Ein Daimon (, Plural ) ist in der griechischen Mythologie und Philosophie ein Geistwesen (siehe Dämon in den Religionswissenschaften). Der Begriff kann sich auf einen Gott oder auf die Seele eines Toten beziehen; meist sind aber Wesen gemeint, die einer von Göttern und Menschen zu unterscheidenden Klasse angehören. Die daimones vermitteln zwischen Göttern und Menschen. Ein besonderes Konzept ist das des „persönlichen“ Daimons, die Personifikation der Schicksalsbestimmung eines Menschen. Dem griechischen Daimon entspricht weitgehend der römische Genius.
Geschichte Homer Homer verwendet den Begriff selten. Im homerischen Sprachgebrauch dient er zur Bezeichnung göttlicher Einflüsse, die keiner bestimmten Gottheit zugeschrieben werden. Bei Hesiod erscheinen die daimones erstmals als wohlwollende Begleiter des Menschen. Ihm zufolge sind sie die abgeschiedenen Seelen der Menschen des Goldenen Zeitalters:Hesiod, Werke und Tage 121–126. Übersetzung von Johann Heinrich Voß.
Aber nachdem nun jenes Geschlecht absenkte das Schicksal, Werden sie fromme Dämonen der oberen Erde genennet, Gute, des Wehs Abwehrer, der sterblichen Menschen Behüter, Welche die Obhut tragen des Rechts und der schnöden Vergehung, Dicht in Nebel gehüllt, ringsum durchwandelnd das Erdreich, Geber des Wohls: dies ward ihr königlich glänzendes Ehramt.
Platon Im Platons Politeia wird beschrieben, wie die Moiren, die griechischen Schicksalsgöttinnen, den Menschen mit seinem Schicksal verbinden:
Und weiter:
Und im Phaidon begleitet der Daimon den Menschen bis hinter die Schwelle des Todes:
Der Daimon erscheint bei Platon als ein zwar der göttlichen Sphäre angehöriges, aber nicht eigentlich göttliches Wesen. Das Schicksal kann gut oder schlecht sein, die vom Daimon verkörperte Schicksalsbestimmung wird aber als zum Guten gerichtet gesehen, ähnlich dem Schutzengel im Christentum. So bei Menander:
Sokrates Einen Sonderfall bildet das Daimonion des Sokrates. Dabei handelt es sich nicht um einen Daimon im Sinne eines eigenständigen Geistwesens, das einem Menschen begegnet. Vielmehr ist das Daimonion nach der Beschreibung, die Platon seinem Lehrer Sokrates in der Apologie in den Mund legt, eine innere Stimme, die Sokrates jedes Mal, wenn sie sich meldet, von etwas abrät, was er beabsichtigt, aber ihm nie zu etwas zurät. Platons Sokrates beschreibt diese Stimme als „etwas Göttliches und Daimonisches“ und als „Zeichen des Gottes“.Platon, Apologie des Sokrates 31c–d, 40a–c. Siehe dazu Anthony A. Long: How Does Socrates’ Divine Sign Communicate with Him? In: Sara Ahbel-Rappe, Rachana Kamtekar (Hrsg.): A Companion to Socrates. Malden 2006, S. 63–74.
Weitere Vorstellungen Der Daimon ist also ambivalent oder gut, die Verwandlung der Daimones in teuflische Dämonen war einerseits der gegen das Heidentum sich richtenden christlichen Polemik zuzuschreiben, andererseits gab es auch die Vorstellung von zwei den Menschen begleitenden Daimones, einem guten und einem bösen, wobei dem bösen Daimon: – dem Kakodaimon () – dann die üblen Taten zugeschrieben werden können. So erscheint bei Plutarch dem Caesarmörder Brutus eines Nachts eine schreckliche Gestalt, die auf die Frage, wer oder was er sei, antwortet: „Brutus, ich bin dein böser Daimon, du wirst mich bei Philippi sehen!“Plutarch, Vitae parallelae: Dion-Brutus 26,48
Von dem persönlichen Daimon ursprünglich getrennt ist die Gestalt des Agathos Daimon, einer wohlwollenden Gottheit, der man nach dem Gelage Trankspenden ausbrachte und die besonders im ägyptischen Hellenismus und der Hermetik ein ganz eigenes Profil bekam.
Literatur
Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. Clarendon Press, Oxford 1940, s. v. daimon (online). Martin Persson Nilsson: Geschichte der griechischen Religion (= Handbuch der Altertumswissenschaft. 5. Abteilung, 2. Teil). C. H. Beck, München 1950, S. 199–202. Vinciane Pirenne-Delforge: Daimôn. Modalités de l’action des dieux en Grèce ancienne (= Docet omnia. Band 10). Les Belles Lettres, Paris 2025, ISBN 978-2-251-45727-7.
Anmerkungen
Kategorie:Griechische Gottheit Kategorie:Griechische Philosophie