Karl Rössing (* 25. September 1897 in Gmunden, Österreich; † 19. August 1987 in Wels) war ein österreichischer Maler, Graphiker und Buchillustrator. Er schuf vor allem Holzstiche (1917 bis 1950), Linolschnitte und Holztafeldrucke (1950 bis ca. 1983) sowie Ölgemälde und Bildzeichnungen (1981 bis 1987).
Rössing verarbeitete unter anderem Tendenzen des Surrealismus (Montage) und der Neuen Sachlichkeit (Form) und nahm Anregungen aus Film und Literatur auf.
Als Hochschullehrer wirkte er in Essen, Berlin und Stuttgart. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Heinz Kiwitz, Hermann Schardt und Günther Strupp (Essen), Ullrich Bewersdorff und Heinz Theuerjahr (Berlin), Bernd Becher, Robert Förch, Wolfgang Gäfgen, Dieter Groß, Romuald Hengstler, Christine Heuer, Heinrich Heuer, Friedrich Meckseper, Walter Rabe, Malte Sartorius, Günter Schöllkopf, Hermann Sturm, Hans Peter Willberg.
Karl Rössing war ab 1922 mit der Malerin Erika Rössing, geb. Glöckner (1903–1977) verheiratet.
Leben 1897–1921 Karl Rössing wurde als Sohn deutscher Eltern geboren. Sein Vater war Kastellan im Schloss Cumberland von Ernst August von Hannover (1845–1923), des 3. Herzogs von Cumberland. Er studierte von 1913 bis 1917 an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München unter Richard Riemerschmid bei Fritz Helmuth Ehmcke (Schrift und Illustration) und Adalbert Niemayer, Mitglieder des Deutschen Werkbundes.
In dieser fand seine erste Ausstellung im Graphischen Kabinett Schmidt-Bertsch in München 1915 statt. Es folgten 1916 erste Veröffentlichungen von Arbeiten in Die Furche und Deutsche Studentenarbeit in Feld und Heimat. Ein Jahr später entstand der erste Holzstich und er erhielt den ersten Illustrationsauftrag von Emil Kugler (Hausmärchen der Kuglerkinder, veröffentlicht 1920, E-M 1.21). Damit war sein künstlerischer Weg vorgezeichnet. Bei Illustration und Holzstich lag sein Schwerpunkt in den kommenden Jahren.
Nach dem Krieg ließ sich Rössing wieder in Gmunden nieder. 1919 stellt er bei der Neuen Sezession in München aus, worauf Rainer Maria Rilke auf ihn aufmerksam wurde. In Salzburg lud ihn Joseph August Lux zur Mitarbeit an der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Kunst- und Kulturrat (1919 bis 1921) ein. 1921 nahm er an der „Internationalen Schwarz-Weiß-Ausstellung“ und zugleich letzten Ausstellung der 1919 von Felix Albrecht Harta und Anton Faistauer begründeten Künstlervereinigung „Der Wassermann“ teil. Mit dabei waren Künstler wie Ernst Barlach, George Grosz, Alfred Kubin und Käthe Kollwitz. Rössing erhielt die Silbermedaille der Republik Österreich.
1921–1931 mini|hochkant|Abschlussarbeit des Schülers Heinz Kiwitz mit einem Selbstporträt Kiwitz' (Essen, 1931) 1921 wurde Karl Rössing nach Essen berufen. Er übernahm an der Folkwangschule die Abteilung Buchgewerbe und Graphik. 1926 erhielt er den Titel eines Professors und wurde Leiter der Fachklasse für Buchgewerbe und Graphik (Illustration). Er war Mitglied des Fritz-Helmuth-Ehmcke-Kreises (Ausstellungen und Veröffentlichungsorgan Das Zelt), des Essener Bibliophilenabends und des Zylinder-Clubs.
Seine größten Erfolge als Illustrator fielen in die boomenden Nachkriegsjahre. Mitte der 1920er Jahre wendete er sich, als der Buchmarkt gesättigt schien, verstärkt der Malerei und Zeichnung zu. Er beteiligte sich an der legendären Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ 1925 in Mannheim.
Reisen nach Holland und Paris blieben ohne sichtbaren Einfluss. Die wichtigsten und nachhaltigsten Impulse verdankte er seiner ersten Romreise 1930. Erstmals nahm Rössing hier angesichts der Bauten aus verschiedenen Epochen bewusst das Nebeneinander und Ineinandergreifen der Zeiten wahr. Die Stadt inspirierte ihn dazu, künstlerische Ansätze konsequent weiterzuentwickeln: Er nahm aus der Wirklichkeit einzelne Motivelemente und ordnete sie in seinen Bildern zu einer neuen Einheit (zum Beispiel Traumblätter).
Italien blieb für Rössing zeitlebens seine „dritte Heimat“: 1932 weilte er wie Max Peiffer Watenphul und Wilhelm Schnarrenberger als Studiengast in der Villa Massimo in Rom (Stipendium des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung). Von 1952 bis 1976 bereiste er das Land ein- bis zweimal jährlich für jeweils mehrere Wochen.
Parallel zu diesen kontemplativen Graphiken entstanden sein explizit gesellschaftskritisches Werk. Seit seiner Kindheit und Jugend beschäftigte er sich mit kritischer Literatur, insbesondere mit Wilhelm Busch und Karl Kraus; letzteren lernte er 1929 in Essen persönlich kennen.
Kritische Ansätze gab es schon in seinen Illustrationen. Sie wurden ab 1927 in Lithographien und Holzstichen zu eigenständigen Themen formuliert. Veröffentlicht wurden die Blätter in Ausstellungen und in diversen Zeitschriften, die sowohl einer eher konservativen Richtung zuzuordnen waren, wie die Jugend oder Simplicissimus, als auch in linksgerichteten Blättern wie Die Büchergilde. 1932 erschienen 100 Holzstiche, eine Auswahl der kritischen Blätter, in Buchform unter dem programmatischen Titel Mein Vorurteil gegen diese Zeit bei der Büchergilde Gutenberg.
1931–1945 1931 wurde der Dienstvertrag Karl Rössings nicht mehr verlängert. Kurzfristig kehrte das Ehepaar nach Linz/Österreich zurück. Karl und Erika Rössing verbrachten immer wieder einige Wochen in Berlin und hatten die Absicht, sich dort so bald als möglich niederzulassen. Seit 1931 wurde Rössing unter anderen vom Reichskunstwart Edwin Redslob gefördert, der ihn auch bei Bewerbungen unterstützte. Obwohl dieser 1933 von der neuen Regierung entlassen wurde, befürworteten 1934 die noch im Amt befindlichen Beamten des Preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung sowie Alexander Kanoldt Rössings Bewerbung als Dozent der Klasse für Malen und Zeichnen an der Staatlichen Hochschule für Kunsterziehung in Berlin (heute Universität der Künste). 1939 wurde er hier Professor auf Lebenszeit.
Rössings Leben in der NS-Zeit ist ein Spiegel der Widersprüchlichkeit dieser Zeit. 1937 beschlagnahmte man die Illustrationen zu Münchhausen sowie die Graphik Einwandfreie Prozeßführung in Erfurt – einige der wenigen Arbeiten, die sich von ihm in Museen befinden. Außerdem wurde er in Wolfgang Willrichs berüchtigtem Buch Säuberung des Kunsttempels erwähnt. Im selben Jahr diffamierte ihn einer seiner Studenten. Zum 1. Mai 1938 trat Rössing der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 6.196.255).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/35380810 1933 hatte er sich bereits um eine Mitgliedschaft bemüht – er wurde jedoch nicht registriert und bezahlte nach seiner Übersiedlung nach Berlin auch keinen Mitgliedsbeitrag mehr.
1941 bereiste Rössing Kreta im Auftrag von Walter Wellenstein im Reichsluftfahrtministerium (Bereich Kunstbeschaffung), für das er unter anderem neben dem „Schillertheater“ tätig war. Theaterdirektor Heinrich George hatte hier seinen Freund, den Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger, ehemals Kommunist wie er, als künstlerischen Beirat engagiert. Fraenger, der von den Nationalsozialisten in Heidelberg entlassen worden war, engagierte seinerseits Karl Rössing sowie dessen Schüler aus Essen, den Kommunisten Günther Strupp.
Die Motive in Rössings Bildern kamen zum Großteil dem Regime entgegen: Landschaftsbilder, die er von seinen Sommeraufenthalten in Österreich und Südtirol mitbrachte, sowie Bilder von historischen Themen, die ihn zeitlebens interessierten. Gleichzeitig versuchte er aber immer wieder erfolgreich, zeitkritische Graphiken wie die Blätter zum Tod, zu Goebbels und Göring oder unter anderem auch den Fallschirmjägerfriedhof auf Kreta zu veröffentlichen. Rössing war 1939 und 1940 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München vertreten, wobei 1939 die „Kanzlei des Führers der NSDAP“ seine Zeichnung „Der Nussbaum“ für 450 RM erwarb.
1944 wurde Rössings Wohnhaus bei einem Bombenangriff zerstört. Er verlor zahlreiche Arbeiten und unter anderem etwa 1800 Bücher. Daraufhin zog er mit seiner Frau nach Blankenburg (Harz), wo sein Bruder Wilhelm lebte. Im selben Jahr wurde er zum Kriegsdienst verpflichtet. Aber wie beim Ersten Weltkrieg (1917/1918) erlebte er auch diesen Krieg – psychisch schwer belastet – nur peripher.
1945–1960 Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft kehrte Rössing nach Blankenburg zurück, das kurz danach durch Angehörige der Roten Armee besetzt wurde. Er wurde Mitbegründer des Kulturbundes, Ortsgruppe Blankenburg, und Vorsitzender des Kunstkreises Blankenburg.
Die Jahre der NS-Zeit und unmittelbaren Nachkriegszeit wurden von ihm immer wieder in Briefen reflektiert. Diese gingen unter anderen an Alfred Kubin, den er über Emil Kugler kennengelernt hatte und mit dem er seit 1928 in Briefwechsel stand. Briefe wie diese sind selten und haben deshalb einen hohen dokumentarischen Wert.
1947 wurde Karl Rössing an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart berufen und übernahm – Professor auf Lebenszeit – schließlich das gesamte Gebiet der Freien Graphik und Illustration. 1953 bis 1955 war er Rektor, 1955 bis 1957 Prorektor.
Er war Mitglied im Deutschen Künstlerbund, (abgerufen am 28. Dezember 2015) in der literarischen Vereinigung „Tisch der 13“, und unter anderem 1953 in Zürich Gründungsmitglied von „XYLON. Internationale Vereinigung der Holzschneider“, kurzzeitig auch Vizepräsident. In Österreich gehörte er gemeinsam mit seiner Frau Erika der Künstlervereinigung MAERZ an.
Um 1950 schloss Rössing das Holzstichwerk, unter anderem rund 70 Illustrationen und graphische Folgen, mit der Odyssee ab. Er wechselte zum Linolschnitt und knüpfte dabei stilistisch und inhaltlich an die Traumblätter (1930–1935) und die Begegnungen (1945/1946) an.
In Stuttgart stand Rössing wie andere Kollegen im Schatten des in diesen Jahren zu Ruhm kommenden Willi Baumeister. Sie waren menschlich und künstlerisch gegensätzlich, stellten aber gerade darum ein charakteristisches Spiegelbild der politisch motivierten Kunstszenen dar. Sie stützten sich beide in ihren Arbeiten auf die Kunst vergangener Jahre. Baumeister versuchte mit seiner archaisch anmutenden Bildsprache im Geist der alten Kulturen schöpferisch zu sein und begann bei seinem legendären „Nullpunkt“. Rössing hingegen knüpfte an die abendländische Kultur an und versuchte mit ungewöhnlichen Kombinationen unter anderem von Artefakten der vergangenen 2000 Jahre ein aktualisiertes Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Damit stand er der jungen aktuellen Kunst überraschend nahe. Zeitgenössische Künstler bedienten sich dabei allerdings der neuesten technischen Errungenschaften und griffen zur Bildherstellung auf den Computer zurück.
1960–1987 1960 ließ sich Karl Rössing auf eigenen Wunsch vorzeitig in den Ruhestand versetzen und übersiedelte mit seiner Frau nach Gauting bei München. Nach dem Tod seiner Frau, 1977, zog er weiter nach Österreich – nach Marchtrenk in die Griesmühle zu seiner Nichte Inge Linsboth und seinem Großneffen Josef Brunner.
Nach wie vor war es ihm wichtig, sein Werk in beiden Teilen Deutschlands zu zeigen. In den 1960er und 1970er Jahren wurde im Rahmen des neu erwachten Interesses für die Weimarer Republik das gesellschaftskritische Werk in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen neu entdeckt. In der DDR war er damit nie vergessen. Seine Beziehung zur DDR, die er 1976 und 1978 besuchte, verdankte er vor allem dem befreundeten Künstler Heinrich Ehmsen und dessen Frau Lis Bertram-Ehmsen.
Rössing engagierte sich nie politisch oder in einer Gruppe. Dem Kunstmarkt gegenüber verhielt er sich distanziert und stiftete sein Werk zum Großteil öffentlichen graphischen Sammlungen.