mini|hochkant=1.2|Elisabeth Noelle-Neumann 1991 im Gespräch mit Otto Schlecht, dem Vorsitzenden der Ludwig-Erhard-Stiftung
Elisabeth Noelle-Neumann (amtlich zuletzt: Elisabeth Noelle; * 19. Dezember 1916 in Berlin; † 25. März 2010 in Allensbach) war eine deutsche Demoskopin, Kommunikationswissenschaftlerin und Publizistin. Sie arbeitete als Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mainz und war Gründerin des Instituts für Demoskopie (IfD) in Allensbach. Sie gilt als Pionierin der Demoskopie in Deutschland und war Begründerin der Theorie der Schweigespirale. In der Zeit des Nationalsozialismus schrieb sie für die von Joseph Goebbels herausgegebene NS-Propaganda-Zeitung Das Reich.
Herkunft und Ausbildung Elisabeth Noelle wurde als zweites von vier Kindern des Wirtschaftsjuristen Ernst Noelle (1886–1960) und dessen Frau Eva, geb. Schaper (1893–1977), in eine großbürgerliche Familie geboren. Ihr Vater gründete die Tobis-Filmgesellschaft und war ihr Generaldirektor. Ihre Großväter waren der Fabrikant und preußische Kommerzienrat Ernst Noelle (1854–1916) und der Bildhauer Fritz Schaper (1841–1919).Noelle-Neumann: Die Erinnerungen. 2006, S. 7 f.
Seit Oktober 1922 besuchte Noelle eine Privatschule in Berlin-Lichterfelde und von 1926 bis zur Obersekunda das Auguste-Viktoria-Lyzeum (Realgymnasium) in Berlin-Steglitz. Anschließend war Noelle Schülerin der Reinhardswaldschule bei Kassel, der Schule Schloss Spetzgart am Bodensee sowie schließlich des Oberlyzeums (Reformrealgymnasium) in Göttingen, an dem sie 1935 das Abitur ablegte.Lebenslauf in Dissertation.
Im Sommer 1935 arbeitete Noelle zunächst im Atelier Breuhaus und trat im Juli 1935 in den Arbeitsdienst ein, aus dem sie im Oktober 1935 wieder entlassen wurde. Zum Wintersemester 1935/36 begann sie wegen Überfüllung der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität ein Studium an der Wirtschaftshochschule Berlin. Seit dem Sommersemester 1936 studierte sie Geschichte, Zeitungswissenschaft und Philosophie an der Albertina in Königsberg und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Als Studentin war sie in NS-Projekten aktiv: Während ihrer Studentenzeit war sie Zellenleiterin in der Arbeitsgemeinschaft Nationalsozialistischer Studentinnen (ANSt), einer Unterorganisation des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes. Bei einem Besuch auf dem Obersalzberg begegnete sie Adolf Hitler persönlich. Dies sei „eine der stärksten und merkwürdigsten Erfahrungen“ ihres Lebens gewesen, erklärte sie später. Sie habe vorher „keinerlei Warnung“ empfangen.Markus Clauer: Zwischen Prognose und Macht. Zum Tode von Elisabeth Noelle-Neumann. In: Die Rheinpfalz, 26. März 2010. Diese Begegnung auf dem Obersalzberg war kein zufälliges Ereignis, wie aus einem Artikel der nationalsozialistischen Studentenzeitung „Die Bewegung“ hervorgeht.; Zu diesem Befund kommt auch Petra Umlauf in ihrer Dissertation Die Studentinnen an der Universität München 1926 bis 1945. Ein Gruppenfoto zeigt Elisabeth Noelle direkt hinter Adolf Hitler.24 Mädel beim Führer. In: Die Bewegung, Juni 1937 – dazu Vergleichsfotos der Zeit;
Vom Herbst 1937 bis zum Herbst 1938 studierte Noelle als Austauschstudentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der University of Missouri (USA). Zuvor hatte sie im Spätsommer 1937 am achttägigen „Lager der deutschen Austauschstudenten und -lehrer“ an der „Führerschule Neustrelitz“ teilgenommen. Die für die Ausreise vorgesehenen Personen (80 für die USA) erhielten dort letzte Anweisungen durch den Leiter des DAAD, Wilhelm Burmeister, und einige Vortragsredner, die der nationalsozialistischen Prominenz angehörten. Nur drei Tage nach Beginn des Lagers berichtete die New York Times am 27. August 1937 über die „Führerschule Neustrelitz“ und warnte davor, dass die deutschen Austauschstudenten einen Propagandaauftrag zu erfüllen hätten. Ihre schulischen Qualifikationen in den Fächern Englisch und Französisch wurden mit nicht genügend und genügend beurteilt. Trotzdem erhielt sie ein Sprachbefähigungszeugnis, das für ein Auslandsstudium obligatorisch war.
Während ihres Studienaufenthalts in Missouri lernte Noelle neueste Demoskopie-Methoden kennen. Ob sie dort Journalismus studierte, ist nicht abschließend geklärt, da sie als registrierter „special student“Admission of special students and hearers. In: The University of Missouri Bulletin, 1938, Volume 39, Number 5, S. 78 (englisch); vom Medizin-, Jura- und Journalismusstudium formal ausgeschlossen war.List of Students. In: The University of Missouri Bulletin, 1937, Volume 38, Number 4, S. 56 (englisch); Während ihres Studienaufenthaltes an der University of Missouri fiel sie zusammen mit ihrem Kommilitonen Heinrich Häring durch nationalsozialistische Propaganda auf,Esther Priwer: Nazi exchange students at the University of Missouri. In: The Menorah Journal, 1938; worüber in US-Zeitungen teils sehr ausführlich berichtet wurde.Elisabeth Noelle-Neumann as Nazi propagandist in US-newspapers, 1938. Laut eigenen Aussagen hielt sie in den USA damals siebzig Vorträge. Über ihre Aktivitäten berichtete der Sonderermittler des Dies Committee, John C. Metcalfe, im US-Repräsentantenhaus.Investigation of un-American propaganda activities in the United States. Band 2. Dies Committee, Hearing 28. September 1938, John C. Metcalfe, S. 1133–1134;
In einem Brief an Fred von Hoerschelmann äußerte sich Elisabeth Noelle-Neumann zu ihrer Studienzeit an der University of Missouri:
Dissertation mini|Deckblatt der Berliner Dissertation von 1940 Am 6. September 1938 reiste sie aus den USA aus und unternahm eine Weltreise (Japan, China und Vorderer Orient). Ostern 1939 setzte sie ihr Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin fort und wählte entsprechend den in den USA erhaltenen Anregungen Englisch als neues Nebenfach. Im September 1940 wurde sie bei Emil Dovifat in Berlin mit einer Studie über Meinungs- und Massenforschung in den USA promoviert.
In ihrer Dissertation, für die ihr das aktuelle Material über amerikanische Massenbefragungen seit Kriegsausbruch von den Abteilung „Ausländische Presse“ des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda zugänglich gemacht wurde,Elisabeth Noelle: Briefkopf DAS REICH. Auszug aus der Dissertationsakte Elisabeth Noelle, Nr. 915, 30. April 1941. Archiv der Humboldt-Universität Berlin; schreibt Noelle-Neumann: „Seit 1933 konzentrieren die Juden, die einen großen Teil von Amerikas geistigem Leben monopolisiert haben, ihre demagogischen Fähigkeiten auf die Deutschlandhetze.“Elisabeth Noelle: Amerikanische Massenbefragungen über Politik und Presse. Dissertation. Limburg 1940, S. 63. Die Zeit bestätigte 2010, dass die Dissertation klar antisemitisch gefärbte Aussagen enthält. Goebbels wollte Noelle auf Grund ihrer Arbeiten zur Meinungsforschung in den USA 1942 zu seiner Adjutantin machen. Eine längere Erkrankung hinderte sie jedoch daran, dieses Amt anzutreten.Otto Köhler: Volksbeschauerin vom Bodensee – Die Wunschadjudantin des Propagandaministers: Elisabeth Noelle-Neumann. In: Otto Köhler: Unheimliche Publizisten. Knaur, München 1995, ISBN 3-426-80071-3. Dem Tagesspiegel beantwortete sie 2005 eine Frage zu diesem Thema:
Die Limburger Vereinsdruckerei publizierte die Erstauflage von Elisabeth Noelle-Neumanns Dissertation; im selben Jahr erschien bereits eine Zweitauflage im Verlag Moritz Diesterweg unter dem Aufmacher „Meinungs- und Massenforschung in U.S.A. Umfragen über Politik und Presse“. Die Verfasserin teilte der Öffentlichkeit später mit, einen ersten Konflikt mit Goebbels’ Propagandaministerium gehabt zu haben, da man dort inhaltliche Änderungen gefordert habe, ohne die eine Zweitauflage nicht hätte erscheinen können. Sie habe dieser Forderung nicht zugestimmt, weshalb eine Zweitauflage unterblieben sei.
Noch 1997 beabsichtigte Elisabeth Noelle-Neumann ihre Dissertation aus dem Jahre 1940 neu aufzulegen, um damit auf „Identität zerstörende Kampagnen“ gegen sie zu reagieren. Diese Absichtserklärung erfolgte, nachdem ihr während eines Disputs mit dem US-amerikanischen Akademiker Christopher Simpson ein „inszenierter Rachefeldzug“ vorgeworfen worden war.
Karriere im Nationalsozialismus Anschließend absolvierte sie ein Volontariat bei der Deutschen Allgemeinen Zeitung. Ab 1940 schrieb sie für die von Joseph Goebbels herausgegebene NS-Propaganda-Zeitung Das Reich, eine Wochenzeitung, deren Leitartikel häufig von Goebbels verfasst wurden.„Elisabeth Noelle-Neumann war schon immer umstritten“. Historikerin zu NS-Vorwürfen gegen die Meinungsforscherin. Deutschlandfunk Kultur, 14. Mai 2013. Einige ihrer Artikel behandelten das Thema Juden und andere „Feinde“ des Hitler-Regimes. Nach ihrer Entlassung bei Das Reich ging sie bis zu deren Einstellung im Sommer 1943 zur Frankfurter Zeitung. Sie war Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Studentinnen,Gründerin des Allensbach-Instituts: Meinungsforscherin Noelle-Neumann ist tot. Spiegel Online, 25. März 2010.Die letzte Kerze. FAZ.net, Juni 2002, 31. August 2018 trat aber nicht in die NSDAP ein.19. Dezember 1916 – Elisabeth Noelle-Neumann wird geboren: Die Pythia vom Bodensee. WDR (Stichtag), 19. Dezember 2011.
Karriere nach 1945 mini|Elisabeth Noelle-Neumann mit Konrad Adenauer am Rande einer Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (1962) Im Laufe des Jahres 1946 zog Elisabeth Noelle-Neumann von Tübingen nach Allensbach um. Dort führte sie im Auftrag von Bernard Lahy, der auf der Insel Reichenau das Institut für psychologische und soziometrische Forschungen leitete, Umfragen durch; dieses Institut befand sich unter der Kontrolle der Sûreté nationale.
Erich Peter Neumann war 1947 als Informant des War Department tätig, sein Führungsoffizier war der deutsch-jüdische Offizier der US-Besatzungsstreitkräfte, Sig Hoxter alias Siegfried Höxter. Das Ehepaar Noelle-Neumann lernte Siegfried Höxter durch Vermittlung von Carl Zuckmayer kennen, der während seines Exils in den USA für den OSS tätig war.
Frederick W. Williams, der von 1945 bis 1948 die Umfrageaktivitäten der US-Besatzungsbehörden in West-Deutschland leitete, berichtete 1991, dass sich Elisabeth Noelle-Neumann im Frühjahr 1946 in seinem Büro in Bad Homburg vorstellte und sich bei ihm um eine Stelle bewarb. Sie wurde vom CIC arrestiert, da sie im illegalen Besitz von britischen Dokumenten war, die als „geheim“ klassifiziert waren.Frederick W. Williams: To the editor of Commentary (unpublished). 10. Dezember 1991 (englisch);
Am 16. Juni 1948Handelsregister Amtsgericht Konstanz gründete Noelle-Neumann gemeinsam mit ihrem Mann Erich Peter Neumann das Institut für Demoskopie Allensbach als erstes deutsches Meinungsforschungsinstitut. Die zuständigen OMGUS-Behörden diskutierten noch bis Ende 1949 über die Schließung des Instituts, u. a. wegen „Nazi-politischen Tendenzen“.Kurt Glaser: Institute for Demoskopie Especially informations about Elisabeth Noelle-Neumann and her husband Erich Peter Neumann (memo). OMGUS, 28. Oktober 1949 (englisch); 1950 reiste Oscar W. Riegel im Auftrag des Department of State nach Westdeutschland, um die dortigen Umfrageinstitute, die nach 1945 gegründet wurden, zu inspizieren. In der Schlussfolgerung seines umfangreichen Berichts erwähnt er die amerikanische Politik, Deutsche im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion zu engagieren. In diesem Zusammenhang wird Noelle-Neumann als „Selfmade“-Persönlichkeit beschrieben, was sich für die Meinungsforschung in Deutschland als gesund erweisen könne, sich jedoch für den amerikanischen Einfluss auf die deutsche Meinungsforschung nicht als förderlich erweisen dürfte: