Niels Högel (* 30. Dezember 1976 in Wilhelmshaven) ist ein deutscher Serienmörder. Er war von 1999 bis Mitte 2005 als Krankenpfleger in Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst tätig und beging dort im Dienst zahlreiche Morde an Patienten. Die Gesamtheit der aufgeklärten Fälle stellt die größte Mordserie in der bundesdeutschen Kriminalgeschichte dar. Insgesamt leiteten die Behörden in 332 Fällen Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts ein. Högel wurde 2019 wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Dazu kommen zahlreiche verurteilte Fälle der gefährlichen Körperverletzung.

Lebenslauf und beruflicher Werdegang Niels Högel wuchs in Wilhelmshaven auf, hatte keine Probleme in der Schule und spielte in seiner Freizeit Fußball. Sein Vater war Krankenpfleger im Sankt-Willehad-Hospital in Wilhelmshaven, seine Mutter Rechtsanwaltsfachangestellte, seine Großmutter Krankenschwester.

Högel schloss 1997 eine dreijährige Berufsausbildung zum Krankenpfleger am damaligen Sankt-Willehad-Hospital in Wilhelmshaven ab, in dem er danach auch weiter arbeitete.

Ab 1999 wurde er im Klinikum Oldenburg auf der herzchirurgischen Intensivstation beschäftigt.Marco Seng, Karsten Krogmann, Jürgen Westerhoff: „Es gab doch gar keine Anzeichen“. In: NWZonline. 27. November 2014, abgerufen am 24. Juni 2015.

Er hat eine 2004 geborene Tochter, bei deren Geburt es zu Komplikationen kam, was bei Högel anschließend zu „Versagensängsten“ führte.

Vom Verdacht zur Verhaftung (2001–2005) Im August 2001 diskutierten Ärzte und Pfleger von Station 211 des Klinikums über die auffällige Häufung von Reanimationen und Sterbefällen in den vorangegangenen Monaten. Auch Högel nahm an dieser Besprechung teil. Wenn der 25-jährige Krankenpfleger Dienst hatte, gab es die meisten Wiederbelebungsversuche und Todesfälle. Jahre später, nachdem er gefasst worden war, offenbarte Högel der Polizei, dass er damals dachte, dass man ihm auf die Schliche gekommen sei. Er meldete sich nach der Besprechung für drei Wochen krank. In dieser Zeit starben auf Station 211 nur zwei Patienten – deutlich weniger als sonst. 58 % der Sterbefälle am Klinikum ereigneten sich, wenn Högel Dienst hatte. Auf Druck des Chefarztes der herzchirurgischen Abteilung erfolgte 2001 die Versetzung Högels in die Anästhesie. Auch da soll der Chefarzt bald ein „ungutes Gefühl“ gehabt haben, weil Högel auffällig häufig in Krisensituationen zugegen war. Im September 2002 wurde Högel vom Oldenburger Chefarzt zur Kündigung gedrängt, nachdem mehrere von ihm betreute Patienten aus damals noch unerklärlichen Gründen in Lebensgefahr geraten waren. Er solle kündigen bei dreimonatiger Weiterbezahlung seiner Bezüge oder bei vollen Bezügen von der Intensivstation in den Hol- und Bringdienst wechseln.Hol- und Bringedienste sind in der Regel Transporttätigkeiten von nicht ausgebildeten Hilfskräften innerhalb eines Klinikums Högel wandte sich an den Betriebsrat. Am 10. Oktober 2002 erhielt er ein von der Pflegedirektorin des Klinikums Oldenburg ausgestelltes Arbeitszeugnis. Sie bescheinigt ihm darin, „umsichtig, gewissenhaft und selbstständig“ gearbeitet und in „kritischen Situationen überlegt und sachlich richtig“ gehandelt zu haben. Sie lobt auch seine „Einsatzbereitschaft“ und sein „kooperatives Verhalten“. Gesamtbeurteilung: Er habe die ihm übertragenen Aufgaben „zur vollsten Zufriedenheit“ erledigt.Marco Seng, Karsten Krogmann: Gutes Zeugnis für Mörder Högel trotz Verdachts. In: NWZ Online. 24. Juni 2016, abgerufen am 29. August 2017.Eckart Roloff und Karin Henke-Wendt: Geschädigt statt geheilt. Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale. Darin das Kapitel In Kliniken und Altenheimen wird gemordet mit Informationen zum Fall Högel, S. 161–162. Hirzel Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-7776-2763-2.

So konnte er schnell eine neue Stelle in der Nähe finden. Im Dezember 2002 wechselte er ins Klinikum Delmenhorst. Auch dort kam es während seiner Dienstzeit zu häufigen Not- und Todesfällen, meist wegen Herzrhythmusstörungen und/oder Blutdruckabfall, woraufhin manche seiner Kollegen zu ihm auf Distanz gingen. 2004 heiratete er und seine Tochter kam zur Welt. Die Geburt, bei der er zugegen war, war lebensbedrohlich für das Kind. Er konnte nichts machen und das sei „furchtbar“ gewesen, sagte er dem Gutachter. Während seiner Freizeit fuhr er im Rettungswagen der DRK-Wache Ganderkesee-Bookhorn mit. Vor Gericht wurde später berichtet, dass er in Delmenhorst zuerst hoch angesehen gewesen sei, doch dann sei die Stimmung umgeschlagen und das Gefühl entstanden, dass etwas „komisch“ sei. Die Vorgesetzten seien den Verdachtsmomenten nicht nachgegangen, auch dann nicht, als auf der Station vier leere Ampullen mit Gilurytmal auftauchten, die dort kein Arzt verordnet hatte.Högel: Zeugin beklagt Maulkorb durch Klinik. In: NDR Online, 7. März 2019.

Am 22. Juni 2005 wurde Högel von Kollegen auf der Intensivstation auf frischer Tat ertappt, als er vorsätzlich die Spritzenpumpe eines Patienten manipulierte und ihm ohne medizinische Indikation das Antiarrhythmikum Gilurytmal verabreichte. Zwei Tage nach der Tat besprachen die Führungskräfte des Klinikums das weitere Vorgehen. Weil eine einzelne Spätschicht vor Högels Urlaub lag, verschoben sie ihre Entscheidung auf den Zeitraum seines Urlaubs. Aber an seinem letzten Arbeitstag ermordete Högel noch eine weitere Patientin. Am 8. Juli 2005 wurde er in seiner Wilhelmshavener Wohnung festgenommen und befand sich bis 21. September 2005 in Untersuchungshaft; anschließend kam er bis zu seinem freiwilligen Haftantritt frei.

Erste Ermittlungen und Verurteilungen 2006 und 2008 Im Rahmen der Ermittlungen zum Fall vom 22. Juni 2005 wandten sich mehrere Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst unabhängig voneinander an die Polizei und äußerten den Verdacht, dass Högel für zahlreiche Komplikationen, Reanimationen und weitere ungeklärte Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich sein könnte. Die Polizei ermittelte daraufhin umfangreicher und untersuchte rückwirkend alle Todesfälle im Zeitraum von 2003 bis 2005. Hierbei ergab sich, dass sich die Zahl der Todesfälle am Klinikum Delmenhorst im Zeitraum der Beschäftigung von Högel verdoppelt hatte; 2005 standen 73 Prozent der Todesfälle in Zusammenhang mit seiner Dienstzeit. Diese Erkenntnis wurde 2006 in mehreren Stellungnahmen und Ermittlungsberichten der zuständigen Staatsanwaltschaft Oldenburg mitgeteilt.

Im Dezember 2006 verurteilte das Landgericht Oldenburg Niels Högel wegen des Falles vom 22. Juni 2005 wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Freiheitsstrafe und einem fünfjährigen Berufsverbot. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf Revision einer Nebenklägerin hin auf. Im Juni 2008 wurde Högel erneut verurteilt, diesmal zu siebeneinhalb Jahren Freiheitsstrafe und einem lebenslangen Berufsverbot.Karsten Krogmann, Marco Seng: Warum stoppte niemand Niels Högel? In: NWZ Online, 16. November 2017. Er hat sich nach Rechtskraft dieses Urteils am 6. Mai 2009 freiwillig dem Strafantritt gestellt.

Verurteilung 2015 Ab Januar 2014 ermittelte die Staatsanwaltschaft Oldenburg wegen der Fälle in Delmenhorst erneut gegen Högel. Im September 2014 wurde er wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs angeklagt. Högel gestand diese 5 Fälle und gab an, 30 weitere Morde begangen zu haben. Am 28. Februar 2015 wurde er unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld vom Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sich Högel im Klinikum Delmenhorst des zweifachen Mordes, des zweifachen Mordversuchs sowie gefährlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall schuldig gemacht hatte. In: ndr.de, 28. August 2017. Das Urteil wurde im März 2015 rechtskräftig.Pfleger-Prozess: Mordurteil gegen Niels Högel ist rechtskräftig. In: nwzonline.de, 10. März 2015.Urteil gegen Niels H. ist rechtskräftig. In: ndr.de, 9. März 2015.

Exhumierungen – Die Sonderkommission Kardio 2014–2018 Seit November 2014 prüfte die Sonderkommission „Kardio“ weitere Sterbefälle verschiedener Einrichtungen aus der Zeit, in der Högel dort beschäftigt war.

2015 ergaben Exhumierungen weiterer mutmaßlicher Opfer aus Friedhöfen in Ganderkesee und Delmenhorst den Nachweis weiterer Leichen mit Spuren eines Herzmedikaments.Zehn weitere Opfer von Niels Högel entdeckt. In: NWZonline. 15. Juli 2015, abgerufen am 15. Juli 2015. Im November 2016 gingen die Ermittlungsbehörden von 37 nachweisbaren Tötungsdelikten in Delmenhorst von Dezember 2002 bis Juni 2005 aus.Zahl der Opfer auf 37 gestiegen – Fall Niels H.: Anklagen gegen sechs Klinikmitarbeiter. In: noz.de, 25. November 2016.

Ende August 2017 präsentierte die Polizei in Oldenburg ihre Ermittlungsergebnisse. Demnach werde Högel 84 weiterer Morde verdächtigt; bei diesen Fällen handele es sich nur um solche, „bei denen die Beweislage so eindeutig sei, dass eine Anklage wahrscheinlich sei“. Diese Zahl könne sich weiter erhöhen, da weitere toxikologische Untersuchungen noch liefen. Laut dem Leiter der Sonderkommission „Kardio“ seien „die belegbaren Tötungen in Oldenburg und Delmenhorst […] nur die Spitze des Eisbergs“. Wegen der nach Ansicht von Polizei und Staatsanwaltschaft nachgewiesenen weiteren Taten werde es zu einem Strafverfahren kommen, dessen Ausgang an Högels Strafmaß jedoch nichts ändern werde.

Im Rahmen der fast drei Jahre dauernden Ermittlungen waren mehr als 200 Fälle aufgerollt und insgesamt 134 Leichen auf 67 verschiedenen Friedhöfen exhumiert und rechtsmedizinisch untersucht worden. In vielen Fällen war der Zustand der Leichen nicht mehr ausreichend, um Medikamentenreste nachzuweisen. 101 Patienten aus Delmenhorst, die während Högels Dienstzeit starben, waren feuerbestattet worden und konnten dann nicht mehr untersucht werden.

Das Arbeitsgericht Oldenburg verurteilte Högel am 7. März 2018, dem Klinikum Oldenburg 47.000 Euro Schadensersatz für zwei medizinische Gutachten und Anwaltskosten zu zahlen.

Der große Prozess 2018/2019 Im Januar 2018 erhob die Staatsanwaltschaft Oldenburg erneut Anklage gegen Högel wegen des Verdachts des Mordes an 97 Patienten (62 am Klinikum Delmenhorst und 35 am Klinikum Oldenburg). Der Prozess am Landgericht Oldenburg begann am 30. Oktober 2018 und fand wegen der hohen Zahl von Beteiligten (u. a. 120 Angehörige als Nebenkläger samt Opferhelfern des Weißen Rings) sowie des großen Interesses der in- und ausländlischen Presse und der Öffentlichkeit, in den Festsälen der Weser-Ems-Hallen in Oldenburg statt. Gleich am ersten Prozesstag gestand Högel die ihm vorgeworfenen Taten und war bereit, auszusagen. Die Höchststrafe für Mord war bereits erreicht. Der umfangreiche Prozess sollte vor allem die Aufklärung des Geschehen ermöglichen und die Strukturen in den Krankenhäusern untersuchen, die dies ermöglicht bzw. eine frühere Aufdeckung verhindert hatten. Dem Richter Sebastian Bührmann ging es um „die Suche nach der Wahrheit“, die für die Angehörigen der Opfer und auch für die Gesellschaft wichtig sei, angesichts der „unfassbaren“ Dimensionen. Es wurden im Laufe der 23 Verhandlungstage etliche Beteiligte als Zeugen gehört, so die Angehörigen der Opfer, Kollegen, Betriebsräte, Ärzte, Krankenhausleiter usw. Außerdem wurden mehrere Gutachter verschiedener Fachrichtungen beauftragt und ihre Expertisen im Prozess gehört. Presse, Rundfunk und Fernsehen, regional und überregional, teils sogar aus dem Ausland, kamen als Prozessbeobachter. Als Fazit blieb schließlich, dass die wahren Motive des Täters und auch die wahre Anzahl seiner Opfer am Ende nicht abschließend aufgeklärt werden konnten. Es wurde allerdings auch offensichtlich, dass nicht alle Zeugen gleichermaßen Interesse an der Aufklärung zeigten.