdienst und Gefangenschaft Im August 1914 wurde Bauer als Reserveleutnant der Infanterie eingezogen. Er nahm als Zugskommandant bei den schweren Gefechten bei Grodek teil, rettete seine Kompanie beim Gefecht von Szysaki vor der Vernichtung, wofür er das Militärverdienstkreuz 3. Klasse bekam, und geriet am 23. November 1914 bei einem von ihm befohlenen „schneidigen“ Angriff in russische Kriegsgefangenschaft.Ernst Hanisch: Der grosse Illusionist: Otto Bauer (1881–1938). Böhlau, Wien 2011, S. 85. Wie er Karl Seitz aus der Gefangenschaft schrieb, arbeitete er an einem umfassenden theoretischen Werk. Seitz ließ ihm über Freunde in Stockholm Geld zukommen.Rudolf Spitzer: Karl Seitz: Waisenknabe – Staatspräsident – Bürgermeister von Wien. Franz Deuticke, Wien 1994, ISBN 3-7005-4643-2, S. 83. In seiner Gefangenschaft in Sibirien konnte Bauer infolge der Privilegien als Offizier russische, englische und französische Zeitungen lesen beziehungsweise musste nicht körperlich arbeiten.Ernst Hanisch: Der grosse Illusionist: Otto Bauer (1881–1938). Böhlau, Wien 2011, S. 86.

Auf Intervention der SDAP konnte Bauer im September 1917 als „Austauschinvalide“ nach Wien zurückkehren. Seine Kontakte mit Funktionären der Menschewiki hatten ihn in Russland zum überzeugten Anhänger des „marxistischen Zentrums“ gemacht. In Österreich zählte man mit diesen Ansichten zum linken (marxistischen) Flügel der Partei. Im Februar 1918 wurde Bauer zum Oberleutnant der Reserve ernannt, wobei er im März 1918 für seine Tätigkeit in der „Arbeiterzeitung“ vom aktiven Militärdienst beurlaubt wurde. Formell war er bis zum 31. Oktober 1918 im Heeresdienst.

Die Linken in der Sozialdemokratie Diese Linken hatten beim Parteitag 1917 wegen der Not der hungernden Zivilbevölkerung an Gewicht gewonnen. Auch das im Herbst 1916 erfolgte tödliche Attentat von Friedrich Adler auf den unpopulären k.k. Ministerpräsidenten Stürgkh beflügelte die Gegner der Burgfriedenspolitik. Die Partei begab sich in zunehmende Distanz zum Kriegskurs der Regierung. Durch die russische Oktoberrevolution stieg die Bedeutung des linken Flügels erneut, da man ihm nun auch die Aufgabe zumaß, die Abwanderung der österreichischen Arbeiter zu den Bolschewiki zu verhindern.

Es war daher naheliegend, dass man nach Victor Adlers Ableben am 11. November 1918 den jungen, dynamischen Führer der Linken, den 37-jährigen Otto Bauer, ins Führungsgremium der Partei holte, wo er bald den Vorsitzenden der Partei, Karl Seitz, überstrahlte. Als Gegengewicht erhielt der Führer des rechten Flügels, Karl Renner, am 30. Oktober 1918 die Funktion des Staatskanzlers in der ersten Regierung des neuen Staates Deutschösterreich, der sich am 12. November 1918 zur Republik und zum Teil der deutschen Republik erklärte.

Bauer und der Austromarxismus (1918–1934) mini|Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie, 1924

Außenminister Bauers Karriere begann vielversprechend. Er wurde von der Partei als Nachfolger des ersten Ministers im Außenamt Viktor Adler am 12. November 1918 zum Staatssekretär des Äußern (Außenminister) Deutschösterreichs vorgeschlagen und dann vom Staatsrat dazu berufen. Bei den Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 erzielte die SDAP die relative Mehrheit und ging eine Koalition mit den Christlichsozialen ein, die – anders als die SDAP – nur langsam wieder politisch Tritt fassen konnte.

Bauer gilt als wichtigster Verhandler auf österreichischer Seite bei den Österreichisch-deutschen Konsultationen 1919; sein deutsches Pendant war Außenminister Ulrich von Brockdorff-Rantzau. Die Gespräche erbrachten kein greifbares Ergebnis.

Bauer wurde von der Nationalversammlung am 15. März 1919 zum Leiter des Außenamtes der Staatsregierung Renner II gewählt. Gegen den Einfall der Südslawen in Südkärnten rief Otto Bauer, wie Kreisky berichtet, das damals noch demokratische Italien zu Hilfe.Kreisky: Im Strom ..., S. 146. Da Bauers Anschlusspolitik wegen der Unmöglichkeit, sie bei den Kriegssiegern durchzusetzen, noch im Frühjahr 1919 als gescheitert zu betrachten war, trat er am 26. Juli 1919 aus der Regierung zurück; Staatskanzler Karl Renner übernahm die Außenamtsagenden selbst.

Bauer war (bis 1934) als Abgeordneter und von März bis Oktober 1919 mit Ignaz Seipel in der vom Parlament eingesetzten Sozialisierungskommission tätig; ihr wichtigstes Ergebnis war der Entwurf des von der Nationalversammlung am 15. Mai 1919 beschlossenen Betriebsrätegesetzes.StGBl. Nr. 283 / 1919, S. 651. Die Vergesellschaftung von Privatunternehmen versandete auf Grund der divergenten Auffassungen der Koalitionspartner bald.Rudolf Spitzer: Karl Seitz: Waisenknabe – Staatspräsident – Bürgermeister von Wien, Franz Deuticke, Wien 1994, ISBN 3-7005-4643-2, S. 72 ff.

Parteiarbeit Gemeinsam mit den Führern der Arbeiter- und Soldatenräte, Friedrich Adler und Julius Deutsch, gelang es Bauer, die Arbeiterschaft auf Parteilinie zu halten und die beiden Putschversuche der Kommunisten (12. November 1918 und 14. Juni 1919) im Keim zu ersticken. Dieser Erfolg hing auch damit zusammen, dass im Zuge der zirka zwei Jahre andauernden Nachkriegskonjunktur der revolutionäre Elan der Arbeiterschaft stark nachgelassen hatte. Es war jener Zeitraum, während dessen man als Arbeiter ein hinreichendes Arbeitsangebot vorfand, einen angemessenen Lohn lukrieren konnte, kaum Mietzins zahlte und in Wien Anspruch auf die ersten Sozialleistungen der unter Jakob Reumann zum Roten Wien gewordenen Hauptstadt hatte.

Anschlussfrage Sozialdemokratische Anschlussbewegung Der Anschluss Deutschösterreichs einschließlich Deutschböhmens an die anfangs sozialdemokratisch geführte Weimarer Republik des Deutschen Reiches erschien von 1918 an vielen, vor allem städtischen Sozialdemokraten ein selbstverständliches Ziel. Wie andere Nationalitäten der untergegangenen Monarchie beanspruchte man das nationale Selbstbestimmungsrecht für die Deutschen in Österreich; außerdem erwarteten die Sozialdemokraten die sozialistische Revolution in Deutschland. Der denkmächtigste Apostel dieses Deutschland-Glaubens ist Otto Bauer.Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische Identität, Böhlau, Graz 1981, ISBN 3-205-07155-7, S. 341.

Beim Parteitag am 31. Oktober und 1. November 1918 erklärte Bauer, vom nationalen Standpunkt als Deutsche und vom internationalen Standpunkt als Sozialdemokraten müsse man den Anschluss an Deutschland verlangen.Rudolf Spitzer: Karl Seitz: Waisenknabe – Staatspräsident – Bürgermeister von Wien, Franz Deuticke, Wien 1994, ISBN 3-7005-4643-2, S. 61. Die Provisorische Nationalversammlung beschloss am 12. November 1918 auch den Anschluss an Deutschland. Am 25. Dezember 1918 richtete Bauer eine Verbalnote an die Siegermächte, der Anschluss an Deutschland sei der einzige und richtige Weg.Friedrich Funder: Vom Gestern ins Heute. Aus dem Kaiserreich in die Republik, Herold-Verlag, Wien ³1971.

Er führte vom 27. Februar bis zum 2. März 1919 vertrauliche Anschlussverhandlungen mit dem deutschen Außenminister Ulrich von Brockdorff-Rantzau, dessen Vertreter in Österreich aber intern vor dem bankrotten Kleinstaat warnten. Österreichische Anschlussgegner waren für Bauer, wie er im Parlament sagte, Hoch- und Landesverräter.Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische Identität, Böhlau, Graz 1981, ISBN 3-205-07155-7, S. 343.