Palaeocastor ist eine ausgestorbene Gattung der Nagetiere innerhalb der Familie der Biber. Fossilfunde liegen aus dem westlichen Nordamerika vor und gehören in das Obere Oligozän und Untere Miozän vor rund 30 bis 20 Millionen Jahren. Die Vertreter von Palaeocastor waren kleiner als heutige Biber und lebten abweichend von diesen in offenen Steppenlandschaften, wo sie sich von Gräsern ernährten. Aufgrund von markanten Skelettmerkmalen kann auf eine Anpassung an eine grabende Lebensweise geschlossen werden, wobei hauptsächlich die vorderen Zähne zum Einsatz kamen. Charakteristisch sind auch die von Palaeocastor hinterlassenen, komplexen unterirdischen Gänge, die teilweise recht häufig auftreten und bei denen ein spiralförmig gewundener, abwärtsführender Gang besonders augenscheinlich ist. Die fossil überlieferten Baue werden aufgrund dieser eigentümlichen Form unter der wissenschaftlichen Bezeichnung Daimonelix („Teufels-Korkenzieher“ oder „Dämonenschrauben“) geführt. Die Gattung Palaeocastor erhielt 1869 ihre Benennung, die ersten Grabgänge wurden 1891 beobachtet. Dass Palaeocastor mit Daimonelix in Verbindung steht, konnte Anfang des 20. Jahrhunderts durch gemeinsame Funde bewiesen werden.

Merkmale Palaeocastor war ein relativ kleiner Vertreter ausgestorbener Biber. Ein nahezu vollständiges Skelett eines mittelgroßen Individuums erreichte eine Gesamtlänge von knapp 40 cm. Im Proportionsvergleich zu heutigen Arten besaß er ein Körpergewicht von 3,6 bis 3,8 kg. Der Schädel war groß, aber relativ kurz und breit, analog zu den heutigen Bibern. Er wurde zwischen 5,9 und 8,2 cm lang, an den Jochbögen betrug die Breite 4,3 bis 6,6 cm. Der Schädel der größten Art war 9,2 cm lang und 8,8 cm breit. Vor allem bei stärker unterirdisch lebenden Arten konnte der Schädel einen zuweilen sehr massiven Bau aufweisen mit kräftigen, verbreiterten Jochbögen und einem hohen Scheitelkamm. Das Rostrum war schmal und vergleichsweise länger als bei heutigen Bibern. Die Knochen, die das Rostrum bildeten (Nasenbein und Oberkiefer), zeigten leichte Verdickungen, die aber nicht so stark ausgebildet waren wie bei heute unterirdisch lebenden Nagetieren. Auch der Mittelkieferknochen wies einen kräftigen Bau auf, der hauptsächlich die großen Schneidezähne unterstütze. Das Stirnbein war breit und sehr kurz, das Merkmal wurde umso deutlicher, je stärker die Tiere eine grabende Lebensweise verfolgten. An den Scheitelbeinen befanden sich hinten zwei querstehende Knochenkämme, die als zusätzliche Muskelansatzstellen dienten. Abweichend von den heutigen Bibern oder dem ähnlich lebenden Stummelschwanzhörnchen nahm das Hinterhauptsbein den gesamten hinteren Schädelbereich ein und stand weitgehend senkrecht.

Der Unterkiefer war sehr massiv gestaltet und ebenfalls kurz, auch er nahm an Robustizität zu, je mehr die Vertreter an eine unterirdische Lebensweise angepasst waren, was sich vor allem in der Tiefe und Breite des horizontalen Knochenkörpers widerspiegelte. Die Länge variierte von 5,9 bis 6,4 cm. Die massige Symphyse reichte etwa bis zur Hälfte des markant ausgeprägten Diastemas zwischen vorderer und hinterer Bezahnung. Auf der Unterseite befand sich ein Knochenauswuchs, an dem der Musculus digastricus ansetzte und der auch bei den heutigen Bibern vorkommt. Unterhalb des vierten Prämolaren lag ein großes Foramen mentale. Die Gelenkäste hatten einen extrem breiten Bau und nahmen rund die Hälfte des horizontalen Knochenkörpers ein. Dabei war der Kronenfortsatz (Processus coronoideus) höher als der Gelenkfortsatz (Processus condylaris). Das Gebiss zeigte eine deutliche Reduktion der Zahnanzahl, die Gebissformel lautete: . Somit bestand das Gebiss aus insgesamt 20 Zähnen. Alle Zähne waren extrem hochkronig (hypsodont). Der Schneidezahn besaß wie bei den rezenten Bibern eine äußerst kräftige und meißelartige Gestalt, seine Länge betrug bis zu 2,5 cm im Unterkiefer, im oberen Kiefer war etwas kürzer. Er steckte in sehr kräftigen, röhrenartigen Alveolen und ragte vor allem im Oberkiefer schräg nach vorn (procumbent). Insgesamt war er leicht gebogen, am oberen Ende wies er meist kräftige Schlifffacetten auf. Zur hinteren Bezahnung bestand ein Diastema, das im Oberkiefer bis zu 3 cm maß, im Unterkiefer nur gut die Hälfte an Länge beanspruchte. Der letzte Prämolar stellte mit einer Länge von 4 bis 4,5 mm und einem rechteckigen Umriss den jeweils größten Zahn dar, die Molaren wurden nach hinten kontinuierlich kleiner und nahmen eine quadratische Gestalt an, bis auf den hintersten, der rund oder dreieckig war. Die gesamte hintere Zahnreihe wies eine Länge von 1,2 bis 1,6 cm auf. Markant war vor allem das Kauflächenmuster der Backenzähne. Dieses setzte sich aus mehreren Eintiefungen (Fossetten) zusammen, die aus Zahnbein gebildet wurden und von Zahnschmelz umgeben waren. Form und Anzahl variierten stark mit dem Grad der Abnutzung der Zähne.

Das postcraniale Skelett ist umfassend bekannt. Die Wirbelsäule setzte sich aus schätzungsweise 7 Hals-, 13 Brust-, 6 Lenden- , 5 Kreuzbein- und möglicherweise 18 Schwanzwirbel zusammen. Besondere Unterschiede zu den heutigen Bibern traten an der Schwanzwirbelsäule auf. Die Wirbelkörper hatten eine runde Form und nahmen auf den gesamten Schwanz hin kaum an Größe ab. Die Querfortsätze waren deutlich ausgeprägt, die vordersten Wirbel besaßen möglicherweise Chevronknochen auf der Unterseite, wie einige knöcherne Aufwölbungen vermuten lassen. Insgesamt erwies sich der Schwanz als kräftig und im Querschnitt deutlich rund. Der Oberarmknochen war mit 3,5 bis 4,6 cm sehr kurz und kompakt gebaut. Er besaß ein breites unteres und schmales oberes Gelenkende, an dem ein großer Gelenkkopf saß. Am Schaft trat seitlich ein massiger, teils plattenartig ausgebildeter Knochenkamm (Crista deltoidea) als Ansatzstelle für die Brust- und Schultermuskulatur auf, der vom oberen Ende bis zur Hälfte der Diaphyse reichte. Die Elle maß 4,1 bis 5,6 cm und war am oberen Ende recht breit, wurde nach unten hin dünner. Insgesamt war sie seitlich abgeplattet, der obere Gelenkfortsatz (Olecranon) hatte eine Länge von rund 1 cm. Die Speiche war etwas leichter gebaut als die Elle und besaß einen runden Schaft und einen großen Kopf. Beide Unterarmknochen waren nicht miteinander verwachsen. Ebenso war der Oberschenkelknochen relativ grazil und am Schaft nicht so abgeflacht wie bei den rezenten Bibern. Die Länge betrug 4,8 bis 5,4 cm, die Gelenkkugel saß auf einem deutlichen, wenn auch kurzen Hals. Den großen und kleinen Trochanter (Rollhügel) verband im Unterschied zu den rezenten Formen kein Knochensteg. Ein dritter Trochanter bestand an der Mitte des Schaftes, war aber nicht sehr ausgeprägt. Das untere Gelenkende zeigte zwar einen leicht asymmetrischen Bau, die beiden Gelenkrollen besaßen aber etwa die gleiche Länge. Die Knochen des unteren Beinabschnittes hatten noch nicht die auffälligen Streckungen der heutigen Biber und waren etwas kürzer oder gleich lang wie der obere Beinabschnitt. Das Schienbein war nicht mit dem Wadenbein verwachsen, der Schaft erwies sich rundlichen im Querschnitt und besaß entlang der Längsachse eine leichte Drehung. Arme und Beine endeten in jeweils fünfstrahlige Hände und Füße. Die einzelnen Knochen, vor allem die Metapodien und Phalangen, waren kräftig gebaut sowie kurz und breit. Die jeweiligen Endglieder der Finger und Zehen endeten spitz, die der Hand übertrafen jene des Fußes an Größe.

Fossilfunde mini|Palaeocastor-Fossilien mini|Palaeocastor-Fossilien Funde von Palaeocastor sind überwiegend aus dem westlichen Teil Nordamerikas bekannt und stammen aus den US-Bundesstaaten Nebraska, Wyoming, South Dakota und Montana. Sie datieren in das Obere Oligozän und das Untere Miozän (lokalstratigraphisch Arikareeum) und sind so zwischen 30 und 20 Millionen Jahre alt. Zu den frühesten Funden gehören mehrere Teilskelette von Exemplaren unterschiedlichen Individualalters aus der Fort-Logan-Formation in Montana, die vor etwa 29 bis 27 Millionen Jahren starben. Ähnlich alt sind die Funde der Sharps-Formation, die in den White River Badlands nahe der Ortschaft Wounded Knee in South Dakota aufgeschlossen ist und von wo auch das Typusmaterial der Gattung in Form eines weitgehend vollständigen Schädels und mehrerer weiterer Schädelfragmente herstammt. Auch aus der überlagernden Monroe-Creek-Formation konnten Funde, etwa ein Teilschädel, geborgen werden. Herausragende Bedeutung besitzt aber die Harrison-Formation, die die Monroe-Creek-Formation überdeckt und über weite Gebiete des westlichen Nebraska und östlichen Wyoming verbreitet ist. Sie besteht aus massiven, graubraunen und feinkörnigen Sandsteinen, die teilweise auf ein ehemaliges Flussbett, abseits von diesem auf von Wind eingetragenen Löss zurückgehen. Vor allem in den von Löss beeinflussten Sedimentlagen kamen unzählige Reste von Palaeocastor zum Vorschein, die zum Teil auch vollständige Skelette einschließen. Die Harrison-Formation gehört dem Unteren Miozän an und wurde mit Hilfe radiometrischer Messungen an eingeschalteten vulkanischen Aschelagen auf ein Alter von 21,3 bis 22,9 Millionen Jahre bestimmt.

mini|links|hochkant|Daimonelix, ein fossiler Grabgang Aus den Lössbildungen der Harrison-Formation stammen auch Spurenfossilien in Form von schraubenartig gewundenen Grabgängen, die unter dem Ichnotaxon Daimonelix (teilweise auch Dæmonelix; „Teufels-Korkenzieher“, auch „Geister-“ oder „Dämonenschrauben“) geführt werden. Hierbei handelt es sich um spiralartig, häufig um eine senkrechte Achse gewundene Gänge, die einen Durchmesser von 11 bis 15 cm erreichen und bis in 210 bis 275 cm Tiefe in den Untergrund eindringen, wobei der durchschnittliche Neigungswinkel 25 bis 30° beträgt. Am unteren Ende schließt sich ein langgestreckter Gang an, der zumeist in einem Winkel von 2 bis 37° aufsteigt und mit 15 bis 22 cm Durchmesser auffällig größer ist. Die Länge dieses Ganges kann 200 bis über 450 cm erreichen. Auffällig sind kleinere seitliche Ausbuchtungen, die in der Regel nur bei flacher ansteigenden Gängen auftreten. Teilweise ist die Anzahl der Grabgänge in der Harrison-Formation extrem hoch, während in der unterlagernden Monroe-Creek-Formation nur vereinzelt derartige Spurenfossilien auftreten. Die Fossilien wurden 1891 von Erwin Hinckly Barbour erstmals in Aufschlüssen des nordwestlichen Nebraska beobachtet und im Folgejahr unter der wissenschaftlichen Bezeichnung Daimonelix öffentlich bekannt gemacht. In seiner Publikation nahm Barbour an, dass es sich um Relikte riesiger Süßwasser-Schwämme handelt, wobei der untere Fortsatz eine Art Wurzelstock (Rhizom) darstelle. Bereits 1893 wurde aber von Edward Drinker Cope und von Theodor Fuchs unabhängig voneinander erkannt, dass es sich hierbei um Grabgänge von Nagetieren handelt. Den letztendlichen Nachweis erbrachte im Jahr 1904 der Fund eines weitgehend vollständigen Skelettes eines ausgestorbenen Bibers, welches sich in der wurzelstockartigen Erweiterung fand. Demzufolge handelt es sich um die Baue von fossilen Bibern der Gattungen Palaeocastor und Pseudopalaeocastor. Die wurzelstockartige Erweiterung kann dabei als die eigentliche Wohnkammer des Baus gedeutet werden, die mit einzelnen Seitenkammern umso komplexer gebaut sind, je niedriger der Aufstiegswinkel ist. Ihr Aufsteigen von der Basis des korkenzieherartigen Ganges wird als Schutz vor eindringende Feuchtigkeit interpretiert. Weitere Untersuchungen ließen auch die Kratzmarken der Tiere zu Tage treten, die sie mit ihren Krallen und Zähnen hinterließen.

Paläobiologie mini|Lebendrekonstruktion von Palaeocastor