Die Militärintervention im Jemen seit 2015 ist eine militärische und politische Intervention einer von Saudi-Arabien angeführten Militärallianz im Jemen, der neben Saudi-Arabien weitere sunnitisch regierte Staaten aus Afrika und Asien angehören, und die unter anderem von den USA, Frankreich und dem Vereinigten Königreich logistisch unterstützt wird.

Die Militärintervention begann am 26. März 2015 mit einer als Operation Decisive Storm bezeichneten Militäroffensive. Sie reagierte auf den von 2004 bis 2014 im Jemen ausgetragenen Huthi-Konflikt und verwandelte den bis dahin größtenteils innerjeminitisch ausgetragenen Bürgerkrieg in einen Krieg mit mehreren beteiligten Staaten. Die Offensive hatte das Ziel, den weitgehend entmachteten jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi zurück zur Macht zu führen. Hadi wird von einigen Teilen der jemenitischen Armee sowie von sunnitischen Stammesmilizen unterstützt. Diese kämpfen gegen die schiitischen Huthi-Rebellen, die ihrerseits von Stammesmilizen unterstützt werden sowie von Teilen der jemenitischen Armee, die offenbar dem früheren jemenitischen Präsidenten und Machthaber Ali Abdullah Salih loyal sind. In die Kämpfe gegen die Rebellen sind als dritte Kriegspartei zudem Separatisten aus dem Südjemen verwickelt. Ebenfalls in den Krieg involviert sind Dschihadisten zweier Organisationen: der al-Qaida-Ableger AQAP sowie ein Ableger des Islamischen Staates (IS), der erst während der Militärintervention hervortrat; beide verfolgen jeweils eigene Interessen.

Die saudi-arabisch angeführte Militärallianz setzt neben Boden- und Luftangriffen auch eine Seeblockade ein. Insgesamt gilt die Offensive als wenig erfolgreich. Die Militärallianz gegen die Huthi konnte mit ihren Angriffen fast keine Landgewinne erzielen, am allermeisten noch profitierten die dschihadistischen Extremisten vom Kriegschaos.

Die Militäroffensive stößt international auf heftige Kritik, da sie eine humanitäre Katastrophe ausgelöst hat. Zivilisten sind von den Kämpfen überproportional stark betroffen und stellen über die Hälfte der Todesopfer. Unter Zivilisten gab es viele Tausend Tote, Millionen Binnenflüchtlinge und Millionen Unterernährte, darunter allein etwa 2,2 Millionen unterernährte Kinder. Als verantwortlich für das starke Anwachsen der humanitären Katastrophe im Jemen wird neben den großen Zerstörungen durch die Angriffe insbesondere die Seeblockade des Jemen angesehen, die von Seiten der saudi-arabisch angeführten Militärallianz bis heute beibehalten wird. Stand Dezember 2022 gilt die Situation im Jemen immer noch als die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt.

Hintergründe Vorgeschichte Die komplexen Hintergründe des Krieges im Jemen wurden oft durch ein gängiges, aber umstrittenes Narrativ vereinfacht, das in zwei klar getrennte Koalitionen aufzuteilen versucht: Demnach sollen auf der einen Seite die Huthis als Stellvertreter Irans und mit Unterstützung des ehemaligen jemenitischen Präsidenten Salihs stehen. Ihnen sollen dieser Version zufolge auf der anderen Seite sunnitische Jemeniten aus dem Norden und Süden entgegenstehen, die sich um Hadi versammelt haben sollen, von Saudi-Arabien und den Golfstaaten unterstützt werden und beabsichtigen sollen, Hadi wieder als Präsident einzusetzen. Während die saudisch angeführten Luftangriffe gegen Huthi-Rebellen diesem Narrativ zufolge also darauf zurückgeführt wurden, dass Saudi-Arabien und weitere Länder den international anerkannten Staatspräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi unterstützen wollten, betonten andere Lesarten, dass der Krieg oder Bürgerkrieg im Jemen durch mehrere, quer zueinander verlaufende Konfliktlinien bestimmt worden sei:, Deutsche Welle, 31. März 2015, von Dennis Stute. Sicherheitskräfte und Verwaltung der Zentralregierung waren gespalten. Ein Teil unterstützte den nach Saudi-Arabien geflohenen Präsidenten Hadi, andere verhielten sich loyal gegenüber Hadis Vorgänger, dem im Jahr 2012 gestürzten langjährigen diktatorischen Machthaber Ali Abdullah Salih, der inzwischen auf die Seite der Huthis gewechselt war. (englisch). BBC News, 26. März 2015. Die Jemen-Expertin Mareike Transfeld betonte, dass unter Salih ein System existiert habe, von dem bestimmte Persönlichkeiten durch Beteiligung am Ölexport und Lebensmittelimport stark profitierten: „Alles was wirtschaftlich im Jemen ging, ging nicht an der Familie des Präsidenten und seinen Unterstützern vorbei.“ Es gehe um Vormacht über Ölfelder, staatliche Institutionen für Import und Export und darum, „der eigenen Unterstützergruppe Jobs zu verschaffen […,] Zugriff auf den Staat zu kriegen und dann die staatlichen Ressourcen an die eigene Gruppe zu verteilen.“, inforadio.de, 12. April 2015, von Mareike Transfeld.

mini|Verteilung der ethnoreligiösen Gruppen im Jemen mit schiitischen (grün) und sunnitischen (gelb) Arabern (2002) Eine weitere gesellschaftliche Spaltung resultierte aus der Vergangenheit des 1990 aus Nord- und Südjemen wiedervereinigten Landes: Im ehemals sozialistischen Süden fühlten sich viele Bürger gegenüber dem Norden benachteiligt und unterstützen die Sezessionsbewegung., heute.de, 27. März 2015. Hier verfügte auch die al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) über starke Strukturen, gegen die der jahrelange Drohnenkrieg der USA wenig bewirkt hatte, und die sowohl mit Präsident Hadi als auch mit den Huthis verfeindet war. Besonders im Norden des Landes genossen die Huthis Rückhalt aus der Zivilbevölkerung, der nach Süden hin in den Regionen, die nicht dieselbe religiöse Ausrichtung und Geschichte haben, schwand. Während für eine Abspaltung des Südens die Unterstützung der Golfstaaten unter Führung Saudi-Arabiens erwartet wurde, vermutete man die Islamische Republik Iran als möglichen Unterstützer und Schutzmacht des Nordens. Zudem erhielt der Konflikt eine religiöse Komponente durch die Spaltung in die im Norden überwiegenden schiitischen Zaiditen, denen auch die Huthis angehören, und die vorwiegend im Süden lebenden sunnitischen Schafiiten. Vor dem Konflikt war der Jemen für die Abwesenheit religiöser Spannungen bekannt. Die Zaiditen stehen den Sunniten ähnlich nahe wie oder näher als den Schiiten, deutschlandfunk.de, 11. April 2015, von Jürgen Stryjak.What is the Recent Fighting in Yemen About? – FRONTLINE Q&A (1:57 Min.; Gespräch mit Safa Al Ahmad; in englischer Sprache), YouTube, veröffentlicht vom YouTube-Kanal FRONTLINE PBS | Official am 6. April 2015. und sind in ihrer Praxis dem sunnitischen Islam sehr nahe. Die Zaiditen galten laut Experten als moderate, tolerante schiitische Glaubensrichtung, die jahrhundertelang problemlos mit den sunnitisch-schafiitischen Gruppen zusammengelebt hatte. So konnte ein zaiditischer Imam in einer Moschee für betende Sunniten tätig sein wie auch ein sunnitischer Imam für Zaiditen., diepresse.com, 27. Mai 2015 (Print-Ausgabe: Die Presse, 28. Mai 2015), Interview von Anne-Catherine Simon mit Marieke Brandt. Die Menschen im Jemen definierten ihre Identität nicht als Sunniten oder Schiiten, sondern über ihre Stammeszugehörigkeit. Dennoch befürchteten Beobachter, dass aus dem Machtkampf durch das Vordringen der schiitischen Rebellen aus dem Norden in den sunnitischen Süden ein Konflikt mit zunehmend religiöser Dimension werden könne, da Bewohner im Süden unter dem Einfluss des Saudis begannen, den Konflikt unter religiösen Gesichtspunkten wahrzunehmen., deutschlandfunk.de, Interview von Dirk-Oliver Heckmann mit Guido Steinberg, 7. April 2015. Bei der Bedeutungszunahme der religiösen Komponente handelte es sich also im Wesentlichen um eine von außen hereingetragene, gefördert durch die Unterstützung einer Konfliktpartei seitens Saudi-Arabiens und die Furcht der Saudis vor dem iranischen Einfluss. Dadurch konnte der Eindruck entstehen, dass es sich um einen Konflikt zwischen Sunniten gegen Schiiten handelt, obwohl tatsächlich der Konflikt zwischen Nordjemeniten und Südjemeniten entscheidender war., n-tv.de, 22. April 2015, von Nora Schareika.

Des Weiteren war der Jemen in rivalisierende Stämme aufgespalten, die aus unterschiedlichen und wechselnden Motiven jeweils die eine oder andere Seite unterstützen. Es war dabei auch beispielsweise zu unterscheiden zwischen Huthi-loyalen Stämmen und denen, die sich nur temporär aus lokalen Interessengründen den Huthis anschlossen. In der Vergangenheit war die Stammesstruktur im nördlichen Jemen weniger ethnisch als klientelistisch und religiös geprägt. Die Stämme hatten vor allem im Norden und Nordosten über die volle Loyalität ihrer Mitglieder verfügt („tribale Ökonomie“) sowie eine gewisse Autonomie gegenüber der Zentralgewalt behauptet.Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon Dritte Welt – Länder, Organisationen, Theorien, Begriffe, Personen, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1993, ISBN 978-3-499-16354-8, S. 386. Von den konfliktbeeinflussenden eigenen Dynamiken auf der lokalen Ebene innerhalb des Jemen konnten solche auf der regionalen Ebene unterschieden werden,, Arte Journal, 26. März 2015, Interview von Andreas Jörger mit Mareike Transfeld. in denen eine geopolitische Dimension des Konflikts zum Tragen kam: Auf regionaler Ebene erlangte die Rivalität Saudi-Arabiens gegenüber Iran eine Bedeutung. Saudi-Arabien hatte seit langem großen Einfluss im Jemen ausgeübt und befürchtete nun, dass der saudische Einfluss wegen der Unterstützung der Huthis durch Iran geschmälert würde. Es bestand die Möglichkeit, dass der traditionell als „Hinterhof“ Saudi-Arabiens aufgefasste Jemen durch den Vormarsch der Huthis unter den Einfluss Irans gelangen könne. Der Konflikt zwischen den Huthis und der Regierung Hadi konnte damit als Teil eines regionalen Machtkampfes zwischen dem (schiitisch regierten) Iran und dem (sunnitisch regierten) Saudi-Arabien betrachtet werden, welches eine lange Grenze mit dem Jemen teilte. Die Saudis hatten mit der Militärintervention verhindern wollen, dass die kurz vor der Einnahme Adens stehenden Huthis den sich dort aufhaltenden Präsidenten und einzigen politischen Gegenspieler Hadi gefangen nehmen und praktisch das ganze Land beherrschen können. Die Militärintervention hatte die von den Saudis beabsichtigte Wirkung: Hadi gelang es, Aden zu verlassen, die legitime Macht blieb damit existent und der Staat offiziell bestehen. Auch die USA, die ihren Einfluss auf den Jemen zum Zeitpunkt der Militärintervention bereits verloren hatten, strebten nach Ansicht der Jemen-Expertin Transfeld danach, diesen zurückzuerlangen. Einen Tag vor Beginn der Militärintervention hatten die Huthis eine Militärbasis eingenommen, die vorher von den USA im Kampf gegen al-Qaida genutzt worden war und aufgrund des Vormarsches der Huthis geräumt werden musste. Als möglicher Faktor wurde auch angeführt, dass die saudisch geführten Luftangriffe im Jemen vor dem Hintergrund eines inneren Machtkampfs in Saudi-Arabien durchgeführt worden sein könnten. Dem Ausgang der saudischen Militärintervention wurde eine Auswirkung auf die noch nicht als gänzlich abgeschlossen betrachtete Debatte der künftigen Führung im Königshaus zugetraut., derstandard.at, 22. April 2015 (Printversion: 23. April 2015), von Gudrun Harrer.