mini|Die Metaphysik in der 1311/1321 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 256, fol. 124r mini|Der Anfang der Metaphysik in lateinischer Übersetzung in einer mit handgemalten Miniaturen geschmückten Inkunabel aus dem Jahr 1483. Die Buchmalerei zeigt oben auf einem Balkon Philosophen im Gespräch; daneben rechts als Gegenpol ein Affe. New York, Morgan Library & Museum, 21194-21195, Band 2, fol. 1r. mini|Die erste Seite der Metaphysik in der Ausgabe von Immanuel Bekker, 1837 Die Metaphysik () ist eine Sammlung von Texten des Aristoteles zur Ontologie.
Entstehung und Bedeutung des Titels
Die Bezeichnung selbst stammt nicht von Aristoteles, sondern geht möglicherweise auf Andronikos von Rhodos zurück, der im 1. Jahrhundert v. Chr. die Werke des Aristoteles in einem Keller von Strabon auffand, wo sie etwa 200 Jahre lang gelagert hatten, und sich um eine Ordnung der Schriften bemühte; es entstand eine Kompilation, die im Grunde genommen eine Art Verlegenheitslösung für eine Gruppe von Abhandlungen ist, die bei der Neuordnung der Schriften übrig blieben und sich schlecht einordnen ließen; Andronikos fügte sie hinter denen über die Physik ein, so dass der Name zunächst eine räumliche, bibliothekarische Bedeutung hatte. Das Werk ist aus mehreren Teilstücken zusammengefasst und hat einem Teilgebiet der Philosophie, der Metaphysik, seinen Namen gegeben. Aristoteles bestimmte den Gegenstand wie folgt:
Während die Einzelwissenschaften sich mit den ihnen je eigenen Gegenständen befassen, ist es Aufgabe der Grundlagenwissenschaft, nach den ersten Prinzipien und Ursachen zu fragen und hierzu Klärungen zur Verfügung zu stellen.
Unter der Sammelbezeichnung Metaphysik haben Aristoteles’ Schüler, vermutlich der Peripatetiker Andronikos von Rhodos im 1. Jahrhundert v. Chr., unterschiedliche, zum Teil unabhängige Schriften in 14 Büchern zusammengefasst. Der Titel, so eine verbreitete, jedoch veraltete Theorie, bezeichne daher schlicht die Position in dieser Edition: Die Bücher, die der Physik nachgeordnet sind. Aristoteles selbst nannte den Gegenstand seiner Wissenschaft „Erste Philosophie“ () oder auch „Theologische Wissenschaft“ (). Neuere Forschungen vertreten die Auffassung, dass der Name schon vor Andronikos, möglicherweise bereits im frühen Peripatos inhaltlich verwendet wurde,Hans Reiner: Die Entstehung und ursprüngliche Bedeutung des Namens Metaphysik. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Band 8, 1954, S. 210–237, abgedruckt in: F. P. Hager (Hrsg.): Metaphysik und Theologie des Aristoteles. WBG, Darmstadt 1969, S. 137–174, hier S. 140; Hans Reiner: Die Entstehung der Lehre vom bibliothekarischen Ursprung des Namens Metaphysik. Geschichte einer Wissenschaftslegende. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Band 9, 1955, S. 77–99; Stephen Menn: The Editors of the Metaphysics. In: Phronesis. Band 40, 1995, S. 202–208. weil der Gegenstand sich auf das bezieht, was hinter den Dingen steht, auf den ersten Urgrund. Diese Auffassung findet sich schon bei Alexander von Aphrodisias, einem frühen Aristoteles-Kommentator.Vgl. Aristoteles. Metaphysik. Die Substanzbücher. Kommentar hrsg. von Christof Rapp, Akademie, Berlin 1996, S. 4.
Übersicht über den Inhalt Die in der Metaphysik zusammengefassten Texte haben zum Teil einen sehr unterschiedlichen Charakter und sind nur in geringem Umfang miteinander verknüpft. Dennoch ist ihre Zusammenfassung zu einem Gesamtwerk sinnvoll, weil sie alle das gemeinsame Thema, die Untersuchung des Seienden als Seiendes, in einer Ersten Philosophie zum Gegenstand haben. Die verschiedenen Lehrtexte des Aristoteles, die selbst keine Titel haben, sind über einen langen Zeitraum entstanden und befassen sich mit dem einheitlichen Thema aus verschiedenen Blickwinkeln.
Die ersten sechs Bücher haben einen einleitenden Charakter und dienen als Hinführung zum Thema, in der die Frage aus philosophiehistorischer Sicht betrachtet wird (Buch I und II), grundsätzlich zu behandelnde Fragen aufgeworfen werden (Buch III), erkenntnistheoretische Vorüberlegungen abgehandelt werden (Buch IV), die grundlegenden Begriffe inhaltlich bestimmt werden (Buch V), eine Abgrenzung zu anderen Wissenschaften getroffen wird (Buch VI).
Die Bücher VII bis IX bilden den ersten Hauptteil. Sie werden üblicherweise als Substanzbücher bezeichnet. In diesen untersucht Aristoteles die Substanz als Seins- und Erklärungsgrund alles Seienden. Nach der erst in der Neuzeit von Christian Wolff eingeführten Strukturierung der Metaphysik wird in diesen Texten die Ontologie des Aristoteles als allgemeine Metaphysik behandelt. Dabei spielt die Unterscheidung von Materie und Form einer Substanz eine wesentliche Rolle. Des Weiteren wird das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit (Akt und Potenz) einer Substanz einer gesonderten Betrachtung unterzogen.
Das X. Buch über das „Eine“ kann man als Vertiefung und Ergänzung der Ontologie betrachten. Demgegenüber ist das XI. Buch in der Gliederung ein Fremdkörper, der in kürzerer Form bereits Abgehandeltes und teils auch erst Folgendes beinhaltet. Es ist daher als eine Art Kurzskript der gesamten Thematik, möglicherweise von einem Schüler als Mitschrift verfasst, aufgefasst worden.
Das zweite große Hauptstück ist das XII. Buch. Hier untersuchte Aristoteles das Seiende vor allem in Hinblick auf seinen Ursprung und weniger auf seine Seinsweisen. Das Ergebnis ist eine Kosmologie und natürliche Theologie, in der Einteilung von Christian Wolff also eine spezielle Metaphysik, in der Gott als unbewegter Beweger der Grund alles Seienden ist. Das dritte Thema der speziellen Metaphysik nach Wolff, die Seele, findet sich bei Aristoteles nicht in den Schriften zur Metaphysik, sondern in dem gesonderten Werk De anima.
Die beiden letzten Bücher XIII und XIV kann man wieder als Vertiefung des Gesamtthemas ansehen, in der abstrakte Entitäten, also Ideen und vor allem die Mathematik ontologisch betrachtet werden, wobei Aristoteles dort auch seine Kritik an Platon und den Pythagoreern wiederholte.
Nr. Buch Spalten Gegenstand/(Abschnitte) Themen I A 980 a 21 – 993 a 27 Philosophiegeschichte(1–3) Einführung, darin das Staunen(4–10) Zur Geschichte der Philosophie, Lehre von den vier Ursachen(9) Kritik an Platons Ideenlehre II α 993 a 30 – 995 a 20 Einführung in das Studium der Philosophie(Fragment eines gesonderten Textes) III B 995 a 24 – 1003 a 16 Das AporienbuchAporien als Ausgangspunkt der Philosophie IV Γ 1003 a 21 – 1012 b 30 Über das Seiende(1) Philosophie als Wissenschaft vom Seienden(2) Die mehrfache Bedeutung des Seienden(3–8) Der Satz vom Widerspruch V Δ 1012 b 34 – 1025 a 34 Lexikon philosophischer Begriffe(Unabhängig vom übrigen Text) VI E 1025 b 3 – 1028 a 5 Wissenschaften(1) Einteilung der Wissenschaften(2–4) Die Akzidenzien VII Z 1028 a 10 – 1041 b 33 Über die Substanz (ousia) (erstes Substanz-Buch) VIII H 1042 a 3 – 1045 b 24 Die sinnlich erfassbare Substanz (zweites Substanz-Buch) IX Θ 1045 b 27 – 1052 a 12 Modalitäten der Substanz (drittes Substanz-Buch)(1–5) Möglichkeit (dynamis)(6–9) Wirklichkeit (energeia)(10) Wahrheit X I 1052 a 15 – 1059 a 15 Über das Eine (to hen) XI K 1059 a 18 – 1069 a 10 Probleme der Philosophie(1–7) Erste Philosophie(8–12) Naturphilosophie XII Λ 1069 a 18 – 1076 a 4 Philosophische Theologie(1–5) Sinnlich wahrnehmbare/vergängliche Substanz(6–10) Unvergängliche Substanz (unbewegter Beweger) XIII M 1076 a 8 – 1087 a 25 Mathematik (1)Über Ideen und Zahlen XIV N 1087 a 29 – 1093 b 29 Mathematik (2)Über die Pythagoreer und Platon
Das Programm der Metaphysik Historischer Zugang Die Begründung des Programmes der ersten Philosophie findet sich in den beiden ersten Abschnitten des ersten Buches der Metaphysik, das wie eine Einleitung zu einem größeren Werk geschrieben ist. Zunächst stellte Aristoteles fest:
Die ersten Erkenntnisse zieht der Mensch aus der Wahrnehmung, wobei das Sehen eine herausragende Rolle spielt. Darüber hinaus hat der Mensch aus Sicht von Aristoteles im Gegensatz zu anderen Lebewesen die Fähigkeit, aus der Erfahrung zu lernen und diese sogar zu einer Kunst zu entwickeln. Handwerker arbeiten aus Erfahrung und Gewohnheit. Kunst entsteht durch Überlegen, wenn man die Ursachen angeben kann, wodurch etwas hervorgebracht wird. Wissenschaft ist die Anwendung von Kunst auf Fragen, die nicht auf notwendige Bedürfnisse gerichtet sind. So meinte Aristoteles, dass die großen Fortschritte der Ägypter in der Mathematik auf Muße zurückzuführen seien. Weisheit ist „Wissen von gewissen Prinzipien und Ursachen.“ (I 1, 982 a 2 – 3)
Wissenschaft befasst sich grundsätzlich mit dem Allgemeinen, ohne besonderes Wissen vom jeweils Einzelnen. Besonders genau sind Wissenschaften, die sich auf Prinzipien beziehen wie die Geometrie und noch mehr die Arithmetik. Die höchste Wissenschaft jedoch „ist die, welche den Zweck erkennt, weshalb jedes zu tun ist; dies ist aber das Gute für jedes Einzelne und im ganzen das Beste in der gesamten Natur.“ (I 2, 982 b 6 – 10)
Die Philosophiegeschichte zeigt nach Aristoteles, dass diese höchste Wissenschaft eine theoretische Wissenschaft ist.
Gegenstand dieser Wissenschaft ist das in höchstem Maß Wissbare und dies ist das Göttliche,
Auch wenn dies die erste Wissenschaft ist, so ist jedoch der Erkenntnisweg umgekehrt. Er reicht vom Praktischen über die Kunst und die Mathematik zu den ersten Prinzipien. Das Allgemeine ist der Grund des Einzelnen. Es wird jedoch erkannt durch eine schrittweise zunehmende Abstraktion von der Erfahrung. Das höchste Allgemeine ist damit das am weitesten Entfernte von dem Wahrgenommenen.
Als anfängliche Ursachen eines jeden Seienden kamen für Aristoteles vier Aspekte in Betracht das Wesen und das Sosein der Stoff und das Substrat die Ursache für den Anfang der Bewegung das Weswegen und das Gute als Ziel aller Entstehung und Bewegung.
Bei der Untersuchung dieser Themen kann nach Aristoteles das Studium der Philosophiegeschichte hilfreich sein. Er gab daher im Folgenden einen Abriss über die Lehren der Vorsokratiker und eine Skizze der Philosophie Platons. Es folgt darauf eine eingehende Kritik. Den Vorsokratikern hielt er vor, dass sie bei der Wahl von konkreten empirischen Gegenständen als Urgrund aufgrund von Beobachtungen in Widersprüche geraten. Vor allem hatten sie nach dem Wesen und Sosein ebenso wenig gefragt wie nach der Ursache aller Bewegung. An der Ideenlehre Platons kritisierte er, dass die Annahme einer eigenständigen Existenz der Ideen mindestens zu einer Verdopplung der Dinge führt, „denn für jedes Einzelne gibt es etwas Gleichnamiges.“ (I 9, 990 b 10 – 11) Aristoteles nannte eine Reihe anderer Argumente gegen die Vorstellung, Ideen könnten Ursache des Seienden sein, unter anderem:
Mit der Analyse und Kritik seiner Vorgänger hatte Aristoteles den Rahmen und den Anspruch gezeichnet, die er in der ersten Philosophie ausfüllen wollte.
Das zweite Buch der Metaphysik ist eine kurze Motivation für das Studium der Philosophie. Hierzu gehören nach Aristoteles die Anregungen, die aus dem Studium früherer Philosophen gezogen werden, und dass Philosophie eine Theorie der Wahrheit ist, dass es ein oberstes Prinzip, das Gute, gibt und deshalb ein Fortschreiten der Ursachen des Seienden ins Unendliche unmöglich ist, dass Wissenschaft methodisches Vorgehen bedeutet und eine sachgerechte Anpassung der Methoden an den Untersuchungsgegenstand erfordert.
Grundfragen der Ersten Philosophie