Die Stendelwurzen (Epipactis) sind eine Pflanzengattung in der Familie der Orchideen (Orchidaceae).
Beschreibung
Vegetative Merkmale Epipactis-Arten sind ausdauernde krautige Pflanze mit Rhizom und zahlreichen verdickten Wurzeln. Die Stängel sind beblättert.
Generative Merkmale Die zwittrigen Blüten sind zygomorph und dreizählig. Sie sind gestielt. Die Perigonblätter sind nur wenig differenziert. Die Lippe ist spornlos, durch Drehung des Fruchtknotens resupiniert und deutlich in einen vorderen und hinteren Teil gegliedert. Die Hinterlippe ist schüsselförmig. Die Vorderlippe ist herzförmig und trägt an Grund Schwielen.
Systematik und botanische Geschichte Der Name „Epipactis“ wurde erstmals von Theophrastos von Eresos, einem Philosophen und Botaniker der griechischen Antike, benutzt. Er bezeichnete damit allerdings nicht die heutige Orchideen-Gattung Epipactis. Die Erstbeschreibung der Gattung Epipactis erfolgte 1757 durch den Göttinger Botaniker Johann Gottfried Zinn in dessen Catalogus Plantarum Horti Academici et Agri Gottingensis auf Seite 85. Ein jüngeres Homonym, Epipactis , wurde 1807 in Synopsis Plantarum, 2, S. 513 veröffentlicht. Synonyme für Epipactis nom. cons. sind: Limodorum nom. illeg., Parapactis , Amesia , Helleborine , Limonias , Arthrochilium , Calliphyllon .
Sektionen und Arten Die Gattung Epipactis wurde 1842 von Thilo Irmisch mit ihren damals fünf bekannten Arten in zwei Sektionen gegliedert. mini|Sektion Arthrochilium: Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) mini|Sektion Cymbochilium: Germerblättrige Stendelwurz (Epipactis veratrifolia) mini|Sektion Epipactis Untersektion Porphyreochromatae: Violette Stendelwurz (Epipactis purpurata) mini|Sektion Epipactis Untersektion Autogamepactis: Schmallippige Stendelwurz (Epipactis leptochila) mini|Sektion Epipactis Untersektion Autogamepactis: Müllers Stendelwurz (Epipactis muelleri) mini|Illustration der Kleinblättrigen Stendelwurz (Epipactis microphylla) aus Abbildungen der in Deutschland und den angrenzenden Gebieten vorkommenden Grundformen der Orchideenarten, Tafel 50 mini|Sektion Rhytidochilium: Kleinblättrige Stendelwurz (Epipactis microphylla) mini|Epipactis gigantea
Erich Klein nahm 2005 eine Neugliederung der Gattung in Sektionen vor (mit Liste der darin enthaltenen Arten):
Sektion Arthrochilium Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris )
Sektion Cymbochilium Germerblättrige Stendelwurz (Epipactis veratrifolia )
Sektion Epipactis Untersektion Epipactis Epipactis degenii (Sie wird von manchen Autoren auch als Unterart Epipactis helleborine subsp. degenii angesehen.) Epipactis densifolia (Sie wird von manchen Autoren auch als Unterart Epipactis helleborine subsp. densifolia angesehen) Kurzblättrige Stendelwurz (Epipactis distans ).(Sie wird von manchen Autoren auch als Unterart Epipactis helleborine subsp. orbicularis angesehen) Epipactis duriensis (Syn.: Epipactis tremolsii , Epipactis helleborine subsp. tremolsii ) Epipactis guegelii : Sie kommt in Rumänien vor. Breitblättrige Stendelwurz (Epipactis helleborine ). Mit den Unterarten: Epipactis helleborine subsp. helleborine (Syn.: Epipactis magnibracteata , Epipactis tenii , Epipactis heraclea ) Epipactis helleborine subsp. latina Epipactis helleborine subsp. neerlandica Epipactis lapidocampi (Sie wird von R. Govaerts als Synonym zu Epipactis muelleri gestellt) Epipactis turcica : Sie kommt von den Inseln der östlichen Ägäis bis zur Türkei vor.
Untersektion Porphyreochromatae Epipactis bithynica (Sie wird von R. Govaerts zu Epipactis helleborine subsp. bithynica gestellt) Epipactis lusitanica : Sie kommt in Marokko, in Portugal und im südwestlichen Spanien vor. Epipactis meridionalis : Sie kommt in Italien und Sizilien vor. Epipactis rechingeri : Sie kommt im nördlichen Iran vor. Zyprische Stendelwurz (Epipactis troodi ): Sie kommt auf Zypern, Kreta und in der Türkei vor. Violette Stendelwurz (Epipactis purpurata , Syn: Epipactis pollinensis , Epipactis pseudopurpurata )
Untersektion Autogamepactis Epipactis aspromontana (Sie wird von R. Govaerts zu Epipactis leptochila subsp. aspromontana gestellt) Epipactis bugacensis : Sie kommt mit zwei Unterarten in Südwesteuropa und in Mitteleuropa vor. Epipactis campeadorii (Sie wird von R. Govaerts zu Epipactis bugacensis subsp. rhodanensis gestellt) Kretische Stendelwurz (Epipactis cretica ) Epipactis dunensis (Syn.: Epipactis muelleri var. dunensis , Epipactis peitzii var. sancta , Epipactis sancta , Epipactis leptochila subsp. sancta , Epipactis dunensis subsp. sancta , Epipactis dunensis subsp. tynensis ; es werden keine Subtaxa akzeptiert): Sie kommt nur vom nördlichen England bis nördlichen Wales vor. Epipactis flaminia : Sie kommt im östlichen Mitteleuropa vor. Epipactis futakii (Syn.: Epipactis leptochila subsp. futakii ): Sie kommt in Tschechien und in Ungarn vor. Epipactis greuteri : Sie kommt in Südosteuropa und im östlichen Mitteleuropa vor. Epipactis komoricensis (Syn.: Epipactis leptochila subsp. komoricensis ): Sie kommt in Tschechien vor. Schmallippige Stendelwurz (Epipactis leptochila , Syn.: Epipactis thesaurensis , Epipactis peitzii ) Sie kommt in mehreren Unterarten in Europa und im Kaukasusraum vor. Müllers Stendelwurz (Epipactis muelleri ) Epipactis nauosaensis (Syn.: Epipactis leptochila subsp. naousaensis ): Sie kommt im nördlichen Griechenland vor. Übersehene Stendelwurz (Epipactis neglecta , Epipactis leptochila subsp. neglecta ): Sie kommt in Mitteleuropa und in Südosteuropa vor. Epipactis nordeniorum (Syn.: Epipactis mecsekensis , Epipactis moravica ): Sie kommt im südlichen und im östlichen Mitteleuropa vor. Epipactis olympica : Sie kommt in Griechenland vor. Epipactis placentina : Sie kommt von der Schweiz bis Sizilien vor. Epipactis pontica : Sie kommt vom östlichen Mitteleuropa bis zur nördlichen Türkei vor. Epipactis provincialis (Syn.: Epipactis leptochila subsp. provincialis ): Sie kommt im südlichen Frankreich vor. Rhone-Stendelwurz (Epipactis rhodanensis , Epipactis bugacensis subsp. rhodanensis ): Sie kommt in Südwesteuropa und in Mitteleuropa vor. Epipactis sancta (Syn.: Epipactis dunensis subsp. sancta ) Epipactis schubertiorum : Sie wird von R. Govaerts als Unterart Epipactis helleborine subsp. schubertiorum angesehen. Epipactis voethii : Sie wird von R. Govaerts als Synonym von Epipactis helleborine subsp. shelleborine angesehen.
Sektion Ripariphilae Elbe-Stendelwurz (Epipactis albensis ): Sie kommt in Mitteleuropa und in Südosteuropa vor. Epipactis confusa : Sie wird von R. Govaerts als Synonym zu Epipactis phyllanthes var. phyllanthes gestellt. Epipactis fageticola : Sie kommt in Südwesteuropa und in Mitteleuropa vor. Epipactis fibri (Syn.: Epipactis albensis var. fibri ): Sie kommt in Frankreich vor. Epipactis gracilis (Wird von manchen Autoren auch als Cystorchis gracilis zur Gattung Cystorchis gestellt) Persische Stendelwurz (Epipactis persica ): Sie kommt von den Inseln der östlichen Ägäis bis zum westlichen Himalaja vor. Grünblütige Stendelwurz (Epipactis phyllanthes ; Syn.: Epipactis confusa ): Sie kommt im westlichen und im nordwestlichen Europa vor. Im Mitteleuropa hat sie Vorkommen in Belgien, im östlichen Dänemark, in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und auf Rügen. Epipactis stellifera : Sie kommt in der Schweiz vor. Epipactis tallosii : Sie kommt in Tschechien, Ungarn und im nordöstlichen Italien vor.
Sektion Rhytidochilium Braunrote Stendelwurz (Epipactis atrorubens , Syn.: Epipactis danubialis , Epipactis spiridonovii , Epipactis subclausa ) Dichtblütige Stendelwurz (Epipactis condensata ): Sie kommt in zwei Unterarten von der Türkei bis zum Libanon, auf Zypern und im Kaukasusraum vor. Epipactis kleinii : Sie kommt von Spanien bis zum südlichen Frankreich vor. Kleinblättrige Stendelwurz (Epipactis microphylla ): Sie kommt von Europa bis zum Iran vor.
Weitere Arten sind (ohne Zuordnung zu einer Sektion): Epipactis africana : Sie kommt vom südwestlichen Äthiopien bis zum nördlichen Mosambik vor. Epipactis autumnalis : Sie wurde 2007 aus dem nordöstlichen Italien erstbeschrieben. Epipactis calabrica : Sie wurde 2014 aus Süditalien erstbeschrieben. Epipactis cupaniana : Dieser Endemit wurde 2013 aus Sizilien erstbeschrieben. Epipactis etrusca : Sie wurde 2014 Italien aus erstbeschrieben. Epipactis flava (Syn.: Epipactis atromarginata ): Sie kommt in Thailand, Myanmar, Laos und Vietnam vor. Epipactis gigantea : Sie kommt vom südwestlichen Kanada bis zum nördlichen Mexiko vor. (Vermutlich Sektion Cymbochilium) Epipactis hyblaea : Sie wurde 2014 Italien aus erstbeschrieben. Epipactis ioessa : Sie wurde 2007 aus Italien erstbeschrieben. Epipactis krym-montana : Dieser Endemit wurde 2014 von der Krim erstbeschrieben. Epipactis mairei : Sie kommt von Nepal bis China vor. Epipactis ohwii : Sie kommt in Taiwan vor. Epipactis pinovica : Sie wurde 2014 aus Griechenland erstbeschrieben. Epipactis sanguinea : Sie wurde 2014 Italien aus erstbeschrieben. Epipactis savelliana : Sie wurde 2007 aus Mittelitalien erstbeschrieben. Epipactis taurica : Dieser Endemit wurde 2012 von der Krim erstbeschrieben. Epipactis thunbergii (vermutlich Sektion Arthrochilium): Sie kommt von Russlands Fernen Osten bis ins südliche Korea und von Japan bis zu den Nansei-Inseln vor. Epipactis ulugurica : Dieser Endemit kommt nur im Ulugurugebirge in Tansania vor. Epipactis xanthophaea : Sie kommt im nördlichen China vor.
Versuch der Ausgliederung einer Gattung Arthrochilium Dariusz L. Szlachetko hielt 2003 die Unterschiede der Sektionen Arthrochilium und Cymbochilium zur Sektion Epipactis für ausreichend, um diese Sektionen unter dem Namen Arthrochilium in den Rang einer eigenen Gattung zu erheben. Dies betrifft die Arten Epipactis africana, Epipactis atromarginata, Epipactis flava, Epipactis gigantea, Epipactis handelii, Epipactis mairei, Epipactis royleana, Epipactis schensiana, Epipactis setchuanica, Epipactis thunbergii, Epipactis ulugurica, Epipactis veratrifolia, Epipactis wilsonii, Epipactis xanthophaea. 2007 kamen dann noch die Arten Epipactis alata und Epipactis atromarginata hinzu. Die Art Epipactis palustris rechnete er als Arthrochilium palustre von Anfang an dazu. Doch in nachfolgenden Floren und Revisionen hat sich diese Ansicht nicht durchgesetzt.
Naturhybriden Es gibt einige Naturhybriden.
Quellen Einzelnachweise Johann Gottfried Zinn: Catalogus Plantarum Horti Academici Et Agri Gottingensis, Göttingen 1757. Erich Klein: Versuch einer Gliederung der Gattung Epipactis ZINN (Orchidaceae-Neottieae). In: Journal Europäischer Orchideen Band 37 (1), 2005. AHO Baden-Württemberg, Stuttgart, S. 121–130.
Dariusz L. Szlachetko: Arthrochilium, eine vergessene Gattung der Tribus Neottieae. In: Die Orchidee. Band 54 (5), 2003, S. 59–61, .
Alec M. Pridgeon, Phillip Cribb, Mark W. Chase, Finn N. Rasmussen: Epidendroideae (Part One). Genera Orchidacearum, 4, S. 1–672. Oxford University Press, New York, Oxford, 2005/2006. Gerald Parolly: Epipactis. In: Schmeil-Fitschen: Die Flora Deutschlands und angrenzender Länder. 98. Auflage. Verlag Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2024. ISBN 978-3-494-01943-7. S. 184–188. World Checklist of Selected Plant Families 2010, The Board of Trustees of the Royal Botanic Gardens, Kew. In: Datenblatt Epipactis leptochila In: Euro+Med Plantbase - the information resource for Euro-Mediterranean plant diversity. Helmut Baumann, Siegfried Künkele: "Orchidaceae". In Oskar Sebald u. a.: Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs. 1. Auflage Band 8. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 1998. ISBN 3-8001-3359-8. S. 292–309.
Literatur Alec M. Pridgeon, Phillip Cribb, Mark W. Chase, Finn N. Rasmussen: Epidendroideae (Part One). Genera Orchidacearum, 4, S. 1–672. Oxford University Press, New York, Oxford, 2006.