Als Sangam-Literatur (von [])In diesem Artikel werden tamilische Begriffe im Fließtext in einer vereinfachten, an der Aussprache orientierten Umschrift wiedergegeben (siehe Wikipedia:Namenskonventionen/Indien/Tamilisch). Originalbegriffe, die in Klammern angegeben werden, und Zitate sind jeweils in der Tamil-Schrift und in wissenschaftlicher Transliteration angegeben. Die Transliteration orientiert sich am Schriftbild des Tamil. Um aus ihr auf die Aussprache zu schließen, ist eine Kenntnis bestimmter Regeln nötig (siehe Aussprache des Tamil). wird das Korpus der frühesten tamilischen Dichtung bezeichnet. Die historische Sangam-Literatur, auch als Sangam-Periode bezeichnet, wird auf den Zeitraum zwischen etwa 300 v. Chr. und 300 n. Chr. datiert. Sie entstand im südlichen Teil des Indischen Subkontinents, insbesondere im Gebiet des antiken Tamilakam, das große Teile des heutigen Tamil Nadu, Kerala, Puducherry, Lakshadweep sowie südliche Regionen von Andhra Pradesh und Karnataka umfasste, und stand zugleich in kulturellen und sprachlichen Wechselbeziehungen mit angrenzenden Gebieten, darunter Teilen des heutigen Sri Lanka. Zusammen mit dem Grammatikwerk Tolkappiyam bildet sie die älteste Schicht der tamilischen Literatur. Die Sangam-Literatur umfasst ein Korpus von 18 lyrischen Werken, das sich in acht Anthologien von meist kürzeren Einzelgedichten (Ettuttogai) und zehn längere Gedichte (Pattuppattu) aufteilt.

Die Werke der Sangam-Literatur teilen sich in zwei Genres: Liebes- und Heldendichtung (agam und puram). Die Texte sind in einer altertümlichen Form der tamilischen Sprache, dem Alttamil, verfasst und folgen einer Vielzahl komplizierter Konventionen. Diese werden von einer reichen poetologischen Tradition beschrieben, die die Literatur begleitet. Zu den hervorstechendsten Konventionen gehört das Konzept der „fünf Landschaften“, dem zufolge eine bestimmte Liebessituation stets mit einer von fünf Landschaftstypen (Berge, Weideland, Ackerland, Küste und Wüste) assoziiert ist.

Die Sangam-Literatur spiegelt einen Zustand wider, in dem der Einfluss der nordindischen Sanskrit-Kultur im Süden Indiens noch verhältnismäßig gering war. Anders als die Literaturen der anderen indischen Sprachen baut sie nicht auf dem Vorbild der Sanskrit-Literatur auf, sondern hat ihre eigenen Ursprünge. Für die frühe Geschichte Südindiens gehört die Sangam-Literatur zu den wichtigsten Quellen. Sie beschreibt eine Zeit, in der in Tamil Nadu die drei Königsdynastien der Chera, Chola und Pandya sowie eine Vielzahl minderer Fürsten herrschten. Nachdem die Sangam-Literatur zwischenzeitlich weitgehend in Vergessenheit geraten war, wurde sie im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederentdeckt und spielt seitdem eine wichtige Rolle für das kulturelle Bewusstsein der Tamilen.

Der Begriff „Sangam“ Der tamilische Begriff „Sangam“ ( caṅkam) ist vom Sanskrit-Wort saṅgha hergeleitet und bedeutet wörtlich „Versammlung“, „Rat“ oder „Akademie“.University of Madras: Tamil lexicon. Madras, 1924–1936, Stichwort „சங்கம்² caṅkam“. Vgl. auch die Bedeutung von Sangha im buddhistischen und jainistischen Kontext. Die Bezeichnung beruht auf einer Legende, der zufolge es in der mythischen Vorzeit drei Akademien (Sangam) von Dichtern gegeben habe, die die Tamil-Dichtung pflegten. Die Sangam-Legende tritt erstmals im 8. Jahrhundert in der poetologischen Literatur auf, namentlich in Nakkirars Kommentar zum Iraiyanar Agapporul. Sie besagt, die erste von drei Akademien habe im „südlichen Madurai“, das heute unter dem Meer liege, stattgefunden und 4400 Jahre lang angedauert. Die zweite Akademie in der ebenfalls vom Meer verschlungenen Stadt Kabadapuram habe 3700 Jahre lang gedauert, die dritte Akademie habe im heutigen Madurai stattgefunden und 1850 Jahre angedauert.Eva Wilden: Manuscript, Print and Memory. Relics of the Caṅkam in Tamilnadu, Berlin, München, Boston: De Gruyter 2014, S. 216–295. Während die Zahlen getrost als fiktiv gelten können, lässt sich zumindest nicht ausschließen, dass sich einst tatsächlich eine Dichterakademie in Madurai unter königlicher Patronage mit der Kodifizierung des Textkorpus der Sangam-Literatur befasste.Kamil Zvelebil: The Smile of Murugan. On Tamil Literature of South India, Leiden: Brill, 1973, S. 47–49. Die in der Sangam-Legende erhaltene Sintflutsage führte im 20. Jahrhundert in tamilisch-nationalistischen Kreisen in Verbindung mit westlichen Theorien (vgl. Lemuria) zur Vorstellung von einem untergegangenen Kontinent Kumarikkandam.Sumathi Ramaswamy: The Lost Land of Lemuria. Fabulous Geographies, Catastrophic Histories, Berkeley: University of California Press, 2004.

Nach der üblichen Definition gehört zur Sangam-Literatur die älteste Schicht der poetischen Literatur auf Tamil, bestehend aus zwei Sammlungen, den „acht Anthologien“ (Ettuttogai) und den „zehn Gesängen“ (Pattuppattu). Obwohl in der Sangam-Legende nur die acht Anthologien erwähnt werden, werden die zehn Gesänge wegen der großen Übereinstimmungen in Inhalt und Stil ebenfalls zur Sangam-Literatur gezählt.Wilden 2014, S. 6–7. Anders aber etwa bei John R. Marr: The Eight Anthologies, Madras: Institute of Asian Studies, 1985, S. 6. Bisweilen synonym verwendet, wenn auch nicht genauso trennscharf, ist der Begriff „klassische Tamil-Literatur“.Vgl. Zvelebil 1973, S. 49, der den Begriff „Sangam-Literatur“ ablehnt. Über den literarischen Bereich hinaus ist der Begriff „Sangam“ auch auf andere Bereiche übertragen worden: Im Tamilischen wird das Alttamil als „Sangam-Tamil“ ( caṅkattamiḻ) bezeichnet. Auch ist in der Geschichtsschreibung Südindiens der Begriff „Sangam-Zeit“ für die Epoche, die in den Sangam-Texten beschrieben wird, geläufig.K. A. Nilakantha Sastri: A History of South India. From Prehistoric Times to the Fall of Vijayanagar,. 3. Auflage. London: Oxford University Press, 1966, S. 115–145.

Textgeschichte und Chronologie Die Datierung der Sangam-Texte ist höchst unsicher. Als weitgehender Konsens gilt, dass der Großteil der Texte in den ersten Jahrhunderten n. Chr. entstanden ist. Gleichwohl gibt es deutlich abweichende Datierungsvorschläge, die vom 3. Jahrhundert v. Chr.Dieses Datum wird u. a. von dem von der indischen Regierung gegründeten Central Institute for Classical Tamil vertreten (vgl. ). bis zum 8./9. Jahrhundert n. Chr.Herman Tieken: Kāvya in South India. Old Tamil Caṅkam Poetry, Groningen: Forsten, 2001. Zur Kritik an Tiekens kontroverser Studie siehe Eva Wilden: „Towards an Internal Chronology of Old Tamil Caṅkam Literature Or How to Trace the Laws of a Poetic Universe“, in: Wiener Zeitschrift für die Kunde Südasiens 46, 2002, S. 105–134 und George L. Hart: „Review of Kāvya in South India: Old Tamil Caṅkam Poetry by Herman Tieken“, in: Journal of the American Oriental Society 124.1 (2004), S. 180–184 sowie Tiekens Erwiderung in Herman Tieken: „A Propos Three Recent Publications on the Question of the Dating of Old Tamil Caṅkam Poetry“, in: Asiatische Studien / Études asiatiques 62, 2008, S. 575–605. reichen. Anhand sprachlicher und stilistischer Merkmale lässt sich allenfalls eine relative Chronologie der Texte untereinander aufstellen. Zur absoluten Datierung trägt eine Reihe von externen Hinweisen bei: In den Heldengedichten des Sangam-Korpus werden neben zahlreichen minderen Fürsten die drei Königsdynastien der Chera, Chola und Pandya besungen. Diese waren die dominierende Macht in Tamil Nadu, ehe sie im 4. Jahrhundert durch die einfallenden Kalabhra verdrängt wurden. Auch spielt die Pallava-Dynastie, die im 6. Jahrhundert zur wichtigsten Macht in Tamil Nadu aufstieg, in der Sangam-Literatur keine Rolle. Dagegen gibt es Beschreibungen von griechischen bzw. römischen Händlern und Söldnern (vgl. Yavana). Der Seehandel zwischen Indien und dem Römischen Reich begann im 1. Jahrhundert und kam im 3. Jahrhundert zum Erliegen.S. Vaiyapuri Pillai: History of Tamil Language and Literature, Madras: New Century Book House, 1956, S. 16–21. Diese Tatsachen sprechen dafür, dass die Sangam-Gedichte die Zustände im Tamil Nadu der ersten Jahrhunderte n. Chr. beschreiben.

Als mögliche Chronologie lässt sich Folgendes festhalten: Die älteste Schicht der Sangam-Literatur bilden die Gedichte der drei Liebes-Anthologien Kurundogai, Natrinai und Agananuru und der Helden-Anthologie Purananuru, die zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert entstanden. Einzelne Gedichte können aber auch deutlich später sein. Etwas jüngeren Datums sind die beiden Anthologien Aingurunuru und Paditruppattu. Ein Hinweis darauf ist die Tatsache, dass ihre Gedichte nicht als Einzelgedichte, sondern als Dekaden verfasst worden sind. Die beiden Werke dürften daher auf das 4. Jahrhundert anzusetzen sein. Auf das 4. und 5. Jahrhundert gehen die meisten der „zehn Gesänge“ (Pattuppattu) zurück. Eine Ausnahme ist das Tirumurugatruppadai, das sich durch seine religiöse Thematik unterscheidet. Es wird ebenso wie die aufgrund sprachlicher, formaler und inhaltlicher Kriterien als Nachzügler identifizierbaren Anthologien Kalittogai und Paripadal auf das 6. Jahrhundert datiert.Wilden 2014, S. 8. Zu weitgehend ähnlichen Ergebnissen für die Agam-Anthologien kommt Takanobu Takahashi: Tamil Love Poetry and Poetics, Leiden, New York, Köln: E. J. Brill, 1995, S. 229–234. Etwas frühere Daten vertritt Kamil Zvelebil: Tamil Literature, Leiden, Köln: E. J. Brill, 1975.

Die zahlreichen formelhaften Wendungen in der Sangam-Literatur legen nahe, dass die Texte ursprünglich mündlich überliefert wurden.K. Kailasapathy: Tamil Heroic Poetry, London: Oxford University Press, 1968, S. 135–186. Vermutlich gegen Mitte des 1. Jahrtausends wurden die Gedichte verschriftlicht und anschließend zu Anthologien zusammengefasst.Wilden 2014, S. 413–414. Mehrere der Anthologien besitzen einen Einleitungsvers des Autors Paradam Padiya Perundevanar, der wahrscheinlich auf das 7. Jahrhundert anzusetzen ist. Wahrscheinlich wurde zu diesem Zeitpunkt eine erste Über-Anthologie zusammengestellt.Wilden 2014, S. 413–414. Wann genau die Einteilung in die „acht Anthologien“ und „zehn Gesänge“, wie wir sie heute kennen, vorgenommen wurde, ist aber nicht bekannt. Die Begriffe Ettuttogai und Pattuppattu treten erstmals zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert in der Kommentarliteratur auf.Wilden 2014, S. 14–16.

Das Textkorpus Zum Korpus der Sangam-Literatur werden 18 Werke gerechnet, die zu zwei Sammlungen zusammengefasst werden: dem Ettuttogai ( Eṭṭuttokai „acht Anthologien“) und dem Pattuppattu ( Pattuppāṭṭu „zehn Gesänge“). Ersteres umfasst acht Anthologien von meist kürzeren Gedichten, letzteres ist eine Sammlung von zehn längeren Einzelgedichten. Insgesamt gehören zum Sangam-Korpus 2381 Gedichte höchst unterschiedlicher Länge (3 bis 782 Zeilen).Zvelebil 1975, S. 80. Einige Gedichte sind im Laufe der Überlieferung verloren gegangen. So fehlen in den Anthologien Aingurunuru und Purananuru jeweils zwei Gedichte, während beim Paditruppattu jeweils die erste und letzte Dekade verloren gegangen ist. Am größten sind die Lücken in der Anthologie Paripadal, bei der nur noch 22 von ursprünglich 70 Gedichten erhalten geblieben sind.

Die meisten Gedichte des Sangam-Korpus sind einem von 473 namentlich erwähnten Dichtern und Dichterinnen zugeschrieben. 102 Gedichte sind anonym. Während einige Dichter äußerst produktiv sind (so etwa Kabilar mit 253 Gedichten), ist anderen nur jeweils ein Gedicht zugeschrieben. So sind die 16 produktivsten Dichter für rund die Hälfte der Gedichte verantwortlich.Zvelebil 1975, S. 8–9. Einige der Dichter sind nicht unter ihren richtigen Namen, sondern unter Epitheten bekannt, die sich einer besonders einprägsamen Phrase ihrer Gedichte herleiten, etwa Sembulappeyanirar „er mit der roten Erde und dem strömenden Regen“ nach dem zentralen Motiv des Gedichts Kurundogai 40 („… wie rote Erde und strömender Regen / sind in Liebe unsere Herzen vereint“).

Die „acht Anthologien“ (Ettuttogai)