Die Gewöhnliche Steinplattenspinne oder Stein-Mausspinne (Drassodes lapidosus) ist eine Spinne aus der Familie der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae). Sie ist paläarktisch verbreitet und bewohnt als grundsätzlich xerothermophile (trockene warme Lebensräume bevorzugende), jedoch sehr anpassungsfähige Art, eine Vielzahl offene und trockene ebenso wie feuchte Habitate (Lebensräume). Eine Synanthropie (Anpassung an menschliche Siedlungen) ist bei der Spinne ausgeprägt, daher kommt sie auch in und an Gebäuden sowie Gartenanlagen vor. Sie ist die größte Art der Steinplattenspinnen (Drassodes) und fällt auch im Vergleich mit vielen anderen Vertretern der Familie durch ihre Größe auf. Die Färbung ist überwiegend blass- bis graugelb. Bisse der Gewöhnlichen Steinplattenspinne beim Menschen sind überliefert. Der Biss gilt zwar als schmerzhaft, ruft jedoch keine medizinisch relevanten Folgen hervor.
Wie alle Arten der Gattung ist die Gewöhnliche Steinplattenspinne nachtaktiv und verbirgt sich am Tag in einem Wohngespinst. Sie erlegt Beutetiere als aktiver Laufjäger, also ohne ein Spinnennetz. Dabei passt sie ihre Jagdweise der Größe des Beutetiers an. Daher steht ihr ein relativ großes Beutespektrum zur Verfügung. Dieses setzt sich aus verschiedenen Gliederfüßern zusammen auch solchen, die deutlich größer als sie selbst sein können. Sie überwältigt auch andere wehrhafte Beutetiere wie zum Beispiel größere Spinnen.
Bei der Gewöhnlichen Steinplattenspinne geht der Paarung je nach Situation eine wenig ausgeprägte Balz voraus. Das Männchen sucht anfangs den Unterschlupf eines noch unreifen Weibchens auf. Letzteres betreibt Brutpflege und legt einige Zeit nach der Begattung einen Eikokon an, der in einem Brutgespinstsack bewacht wird. Sonst ist der Lebenszyklus der Art unerforscht.
Merkmale mini|Rückansicht eines Weibchens mit fehlendem Bein Das Weibchen der Gewöhnlichen Steinplattenspinne erreicht laut Gershom Levy (2004) eine Körperlänge von 9,9 bis 23,2, das Männchen von 7,2 bis zu 13,5 Millimetern. Damit handelt es sich um die größten Vertreter der Steinplattenspinnen (Drassodes) und auch um einen vergleichsweise großen der Plattbauchspinnen (Gnaphosidae). Der Körperbau der Art ist weitgehend identisch mit dem anderer Arten aus der Gattung.
Das Prosoma (Vorderkörper) hat eine gelb- bis rotbraune Grundfarbe und ist mit vergleichsweise breiten und kurzen Setae (chitinisierten Haaren) bedeckt. Das Peltidium oder Carapax, das Rückenschild des Prosomas, weist marginal (randseitig) einen dunklen Saum auf und der vordere Teil des cephalen (am Kopf gelegenen) Bereichs sowie die Cheliceren (Kieferklauen) sind etwas dunkler als der Rest des Prosomas. Auch die Maxillae (umgewandelte Coxen bzw. Hüftglieder der Pedipalpen) und das Labium (sklerotisierte Platte zwischen den Maxillae und vor dem Sternum) sind etwas dunkler gefärbt.
Die Färbung des Sternums (Brustschild des Prosomas) entspricht der des restlichen Prosomas, fällt aber etwas dunkler aus. Auch die Färbung der Beine ist mit Ausnahme ihrer leicht helleren Unterseite mit der des Prosomas identisch. Das Opisthosoma (Hinterleib) besitzt eine graubraune Grundfärbung und ist wie das Prosoma mit dicken kurzen Härchen überzogen. Gelegentlich hat es ein schwach erkennbares, etwas dunkleres Mal im anterioren (vorderen) Bereich.
Sexualdimorphismus mini|Männchen Wie viele Spinnen weist auch die Gewöhnliche Steinplattenspinne einen ausgeprägten Sexualdimorphismus auf. Diese Unterschiedlichkeit der Geschlechter macht sich nicht nur bei den Dimensionen, sondern vor allem auch bei der Bezahnung der Cheliceren bemerkbar. Beide Geschlechter besitzen dort promarginal (innen vorderseitig) je drei Zähne. Beim Männchen sind dies ein großer distaler (von der Körpermitte entfernt liegender) und zwei kleinere proximale (zur Körpermitte gelegene) Zähne. Außerdem sind beim Männchen die Femora (Schenkel) und die Patellae (Glieder zwischen Femora und Tibien) der Pedipalpen (umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) schlank, gleich breit gebaut und verlaufen an beiden den Seiten parallel. Beim Weibchen ist einer von den drei promarginalen Zähnen an den Cheliceren einer proximal angelegt und größer als die beiden anderen. Daneben gibt es zusätzlich an jeder Chelicere zwei retromarginale (innen vorderseitige) Dentikel (zahnartige Gebilde). +Körpermaße der Gewöhnlichen Steinplattenspinne in Millimetern nach LevyMaximale MaßeMännchenWeibchenMaße des ProsomasLänge des Carapax3,8 bis 6,24,4 bis 8,2Breite des Carapax2,7 bis 4,63,2 bis 5,8Index des Carapax1,35 bis 1,411,3 bis 1,4Index des Clypeus1,3 bis 21,5 bis 2Index des Labiums1,41 bis 1,551,38 bis 1,5Maße der ExtremitätenLänge des ersten Beinpaars13,1 bis 18,911,3 bis 19,2Länge des zweiten Beinpaars12,4 bis 17,210,6 bis 17,8Länge des dritten Beinpaars10,8 bis 14,89,6 bis 15,9Länge des vierten Beinpaars14 bis 19,513,1 bis 21,9Index des Abschnitts zwischen den Patellae und den Tibien1,1 bis 1,30,84 bis 1,03
Genitalmorphologische Merkmale mini|Einzelner Bulbus eines Männchens Die Pedipalpen des Männchens haben je eine lange Apophyse (Fortsatz) an den Tibien (Schienen) mit einer Projektion (Vorsprung), die ventral betrachtet kräftig und länglich, in der lateralen (seitlichen) Ansicht jedoch teilweise kegelförmig erscheint. sonst sind diese Apophysen kurz und marginal glatt. Das Cymbium (erstes und vorderes Sklerit bzw. Hartteil) eines einzelnen Bulbus (männliches Geschlechtsorgans) ist bei der Art vergleichsweise lang. Der Embolus (drittes und letztes Sklerit des Bulbus) ist eher kurz und dünn. Sein filamentöser (fadenartiger) Bereich springt auf halber Höhe des Tegulums (zweites und mittleres Sklerit des Bulbus) aus.
Die Epigyne (weibliches Geschlechtsorgan) des Weibchens ist unter anderem durch ihr breites, lateral angelegtes Becken charakterisiert. Sie besitzt median ein breites, fast gerade kantiges und trapezförmiges Septum (Trennwand), das sich in anteriore Richtung allmählich verjüngt. Die Einführgänge sind sklerotisiert (verhärtet), median angelegt, von halbkreisförmiger Gestalt und retrolateral (hinten seitlich) ausgerichtet. Die Vulva ist mit gebogenen Spermatheken (Samentaschen) ausgestattet, die sich bis hinter das laterale Becken der Epigyne erstrecken.
Habituelle Differenzierung von anderen mitteleuropäischen Steinplattenspinnen Grundsätzlich ähneln sich vom Habitus (Erscheinungsbild) her alle Steinplattenspinnen (Drassodes) einander so sehr, dass sie am Sichersten anhand ihrer genitalmorphologischen Merkmale voneinander unterschieden werden können. Die Art kann sehr leicht mit den anderen drei in Mitteleuropa vorkommenden Arten der Gattung verwechselt werden.
Die meisten Gemeinsamkeiten hat die Gewöhnliche Steinplattenspinne mit der Kupfernen Steinplattenspinne (D. cupreus); beide Arten lassen sich anhand ihrer einander ähnelnden Genitalien differenzieren. Die Männchen beider Vertreter können anhand ihrer Bulbi voneinander unterschieden werden, wenn diese ventral betrachtet werden. Das Cymbium der Kupfernen Steinplattenspinne fällt kürzer als das der Gewöhnlichen Steinplattenspinne aus, wobei der distale Teil bei letzterer Art länger oder mindestens genauso lang wie der Alveolus (Grube) des Tegulums ist, während er bei der anderen kürzer als der Alveolus ausfällt. Außerdem ist der Embolus der Kupfernen Steinplattenspinne weniger gerade verlaufend und geringfügig länger als der der Gewöhnlichen Steinplattenspinne. Darüber hinaus kann die Bezahnung der Cheliceren der Männchen beider Arten zur Unterscheidung herangezogen werden, da das Männchen der Kupfernen Steinplattenspinne je zwei große, gut voneinander getrennte Zähne retromarginal an den Cheliceren aufweist.
Die Epigynen der Gewöhnlichen und der Kupfernen Steinplattenspinnen können in ihrer Gestalt sehr variieren, was eine Bestimmung der Weibchen beider Arten aufgrund der großen Ähnlichkeiten ihrer Genitalorgane stark erschweren kann. Am sichersten lassen sie sich anhand ihrer beiden Paare von Spermatheken unterscheiden. Bei der Kupfernen Steinplattenspinne sind die beiden Spermatheken des posterioren (hinteren) Paares breiter als die des anterioren, während bei der Gewöhnlichen Steinplattenspinne das Gegenteil der Fall ist. Außerdem haben beide Arten im Bereich der Epigyne einen zentral angelegten, zungenförmigen Prozess (Fortsatz), bei dem bei letzterer Art die Breite des posterioren Bereichs im Verhältnis zur Gesamtbreite der Epigyne höher als bei der Gewöhnlichen Steinplattenspinne ausfällt.
Ein weiterer Verwechslungskandidat der Gewöhnlichen Steinplattenspinne in Mitteleuropa ist die Haarige Steinplattenspinne (D. pubescens), diese bleibt jedoch meist deutlich kleiner und kann außerdem heller als die Gewöhnliche Steinplattenspinne gefärbt sein. Ein Bulbus dieser Art hat eine vergleichsweise große distale Apophyse, die den Embolus teilweise verdeckt. Die Epigyne besitzt sich fast in der Mitte berührende Leisten.
Ähnlichkeiten weist die Gewöhnliche Steinplattenspinne auch mit der vierten in Mitteleuropa vorkommenden Art der Gattung, der Struppigen Steinplattenspinne (D. villosus) auf, die aber ebenfalls kleiner bleibt und meist eher kräftiger braun gefärbt ist. Ein einzelner Pedipalpus hat beim Männchen dieser Art eine hakenförmige distale Apophyse und die Tibialapophyse einen gezähnten Rand, während der Embolus eher klein ausfällt. Die Epigyne besitzt einen zentralen, trapezförmigen Bereich, der breiter als lang ist.
Vorkommen mini|Männchen, gefunden in der Provinz Almaty in Kasachstan. Das Verbreitungsgebiet der Gewöhnlichen Steinplattenspinne erstreckt sich von den Azoren über Europa, den Maghreb, die Türkei, Kaukasien, Russland (Europa bis zum Fernen Osten), Israel, den Iran, Zentralasien, China, Korea und Japan. Auch in Europa ist die Art flächendeckend verbreitet und fehlt in Kontinentaleuropa lediglich in den Niederlanden, Schweden, Finnland, der Oblast Kaliningrad, Litauen, Belarus und im westlichen europäischen Gebiet Russlands, außerdem fehlt sie auf der russischen Doppelinsel Nowaja Semlja, in Franz-Josef-Land, auf der Inselgruppe Spitzbergen und Island.
In Deutschland liegt der Verbreitungsschwerpunkt der Gewöhnlichen Steinplattenspinne vor allem im Mittelgebirge, wo die Art recht häufig anzutreffen ist. Im Gegensatz dazu ist sie in den flacheren Gebieten Norddeutschlands seltener. In Großbritannien ist sie vor allem in der südlichen Hälfte der Insel weit verbreitet, während sie nach Norden hin lückenhaft und sehr verstreut vorkommt. In Großbritannien wurde die Spinne in Höhen von bis zu 518 Metern über dem Meeresspiegel nachgewiesen.
Lebensräume und Unterscheidungen von denen anderer mitteleuropäischer Steinplattenspinnen Die Gewöhnliche Steinplattenspinne bewohnt eine Vielzahl an Habitaten (Lebensräumen), zeigt jedoch eine Bevorzugung für steinige Lebensräume, wie Geröll und trockenere Bereiche hinter Kiesstränden. Daneben bewohnt sie eine Vielzahl trockener Gebiete wie Magerrasen, Halb- wie Trockenrasen, Zwergstrauch- und Wacholderheiden, Küstendünen, Steinbrüche und lichte trockene Nadel- und Laubwälder sowie trockene Ruderalvegetation genauso wie feuchte Areale, darunter Moore, Sümpfe sowie auf Feucht- und Frischwiesen. Auch in Halden und Heiden wurde die Art nachgewiesen. Gleiches gilt für Sträucher. Gemieden werden allerdings intensiv genutzte Grünlandflächen und Äcker sowie dichte und dunkle Wälder. Darüber hinaus weist die Gewöhnliche Steinplattenspinne eine Synanthropie (Anpassung menschlicher Siedlungen) auf und ist deshalb auch in Gebäuden anzutreffen. Auch in Gärten und Brachen, in denen ausgediente Baumaterial und Kleidung abgelegt wurden, kann die Art vorgefunden werden.