mini|Ingetraut Dahlberg in ihrem Garten (Juni 2017)
Ingetraut Dahlberg (* 20. Februar 1927 in Köln als Ingetraut Gessel; † 24. Oktober 2017 in Bad König) war eine deutsche Informationswissenschaftlerin und Philosophin. Sie entwickelte ein universales Klassifikationssystem für Wissensorganisation. Das System umfasste bei Dahlbergs Tod ca. 6500 Wissensgebiete. Sie engagierte sich in Forschung und Lehre, als Redakteurin, Herausgeberin und Verlegerin, durch Mitarbeit und vielfach Leitung von Gremien. Dahlberg gründete eine internationale Fachzeitschrift (International Classification, heute: Knowledge Organization) und zwei wissenschaftliche Gesellschaften (Gesellschaft für Klassifikation, International Society for Knowledge Organization).
Leben Frühe Jahre Das Interesse von Ingetraut Dahlberg an Dokumentation wurde geweckt, als sie im Alter von zehn Jahren von ihrem Vater Theodor Gessel eine Kamera zu Weihnachten geschenkt bekam. Damit begann sie alles zu dokumentieren, was ihr wichtig erschien.
Dahlberg lebte den größten Teil ihres Lebens in Frankfurt am Main. An den Universitäten Frankfurt, Würzburg und Düsseldorf studierte sie Philosophie, Geschichte, Anglistik, Katholische Theologie und Biologie, unterbrochen durch ein College-Jahr in den USA.Mary Manse College in Toledo (Ohio)
1955 heiratete sie den Physiker Reinhard Dahlberg,Wasserstoffwirtschaft, Geschichte, Siehe: 1980 mit dem sie ihren Sohn Wolfgang bekam.
Beruflicher Einstieg 1959 trat sie eine Stelle am Gmelin-Institut an, das von Erich Pietsch geleitet wurde. Dort war sie mit bibliographischen Arbeiten im Dokumentationszentrums für Kernenergie befasst. 1961 wechselte sie zum Rationalisierungs-Kuratorium der Deutschen Wirtschaft. In den Jahren 1962/63 nahm sie an einer Ausbildung zur wissenschaftlichen Dokumentarin teil. Die Ausbildung fand am Gmelin-Institut statt, organisiert wurde sie von der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation.
Deutsche Gesellschaft für Dokumentation Anschließend trat sie eine Stelle bei der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation (DGD) an (heute: Deutsche Gesellschaft für Information und Wissen). Zu ihren Aufgaben gehörte die Erfassung der bibliothekarischen Bestände sowie der Dokumentation der Literatur zum Thema Dokumentation. 1964/65 wurde sie beurlaubt, um auf Einladung von Raymond Pepinsky für ein Jahr erneut in den USA zu arbeiten, zunächst am Groth Institute for Crystallographic Data Documentation an der Florida Atlantic University in Boca Raton, später an deren Universitätsbibliothek (Direktor der Bibliothek war Edward M. Heiliger), die erste Bibliothek in den USA, die zur Verwaltung ihrer Schriften einen Computer einsetzte. Zusammen mit Jean Perreault arbeitete sie dort an Problemen der Kategorien und Relationen in der Klassifikation.
Nach ihrer Rückkehr aus den USA wurde ihr die Leitung der DGD-Bibliothek und Dokumentationsstelle übertragen. Ferner erhielt sie den Auftrag, ein „Komitee Thesaurusforschung und Klassifikation“ einzurichten. Dessen Vorsitz übernahm Martin Scheele, während Ingetraut Dahlberg als Sekretärin des Komitees fungierte. In dieser Zeit entwickelte sie ein Deskriptorensystem für die Informationswissenschaften.
Ebenfalls in dieser Zeit wurde sie vom Präsidenten der DGD, Helmut Arntz, zur Mitarbeit an das FID-Revisionskomitee 03/04 delegiert. Daraus entstand 1968 die Klassifikation der Dokumentenarten und ihrer speziellen Aspektbegriffe mit weit über 1000 Begriffen.
Parallel dazu arbeitete sie in der Zeit 1967–1974 im „Normenausschuss Terminologie“ an der Revision der DIN 2330 „Begriffe und Benennungen; Allgemeine Grundsätze“DIN 2330: Begriffe und Benennungen; Allgemeine Grundsätze und DIN 2331 „Begriffssysteme und ihre Darstellung“DIN 2331: Begriffssysteme und ihre Darstellung mit. Dort kam sie in Kontakt mit Eugen Wüster, der ihre weitere Arbeit entscheidend prägte.
1970 arbeitete sie auch im „Komitee für Fragen der Klassifikation und Indexierung“ im Rahmen des UNISIST-ProgrammsUNISIST = UNESCO Intergouvernmental Programme for Co-operation in the Field of Scientific and Technical Information unter Vorsitz von Douglas John Foskett mit.
Promotion 1971 schied sie bei der DGD aus, um ein Promotionsstudium in Philosophie bei Alwin Diemer aufzunehmen (1971–1973) mit den Nebenfächern Allgemeine Linguistik und Geschichte der Naturwissenschaften. Das von ihrem Doktorvater gestellte Thema ihrer Dissertation war Das Universale Klassifikationssystem des Wissens, seine ontologischen wissenschaftstheoretischen und informationstheoretischen Grundlagen. 1973 wurde sie promoviert. Die Arbeit erschien 1974 im Verlag Dokumentation Saur, betitelt: Grundlagen universaler Wissensordnung.
Freiberufliche Arbeit Parallel zu Arbeit an ihrer Dissertation arbeitete Dahlberg weiter freiberuflich in Projekten auch über ihre Promotion hinaus. 1971 wurde sie in das Beratungsgremium „Datenbanksystem für die Bundesrepublik Deutschland“ des Innenministeriums der Bundesregierung berufen. Von dem dreibändigen Werk, das als Ergebnis des Gremiums herausgegeben wurde, redigierte sie zwei Bände. 1972–1973 Projektauftrag der DGD: Sammlung der Benennungen von Wissensgebieten. 1972–1974 Mitarbeit im FID/CR GremiumFID=Fédération Internationale de Documentation, CR=Classification Research „Subject-Field Reference Code“ zur Erstellung eines im UNISIST-Programm vorgeschlagenen Broad System of Ordering (BSO). 1975–1976 Auftrag des Hochschulverbandes zur Revision bzw. Neugestaltung von deren Klassifikationssystem im Hochschulbereich hauptsächlich für statistische Zwecke. 1976–1979 DFG-Projekt Logstruktur.Der Projektname „Logstruktur“ steht für „Logische Struktur“, gemeint sind inhaltliche Beziehungen, die sich nicht aus den Namen der verschiedenen Wissensgebiete erschließen, sondern Hintergrundwissen über die Wissensgebiete erfordern. Parallel zu diesem Projekt lief das Projekt „Semstruktur“ unter der Leitung von Gerhard Wahrig. Dieses beschäftigte sich mit der „semantischen Struktur“, also Struktur, die sich sprachlich erschließt. Mitte der 70er Jahre war die Sammlung von Wissensgebieten auf ca. 12.500 angewachsen. Im Projekt Logstruktur wurde die logische Struktur ihrer Definitionen untersucht. Dabei wurden zahlreiche Synonyme erkannt und die Anzahl der enthaltenen Wissensgebiete auf etwa die Hälfte reduziert. 1978–1979 Pilotstudie DB-Thesaurus. Auftrag der Deutschen Bibliothek, deren Schlagwörter auf Thesaurusfähigkeit zu untersuchen und eine entsprechende Empfehlung darüber vorzulegen. 1979 – ca. 1992 Mitarbeit im Committee on Conceptual and Terminological Analysis in the Social Sciences (COCTA),Committee on Conceptual and Terminological Analysis in the Social Sciences das von der UNESCO gesponsert wurde (gegründet von Fred W. Riggs). Organisation der Konferenzen in Bielefeld 1981 und Hattersheim, beteiligt an der Organisation der Konferenz in Budapest, Ungarn.
Gründung der Zeitschrift International Classification 1974 gründete sie die Zeitschrift International Classification (IC).Die Zeitschrift erschien bis 1980 beim Verlag Dokumentation, K.G. Saur, danach beim INDEKS-Verlag, seit 1997 im Ergon-Verlag Die Mitherausgeber waren Alwin Diemer, Eugen Wüster, J. Perreault und A. Neelameghan.
In der ersten Ausgabe der IC erschien Dahlbergs Artikel Zur Theorie des Begriffs, in dem sie ihre auf Überlegungen von Gottlob Frege beruhende Begriffstheorie erstmals veröffentlichte und auf den sie sich in vielen späteren Veröffentlichungen bezog.Unter anderem in:
Von Anfang an enthielt die Zeitschrift neben wissenschaftlichen Artikeln auch einen Nachrichtenteil, Buchbesprechungen und eine laufende Bibliographie der Klassifikationsliteratur.
1992 wurde die Zeitschrift umbenannt in Knowledge Organization (siehe Gründung der ISKO). Unter diesem Namen erscheint sie bis heute.
Die „Information Coding Classification“ wird fertiggestellt 1977 wurde das universale Klassifikationssystem der Wissensgebiete unter dem Namen Information Coding Classification (ICC) fertiggestellt. Es ist aufgebaut auf „Seinsschichten“ und Kategorien/Facetten. Die erste Präsentation erfolgte in Indien, Bangalore, am Documentation Research and Training Centre (DRTC, S. R. Ranganathan). Das System fand dort sofort Anerkennung. Der Seminarinhalt ist publiziert unter dem Titel Ontical Structures and Universal Classification. Vor und nach dieser Seminarwoche hielt Dahlberg Vorträge an weiteren Universitäten.Neu-Delhi, Trivandrum, Madras, Varanasi (Kaula) und Tokyo, Japan
Gründung des Unternehmens INDEKS 1979 gründete Ingetraut Dahlberg zusammen mit ihrem Sohn Wolfgang das Unternehmen INDEKS zur Erstellung von Registern und Klassifikationssystemen. Ab 1980 führt sie die Firma ohne ihren Sohn als INDEKS-Verlag weiter.
Gründung der „Gesellschaft für Klassifikation“ Zum 12. Februar 1977 lud Dahlberg Vertreter aus Bibliotheks- und Dokumentationsbereich, Warenkatalogisierung, Physik, Chemie und Mathematik nach Frankfurt ein, um mit ihnen die Gesellschaft für Klassifikation e.V. (GfKl) zu gründen. Bereits am 4. Juni 1977 organisierte sie die erste Jahrestagung in Münster/Westfalen.
Bis 1989 führte sie die Geschäfte der Gesellschaft und war bis 1986 deren Vorsitzende. Im Rahmen der Geschäftsführung organisierte sie deren jährliche Konferenzen und publizierte die Proceedings-Bände.
FID–Committee for Classification Research 1981–1987 hatte Dahlberg den Vorsitz dieses Komitees und organisierte in dieser Zeit deren Konferenzen in Kanada, Deutschland und Indien.
Zweimal verband sie solche FID/CR-Konferenzen mit Konferenzen der Gesellschaft für Klassifikation nämlich 1979 (Bad Königstein) und 1982 (Augsburg).
International Classification and Indexing Bibliography (ICIB) Finanziert durch das BMBF organisierte sie in den Jahren 1980–1982 die Sammlung einer Bibliographie der weltweit verfügbaren Literatur zum Thema Klassifikation und Indexierung. Von den geplanten 5 Bänden wurden die ersten 3 Bände in den Jahren 1982–1985 veröffentlicht. Sie deckten Veröffentlichungen aus den Jahren 1952 bis 1982 ab und enthielten Verweise auf weit über 11.000 Titel, alle nach der ICC klassiert sowie nach der ihren Regeln folgenden eigenen Classification of Classification. Band 1 enthält eine Auflistung aller universalen und speziellen Klassifikationssysteme und Thesauri sowie der obersten drei Hierarchiestufen des ICC.
Gründung der „International Society for Knowledge Organization“ (ISKO) Aufgrund der Zunahme von Mathematikern in der Gesellschaft für Klassifikation, die mehrheitlich einen statistisch-mathematischen Ansatz der Klassifikation verfolgten, kam es 1989 zu einer Spaltung. Die begrifflich-orientierten Mitglieder verließen die GfKl und gründeten die International Society for Knowledge Organization e.V (ISKO). Ingetraut Dahlberg wurde zu deren Präsidentin gewählt, Robert Fugmann zu deren Vizepräsidenten.Fugmann war vorher bereits Vizepräsident der Gesellschaft für Klassifikation. Die ISKO übernahm 1990 auch die von Dahlberg gegründete Zeitschrift International Classification. 1990 ersetzte die ISKO den Terminus Klassifikation durch den neuen Terminus Knowledge Organization, der sich international verbreitete, und führte die Zeitschrift unter dem neuen Namen Knowledge Organization fort. Dahlberg blieb bis 1997 sowohl deren Chefredakteurin als auch Präsidentin der ISKO.
Neben dem Management der Dachorganisation der ISKO leistete Ingetraut Dahlberg auch Aufbauarbeit für etliche von deren nationalen Sektionen.Bulgarien, Slowakei, Ungarn, Italien, Spanien, Russland, Polen, Frankreich, Indien, Volksrepublik China. Ferner beteiligte sie sich an der Organisation der internationalen Konferenzen, die alle zwei Jahre stattfanden, jeweils im Wechsel mit den nationalen Konferenzen und redigierte die Proceedings-Bände der internationalen Konferenzen (z. B.).
Rückzug aus offiziellen Ämtern