Die Nikolaushöhle ist eine Karsthöhle mit steinzeitlichen Funden auf dem Gemeindegebiet von Veringenstadt im baden-württembergischen Landkreis Sigmaringen in Deutschland.

Das Laucherttal im Bereich von Veringenstadt ist – neben dem Raum Bad Urach und den Tälern von Ach, Blau und Lone – eines der wichtigsten Höhlengebiete auf der Schwäbischen Alb. Das gilt sowohl für die Anzahl der Höhlen, deren Bedeutung für die frühgeschichtliche Forschung sowie für die Erforschung der Erdgeschichte.

Name der Höhle Die Nikolaushöhle erhielt ihren Namen, da es in alten Zeiten Brauch war, dass sich am Sonntag vor dem Nikolaustag (6. Dezember) die Jugend von Veringenstadt in dieser Höhle um ein Feuer versammelte.

Weitere Schreibweisen und Namensnennungen waren auch Nicolaushöhle, Niklashöhle, Klosenhöhle, St. Klosloch, Bärenhöhle oder Belsenhöhle (falsche Lesart einer handschriftlichen Notiz von 1862 =  Felsenhöhle).

Lage Die einstige Wohnhöhle befindet sich auf der Schwäbischen Alb, südlich der Altstadt von Veringenstadt, am oberen nördlichen Prallhang links der Lauchert auf einer Höhe von . Der enge S-förmige Flussdurchbruch liegt in der tektonischen VergitterungszoneSiehe Verwitterungszone. In: Lexikon der Geowissenschaften, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000. von herzynisch streichendem Hohenzollerngraben und rheinisch streichendem Lauchertgraben. Durch tektonischen Stress haben sich Klüfte gebildet, die sich zu zahlreichen Höhlen geweitet haben. Um Veringenstadt sind in den Felsen des Weißen Jura ζ1 (Liegende Bankkalke: Kimmeridgium, ki4) 34 Höhlen bekannt.

Von der unteren Brücke der Altstadt aus geht ein Weg (An der Lohmühle) links der Lauchert entlang nach Osten. Nach rund 300 Metern führt ein ausgeschilderter Fußweg steil nach oben zum Höhleneingang, der frei zugänglich ist. In der Höhle befindet sich eine Informationstafel.

Das Geotop Nikolaushöhle ist seit 1971 als kulturgeschichtlich wertvolles flächenhaftes Naturdenkmal ND 84371140003 im Naturraum Mittlere Flächenalb ausgewiesen. Als archäologischer Fundplatz ist es ein Bodendenkmal.

Von der Höhle aus lohnt sich ein kurzer Anstieg auf den Höhenrücken des Höhlendaches. Hier steht eine alte, stark verzwieselte Kleebuche, die als Naturdenkmal ausgewiesen ist. Durch den felsigen Standort hat die Buche schwierige Wuchsbedingungen und entwickelte so ihre spezielle niederwüchsige, gewundene Form.http://rips-dienste.lubw.baden-wuerttemberg.de/rips/ripsservices/apps/naturschutz/schutzgebiete/steckbrief.aspx?id=4379013000355 Von hier aus bietet sich ein herrlicher Blick auf die von der Lauchert umschlungene, malerische Altstadt von Veringenstadt mit der Burg Veringen, der Peterskapelle, der St. Nikolaus-Kirche, der alten Stadtmauer und der Göpfelsteinhöhle.

Beschreibung Der große Höhleneingang ist nach Nordwesten ausgerichtet. Die Höhle ist rund 30 Meter lang und bis zu 50 Meter breit, hat eine Grundfläche von über 300 Quadratmetern und eine lichte Höhe von bis zu 20 Metern. Sie ist damit die größte steinzeitliche Wohnhöhle in Veringenstadt. An den rauen Felswänden dringt krautartige Vegetation bis zu sechs Meter in das Höhleninnere, da durch den hohen Eingang das Sonnenlicht weit in die Höhle dringen kann.

Auf der gegenüberliegenden Talseite liegt auf gleicher Seehöhe die Göpfelsteinhöhle.

Entstehung Die Entstehung der Höhle begann an einer Klüftung oder Gesteinsstörung. Nachdem sich die Kluftweite verdoppelte, konnte achtmal so viel Wasser hindurchfließen und es kommt zu einer sich selbst verstärkenden Wirkung. Reines Wasser löst nur wenig Kalk, jedoch mit Kohlendioxid aus der Luft und aus dem Humus des Bodens entsteht im Wasser Kohlensäure, die nun aggressiv auf den Kalkstein einwirkt. Durch Korrosion wird das Gestein weich und das Deckgestein der Höhle fällt herab. Ton- und Eisenmineralien aus dem Kalkstein bleiben als Lehm zurück. Am Ende der Tertiärzeit (vor rund 140 Mio. Jahren) wurde die Nikolaushöhle von der Urlauchert angeschnitten.Erwin Zillenbiller: Kulturlandschaft. Erbe und Auftrag. Ubstadt-Weiher, 1996, S. 24ff.

Forschungsgeschichte Analog der Forschungsgeschichte der Göpfelsteinhöhle.

Adolf Achenbach hatte schon im Jahr 1856 die Höhle als „Nicolaushöhle“' erwähnt und durch ihre Abmessungen beschriebenAchenbach (1856), S. 434, später im 19. Jahrhundert wurde sie mehrmals untersucht. Ihre Bedeutung als altsteinzeitliche, von Menschen begangene und von Höhlenbären genutzter Ort wurde erst bei der eingehenden Sondierung von Eduard Peters im Jahr 1934 erkannt. Die eigentliche Ausgrabung führte er in den Jahren 1935 bis 1937 durch. Erschwert wurden seine Ausgrabungsarbeiten in der Nikolaushöhle durch die zum Teil gewaltigen Deckenabbrüche und die Einschwemmungen von Bodenmassen der Albhochfläche durch die Schlote. Bei ihrer Lage am Nordhang bildet der mit Felsblöcken gespickte Boden eine zähe, schwer zu zerlegende Lehmmasse. Bei seinen Grabungen in der Nikolaushöhle hat Eduard Peters drei Kubikmeter pleistozäne Nagetierschicht in der von ihm entwickelten Schlämmanlage in der Lauchert vorbildlich durchgearbeitet. Dabei hat er mehrere tausend Skelett-Teile gesichtet.

Knochenfunde Zahlreiche Skelettreste belegen, dass die Nikolaushöhle während der letzten Eiszeit vor 120.000 bis 10.000 Jahren über Jahrtausende von Höhlenbären als Winterschlafquartier aufgesucht wurde.

Aus der Analyse der Knochenfunde ging hervorRathgeber (2004)

Versteinerungen Ortsfremde Belemniten-Stücke in großer Zahl

Insektenfresser Maulwurf (Talpa europaea) Spitzmaus unbestimmt (Soricidae indet.) Waldspitzmaus (Sorex araneus) Zwergspitzmaus (Sorex minutus) Wasserspitzmaus (Neomys fodiens)

Fledertiere Fledermäuse unbestimmt (Chiroptera indet.) Braune Langohrfledermaus (Plecotus auritus)

Raubtiere Höhlenbär (Ursus spelaeus Bl.) Höhlenhyäne (Hyaena spelaea Cuv.) Rotfuchs (Vulpes vulpes) Rotfuchs oder Eisfuchs (V. vulp. vel Alopex lagopus) Waldiltis (Mustela putorius) große Iltisform (Must. putorius var. Robusta) Hermelin (Mustela erminea) Mauswiesel (Mustela nivalis) Zwergmauswiesel (Mustela nivalis var. Minuta)

Pflanzenfresser Wildpferd (Equus germanicus Nehr.) Ren (Rangifer tarandus l.) Mammut (Elephas primigenius Bl.) Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis)

Nagetiere Großer Ziesel (Spermophilus superciliosus) Haselmaus (Muscardinus aveilanarius) Siebenschläfer (Glis glis) Hausratte (Rattus rattus) Maus (Apodemus sp.) ähnl. Gelbhalsmaus (Apodemus cf. flavicoliis) Waldmaus (Apodemus sylvaticus) Feldhamster (Cricetus cricetus) Dsungarischer Zwerghamster (Phodopus sungorus) Rötelmaus (Clethrionomys glareolus) Lemming-Art (Dicrostonyx sp.) Halsbandlemming (Dicrostonyx gulielmi) Schermausart (Arvicola sp.v) Schneemaus (Microtus nivalis) Feldmaus/Erdmausgruppe (Microtus arvalis/agrestisv) Erdmaus (Microtus agrestis) Schmalkopf-Wühlmaus (Microtus gregalis) Nordische Wühlmaus (Microtus oeconomus) Waldbirkenmaus (Sicista betulina)

Hasentiere Hasenart (Lepus sp.) Steppenpfeifhase (Ochotona pusilla)

Nachgewiesene Kulturepochen mini|Aurignacien-Feuersteingeräte. Fundstücke aus der Göpfelsteinhöhle und der Nikolaushöhle im Heimatmuseum Veringenstadt. Siedlungsfunde der Nikolaushöhle weisen folgende Kulturepochen nach:Vgl. Peters, Rieth (1936)

Moustérien/Altsteinzeit (ca. 120.000 bis 40.000 v. Chr.)

Die Altsteinzeit umfasst die Entwicklungsstufen des Eiszeitmenschen, dessen Geräte in der älteren Stufengruppe aus Feuerstein und in der jüngeren Stufengruppe aus Feuerstein im Knochen bestehen. Die verschiedenartigen Formen der Geräte ermöglichte einzelne Kulturstufen einzuteilen. Die älteste Form ist der Faustkeil, ein aus dem Feuersteinknollen herausgehauenes Universalgerät. Die Faustkeilkultur wird abgelöst durch eine Kultur, in der die Abschläge von den Feuersteinknollen zu Sondergeräten umgearbeitet werden, ohne dass aber für diese feste Formen geschaffen werden; ausschlaggebend ist also nur die Funktion. Die jüngere Kulturgruppe bilden die Klingenkulturen. Jetzt werden die Feuersteinknollen erst derart zugerichtet, dass von den verbliebenen Kernen schmale oder breitere, mehr oder weniger rechteckige Späne (Klingen) abgehauen werden können, den Zwischenfabrikaten für die Mehrzahl der Geräte überhaupt. Die Vervollkommnung der Feuersteingeräte hat damit ihren Höhenpunkt erreicht, das Gleiche gilt für die Knochengeräte, zu denen das Rentiergeweih den Werkstoff lieferte. Die Faustkeil-, Abschlag- und Klingenkulturen haben auch rassisch verschiedene Vertreter. Die Abschlagkultur kennzeichnet den Neandertalmenschen, während die Träger der Klingenkulturen der Aurignac- und der Cro-Magnon-Mensch sind.

Fundstücke in der Nikolaushöhle: Feuersteinwerkzeuge Eduard Peters nimmt an, dass es sich um eine Menschengruppe handelte, die den Leuten vom Petersfels im Hegau sehr nahegestanden haben müssen, da dort vergleichbare Schmuckstücke aus Kohle gefunden wurden.

Aurignacienkultur (ca. 40.000 bis 31.000 v. Chr.) In dieser Zeit erfolgte die Ausbreitung des Menschen (Homo sapiens) in weiten Teilen West-, Mittel- und Osteuropas. Auch der moderne Aurignac-Mensch scheint in der Nikolaushöhle gerastet zu haben, vielleicht nur, um den Höhlenbären nachzugehen, von denen zahlreiche Reste gefunden wurden. Funde aus der Region belegen, dass die Höhlen nicht isoliert genutzt wurden. So lässt sich ein jungpaläolithisches Steinartefakt aus Jura-Hornstein aus der Nikolaushöhle direkt mit einem Fragment aus dem benachbarten Schafstall II-Abri zu einem Zusammensetzungskomplex (inter-site refit) zusammenfügen.Nicholas J. Conard, Markus Schumacher, Michael Bolus: New Research on Eduard Peters’ Excavations at Schafstall II Rockshelter in the Lauchert Valley of Southwest Germany. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte. Band 25, 2016, S. 97f.

Magdalénienkultur (ca. 18.000 bis 12.000 v. Chr.)

Die Funde wurden aus Schlämmungen gewonnen, so dass auch kleinste Silexabsplisse gezählt werden: 114 Silices einschließlich 91 Absplisse. Unter den Fundstücken befinden sich Klingen mit Kerben, Kratzer mit Kerben, Bohrer, Mittelstichel, Eckstichel, Gravette-Spitzen, Kohleperlen, Bruchstück eines Lochstabs aus Rengeweih (evtl. Kultstab). Im Jungpaläolithikum und Mesolithikum ist dies ein verbreiteter Fundgegenstand. Ebenso wurde eine Jagdpfeife aus Rentierphalange (Rentierzehenknochen) gefunden. Bei den Ammoniten handelt es sich um kleine Hecticoceraten aus dem Oberen Braunjura (der Balinger Gegend?), die im Zentrum eine natürliche Durchbohrung haben. Ob es sich um Anhänger handelt, kann deshalb nicht festgestellt werden.

Neolithikum (Jungsteinzeit ab ca. 12.000 v. Chr.) In dieser Zeit erfolgte der Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern mit domestizierten Tieren und Pflanzen.

Nach dem Charakter einer graugelben Tuffschicht muss die Höhle zu dieser Zeit ziemlich feucht gewesen sein.

Erst im spätesten Neolithikum setzten sich kleine Horden viehzüchtender Siedler da und dort auf der Hochfläche fest. Es waren zum Teil Angehörige einer bandkeramischen Mischkultur vom Rössen-Großgartacher Typus.

Da die Nikolaushöhle sehr geräumig ist, eignete sie sich zum Unterstellen von Haustieren, die unmittelbar über der Höhle gute Weidegründe fanden. Wie die Streuung der Kulturreste sowie die Lage einer Feuerstelle zeigen, siedelten die Menschen jener Zeit im vorderen Drittel der Höhle. Die von ihnen hinterlassenen Kulturreste bestehen hauptsächlich aus groben unverzierten Scherben und feinerer Ware mit typischen Gitter- und Schnittmustern der Schussenrieder Kultur. An Steinwerkzeugen fanden sich ein schön gearbeitetes Rechteckbeil (T. IV, 2), dazu das Fragment eines ähnlichen Stücks, ein spitznackiges Beil (T. IV, 1) und der abgebrochene Nacken eines zweiten Beils dieser Art. Außerdem ergab die Grabung eine Feuersteinpfeilspitze (mit Erdpechspuren) und zwei Klingenkratzer. Mit dem Abzug der Schussenrieder Leute blieb die Höhle für lange Jahrhunderte, die ganze Hügelgräberbronzezeit über, unbesiedelt.